Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Der lange Atem der SBB-ArbeiterInnen

Von Andreas FagettiMail an Autor:in

«Wir müssen wachsam bleiben», sagte der Tessiner Gewerkschaftsführer Gianni Frizzo. Das war vor einem Jahr, als sich die Belegschaft der SBB-Werkstätten in Bellinzona und Teile der Bevölkerung bereits zum vierten Mal auf dem Werksgelände in einer Halle versammelten, um an den Arbeitskampf und den Streik gegen den Abbau von Arbeitsplätzen und die drohende Schliessung der «Officina» zu erinnern und ihren Widerstandsgeist wachzuhalten.

Die SBB-Leitung unter CEO Andreas Meyer hatte sich im März 2008 dem Druck aus dem ganzen Tessin, das ziemlich geschlossen hinter der Belegschaft stand, beugen und einlenken müssen. Doch aufgegeben scheinen die SBB-Bosse nicht zu haben. Immer wieder gab es Versuche, die Werkstätten zu schwächen. Beispielsweise, indem ihr Aufträge ihrer wichtigsten Kundin, der SBB Cargo, entzogen wurden – erst auf Druck der Belegschaft beeilte sich die SBB-Führung, die Auftragslücken zu füllen.

Das Misstrauen der Belegschaft gegenüber den obersten Chefs bleibt bestehen. Und so hat sie sich auch dieses Jahr abermals versammelt. Das anhaltende Misstrauen scheint berechtigt. Jetzt befürchten die ArbeiterInnen, dass das über 100 000 Quadratmeter grosse Werksgelände im Herzen von Bellinzona mit Luxuswohnungen und Läden überbaut und die Werkstätten verlegt werden sollen. An der diesjährigen Versammlung sagte ein Aktivist: «Insgeheim haben die SBB ihr Überbauungsprojekt weiter vorangetrieben. Obwohl diesmal statt von ‹Schliessung› der Officina nur von ‹Verlagerung› die Rede ist, so ist die Botschaft völlig klar. Denn ‹verlagern› bedeutet in Wirklichkeit ‹demontieren›.» Dieses Vorhaben werten die ArbeiterInnen und ihre Familien als weiteren Frontalangriff auf ihre Existenz.

So wie es aussieht, geht einer der längsten Arbeitskämpfe in der Schweiz in die nächste Runde. Und wie es aussieht, wird sich die SBB-Führung ein weiteres Mal die Zähne daran ausbeissen.

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