Nr. 26/2011 vom 30.06.2011

Hier landen Puzzlestücke von Biografien

Das Glubos in Basel ist keine gewöhnliche Brockenstube: Geführt wird sie von einem Kollektiv, der Gewinn kommt einem gemeinnützigen Zweck zugute. Und sie ist ein Treffpunkt der alternativen Kulturszene Kleinbasels geworden.

Von Andreas Schneitter

Wer es nicht kennt, muss suchen, aber ums Suchen geht es ja bei Brockenstuben. Eines der ältesten Brockis in Basel liegt auf der Kleinbasler Rheinseite, versteckt zwischen dem Knotenpunkt Claraplatz und den Achsen Klybeckstrasse und Claragraben. Dort ist der Rappoltshof, und der einzige Grund, an diesem engen Seitensträsschen zu halten, ist die Hausnummer 12: Da findet sich das Glubos, auf den ersten Blick eine Brockenstube wie andere auch, aber sie ist mehr als eine Anhäufung von Trouvaillen und Kuriositäten – und das liest sich schon aus dem Namen: Auf der anderen Seite des Rheins in Grossbasel, in Nachbarschaft zum stolzen roten Rathaus, liegt das Traditionskaufhaus Globus, bekannt für Delikatessen und hochwertig-klassische Mode. Die Verballhornung «Glubos» ist die Antithese dazu, tief im Preis und gemacht für ein Kleinbasel, das früher noch das «mindere Basel» genannt wurde. Eine Strassenecke vom Rappoltshof entfernt ist das Rotlichtviertel, früher war hier ein Strassenstrich, und heute stehen sich nachts die Kokaindealer auf den Füssen. Und diese Nähe zum Milieu, die heute vor allem noch eine geografische ist, war von Anfang an Teil der Geschichte des Glubos.

Gewinn für Frauenberatungsstelle

Das Glubos wurde 1972 in einem Abbruchhaus im Hafen- und Arbeiterquartier Kleinhüningen gegründet, unter der Schirmherrschaft der Dachorganisation Selbsthilfe Jugendlicher in Wohngemeinschaften. Die VerkäuferInnen waren unter anderem Jugendliche, die frisch aus einer Erziehungsanstalt entlassen worden waren und kein offenes Elternhaus mehr vorgefunden hatten. Drei Jahre später zogen die Brockenstube und die betreuten Wohnplätze nach Riehen, einem grünen Vorort von Basel. Dort war die Brockenstube an die therapeutische Wohngemeinschaft Gatternweg angeschlossen und diente als Resozialisierungsort für Drogenabhängige und Einstiegsmöglichkeit in die Arbeitswelt. Betreute Ausstiegswillige arbeiteten als VerkäuferInnen in der Brockenstube, der Gewinn floss an die Wohngemeinschaft. Doch in den frühen achtziger Jahren wurden Brockenstube und Wohnzentrum institutionell getrennt, denn die Betreuung der Jugendlichen überforderte das sozialpädagogisch kaum ausgebildete Verkaufspersonal. Einige Mitarbeitende gründeten 1982 ein unabhängiges Kollektiv, aus dem der Betreiberverein Kreislauf hervorging, die Brockenstube zog zurück ins Kleinbasel, 1985 an den heutigen Standort Rappoltshof. Der Gewinn floss weiter an das Therapiezentrum Gatternweg – bis zu dessen Schliessung 1996. Seither geht das Geld an die Beratungsstelle Frauen-Oase (vgl. unten: «Von der Stube in die Oase»).

Mittlerweile hat sich das Glubos als die bekannteste Brockenstube Basels etabliert und hat gar Eingang in Reiseführer und in Schaufensterwettbewerbe des Basler Gewerbeverbands gefunden.

Im Glubos gibt es drei Stockwerke, im Erdgeschoss die schweren Möbel, Betten, Schränke, Buffets und Klaviere, im Hochparterre Tische, Stühle, Lampen und Teppiche, und zuoberst ist das Herz: der Stöberstock. Bücher und Klamotten, Küchengeschirr und Unterhaltungselektronik, Schaukelpferde, Schellackplatten und Kuriositäten: Ausgaben der deutschsprachigen maoistischen Propagandazeitung «Beijing Rundschau» von 1975 bis 1979. Eine Mailänder Europakarte von 1940 mit der grössten Eroberungsausdehnung des «Dritten Reichs». Eine Porträtserie von frisierten Schosshunden. Ein Puzzle vom Petersdom, tausend Teile. Eine Werbelampe der Fotofirma Fujicolor. Aber auch Sammlerstücke – ein Sessel von Robyn Day, Schweizer Kinderbücher aus dem frühen 20. Jahrhundert, die mechanische Nähmaschine Pfaff 130, schwarz und schwer. Einmal, so wird erzählt, lieferte der hauseigene Räumungsservice gar einen Stich von Salvador Dalí an, der für einen guten Zweck versteigert wurde.

Eng mit Kulturszene verbunden

Aber was unterscheidet das Glubos von den anderen Brockenstuben, die zum Teil nur einen Steinwurf entfernt sind? Martin Heldstab und Raimondo Cenci giessen sich Kaffee ein, bevor sie antworten. Es ist neun Uhr morgens, in einer Stunde wird der Laden geöffnet. Jetzt müssten die neusten Stücke für den Verkauf mit Preisen angeschrieben werden, aber die beiden haben währenddessen durchaus Zeit zum Reden, denn sie erledigen ihre Arbeit mit Routine: Heldstab ist seit zehn Jahren Mitglied des Kollektivs, Cenci seit fünfzehn. Sie kennen die Geschichte der Brockenbude, und sie beantworten diese Frage nicht zum ersten Mal. Heldstab: «Das Glubos wird von einem neunköpfigen Kollektiv geleitet, gegenwärtig sind das drei Frauen und sechs Männer. Das heisst: Neun Menschen mit persönlichen Vorlieben, Interessen und Kompetenzen. Das spürt man.» Cenci: «Wir sind etabliert. Bei uns weiss man, dass wir unser Angebot laufend erneuern und unverkäuflicher Krempel keinen Staub ansetzt.» Heldstab: «Wir schöpfen keinen Gewinn ab, sondern arbeiten gemeinnützig und unterstützen soziale Institutionen. Das ist unseren Kunden wichtig.» Cenci: «Das Glubos ist nicht nur eine Brockenstube, sondern auch ein Treffpunkt und eine Schnittstelle in der alternativen Kulturszene Kleinbasels.»

Davon zeugt schon der Eingangsbereich: Es gibt ein Anschlagebrett für Theatergruppen, Yogakurse und politische Vorträge, daneben ist das grosse Schaufenster, das Installationskünstlern zur Verfügung gestellt wird. Saisongerecht ist derzeit eine Surfszene zu sehen: Schaufensterpuppen auf einem Bettrost, der durch wellenartige blaue Tücher pflügt, in der Ecke ein abgegriffenes Lehrbuch: «Schwimmen. Training, Technik, Taktik.»

Das Glubos ist auch an verschiedenen Kulturanlässen unterstützend präsent – das Mobiliar für «Wildwuchs», das spartenübergreifende Festival für Kunstschaffende mit einer Behinderung, kommt vom Rappoltshof, ebenso die Ausstattung der Lounge des Alternativsenders Radio X an der Basler Buchmesse. Und seit zwei Jahren ist das Glubos Mitglied des Vereins Reh4, eines Dachverbands und Fördervereins für das Matthäusquartier, das «Kreuzberg Kleinbasels»: Nirgendwo sonst in der Stadt ist die Dichte an unabhängigen Fashionshops, Plattenläden, alternativen Kneipen, Grafikbüros, Galerien und Konzertlokalen so gross.

Die Verbindungen zwischen der Brockenstube und der alternativen Kulturszene sind also eng geknüpft – nicht zuletzt durch die Glubos-Mitarbeitenden selbst: Sie sind Künstler, Musikerinnen, Grafiker, Yoga-Lehrerinnen. Heldstab fertigt räumliche Installationen an, stellt in der Kunsthalle Basel, im Zürcher Ausstellungsraum Landpartie oder in Off-Spaces aus, kürzlich verbrachte er dank eines Werkstipendiums ein Jahr in Paris. Cenci hingegen ist hauptberuflich unabhängiger Marktfahrer und verkauft Kunsthandwerk aus Thailand, jüngst war er wieder sechs Monate unterwegs, auf Einkaufstour. Auch das gehört zum Konzept des Vereins, sagt Heldstab: «Niemand arbeitet mehr als achtzehn Stunden pro Woche hier.» Das Pensum, maximal 45 Prozent, dient dazu, die Lebenskosten zu decken, und die Flexibilität, die durch die kollektive Selbstverwaltung gesichert ist, wird geschätzt: «Das ist der Grund, warum ich so lange hier hängen geblieben bin», sagt Cenci und lacht. «Solche Bedingungen, ohne den Unsicherheiten der Selbständigkeit ausgesetzt zu sein, finde ich kaum woanders.»

Ökologische Nachhaltigkeit

Es ist Mittagszeit, das bedeutet Schichtwechsel. Zwei andere Mitglieder des Kollektivs übernehmen den Ladenverkauf, Cenci und Heldstab wechseln in den Räumungsdienst. Gegenwärtig wird während zweier Tage eine Zweizimmerwohnung geleert, Möbel, Kleider, persönliche Gegenstände, Puzzlestücke einer Biografie. Man könne etwas erleben auf solchen Fahrten, sagt Cenci, manchmal schlägt einem hinter einer Eingangstür die Luft einer seit zwanzig Jahren ungelüfteten Wohnung entgegen, manchmal entdeckt man, dass sich zehn Menschen drei Zimmer teilen. Anfangs habe er noch ab und an darüber sinniert, dass man hier die Überreste ganzer Lebensgeschichten in die Entsorgung kippe oder für den Wiederverkauf aufmöble, aber mit der Zeit verschwinden solche Gedanken. Denn Orte wie das Glubos erfüllen auch ein Bedürfnis nach ökologischer Nachhaltigkeit: Manche kaufen funktionale Billigmöbel bei Ikea und werfen sie beim nächsten Umzug wieder weg. Und andere gehen in die Brockenstube. Möbel sind wie Menschen, könnte man sagen – der Charakter kommt erst mit den Jahren.

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