Nr. 23/2009 vom 04.06.2009

«Sexualität kann auch eine Praxis sein»

Sie kommen aus Ländern des Südens in die Schweiz - und sie lieben Frauen. Das macht sie nicht zwingend zu Lesben, finden sie. Bettina Büchler gibt Einblick in ihre Forschung mit Migrantinnen.

Interview: Noëmi LandoltMail an Autor:in

WOZ: Sie haben nach «frauenliebenden Frauen» unter Migrantinnen gesucht. Wie kam es dazu?

Bettina Büchler: Der Ausschnitt der Schweizer Lesbenszene, in dem ich mich bewegte, war recht homogen - weiss und westeuropäisch. Mich nahm wunder, was hier für Ausschlussmechanismen am Werk sind. Wie leben Frauen in der Schweiz, die als Frauen, als nicht Heterosexuelle und auch noch als Migrantinnen ausgeschlossen sind?

War es einfach, solche Frauen zu finden?

Nein - das Schneeballprinzip funktioniert in ihrem Fall schlecht. Ich fand sie einerseits übers Internet, über zufällige Kontakte oder über die lesbische Buschtrommel. Andererseits halfen mir nichtstaatliche Organisationen, wobei nur sehr wenige Leute überhaupt etwas zum Thema wussten. Von Migrantinnen wird grundsätzlich angenommen, dass sie heterosexuell sind, und Lesben werden nicht als migrantisch gesehen. Ein wichtiger Kanal waren auch Anwältinnen und Anwälte von Migrantinnen, die um ihr Bleiberecht kämpfen. Schliesslich habe ich dreissig Frauen interviewt. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Ländern: von Malaysia über Ägypten bis Peru.

Sie haben diese Frauen vor allem zu räumlichen Aspekten ihrer Lebenswelten befragt - was muss man sich darunter vorstellen?

Die Grundidee ist recht simpel: Jeder Mensch kommt aus einem bestimmten Kontext und bringt Ideen mit zu Sexualität, Geschlechterrollen, sozialem Status und so weiter. Bewegt man sich in einen neuen Raum, trifft man dort auf andere Ideen über Sexualität und Geschlecht. Diese versucht man erst einmal aufgrund bisheriger Erfahrungen zu decodieren. Man macht sich also ein bestimmtes Bild von sozialen Räumen, und entsprechend dieser Wahrnehmung verhält man sich dann auch. Und damit bekommt das Bild plötzlich eine Materialität.

Geben Sie ein Beispiel ...

Eine Frau, die ich interviewte, floh vor ihrem gewalttätigen Ehemann, der sie wegen ihrer Homosexualität misshandelte, in die Schweiz. Hier musste sie während ihres Asylverfahrens jahrelang in einem katholischen Dorf leben. Sie isolierte sich völlig - zum einen, weil sie das Gefühl hatte, dass die andern Asylbewerberinnen im Dorf die gleiche homophobe Mentalität hätten wie ihre Landsleute. Zum andern, weil sie die Dorfbewohner der Religion wegen für total konservativ hielt. Ihr Traum war das Frauenkafi in der Stadt. Aber sie konnte es sich nur selten leisten, in die Stadt zu fahren.

Ist dieses Frauenkafi ein Beispiel dafür, was Sie «imaginierten Raum» nennen?

Grundsätzlich geht es um die Frage: Wie stellt sich jemand einen Raum vor? Zum Beispiel die Schweiz oder die hiesige Lesbencommunity. Dieses Bild prägt unsere Handlungen in diesen Räumen, und unsere Handlungen prägen dann wieder das Bild. Entweder man ist an einem Ort und verändert ihn mit seiner Präsenz. Oder man ist nicht dort und kann daher die dominante Idee, die in diesem Raum existiert, nicht verändern.

Was für Vorstellungen von Räumen existieren bei den Frauen, mit denen Sie gearbeitet haben?

Die meisten hatten vor der Migration keine Vorstellung von der Schweiz, weil sie zufällig hier gelandet waren. Ein Bild vom Westen generell war eher vorhanden. Bezüglich Sexualität traf ich zum Beispiel auf das gängige Bild der Stadt als eines Orts, wo sich lesbisch-schwule Kultur bilden kann. Einige Frauen wollten in eine westliche Grossstadt, weil sie dort ihre Homosexualität anonym leben können. Das ist interessant: Sie wollten anonym bleiben und erhofften sich nicht etwa, ihre Sexualität offen leben zu können. Die meisten meiner Interviewpartnerinnen leben tatsächlich in Städten. Vordergründig kamen sie aus handfesten Gründen wie Beruf oder Familie hierher. Oft waren aber auch Gefühle des Nichtpassens involviert - viele entwickelten erst hier Gefühle für Frauen.

Was geschah, als sie mit ihren Vorstellungen auf den realen städtischen Raum trafen?

Das war sehr unterschiedlich. Soziale Isolation zu Beginn des Migrationsprozesses war ein grosses Thema. Manche haben sich regelrecht in die lesbische Identität hineingeworfen, bewegten sich in der Szene, erlebten dort aber auch Ausschlüsse. Andere mieden lesbische Räume aus Angst vor Stigmatisierung. Auch die Beziehung zu ihrer Einwanderungsgemeinde war unterschiedlich: Manche mieden diese völlig, andere pflegten viel Kontakt, wobei sie sich gerade im heterosexuell codierten Raum ihrer Familie oft nicht outeten.

Sind diese lesbischen Frauen auch untereinander vernetzt?

Nun, ich habe sicher eher Zugang zu jenen Frauen gefunden, die sich in der Lesbencommunity bewegen. Und diese knüpfen ihre Netze mehr entlang ihrer sexuellen und nicht entlang ihrer ethnischen, nationalen oder kulturellen Identität. Ich bin zwar auf kleine Netze gestossen - zum Beispiel auf eine Gruppe Indonesierinnen und eine Gruppe Spanischsprachige -, aber sie sind selten. Der Punkt ist: In der Schweiz gibt es kaum öffentliche Räume, in denen diese Frauen ihre nationale, ethnische, kulturelle Identität gleichzeitig mit ihrer nichtheterosexuellen Identität leben können.

Wie schaffen sie sich ihre eigenen Räume?

Einige Frauen entwickeln Raum-Zeit-Strategien, um die verschiedenen Aspekte ihrer Identität unterbringen zu können. Eine Frau etwa hat zu ihrem Geburtstag drei Partys gemacht: eine für die Heteros - ihre ArbeitskollegInnen -, einen Abend mit ihren lesbischen Freundinnen, und am dritten Tag feierte sie mit ihrer Familie. Anderen sind sexuelle oder nationale Sortierungen zuwider. Sie wollen sich offene, sozial vielfältige Räume schaffen. Aber Wunsch und Realität gehen oft auseinander - wie gesagt sind viele Frauen sozial sehr isoliert.

Haben die Migrantinnen ihre Sexualität nach der Ankunft in der Schweiz anders wahrgenommen?

Ja. Als nichtheterosexuelle Frauen müssen sie sich mit dieser Figur der «Lesbe» auseinandersetzen. Man darf nicht vergessen, dass das eine westliche Identität ist. Anderswo gibt es andere sexuelle Identitäten, und nicht überall wird Sexualität überhaupt als Identität gedacht. Ich traf zum Beispiel eine Frau, die sich explizit nicht als lesbisch bezeichnete. Sie sah ihre Sexualität als Praxis. Gleichzeitig brauchte sie eine Aufenthaltsbewilligung und wandte sich bei ihrer Suche nach Unterstützung an eine Lesbenorganisation. Dort fand sie eine Anwältin, die ihr half, ihre Partnerschaft anerkennen zu lassen. Sie musste letztlich die Bezeichnung lesbisch aus strategischen Gründen annehmen, damit sie bleiben konnte.

Fühlen sich viele homosexuell orientierte Migrantinnen nicht als Lesben?

Ich traf zu Beginn mehrere, insbesondere auch bisexuell orientierte Frauen. Das war auch der Grund, weshalb ich bald explizit nach «frauenliebenden Frauen» gesucht und den Begriff «lesbisch» vermieden habe. Mit jeder Frau führte ich zwei Gespräche: Beim ersten ging es um ihre Migrationsbiografie und ihren Alltag in der Schweiz. Das zweite Gespräch basierte auf Fotos, die sie selbst gemacht hatten. Dazu bat ich sie, Orte zu fotografieren, die ihnen im Alltag wichtig sind. Doch sehr viele Frauen haben einfach ihr Fotoarchiv durchforstet und zeigten mir Bilder aus den Ferien oder von ihren Familien in den Herkunftsländern.

Warum das?

Anfangs glaubte ich, den Auftrag nicht klar genug formuliert zu haben, doch dann wurde mir klar, dass sich eine Struktur dahinter verbirgt: Imagination und Realität vermischen sich. Eine Frau erklärte mir zum Beispiel: «Die Ferien, die ich mit meiner Freundin verbracht habe, sind ein sehr wichtiger Raum für mich, und die tragen mich durch den Alltag.»

Und wie sieht dieser Alltag für Migrantinnen, die andere Frauen lieben, aus?

In meinen Interviews habe ich gemerkt, dass das Zuhause, die eigenen vier Wände, eine sehr wichtige Rolle spielt - und auch das Kinderkriegen. Mehrere konnten sich überhaupt erst vorstellen, mit einer Frau zusammen zu leben, seit es kulturell akzeptabel geworden ist und seit es die technischen Mittel gibt, als frauenliebende Frau ein Kind zu haben. Jene, die sich Kinder wünschten, wollten meist auch heiraten. Fast schon eine heterosexuelle Biografie, wenn man so will. Andere wollten sich lieber nicht registrieren lassen, taten es aus Aufenthaltsgründen aber dennoch. Wiederum andere weigerten sich, dies zu tun, obwohl sie ihre rechtliche Situation dadurch massiv verbessert hätten. Sie handelten aus der Überzeugung: Zwei Frauen heiraten nicht.

Ist die «lesbische Migrantin» überhaupt fassbar?

Mir geht es mehr darum, eine Vielfalt aufzuzeigen. Zu Beginn habe ich mir schon überlegt, ob ich mich zum Beispiel auf muslimische Frauen konzentrieren soll. Doch damit hätte ich eine lesbisch-muslimische Identität postuliert. Und es gibt in der Schweiz keine politisch sichtbare Gruppe, die auf dieser Ebene Identitätspolitik betreibt. Darum habe ich die offene Formulierung vorgezogen. Der Verlauf der Forschung hat diesen Entscheid bekräftigt. Überhaupt: Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist für mich, dass Sexualität nicht zwingend als identitätsstiftend gedacht werden müsste - sie kann auch einfach eine Praxis sein.

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