Nr. 24/2011 vom 16.06.2011

Es gibt kein Danach ...

Thomas Selim Wallners Film «The Guantanamo Trap» über das US-amerikanische Gefangenenlager auf Kuba verwebt vier Einzelschicksale zu einer grossen Geschichte über die Freiheit des Denkens und Handelns.

Von Jan JirátMail an Autor:in

Diane Beaver, eine feste Frau von knapp fünfzig Jahren, will eine Hundezucht aufbauen. Vielleicht auch, weil Hunde in der Regel gehorchen, wenn der Mensch ihnen etwas befiehlt. So wie im Militär, das von einer klar definierten Befehlskette strukturiert ist, die in der Regel nicht hinterfragt wird. Diane Beaver zumindest, die in einer Militärfamilie aufgewachsen ist und bis vor kurzem als Rechtsberaterin der Armee tätig war, hatte die Befehlskette nie hinterfragt.

Als Beaver im Jahr 2002 kurz nach der Eröffnung des US-Gefangenenlagers Guantánamo den Auftrag erhielt, möglichst effiziente Verhörmethoden auszuarbeiten, machte sich Beaver fiebrig an die Arbeit. Waterboarding, Ausnützen von Phobien (etwa vor Hunden), Schlafbehinderung, Stresspositionen – ihr gemeinsam mit einem Team ausgearbeitetes Memorandum enthielt 22 Methoden, von denen der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schliesslich 18 autorisierte.

Als 2004 der Folterskandal im US-amerikanischen Gefängnis Abu Ghraib im Irak aufflog, geriet die US-Regierung von George Bush auch wegen der Bedingungen in Guantánamo unter Druck. Um den Vorwurf der von ganz oben orchestrierten Folteranwendung im «Krieg gegen den Terror» zu entkräften, veröffentlichte die Regierung ein Memorandum, um aufzuzeigen, dass die Folteranwendung von unten befohlen und vollzogen worden sei. Ganz unten stand ein Name: Diane Beaver. Diese trat wenig später freiwillig aus der Armee zurück. Ihr sei klar, dass sie von der Regierung vorgeschoben und geopfert wurde, «aber ich liebe mein Land, und schliesslich ging es darum, dieses vor Terroristen zu schützen. Ich sehe nichts Falsches an meiner Arbeit», sagt sie.

Vier Schicksale

Matt Diaz ist arbeitslos und von Obdachlosigkeit bedroht. Er hatte sich als Militäranwalt in Guantánamo nicht an die Befehlskette gehalten. «Was ich dort gesehen habe, war vielleicht politisch legitimiert, persönlich konnte ich das nicht gutheissen», sagt er. So schickte Diaz einer Menschenrechtsanwältin die geheim gehaltenen Namen der Guantánamo-Insassen. Das FBI kam ihm auf die Schliche, Diaz wurde aus der Armee entlassen, verbüsste sechs Monate Haft und verlor alles – Familie, Haus, Arbeitsbewilligung, Würde ...

Der deutsch-kanadische Regisseur Thomas Selim Wallner hat mit «The Guantanamo Trap» keinen Film über das US-Gefangenenlager gedreht, sondern über das Schicksal von vier Menschen, deren Wege sich – direkt oder indirekt – in Guantánamo kreuzten. Neben Diane Beaver und Matt Diaz porträtiert der Film auch Murat Kurnaz und Gonzalo Boye.

Ein Film, der nachhallt

Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener türkischer Staatsbürger, war in deutschen Medien als «Taliban aus Bremen» betitelt worden. Er sass fünf Jahre in Guantánamo (2002–2007) und musste die von Beaver entwickelten Verhörmethoden am eigenen Leib erfahren. Mittlerweile lebt er wieder in Bremen, hat wieder geheiratet und ist Vater geworden – in den Interviewsituationen des Films vermittelt er aber kaum Gegenwärtigkeit: Er scheint in seinem orthodoxen, islamischen Glauben und in seinen Erinnerungen gefangen zu sein.

Der Menschenrechtsanwalt Boye, der ununterbrochen zu rauchen scheint, war auch lange eingesperrt. Er sass seine sieben Jahre allerdings nicht in Guantánamo, sondern in einem spanischen Gefängnis unter Diktator Franco ab. Als einstiges Folteropfer versucht er nun, jene US-JuristInnen vor das spanische Gericht zu bringen, die in Guantánamo wie auch in Abu Ghraib systematisch das Völkerrecht aushöhlten.

Dem Regisseur Thomas Selim Wallner gelingt es – auch dank eines hervorragenden Schnitts –, die vier Einzelschicksale zu einer grossen Geschichte über (Selbst-)Verantwortung und die Freiheit des Denkens und Handelns zu verweben. Am Schluss stehen keine Antworten, sondern Fragen im Raum – «The Guantanamo Trap» ist ein Dokumentarfilm, der lange nachhallt.

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