Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

Lust auf die neue Mazurka

Ländlermusig – darf man das? Die «Stubete am See» sagt ja. Das Festival der Neuen Volksmusik in Zürich erinnert auch daran, dass die Ländlermusik im Zürich der zwanziger Jahre aktuelle Popmusik war.

Von Köbi Gantenbein

«Wenn er über die Knöpfe fährt, wird manch altgedientem Amateur schwarz vor den Augen»: Köbi Gantenbein über den Schwyzerörgeler Marcel Oetiker. Foto: Tabea Hüberli

Als unsereins musikalisch erwachte, gehörte Ländlermusik in den Giftschrank. Seit den fünfziger Jahren wird das Örgelen und Juchzen vom hartherzigen Schweizertum in Dienst genommen. Wysel Gyr und Konsorten monopolisierten das Programm von Radio Beromünster und Schweizer Fernsehen mit einer erstarrenden Musik und liessen hemmungslos Propaganda aus Bassgeigen und Klarinetten tropfen. Über Jahrzehnte hat die gut organisierte Vaterlandsvereinigung in Musik-, Tanz-, Jodelverbänden und den Musikredaktionen der SRG stockkonservative Schweiztümelei veranstaltet. Das hat mehrere Generationen Musikanten und Hörerinnen von Ländlermusik ausgeschlossen. Bis heute – welch ein Schlag des Schicksals, dass Toni Brunner mit seinem Ländlerradio fallierte.

Dieses Trauma dürfte begründen, warum Musikanten und Liebhaberinnen zeitgenössischer Volksmusik einen akademischen Habitus mögen. Sie sammeln und forschen. Einen Nagel schlug vor zwanzig Jahren Cyrill Schläpfer ein. Er versammelte Musik aus der Innerschweiz und dem Appenzell zu «Ur-Musig», die er in einen Film über Bauernkultur ohne Kreiselmäher, überdüngte Wiese und Turbokuh übersetzte: ein Anti-Wysel-Gyr voller Klangneugier, der auf der Leinwand auch Blut-und-Boden-Männer wie Dominik «Sity Domini» Marty den Bart schütteln liess.

Historische Neugier

In den Neunzigern reifte die Neugier immer mehr auch am Urtext, an den Noten, nicht nur an ihren InterpretInnen. Die Fränzlis da Tschlin legten grossen Wert darauf, dass sie so spielen wie der Geigenspieler Fränzli Waser im 19. Jahrhundert, obschon der, da blind, keine Noten lesen konnte. Der Cellist Fabian Müller kultivierte mit dem Fund mehrerer Tausend notierter Stückli der Basler Heimatkundlerin Hanny Christen originale Aufführungspraxis. Eindrücklich ist auch die Sammlung «Bauernmusik Unterägeri 1887», wofür jüngst der Klarinettist Florian Walser für seine Kapelle D’Sagemattler 25 Mazurkas, Schottisch und Polkas von Alois und Anton Iten aus der Zentralbibliothek Zürich holte.

So trägt die Liebe zur Geschichte eine Reihe von Kapellen, Konzerten und CDs bei und hat gar eine Oper gestiftet. Der Urner Ethnologe F.  X. Nager schrieb die Geschichte von «Wysel», einem Ländlermusiker im proletarischen Zürich der zwanziger Jahre, Christoph Baumann liefert die Musik und das Rurban-Orchester, in dem etliche mit Rang und Namen ausgezeichnete VertreterInnen der Neuen Volksmusik sitzen, die Aufführung. «Wysel» verbindet Mazurka mit John Coltrane und Polka mit Jimi Hendrix und steht für die Art, wie die Neuen Volksmusikanten ihr historisches Interesse mit Neugier am Weltklang verbinden. Seit Heinz Holliger 1977 für die Oberwalliser Spillit solche Klangwelten miteinander verbunden hat, sind das musikalische Experiment und die Collage der Geschichten der wichtigste Unterschied der Neuen Volksmusik zur herkömmlich landläufigen, die atemlos für den Puurazmorgä stägeli uf und stägeli ab reifelt.

Ländlermusik wurde in den zwanziger und dreissiger Jahren für kurze Zeit ein Geschäft für Berufsmusiker. Sepp Stocker aus der Innerschweiz hatte in Zürich fünf Kapellen auf Tour, Kasi Geisser war landesweit der erste Popstar – ein hochbegabter Musikant aus der Innerschweiz, unterwegs mit Klarinette und Sopransax in den Lokalen von Langstrasse und Niederdorf und im Radio Beromünster. Er lebte eher wie Hendrix als wie Tell und starb früh, einsam und arm.

Seinesgleichen Musik ging im Zweiten Weltkrieg in der geistigen Landesverteidigung auf, und ihre Popularität wurde in der Nachkriegszeit von globalen Musiken abgelöst. Profis gab es fast keine mehr. Peter Zinsli, Ländlerkönig der Siebziger, war untertags Bankangestellter, Polizisten spielten Bass, Zahnärzte Klarinette, Hausfrauen jodelten. Selbst ein paar musizierende Bauern gab es.

Ein Geweih als Mikrofonständer

Viele Neue VolksmusikantInnen sind keine AutodidaktInnen mehr, sondern professionell ausgebildet: Musiker in der Zürcher Tonhalle, Musiklehrerinnen im Thurgau, seit neustem mit einem Volksmusik-Master der Musikhochschule Luzern. Sie spielen schwindelerregend virtuos, und ich kann den HüterInnen der bodenständigen Ländlermusik nachfühlen, dass sie mit diesen Berserkern an Tasten und Ventilen Kummer haben. Wenn ein Schwyzerörgeler wie Marcel Oetiker über die Knöpfe fährt, wird manch altgedientem Amateur an der Steiner Chilbi schwarz vor Augen. Und wenn Marco Stühlinger oder Dani Häusler Klarinette spielen, sehen etliche verdiente Musikanten alt aus.

Oetiker und seinesgleichen sind nicht nur ungemein fingerfertig und rhythmisch versiert, sondern auch weltoffen und klanggierig. Die gemütliche Liebhaberei der Ländlermusik hat ja auch dazu geführt, dass sich in fünfzig Jahren nicht viel bewegte: Da ein paar lustige Männer – das Trio Eugster –, dort das Wunderkind Carlo Brunner – während Freejazz, Rock ’n’ Roll und Punk so ausländisch blieben wie Mauricio Kagel oder Edgar Varèse. Das war zur Zeit von Kasi Geisser und Stocker Sepp anders, sie übernahmen früh Jazz und machten draus den Foxtrott. Und das ist bei den Neuen VolksmusikantInnen anders: Anleihen links und rechts gehören seit dreissig Jahren zum Herzschlag ihres Musizierens. Abende mit dem Appenzeller Hackbrettler Töbi Tobler sind Weltreisen, Auftritte der Geschwister Küng Augensauser und Gehörverzücker.

Die klassische Ausbildung wirkt sich unmittelbar auf die Neue Volksmusik aus. Was einst in Beizen auf kleiner Bühne vor lärmendem Publikum dudelte und örgelte, wird vorzugsweise konzertant aufgeführt. Das Publikum soll hören und nicht schwitzen. Ich sitze also artig auf dem Stuhl und wippe leise mit dem Fuss. Und vorne auf der Bühne intoniert eine Kammermusik eine Mazurka. «Schweizer Oktett» nennt Florian Walser seine Kapelle ironisch, in Schuberts Besetzung spielt sie das «Soso Zäuerli» und die «Kreuzpolka» formvollendet. Wie erhebend, nur – ich mag auch das Kontrastprogramm, das Prätti-Ziller-Fest, das jedes Jahr in Seewis im Prättigau über die Bühne geht. Ein wilder, schwitzender und lauter Anlass mit Ländlerkapellen samt jodelndem Frontmann in Lederhosen und einem Hirschgeweih als Mikrofonständer. Die in Mieder aus Edelweiss-Hemdstoff geschürzten Frauen kommen von weit her und johlen ihm zu – sogar Unterhosen sollen geflogen sein.

Köbi Gantenbein (56), Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre», 
spielt als fröhlicher Dilettant mit der Kapelle Bandella delle Millelire, nächstens an der 
«Stubete am See» in Zürich oder am Festival Fläscher Töne vom 1. September in Fläsch.

Das Ländlermusikpaket

Die Fülle ist gross, die Vielfalt schön: Daraus hat Köbi Gantenbein ein Päckli mit zehn CDs geschnürt, die Lust machen auf Volksmusik und EinsteigerInnen helfen, in Tönen sich nicht nur zu verlieren, sondern sie auch zu verstehen.

«Schweizer Volksmusik im Wandel der Zeit». Musique Suisse, 2007.
Das ist eine gute CD für Neugierige an neuer und alter Ländlermusik. Entstanden ist sie als offizielle Fest-CD des Eidgenössischen Ländlermusikfestes von 2007. Ein Zeichen, dass die Gräben zwischen den Bewahrern der Nation und den neuen Musikerinnen und Musikern gut zugeschüttet sind. Neunzehn Stücke nehmen uns mit auf eine Zeitreise über 150 Jahre; Fränzlis da Tschlin, Hujässler, Rampass, Hanneli-Musig und viele mehr sind dabei – im «Ländler eidgenössisch» von Dani Häusler zum Schluss sind alle miteinander zu hören. Im Booklet ist ein gescheiter Aufsatz zur Geschichte der Volksmusik von Dieter Ringli zu lesen. Verleger der CD ist Musique Suisse, eine Tat des Migros-Kulturprozents, wo viele wichtige und gute CDs zur Neuen Volksmusik zu haben sind.

Cyrill Schläpfer: «Ur-Musig». Original Tonspur des Films, Doppel-CD, CSR Records, Zürich 1993.
Cyrill Schläpfer sammelte im Appenzell und in der Innerschweiz Klänge bekannter alter Grössen von Jakob Alder über Martin Nauer bis zu Rees Gwerder und tat auch ein paar Funde. Die intimen Aufnahmen, nahe bei den MusikerInnen, und die Zusammenstellung der 41 Tänze, Gesänge und Geräusche zu einem grossen Bilderbogen als Film waren – vorab für urbanes Publikum – eine Erweckung im Matinéekino.

«Oberwalliser Spillit, 1977–1997». Musikszene Schweiz, Migros Genossenschaftsbund, Zürich 1997.
Die Oberwalliser Spillit um den Klarinettisten Elmar Schmid haben früh schon die Ländlermusik aus den Armen der patriotischen Radio- und TV-Wächter geholt. Vieles, was die Neue Volksmusik ausmacht, ist hier zu hören: Lust auf Originaltext und Geschichte, stupend virtuose Musikerinnen und Musikanten, Experimentreisen mit Heinz Holligers «Alb-Cher» und Moritz Gertschens Melodrama «Wie ische Herrgott ds Wallis erschaffu het».

Geschwister Küng: «Wintergeflüster». Tyrolis Music, 2005
Grossartige Ironie beginnt bei der Fotografie: Die vier Schwestern und der Bruder Küng aus Appenzell, verstärkt mit einer Frömden, strahlen in Trachten aus der Blumenwiese. Drei Geigen, Cello, Bassgeige und Hackbrett gehören zur Familie. Bemerkenswert ist, wie sie die Appenzellerei umdrehen. Begonnen haben sie 1991 und spielten nach Sitte und Brauch, trafen auf Noldi Alder als Lehrer, gingen teils auf die Musikhochschule, eine Schwester allerdings ist Skirennfahrerin. Heute sind sie Neue VolksmusikerInnen ebenso wie traditionell Begehrte.

Ils Fränzlis da Tschlin: «Fränzlis Live! Da la Turnhalla a la Tonhalla». Zytglogge Verlag, Bern 2009.
Die Fränzlis da Tschlin, die Kapelle von Domenic, Duri, Curdin, Madlaina Janett und Men Steiner, sind seit einem Vierteljahrhundert unterwegs. Ihre fünfte CD, «Da La Turnhalla a la Tonhalla», fasst im Untertitel den Kern der Neuen Volksmusik zusammen. Und im Titel das Wesentliche: «Live» ist auch für diese Musik Massstab.

Noldi Alder Klangcombi: «Hommage an die Streichmusik Alder zum 125-Jahr-Jubiläum». Musiques Suisses, Zürich 2009.
Im Kulturraum zwischen dem Toggenburg und dem Bodensee tönt eine eigenständige, fremd anmutende Musik – Streicher, Hackbrett, Naturjodel. Und kaum eine Kapelle ist so weitbekannt und -gereist wie die Streichmusik Alder. Deren Sohn Noldi ist als Förderer, als Finder und als Vielfältiger ein die Neue Volksmusik prägender Musiker. Mit seiner Klangcombi bleibt er bei der Appenzeller Eigenständigkeit, geigt, hackbrettelt und jodelt. Aber anders.

Hanneli-Musig: «Baselbiet». Zytglogge, Oberhofen 2010.
In den neunziger Jahren entdeckte der Cellist Fabian Müller ein Konvolut von 12 000 Stückli, die die Basler Volkskundlerin Hanny Christen zwischen 1940 und 1960 in der ganzen Schweiz gesammelt hatte. Er edierte den Schatz und gab ihn im Mülirad-Verlag in Altdorf heraus. Müller ist denn auch Musiker der Hanneli-Musig. Auf ihrer fünften CD versammelt die Kapelle diverse Musikstückli aus dem Baselbiet. Wieder finden wir Ueli Mooser in der Gruppe neben Johannes Schmid-Kunz an der Violine, Fränggi Gehrig am Akkordeon, Fabian Müller an Cello und Bratsche, Christoph Mächler an der Gitarre und den überragenden Klarinettisten Dani Häusler. Wie es sich gehört ist Häusler vielfältig unterwegs, so auch mit seiner Formation Hujässler oder der Heirassa-Revival.

«Ländlermusig momoll». Zytglogge Verlag, Oberhofen 2010.
Ueli Mooser ist ein Drahtzieher, Ermöglicher und Erfinder. Der schon ältere Herr verfügt über ein riesiges Repertoire und Netz, spielt etliche Instrumente und versucht es immer wieder mit jungen Talenten. So in der Kapelle Momoll mit dem Klarinettisten Marco Stühlinger und den Seinen. Widertäktig ist diese Ländlermusik auch wegen des Bläsers Juan Armas Pizzani aus Kuba.

Marcel Oetiker: «Widertäktigs». Phono-Vertrieb, Dallenwil 2011.
Marcel Oektiker ist der Meister des Schwyzerörgelis. Hier spielt er mit Florian Mächler, Gitarre, Pirmin Huber, Kontrabass, und Christian Zünd, Perkussion. Ländlermusik hat ein gängiges Taktmuster. Die Kapelle spielt gegen die üblichen Schläge und Betonungen und landet irgendwo zwischen Steinen und Buenos Aires.

D’Sagemattler: «Bauernmusik Unterägeri 1887». Musiques Suisses, 2011.
Musik aus dem Urtext – das führt Florian Walser mit den Sagemattlern exemplarisch vor. Der Klarinettist und Notenentdecker ist im Hauptberuf Musiker des Tonhalle-Orchesters. Er verwandelt zusammen mit der Geigerin Isabel Neligan, Johannes Gürth an der Viola, dem Kornettisten Heinz Saurer und dem Bassgeiger Frank Sanderell die Klänge der Bauernmusik zu einem kammermusikalischen Ereignis hoher Güte und reinster Freude. Und es gibt wohl eine Gewissheit: So hochgebildet haben nie Musikanten in der Innerschweiz des 19. Jahrhunderts intonieren können. Und ob sie die Rhythmen so verfeinerten? Man kann nicht nur im Opernhaus, sondern auch auf dem Tanzboden um die «originale Aufführungspraxis» streiten.

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