Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Wer vom Gesöff profitiert

Coca-Cola Hellenic, die umsatzstärkste Firma Griechenlands, zieht von Athen nach Zug. Von der griechischen Militärdiktatur in die Wirtschaftskrise: Die Geschichte des Cola-Abfüllers führt zu den Profiteuren des Umzugs.

Von Theodora Mavropoulos, Carlos Hanimann und Kaspar Surber

Coca-Cola-Flaschen im Gleichschritt für den Profit. Foto: Andy Bruckner, www.coca-colahellenic.ch

Der Pförtner hinter der Glasscheibe lächelt freundlich. Er arbeitet schon seit Jahren vor den Toren der Coca-Cola Hellenic in Athen. «Für wen der Umzug gut ist, kommt ganz auf den Standpunkt an. Für die Schweizer und das Unternehmen ist es mit Sicherheit ein Gewinn. Für Griechenland und die Arbeiter hier bestimmt nicht.» Zum Glück, erzählt der Pförtner, habe nicht nur Coca-Cola Hellenic ihre Büros hinter den Toren. «Hier befinden sich auch noch andere grosse Unternehmen. Dadurch bleibe ich vorerst vor der Arbeitslosigkeit verschont. Aber hoffentlich ziehen jetzt die anderen Firmen nicht nach.»

Die Nachrichten aus Griechenland zur Wirtschaftskrise betrafen bisher den Euro und die Schulden, harte Spar- und Privatisierungsauflagen, Streiks und Tränengas. Aber Coca-Cola? Vielleicht lohnt es sich, dem braunen Zuckerwasser zu folgen. Es floss schon immer in die Richtung, in die sich der Kapitalismus transformierte.

Gründung unter Obristen

«Köstlich! Erfrischend! Stärkend!» So stand es im ersten Inserat, mit dem Coca-Cola in den USA auf sich aufmerksam machte, bereits im rot-weissen Schriftzug. Ursprünglich war das Getränk ein Heilmittel, das sich der Apotheker John S. Pemberton 1886 gegen die eigene Morphiumsucht mixte. Doch schnell wurde es zum Heilsbringer. Coca-Cola ist weniger ein Getränk als vielmehr eine Marke und ihr Vertrieb. Asa Candler, Baptistensohn mit religiösem Eifer im Geschäft, sicherte sich noch vor der Jahrhundertwende die Rechte. Den Vertrieb übernahmen selbstständige Abfüller, die «Bottlers». Als Lizenznehmer erhalten sie das Konzentrat des Getränks, dessen Rezeptur bis heute geheim ist. Die Company in Atlanta, Georgia, kümmert sich ums Marketing.

Den grössten Erfolg brachte der Weihnachtsmann: Coca-Cola wirbt nicht mit ihm, weil er einen rot-weissen Mantel trägt. Die Farbe seiner Kleidung setzte sich durch, seit die Firma in den dreissiger Jahren mit ihm Werbung machte.

Der nächste Chef, Robert Woodruf, trieb die Internationalisierung des Geschäfts voran, in Kooperation mit dem Kriegsministerium: Während des Zweiten Weltkriegs versorgten Techniker die US-Truppen mit der Limonade. Wobei Coca-Cola auch in Nazideutschland tätig war und an der Olympiade 1936 grosse Mengen verkaufte. Als während des Kriegs der Zucker knapp wurde, produzierte der deutsche Lizenznehmer aus Molke das Getränk Fanta. Die Company gewann den Krieg auf beiden Seiten: Fanta wurde das erste Produkt, das neben Coke ins Sortiment aufgenommen wurde.

Den Markt in Griechenland konnte sich Coca-Cola erst spät erschliessen, 1969 nach dem Militärputsch rechter Offiziere, der sogenannten Obristen. Die Junta herrschte mit brutaler Willkür und Folter, ein Netz von Spitzeln überzog das Land. Freundlich zeigten sich die Obristen gegenüber dem Kapital. Der griechische König hatte Coca-Cola zuvor verboten, es durfte nur auf der US-Botschaft und in Militärbasen getrunken werden. Angeblich wegen seiner narkotischen Wirkung, tatsächlich, um die heimischen Produzenten von Zitruslimonade zu schützen.

Der US-Grieche Tom Pappas, Besitzer einer Tankerflotte, lobte das Obristenregime für seine Stabilität und Effektivität und meinte: «Es ist Zeit, dass Coca-Cola nach Griechenland kommt!» Er erhielt die Erlaubnis, Coca-Cola zu verkaufen. Die Hellenic Bottling Company entstand.

Coca-Cola und das Militär, das geht noch immer zusammen: 2005 konnte die Company nach vierzigjähriger Absenz wieder eine Lizenz im Irak vergeben. Das Sinnbild der imperialistischen Yankees, in Lateinamerika wegen der Ermordung von Gewerkschaftern, in Indien wegen der Privatisierung von Wasser in der Kritik, ist heute gemäss dem Marktforscher Interbrand noch immer die teuerste Marke der Welt. Und zwar knapp gefolgt von Apple, auch das ein Vertriebskanal und ein Konsumversprechen. In der Krise erweist sich der Getränkeproduzent als stabil: 2011 erzielte der Konzern bei einem Umsatz von 46,5 Milliarden US-Dollar einen Gewinn von 3,7 Milliarden.

In die Schweiz kam Coca-Cola übrigens 1936, gebraut vom Lausanner Autohändler Max Stoos. Auch hier hatte es sich gegen antiamerikanische Vorurteile durchzusetzen. Zu Beginn wurden deshalb nur Schweizer Arbeiter beschäftigt, und die Werbung zeigte die Kronendeckel der berühmten Getränkeflasche: «Schweizer Qualitätsarbeit für Coca-Cola.»

Hellenic wächst

Panagiotis Vergis, der Investor Relations Manager von Coca-Cola Hellenic, will in Athen nichts von der Militärdiktatur hören. «Dazu haben wir selbstverständlich überhaupt keine Verbindung.» Von einem lokalen Getränkehändler sei man zum weltweit zweitgrössten Abfüller im Coca-Cola-System aufgestiegen: «Griechenland war für die letzten vierzig Jahre unser Ausgangspunkt.» Von hier aus eroberte man den Osten: Nach dem Ende des Kalten Kriegs 1989 profitierte Coca-Cola davon, dass der ewige Konkurrent Pepsi einen Produktionsvertrag mit der Sowjetunion geschlossen hatte. Pepsi galt in der Bevölkerung als Limonade der Verlierer. Fünfzehn Coca-Cola-Fabriken sind bereits in Russland in Betrieb, in den nächsten Jahren sollen drei Milliarden Dollar investiert werden.

Insgesamt zählt Coca-Cola Hellenic heute 28 Ländergesellschaften von Bulgarien über Weissrussland bis Nigeria. Die irischen, österreichischen und schweizerischen Abfüller wurden übernommen, Getränkemarken aufgekauft, beispielsweise 2002 in der Schweiz das Valserwasser, und Joint Ventures geschlossen, so mit dem Suppenhersteller Campbell oder der Kaffemarke Illy. Die Firma beschäftigt 40 000 MitarbeiterInnen, der Umsatz betrug 2011 6,9 Milliarden Euro, der Gewinn 370 Millionen.

Dass auch in Nigeria produziert wird, ist ein Hinweis darauf, was Coca-Cola Hellenic in erster Linie ist: ein Anlagevehikel zwischen Ländergesellschaften und der Konzernzentrale in Atlanta, und zwar für den aus Zypern stammenden Leventis-Clan. In Nigeria machte der 1978 verstorbene Anastasios Leventis während der Kolonialzeit mit seiner Handelsfirma ein Vermögen. Die Hagiografie auf der Website der wohltätigen Leventis Foundation spricht vornehm von «zahlreichen Beteiligungen». Unter anderem am Cola-Geschäft: Leventis setzte die Brause mit einer riesigen Lastwagenflotte gegen die örtlichen Bierbrauer durch.

1981 kauften die Erben von Leventis mit ihrer familieneigenen Kar-Tess-Holding die Coca-Cola Hellenic auf. Heute ist die Holding mit Sitz in Luxemburg noch immer die grösste Aktionärin.

Als Coca-Cola Hellenic letzte Woche ihren Sitz von Athen nach Zug verlegte, nahmen vor allem Familienmitglieder im Verwaltungsrat der neu gegründeten Coca-Cola HBC AG in Zug Einsitz: Anastasios P. Leventis, der Sohn des alten Leventis, oder Anastasios George David, dessen Neffe. Dazu einige Anwälte der Zürcher Kanzleien Lenz & Staehelin sowie Oesch & Rudolph. «Keine Auskunft», heisst es dort auf die Frage nach den Gründen für die Sitzverlagerung.

Nach Zug

In Zug mietet sich die Holding an der Baarerstrasse 14 ein, in einem Business Center, das Büroräumlichkeiten für Drittfirmen anbietet. Auch der US-Militär-Zulieferer Halliburton hat an derselben Adresse seinen Sitz. Nur zwei Dutzend Mitarbeiter, das oberste Management, sollen für Coca-Cola HBC arbeiten. In Griechenland liegen die Unternehmenssteuern bei rund 25 Prozent, im Kanton Zug bezahlen Holdings kaum Steuern, bleibt nur die Bundessteuer von 8,5 Prozent.

In Athen betont Manager Panagiotis Vergis: «Es ist nicht zu erwarten, dass der Umzug in die Schweiz eine Auswirkung auf die gesamte steuerliche Situation des Konzerns haben wird.» Gemäss der Firma fallen die Steuern bei den operativen Ländergesellschaften an. Der Hauptgrund für den Standortwechsel liege bei den Schwierigkeiten beim Zugang zu den Kapitalmärkten. Für Anastassios Frangulidis, Chefökonom bei der Zürcher Kantonalbank, klingt das plausibel: «Selbst gesunde Firmen haben in Griechenland Liquiditätsschwierigkeiten. Der Bankensektor kann seine eigentliche Aufgabe, also Geld der Einleger an Investoren und Firmen weiterzuverleihen, nicht wahrnehmen.»

Wirtschaftsanalyst Giorgos Tzogopoulos von der Stiftung für europäische und auswärtige Politik in Athen sieht das anders: Für ihn ist die unstete Steuerpolitik Griechenlands ein grosses Problem. «In der Krise wurde die Höhe der Steuern schon viermal verändert.» BürgerInnen wie Unternehmen würden durch diese Willkür verunsichert. Der Wegzug von Coca-Cola Hellenic könne zu einem Fluchtreflex bei anderen Firmen führen.

Alliance Sud, die Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke, kritisiert in einer Mitteilung, dass die Verlagerung des Sitzes eine Steuervermeidung ermögliche: Ein grosser Teil der Ländergewinne lasse sich «über aufgeblähte konzerninterne Zinsen und Lizenzgebühren ebenfalls in die Schweiz verlagern». Gerade das Doppelbesteuerungsabkommen mit Griechenland leistet diesem Transfer Pricing Vorschub: So wurde im Abkommen die Quellensteuer auf unternehmensinterne Zinszahlungen gesenkt.

Griechenland wird vom Wegzug sowieso nicht profitieren. Auch der Kanton Zug wird, abgesehen von den Steuern der wenigen Manager, kaum profitieren. Gewinnen werden einzig die Leventis-ErbInnen, die ihr altes Geld durch neue, turbulente Zeiten schleusen – dem Mythos eines Getränks nach und mit freundlicher Unterstützung einiger Schweizer AnwältInnen.

Noch sieben Fahrer

Der Lastwagenfahrer Costas Miaris setzt sich auf eine Mauer im Athener Ortsteil Marousi, mit Blick über die Autobahn und auf die Büros der Coca-Cola Hellenic. Der Hauptsitz wird wegziehen, die Ländergesellschaft bleiben. Doch auch dort ist die Krise längst zu spüren. «Früher waren wir 220 Fahrer», sagt Miaris. «Heute noch sieben.» Durch die Auflagen der Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Union und Zentralbank wurden Kurzarbeitsverträge gesetzlich erlaubt. «Eine Verlängerung meines Vertrags scheint mir immer wie eine Galgenfrist. Es ist in dieser Krisenzeit einfach Glückssache, ob der eigene Arbeitsplatz am nächsten Tag noch existiert», erzählt der Vater zweier erwachsener Töchter. «Es kann jederzeit auch mich treffen.» Dass Coca-Cola Hellenic nun das Land verlässt, ist für Miaris ein deutliches Signal: «Es ist, als ob eine Firma das sinkende Schiff verlässt.»

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