Nr. 25/2013 vom 20.06.2013

«Ich zeige eine leicht polierte Darstellung der Realität»

Mal tragisch, mal laut, mal lustig: In der Dokufiktion «Annelie» von Regisseur Antej Farac spielen die BewohnerInnen des gleichnamigen Münchner Obdachlosenheims sich selbst.

Von Silvia Süess

Ein Häufchen Scheisse im Innenhof – menschliche Ausscheidungen. Damit beginnt der Schweizer Film «Annelie». Das Bild steht symbolisch für die Menschen, um die es im Film geht: diejenigen, die in unserer Gesellschaft als der letzte Dreck angeschaut und auch so behandelt werden. Einen «Hartz-IV-Film» nennt Regisseur Antej Farac seinen Film denn auch im Vorspann.

«Hartz IV» steht für Abstieg und Armut. Die  Arbeitslosenreform des damaligen deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder hat 2005 die Arbeitslosenhilfe durch ein «Arbeitslosengeld II» auf einem Niveau unterhalb der alten Sozialhilfe ersetzt. Im Zug der Reform sind Zeitarbeit und Minijobs liberalisiert und die Sozialämter mit den Arbeitsagenturen zusammengelegt worden. Das hat Deutschland nachhaltig verändert. Im Mai 2013 lag der Anteil der Hartz-IV-EmpfängerInnen in Deutschland bei 7,5 Prozent.

Im Film «Annelie» sind fast 100 Prozent der DarstellerInnen Hartz-IV-EmpfängerInnen. Es sind Junkies, Alkies und Kleinkriminelle, die gemeinsam im Münchner Obdachlosenheim Annelie hausen. Mit ihnen hat Farac einen lauten und packenden Film gedreht.

Eigentlich ist Yogi ganz lieb

Laut wird es gleich zu Beginn. Der Hauswart ärgert sich über den Scheisshaufen, beschimpft das «üble Pack» als «Arschlöcher» und «Blödmänner». Da geht es nicht lang, und von den heruntergekommenen Balkons wird zurückgeschrien. Zum Ärger eines jungen Yuppies, der in seiner schicken Wohnung gegenüber Yogaübungen macht. Als dieser wütend aus dem Fenster schimpft, fliegen Flaschen und schliesslich auch noch der Scheisshaufen auf ihn zu – untermalt von lautem Geschrei und polkaartigem Balkansound. Dieser explosive Einstieg verrät: Man kann sich auf die folgenden 105 Minuten freuen. Was folgt, ist weder ein deprimierendes Sozialdrama noch eine Dokumentation über soziale Ungerechtigkeit, sondern ein rasant inszenierter Spielfilm, in dem die ProtagonistInnen sich selbst spielen. «Annelie» ist mal lustig, mal derb, mal tragisch. Der Film erzählt vom Alltag der «Annelie»-BewohnerInnen, in dem die Glamourrockband Kiss eine wichtige Rolle spielt.

Da ist Yogi, der auch «der Bär» genannt wird, weil er gross und dick und eigentlich ganz lieb ist. Er führt mit Freundin Mimi einen unrentablen Kiosk. Für das eigentliche, spärliche Einkommen sorgt sie mit ihrer Arbeit als Sklavin in einem Sadomasostudio. Die Transsexuelle Laura hat ein Verhältnis mit Güni, der – obwohl er nur noch einen Lungenflügel und Asthma hat – fleissig weiterraucht und säuft. Gabi und Conte führen einen Swingerclub im Untergeschoss des «Annelie», und Kim ist das einzige Kind im Haus.

Neben den LaiInnen, die sich selbst spielen, haben auch professionelle SchauspielerInnen tragende Rollen: die Schweizerin Irène Fritschi als hoffnungslose Optimistin und Hobbygärtnerin Hedi, Renate Muhri als Kims Mutter und Georg Friedrich als Max. Der Österreicher mit dem markanten Gesicht mischt sich prima unter die verlebten Charaktergesichter der «Annelie»-BewohnerInnen. Friedrich spielt einen ehemaligen Kinderstar und früher erfolgreichen Schauspieler, der jedoch den Drogen erlegen ist. Nun haust er als abgehalfterter Junkie und unbeliebter Schnorrer im «Annelie». Friedrichs Figur dient dem Film auch als Erzähler – ein gelungener dramaturgischer Griff: Mit breitem österreichischem Akzent führt er die Personen ein und erzählt das eine oder andere brisante Detail aus ihrem Leben: «Die Gabi kommt vom Land und hat sehr früh geheiratet. Ihr erster Mann hat aber nach der Heirat nie Sex mit ihr gehabt, und deswegen war die Ehe dann am Arsch. Vor lauter Frust hat sie angefangen, hierher in den Swingerclub zu kommen.»

Die Wirklichkeit war noch krasser

«Es war für mich klar, dass ich Georg Friedrich bei dem Film dabeihaben möchte, da ich ihn zurzeit für einen der besten Schauspieler überhaupt halte», sagt der heute in Biel lebende Regisseur Antej Farac. Friedrich habe sich problemlos in die Gruppe der «Annelie»-BewohnerInnen integriert: «Er war völlig unkompliziert, hat die ersten zwei Tage mit ihnen im Hof verbracht, geraucht, getrunken und geredet. Als es dann darum ging zu drehen, ist er aufgestanden und hat professionell geliefert, was ich von ihm erwartete.» Das habe die anderen beeindruckt und motiviert. Einen Monat dauerten die Dreharbeiten, und Farac findet nur gute Worte: «Es war einer der schönsten Drehs, die ich je hatte: sehr menschlich und intensiv.»

Die LaienschauspielerInnen seien zuverlässig und extrem diszipliniert gewesen: «Da könnte sich der eine oder andere Profi eine Scheibe abschneiden», so Farac. Bei den Dreharbeiten half auch, dass der Regisseur die LaiInnen alle gut kannte – seine Produktionsfirma hatte während mehrerer Jahre in der Wohnung logiert, in der im Film der Yuppie lebt. Während dieser Zeit lernte Farac die BewohnerInnen des Obdachlosenheims kennen. «Ich habe über die Jahre vieles mitbekommen, was im ‹Annelie› läuft», sagt er. «Fast alles, was im Film geschieht, ist tatsächlich mal passiert – nur war die Wirklichkeit noch krasser. Ich zeige eine leicht polierte Darstellung der Realität.»

Der Film ist nicht die erste Arbeit, die Antej Farac mit den Leuten des «Annelie» gemacht hat. Er realisierte bereits eine Ausstellung mit Fotografien sowie Videoinstallationen mit den HeimbewohnerInnen. Anschliessend drehte er eine Dokumentation über die Transsexuelle Laura. «Mach doch einen Actionfilm mit uns», meinten ein paar der BewohnerInnen immer wieder. Als Farac erfuhr, dass das «Annelie» schliessen werde, begann er, die Geschichten, die er dort gesehen und gehört hatte, festzuhalten – der Film entstand.

«Annelie» erinnert an die Filme des Österreichers Ulrich Seidl. Wie Seidl hat Farac eine Vorliebe für schräge Figuren am Rand der Gesellschaft. Wie Seidl findet Farac im realen Alltag genug deftigen Stoff für einen Film und inszeniert die Wirklichkeit nach seinem Gutdünken, spitzt sie zu oder relativiert sie. Und auch Farac zeigt viel Haut: Wunderschön die Szene, in der Güni und Laura in Unterwäsche auf dem Sofa sitzen, plaudern und dann später in enger Umarmung im kleinen Zimmer tanzen. Selbst Georg Friedrich erinnert an Seidl – kein Wunder, spielte er doch in mehreren Seidl-Filmen mit («Hundstage», 2001, «Import Export», 2007).

Wohltuend untypisch

Doch im Unterschied zu Ulrich Seidl ist Antej Farac nicht zynisch. Er mag seine ProtagonistInnen und stellt sie nie bloss. «Annelie» ist keine Seidl-Kopie, sondern ein eigenständiges Werk über eigenwillige ZeitgenossInnen – und ein wohltuend untypischer Schweizer Film.

Heute steht übrigens dort, wo das «Annelie» stand – zwischen dem Bahnhof und der Altstadt – ein Luxushotel. Menschen wie die BewohnerInnen des «Annelie» und andere Hartz-IV-BezügerInnen stören das Stadtbild, in München wie anderswo. Man soll sie nicht sehen. In «Annelie» machen sie sich laut sichtbar.

Premiere in Anwesenheit mehrerer DarstellerInnen und des Regisseurs am Donnerstag, 20. Juni 2013, um 21 Uhr in Zürich, 
Kino Riffraff. Anschliessend Konzert mit 
der Coverband First Kiss im «Exil».

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