Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Ironie (ist verantwortungslos)

Im ironischen Zeitalter scheint alles gleich wichtig oder unwichtig. Aber die wahrhaftige Ironie ist harte Arbeit fürs Überleben.

Von Stefan Howald

Mit ironischem Lächeln auf den Totentanz ums Goldene Kalb blicken. Alles auf Abstand halten. Sich auf nichts und niemanden einlassen. Wie reizvoll ist solch eine Haltung, wie überlegen die ihr entspringende Distanz!

Im Griechischen war die Ironie ursprünglich eine Vorspiegelung, eine Täuschung. Auch die sokratische Ironie ist ein bewusstes Sich-unwissend-Stellen, um im Gespräch etwas Unbekanntes hervorzulocken: eine Täuschung zu besserem Zweck.

Ironie ist von verwandten Formen begrenzt: Satire und Sarkasmus, bis hin zum Zynismus. Sie scheint demgegenüber weicher, freundlicher, auch unverbindlicher. Tatsächlich leben wir gegenwärtig im Zeitalter der Ironie. Der Lifestyle wird in den ironischen Glanz getaucht, dass man es anders und besser weiss. Die gesellschaftliche und die eigene Geschichte dienen als Steinbruch für spöttische Anekdoten. Die Beliebigkeit bis hin zur Besinnungslosigkeit beglaubigt sich als spielerisches Tändeln mit allen Möglichkeiten. Der Kitsch wird als ironisches Zitat gefeiert.

Darin mag eine leise Enttäuschung über das Ende der grossen Erzählung eines sozialen Fortschritts nachwirken. Ihre GegnerInnen werfen dieser Ironie vor, alles sei ihr gleich wichtig oder unwichtig, sie sei eine Flucht vor eigenen Positionen, vor einem Engagement, ja sie sei verantwortungslos angesichts der Weltlage. Der Vorwurf ist berechtigt. «Das ist ironisch gemeint», ist die Ausrede der Denkfaulen und Gefühlskalten.

Wahrhaftige Ironie unterscheidet sich davon kategorisch. Sie ist harte Arbeit, in zweierlei Hinsicht. Sie verlangt scharfe Beobachtung. Und sie muss sich ihre Distanz jederzeit erkämpfen.

Wahrhaftige Ironie lässt sich auf ihren Gegenstand (einen Zustand, einen Menschen) ein. «Plustere dich doch nicht so auf», sagt sie, «glaubst du wirklich, was du sagst, was du behauptest, was du zu sein vorgibst? Ist deine Sicherheit nicht nur vorgetäuscht, anmassend, diktatorisch?» Diese Ironie muss ihren Gegenstand kennen, um ihn in ein anderes Licht rücken zu können. Sie verfremdet ihn, um ihn durchsichtig zu machen. Sie wird ihn (den Zustand, den Menschen) entsprechend ernst nehmen und sogar lieben (mit Massen). Aber sie wird sich von ihm nicht hinreissen lassen. Sie bleibt auf genau ausgemessener Distanz. Sie setzt sich von ihrem Gegenstand ab, um ihm näherzukommen. Sie verlangt Empathie, aber keine ekstatische Vereinigung (die einem anderen Bereich angehört). Liebe kann keine Ironie gebrauchen; doch die erfüllte Liebesbeziehung hat diese nötig.

Ironie ist ein Mittel der Wahrnehmung und des Denkens. Sie spielt die fixen Meinungen, die schnellen Urteile erneut durch, erprobt sie noch einmal. Sie ist aber vor allem eine Haltung. Der ironische Mensch blickt tapfer auf die Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit der Welt. Damit bleibt nicht alles ins Licht des Zweifels getaucht, im Gegenteil. Die Zustände (gesellschaftliche Machtverhältnisse, menschliche Charaktere) kommen aus diesem Licht erleuchtet hervor. Erst durch die Ironie hindurch entstehen Meinungen, Positionen und Handlungsanleitungen. Gegenüber Dogmatismus, Resignation, Zynismus ist die ironische Haltung zur Welt die einzig mögliche, die der Welt gerecht wird.

Ironie gilt auch und vor allem sich selbst gegenüber. Der ironische Mensch setzt sich der unbarmherzigsten Prüfung aus. Er verletzt nicht die anderen, höchstens sich selbst, da er um die Verletzlichkeit der Welt weiss und sie aushalten muss.

Ihre VerächterInnen wollen sie allerdings höchstens im Privaten akzeptieren und sie darin einsperren. Dagegen sei Ironie, meinen sie zuweilen, in der Öffentlichkeit, in den Medien fehl am Platz, da sie nicht verstanden werde, Missverständnisse schaffe, die LeserInnen überfordere. Ja, in Boulevardmedien sei ein Ironieverbot ehernes Gesetz. Aber selbst hochkarätige JournalistInnen bei seriösen Linkszeitungen wollen sie aus ihrem Blatt verbannt wissen. Das ist eine Unterschätzung und Unterforderung der LeserInnen. Und es beraubt die Denkenden, Schreibenden einer notwendigen Waffe.

Denn die ironische Haltung zur Welt ist die einzig mögliche.

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