Militarismus : Mobilmachung in der Aargauer Kiesgrube

Nr. 33 –

Maschinenerotik, erlebt von 25 000 Armeefans: mittendrin Bundesrat Ueli Maurer, der die Schweiz mit der Armee verwechselt, ein Brigadier, der den WOZ-Reporter schubst, und der Präsident der Gruppe Giardino, der BundesrätInnen am liebsten hingerichtet sähe.

  • Kindliche Nostalgie: Der Convoy to Remember in Birmenstorf mobilisierte die Massen.

«Zum Glück weiss der noch, wo es durchgeht, wir wissen es schon lange nicht mehr», sagt ein Vater in Camouflage zu seinem kleinen Sohn und meint den Postautochauffeur, der uns vom improvisierten Grossparkplatz auf einem abgeernteten Maisfeld am Rand der Autobahn ausserhalb von Birmenstorf AG zum Festgelände des 6th Convoy to Remember befördert. Rund um die Kiesgrube der Firma Merz, die dem Aargau schon in der vierten Generation den Boden unter den Füssen weggräbt, versammeln sich am letzten Wochenende 25 000 Armeefans. Sie erfreuen sich an der Invasion von mehreren Hundert Panzern, Armeejeeps, Mannschaftsfahrzeugen, Flugzeugen, Helikoptern, Motorrädern und sonstigen olivgrünen Gefährten, die den östlichen Aargau für ganze drei Tage in den Zustand einer Art Freizeitgeneralmobilmachung versetzen. Aufgefahren wird am diesjährigen Militäroldtimertreffen zudem ein klassisches Volksfestprogramm mit den üblichen musikalischen Leckerbissen, unter anderem serviert von einer deutschen Oktoberfestkapelle mit dem schwer verwegenen Namen Münchner Zwietracht.

Mit der Zigarre gegen die Sinnleere

Gedacht werden sollte gemäss Organisationskomitee vor allem auch der «Befreiung Europas» von Nazideutschland durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg, die mit der Landung US-amerikanischer, britischer, kanadischer und freier französischer Truppen am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie begonnen hatte. Von der Rolle der Sowjetunion bei diesem Unternehmen ist in Birmenstorf weniger die Rede. Überhaupt scheint sich kaum jemand tatsächlich um den D-Day und die wirklichen historischen Zusammenhänge zu scheren. «Time goes by», wie ein als US-amerikanischer Soldat verkleideter Verkaufsleiter einer aargauischen Druckerei meint. Seine Faszination für das sogenannte Reenactment, also das originalgetreue dreidimensionale Darstellen vergangener Gegenwart (oder von dem, was die Darstellenden für vergangene Gegenwart halten), erklärt er mit leuchtenden Augen hinter einer goldenen amerikanischen Metallbrille aus dem Jahr 1944 so: «Wenn ich in diesem historischen Jeep der Amis sitze, die Fahne hintendrauf, eine Zigarre in der Fresse, die original Lederhandschuhe am Steuer, und ein paar Leute zücken ihre Kameras, dann bin ich einfach happy. Meine Frau macht Yoga und Pilates. Ich spiele ein bisschen gutes altes Amerika.» Jeder fülle seine Sinnleere auf die je eigene Weise.

Die meisten, die an diesem Samstag unter der heissen Augustsonne im Aargau Männer bewundern, die in historischen Wolluniformen schwitzen, als deutsche Kriegsgefangene verkleidet hinter einem Stacheldrahtzaun aus Küchenschnur die Stunden zerschlagen oder sich in ihrem Pinzgauer der Schweizer Armee volllaufen lassen, scheint eine kindliche Nostalgie für alles Nichtzivile anzutreiben. Es ist die Rede von einer Faszination fürs Reparieren und Rumschrauben, fürs Kameradschaftliche und die Widrigkeiten des Soldatendaseins, fürs Heroische – und auch von Dankbarkeit gegenüber den Grossvätern, die an der Grenze auf den nie ankommenden Krieg warteten. Von Leid, Gewalt, Verbrechen, Tod und Zerstörung spricht fast niemand. Eine junge Frau in olivgrünen Hotpants und trägerlosem Camouflage-Shirt verrät, das Militär habe sie schon immer fasziniert, deshalb sei sie auch freiwillig Soldatin geworden. Den Sinn der Schweizer Armee allerdings habe sie auch nach 260 Diensttagen immer noch nicht verstanden.

Später, als sich ein Superpuma der Schweizer Armee in den blauen Himmel schraubt, um einen Sturzflug zum Besten zu geben, lässt der Platzsprecher in einem Anflug maschinenerotischer Zweideutigkeit verlauten: «Und jetzt, meine Damen und Herren, meine Damen und Herren, jetzt holen Sie Luft, die Anspannung ist kaum mehr auszuhalten, unser Superpuma hält inne, lässt sich tief fallen und zieht unten wieder heraus.»

Die Schweiz als Armee

Nur einer am Rednerpult will dann doch noch richtig politisieren, nachdem er ein historisches Radfahrer- und Kavalleriedefilee abgenommen hat: Verteidigungsminister und Bundespräsident Ueli Maurer. D-Day und so interessieren allerdings auch ihn nicht, dafür umso mehr die eidgenössische Volksinitiative zur Aufhebung der Wehrpflicht, über die am 22. September abgestimmt wird. Mit detektivischem Scharfsinn weist Maurer das Publikum auf den Absender der Vorlage hin, der ja schon alles sage: «Die Gruppe für eine Schweiz OHNE Armee!» Es geht darauf allerdings kein Raunen durchs Volk. So gibt der amtierende Bundespräsident wieder einmal eine Kostprobe seines Geschichtsbewusstseins zum Besten: «Man hat immer gesagt, die Schweiz habe keine Armee, die Schweiz sei eine Armee.» Und was früher war, gilt auch heute noch. Denn, so der Bundespräsident, dieser heutige Tag, an dem so viele Private mit ihren Fahrzeugen erschienen seien, was einzigartig sei und es so ja nur in der Schweiz gebe und wirklich nur in der Schweiz, zeige eigentlich: «Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee.»

Remilitarisierung der Gesellschaft

Wieder kein Raunen aus dem Volk, weder von den anwesenden Frauen noch von den mutmasslich präsenten sogenannten Untauglichen, auch nicht vom türkischen Verkäufer an der Softeismaschine, der auch nie Dienst getan hat. Ein junger Mann, Träger eines T-Shirts der englischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden, hält die Rede für «gemässigt». Nur der Magenbrotverkäufer meint später, der Maurer habe etwas übertrieben. Letzterer sagt zum Schluss seiner Abstimmungskampfrede noch, dass eine Abschaffung der Wehrpflicht die Sicherheit der Schweiz und mit ihr auch den Wohlstand grundsätzlich bedrohe, denn, er zitiert jetzt frei Gottfried Keller, «wenn etwas nicht stimmt im Staat, dann muss der Bürger selbst vor die Haustüre treten und für Ordnung sorgen». Das sei unser Selbstverständnis, sagt Maurer: «Das ist unser Selbstverständnis auch mit dem Waffenrecht: Wir haben unsere Waffe zu Hause.» Beim VBS, wir erinnern uns an den diesjährigen Bundesratsausflug im Panzer und das «Bootcamp» mit JournalistInnen, scheint die Losung gegenwärtig «Remilitarisierung der Gesellschaft!» zu lauten.

Dann macht sich Maurer, zwischenzeitlich noch mit dem Volk vor Kameras posierend, auf zur Kiesgrube: «Panzer luege», wie er zur WOZ sagt – und uns sodann gleich mit einlädt. Der Mann, der sich in Peking nicht an die Panzer erinnern wollte, erfreut sich dann halt umso mehr in Aargauer Kiesgruben an den imposanten Gefährten. Als die WOZ dann allerdings noch wissen will, was der Bundespräsident zu Soldatinnen meine, die auch nach 260 Diensttagen keinen Sinn in der Armee gefunden hätten, also gemäss der historischen Logik des Herrn Bundespräsidenten auch keinen Sinn in der Schweiz, wird es dem olivgrünen Brigadier Jacques F. Rüdin zu bunt: «Diese Fragen erübrigen sich jetzt», sagt der Berufsmilitär und schubst die WOZ ein bisschen weg vom Herrn Bundespräsidenten. Die WOZ weist den Herrn Brigadier darauf hin, dass der Herr Bundespräsident die WOZ ausdrücklich eingeladen hat, mit ihm in die Kiesgrube «Panzer luege» zu kommen. Dort fährt dann gerade einer aus der alten Sowjetunion herum. Aus dem Lautsprecher tönt etwas «von unseren russischen Freunden».

Haben sie am Oldtimertreffen in Birmenstorf AG in ihrer Geschichtsklitterung sogar schon den alten Feind zum gegenwärtigen Freund gemacht? Der war ja zwar streng militärhistorisch gesehen immer nur metaphysisch anwesend, aber immerhin. Darauf hat auch der Kommunikationschef des VBS, der langjährige Fernsehsportjournalist und Infanterieoberst Peter Minder, am Rand der Kiesgrube keine Antwort. Er bittet dafür um Verständnis für seinen Chef, die Agenda sei voll, er brauche manchmal auch etwas Ruhe. Klar, «Panzer luege» zur Entspannung. Ausserdem bestätigt Minder, dass eine Remilitarisierung der Schweizer Gesellschaft ganz im Sinn des VBS sei und dass seine ganz persönliche Hauptmission dort «Transparenz» heisse. Deshalb auch das Bootcamp und so weiter, die Armee müsse sich wieder zeigen. Modebewusst ist Minder allemal.

Schweizer Flammenfahne

Gegen Abend setzt sich die WOZ in die Feldküche des Vereins Schweizerarmee 61, der die Erinnerung an die Armee der 1960er Jahre aufrechterhalten will. Das Rohr einer Flugabwehrkanone zeigt über die Felder im Abendlicht, im Gefechtsstand vergnügt sich ein Fünfjähriger, allerlei Fahrzeuge stehen herum. «Alles innerhalb des Stacheldrahtzauns gehört uns», meint Daniel Hildinger stolz, Vereinsunteroffizier, Adjutant und zuständig für die Kommunikation. Der Account Manager in einer Zürcher Unternehmensberatung ist noch in sieben anderen militärischen Vereinen aktiv und investiert dafür seine gesamte Freizeit. Familie hat er keine, dafür eine «Schweizer Flammenfahne im Garten, die das halbe Sihltal hinunterleuchtet».

Im bierseligen Zelt sitzt auch Hermann Suter, Präsident der Gruppe Giardino, die sich für eine starke Milizarmee einsetzt. Über die Zustände in Bundesbern kann sich Suter mächtig aufregen, und mit dem Bundesrat würde er, zumindest im bierseligen Zustand, am liebsten kurzen Prozess machen: «Sie haben unsere Armee geschlissen. Was die dort oben machen, ist in der Nähe des Verrats. Ich stehe dazu: Diese Bundesräte sollte man alle erschiessen – mit Ausnahme von Ueli Maurer.»

Eine Stellungnahme des WOZ-Kollektivs zur journalistischen Sorgfalt bei der WOZ und bei der NZZ: http://www.woz.ch/-4328

Aussergerichtlicher Vergleich

In obigem Text wurde der Präsident der Gruppe Giardino, Hermann Suter-Lang, mit folgender Aussage zitiert: «Ich stehe dazu: Diese Bundesräte sollte man alle erschiessen – mit Ausnahme von Ueli Maurer.»

Diese Aussage ist offenbar nicht richtig wiedergegeben. Vielmehr hat Hermann Suter-Lang gesagt: «Diese Bundesräte sollte man alle mit Ausnahme von Maurer mit heissem Käse verschiessen», was gemäss Hermann Suter-Lang so viel bedeutet wie «ins Pfefferland wünschen».

Wir bedauern, aufgrund der schlechten Verständlichkeit des Tonbandmitschnitts den Zusatz nicht berücksichtigt zu haben. Ausserdem entschuldigen wir uns bei Hermann Suter-Lang, sollten wir dadurch dessen Persönlichkeit verletzt haben. Dies war nicht unsere Absicht.

Ebenso wenig rechnete Dominik Gross als Autor des Artikels damit, dass im Nachhinein der Eindruck entstehen konnte, dass die später veröffentlichte Aufzeichnung, die er während des Interviews mit dem Präsidenten der Giardino-Gruppe erstellte, «heimlich» geschehen sei. Er ist aufgrund der Umstände davon ausgegangen, sein Gesprächspartner habe das eingeschaltete Aufnahmegerät bemerken müssen, und ist von dessen stillschweigendem Einverständnis ausgegangen. Sollte dem nicht so sein, entschuldigen wir uns bei Hermann Suter-Lang ebenfalls dafür.