Nr. 45/2013 vom 07.11.2013

«Wir halten die Schafe nicht, um Bären zu füttern»

Seit in der Schweiz wieder Wölfe und Bären leben, schützen Hunde die Herden. Das geht nicht immer ohne Konflikte – ausserdem lernen auch die Raubtiere dazu. Und was tun, wenn plötzlich die halbe Herde verschwindet? Die WOZ hat im Unterengadin Schafe gehütet.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Giorgio Hösli (Fotos)

Da steht er vor dem Zaun, versperrt mir den Weg und bellt. Er sieht ein bisschen aus wie ein Eisbär: gross und weiss, aber schlank – das muss Duran sein. Dünn wie Duran, hat mir die Bäuerin eingeschärft. Ich erinnere mich, was ich im Herdenschutzkurs gelernt habe: Nicht direkt auf den Hund zugehen, nicht in seine Augen schauen. Zum Glück steht gleich neben dem Zaun die Futterkiste. Nach einer Portion Trockenfutter ist Duran schon viel freundlicher. Ich fülle noch einen Futtereimer und gehe den zweiten Hund, Krabat, suchen. Duran folgt mir wedelnd, Schnauze an meinen Schuhen.

Die Schafe sind misstrauischer als die Hunde: massige Weisse Alpenschafe und schlankere, lebhafte braune Engadinerschafe, eine alte regionale Rasse. Sie gehören zwei Bauernfamilien in Tarasp. Die Nacht verbringen sie hier oben auf dem 2363 Meter hohen Crap Putèr, auf drei Seiten mit einem Elektrozaun, auf der vierten durch eine Felswand geschützt. Zwei Wochen lang werde ich jeden Morgen den Zaun öffnen und die Herde rauslassen, sie am Abend wieder einpferchen, den Zaun kontrollieren, die Schafe zählen, ihnen Salz und den Hunden Futter und Wasser geben.

900 Meter unter mir sehe ich einen winzigen roten Zug in den Bahnhof Ardez einfahren. Vom Crap Putèr aus überblicke ich fast das ganze Unterengadin, von Lavin bis zur österreichischen Grenze. Übernachten kann ich 200 Höhenmeter unter dem Gipfel in einer kleinen Hütte ohne Strom und Wasser, die geschützt zwischen Lärchen und Arven steht. Es ist still, nur hin und wieder zetert ein Tannenhäher. Wenn es zu still wird, höre ich mit dem Kurbelradio SRF 2.

Seit Jahrhunderten gehören die Grasberge zwischen Val Plavna, Val Sampuoir und dem Piz Nair den Schafen – die Alp heisst Munt da la Bescha, Schafberg. In den letzten Jahrzehnten waren die Schafe den ganzen Sommer allein hier oben. Bis im Juni 2010 Bär M2 vorbeikam. Er blieb nur wenige Tage in der Schweiz, erschreckte den Senn der Alp Laisch (der ihn fotografierte), stieg auf den Schafberg und riss vier Tiere. Kurz darauf kehrte er zurück nach Italien; dieses Jahr wurde er im Trentino von einem Wilderer angeschossen und starb an den Folgen der Verletzung.

Nach dem Bärenangriff holten die beiden Bauernfamilien ihre Schafe von der Alp und suchten Hilfe bei der Fachstelle Herdenschutz der landwirtschaftlichen Beratungsstelle Agridea. «Die Schafe waren ganz verstört», erinnert sich Barbara Niederhauser, Bäuerin in Tarasp. «Sie blökten nicht mehr, tagelang gaben sie kein Geräusch von sich.» Zusammen mit zwei Herdenschutzhunden brachten die BäuerInnen die Tiere zurück auf den Berg. Einmal in der Woche deponierten sie das Hundefutter in zwei Ochsnerkübeln, die Duran und Krabat selbstständig öffnen konnten. Doch im nächsten Jahr kam wieder ein Bär, diesmal tötete er achtzehn Schafe. «Die Alp ist unübersichtlich», erklärt Niederhauser. «Die Schafe sind oft im Wald, dort haben die Hunde keine Chance zu reagieren.» Die Berater der Fachstelle Herdenschutz schlugen eine neue Lösung vor: Die Herde sollte die Nacht eingezäunt auf dem Crap Putèr verbringen. Doch das geht nicht ohne Menschen. So kamen zum ersten Mal Freiwillige auf den Munt da la Bescha (vgl. «Freiwilliger Herdenschutz» im Anschluss an diesen Text).

Seither gab es keine Risse mehr. Bär M13 spazierte zwar in Tarasp herum und plünderte ein Bienenhaus, aber er kam nicht auf den Berg. «Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Schutz jetzt funktioniert», sagt Barbara Niederhauser. Seit M13 im Februar 2013 als Problembär erschossen wurde, kam kein Bär mehr ins Engadin. Wölfe sind bisher auch keine eingewandert. «Aber wir können die Hunde ja nicht zurückschicken und wieder holen, wenn wir sie brauchen», sagt Niederhauser.

Was will dieser Hund?

Wie zählt man Schafe? Der Crap Putèr ist voller Buckel und Mulden, in denen der Blaue Eisenhut wächst, von Hummeln umschwärmt. Ein schöner Berg mit einer grossartigen Aussicht, aber zum Zählen der Herde unmöglich: Immer steht noch irgendwo ein Schaf hinter einem Hügelchen, und wenn ich quer über den Gipfel gehe, um auf der anderen Seite nachzuschauen, rennt ein Teil der Tiere davon, ich verliere die Übersicht und kann wieder von vorne anfangen. Manchmal verfolgt ein Bock ein Mutterschaf rund um den Berg, testet mit hochgezogenen Lippen ihren Urin und grunzt dazu wie ein Schwein. Das kleinste Lamm verliert immer wieder seine Mutter, versucht, bei halbwüchsigen Lämmern Milch zu bekommen, und wird heftig weggestossen. Auch das Umschmeissen der beiden Sitzbänke auf dem Gipfel ist eine beliebte Schafbeschäftigung.

Am Morgen, wenn ich den Pferch öffne, dauert es meistens eine Weile, bis die Schafe losziehen. Irgendwann ruft ein Lamm seiner Mutter, die Mutter rennt nach vorne, weitere beginnen zu rufen, und dann gehen sie. Manchmal ein stürmischer, ungeordneter Haufen, manchmal eines hinter dem anderen wie eine Perlenkette. Dort, am Eingang des Zauns, schaffe ich es endlich, sie zu zählen, und komme tatsächlich auf 87.

Sie haben ihre Routen, aber sie variieren sie jeden Tag. Manchmal ziehen sie zuerst hinunter zum Brunnen bei der Hütte. Manchmal folgen sie der steilen Flanke des Schafbergs zu den Geröllhalden und steigen dann hinauf bis auf 2560 Meter. Bei nassem Wetter bleiben sie eher im Wald, schauen manchmal auf der benachbarten Alp Laisch vorbei, wo sie neben den Kühen weiden und die kleine, flinke Hütehündin den grossen Duran in die Nase beisst. Obwohl er bestimmt viermal schwerer ist als sie.

Ende August wird es kalt, Schneeregen auf dem Crap Putèr, stoisch stehen Schafe und Hunde da, hin und wieder schütteln sie sich, dass es spritzt. Das Hundefell sieht aus wie ein nasser Wollteppich und riecht auch genauso. Nicht unangenehm. Meine Schuhe werden nicht mehr trocken, und alle, die mich besuchen wollten, sind krank.

Ich verstehe Duran nicht. Gerade als die Schafe den Pferch verlassen wollen, fährt er kläffend auf sie los, und sie versprengen in alle Richtungen. Will er seine Futterkiste verteidigen? Schliesslich führe ich ihn jeden Morgen am Halsband vom Zaun weg und halte ihn fest, bis die Herde draussen ist. Er lässt sich das gefallen, überhaupt ist er der freundlichste Hund, den ich mir vorstellen kann. Regelmässig taucht er bei der Hütte auf und legt sich vor die Tür, einmal begleitet er mich auf eine Wanderung und lässt sich den ganzen Tag nicht zurückschicken. Dabei wäre es doch seine Aufgabe, bei den Schafen zu bleiben …

Bellen, nicht beissen

«Wir haben Duran jetzt zur Abklärung auf einen anderen Hof geschickt», sagt Jan Boner Ende Oktober. «Wir müssen herausfinden, ob das Problem wirklich beim Hund liegt oder beim Ort, wo er war.» Boner ist am landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Plantahof in Landquart zuständig für das Hundewesen. Er sagt, vielleicht habe Durans Verhalten mit den vielen Wechseln zu tun: Zuerst kam der Hund vom Züchter zum ersten Schafhalter, nach dessen Pensionierung zu Niederhausers, und jetzt musste er auch noch mit den vielen Freiwilligen umgehen, die nur eine bis drei Wochen auf der Alp bleiben.

Herdenschutzhunde wachsen gemeinsam mit Schafen auf und erhalten in den ersten zwei Lebensjahren eine intensive Ausbildung. Sie werden an Elektrozäune, Autofahrten und die Leine gewöhnt. Boner betont: «Der Züchter muss darauf achten, dass nur Hunde zum Einsatz kommen, die Verantwortung für die Nutztiere übernehmen. Aber das ist zu einem grossen Teil Veranlagung – es gibt seit Jahrtausenden Herdenschutzhunde.» Für das Treiben der Herde sind Herdenschutzhunde dagegen nicht zuständig – dafür gibt es andere Rassen, zum Beispiel Border Collies.

Frühestens mit eineinhalb Jahren kommt der Hund dann zu den SchafhalterInnen. Danach sollte es möglichst keine Wechsel mehr geben. Und der Kontakt zwischen Mensch und Hund ist ganz wichtig. «Ein Hund, der zwar die Herde gut verteidigt, aber keinen Menschen an sich heranlässt – das kann es nicht sein», sagt Boner. Wäre es nicht sinnvoll, die Hunde an einige einfache Befehle zu gewöhnen? Boner widerspricht: «Diese Rassen haben keinen befehlsgesteuerten Charakter. Man erwartet von ihnen, dass sie 24 Stunden am Tag selbstständig arbeiten. Das widerspricht dem sogenannten Kadavergehorsam, zu dem man andere Hunde erzieht.»

Schutzhunde bellen. Auch im Winter. Weil der Schafhalter, bei dem die Hunde vom Munt da la Bescha bisher den Winter verbrachten, pensioniert ist und seinen Hof verpachtet hat, bleibt der zweite Hund, Krabat, bei Niederhausers. Doch es ist schwierig: Der Hof liegt zwischen dem Golfplatz von Vulpera und dem idyllischen Dorf Tarasp, unten eine Gourmetbeiz, oben ein Spazierweg, im Winter auch eine Schlittelbahn. Bereits hagelt es Beschwerden über Krabats Gebell.

Und nicht alle Herdenschutzhunde sind so freundlich wie Duran und Krabat. Immer wieder fühlen sich WanderInnen bedroht. Jan Boner sagt, es sei wichtig, offensiv über die Aufgabe der Hunde zu informieren. Auch die Tourismusbüros seien gefordert, gerade im Winter. «Schutzhunde bellen und stinken, wer Pech hat, tritt in Hundescheisse oder wird sogar daran gehindert, wie geplant auf dem Wanderweg weiterzugehen. Natürlich nervt das. Aber wir akzeptieren in unserer Gesellschaft vieles, was nervt. Staus zum Beispiel.» Darum müsse verständlich gemacht werden, welche wichtige Rolle die Hunde spielten. «Ohne sie ist in den Alpen keine Schaf- und Ziegenhaltung mehr möglich – Wolf und Bär sind da. Schafe und Ziegen ermöglichen vielen Bauern eine Existenz, und sie halten die Landschaft offen. Das kommt den Touristen zugute: Lieber mal ein bellender Hund, als sich beim Wandern nur noch durch Büsche und Dornen kämpfen zu müssen.»

«Ich hoffe, wir finden eine Lösung», sagt Barbara Niederhauser. «Es gab viel Bärennachwuchs in Italien. Gut möglich, dass nächstes Jahr wieder ein junger Bär ins Engadin kommt – und ziemlich sicher auf unsere Talseite, weil sie wilder ist.» Niederhauser fände es traurig, den Schafberg aufzugeben: «Die Schafe haben es paradiesisch da oben. Aber die Alp ist zu klein, um einen professionellen Hirten zu finanzieren. Und eine ungeschützte Alp kommt für uns nicht mehr infrage: Wir halten die Schafe doch nicht, um Bären zu füttern!»

Das System austricksen

Der Bär spielt für den Herdenschutz in der Schweiz zurzeit eine Nebenrolle. Die grosse Herausforderung kommt vom Wolf. Heute leben etwa zwanzig Wölfe im Land, letztes Jahr gebar eine Wölfin am Calanda bei Chur die ersten Jungen.

Doch im Calandagebiet blieb es dieses Jahr erstaunlich ruhig: Während Wölfe im Wallis mehr als hundert Nutztiere töteten, waren es im Umkreis des ersten Wolfsrudels nur gerade zwanzig. Daniel Mettler, Leiter der Fachstelle Herdenschutz der Agridea, sieht mehrere Gründe dafür: «Die Calandawölfe jagen bisher vor allem Wild – zum Glück gibt es viel in der Gegend. Und auf Ramoz, der gefährdetsten Alp, wo es letztes Jahr am meisten Risse gab, wurden die Schafe konsequent gehütet.» Auch das Wetter mag eine Rolle gespielt haben: In Hochdruckphasen wie diesen Juli ist es für HirtInnen einfacher, eine Herde zusammenzuhalten, und ein Wolf hat weniger Möglichkeiten, sich anzuschleichen.

Aber Wölfe sind schlau. Sie lernen dazu. Von ihrer Körperkraft her wären sie durchaus in der Lage, die heute gebräuchlichen Weidezäune zu überspringen – manche Hunde können das auch. Die Schweizer Wölfe sind bisher nicht auf die Idee gekommen. Doch das kann sich ändern.

«Wölfe suchen keine Konfrontation mit Herdenschutzhunden», sagt Daniel Mettler. «Sie versuchen, das System auszutricksen. Wenn sie lernen, dass der Hirt immer am Nachmittag Siesta macht, kommen sie eben dann. Wenn die Herde weit verstreut ist, greifen sie dort an, wo die Hunde gerade nicht sind.» Ein Stück weit könne man sich anpassen mit besseren Zäunen, mehr Hunden und mehr Hütearbeit. «Aber man sieht in den französischen Alpen, dass der Wolf den Hirten Grenzen aufzeigt.»

Die Agronomin Clémence Delaye, die diesen Sommer ein Praktikum in der Schweiz machte, kann das bestätigen. Sie kommt aus einer Schäferfamilie in den provenzalischen Alpen. «Die Wölfe haben keine Angst mehr vor den Menschen», sagt sie. «Sie kommen am hellen Tag. Obwohl immer mehr Schutzhunde und Hirtenhilfen im Einsatz sind, steigen die Schäden. Man müsste den Wolf einfacher jagen können.» Sie wolle den Wolf überhaupt nicht ausrotten. «Aber mit über 300 Tieren ist er in Frankreich nicht mehr gefährdet. Man sollte die Bestände regulieren.» Allerdings ist sie pessimistisch: «Bei uns ist der Graben zwischen Stadt und Land, zwischen Umweltschützern und Bauern noch viel tiefer als in der Schweiz. Die Anliegen der Schafhalter werden kaum gehört, Paris ist weit weg. Jedes Jahr sind es weniger, die ihre Herden auf die Alp bringen, viele geben die Schafhaltung auf, und die Jungen sind demotiviert.»

Man dürfe die Geduld der LandwirtInnen nicht überstrapazieren, sagt auch Daniel Mettler. «Aber die Abschusspraxis der Schweiz ist da hilfreich. Wenn sich bei uns ein Wolf auf Nutztiere spezialisiert, darf er gejagt werden. Wir hatten vor einigen Jahren im Wallis eine Wölfin, die nur noch Schafe frass. Nach dem Abschuss stellte sich heraus, dass sie verletzt gewesen war und vermutlich nichts anderes mehr erwischte.»

Die Strukturen auf den Schafalpen hätten sich in den letzten Jahren in vielen Kantonen verändert, sagt Mettler. «Herden wurden zusammengelegt, damit es wieder möglich ist, Hirten anzustellen. Auf vielen kleineren Alpen funktioniert der Schutz mit Herdenschutzhunden allein. Zivildienstleistende und Freiwillige ergänzen das gut.»

Im Mai 2012 schlossen die Verbände Jagd Schweiz, Pro Natura, WWF und der Schweizerische Schafzuchtverband einen historischen Kompromiss: Alle akzeptieren die Rückkehr der Grossraubtiere in die Schweiz, aber auch den Abschuss von Einzeltieren, die zu viel Schaden anrichten, gemäss den Konzepten des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Der Herdenschutz soll weiterentwickelt werden.

Seither hat sich die Diskussion etwas beruhigt – ausser im Wallis. 114 der rund 200 dieses Jahr vom Wolf gerissenen Nutztiere lebten in diesem Kanton, ein grosser Teil davon im Goms. Es gebe Alpen wie die Schafalp Grimsel-Nassboden, die nicht schützbar seien, sagte German Schmutz vom Schafzuchtverband gegenüber den Medien.

«Auf der Alp Grimsel können wir Herdenschutz tatsächlich nicht empfehlen», sagt Daniel Mettler. «Man müsste grosse, sehr steinige Flächen einzäunen, und wegen der vielen Touristen wären Herdenschutzhunde problematisch. Ausserdem ist die Vegetationszeit sehr kurz, und die Schafe können die sensible Pflanzenwelt schädigen.» Es wäre sinnvoller, diese Alp aufzugeben und die Schafe auf andere Alpen im Goms zu verteilen. «Diese lassen sich besser schützen, und dort gäbe es genug Platz.»

Aber das Wallis ticke anders. «Man fühlt sich sehr schnell in seiner Autonomie gestört», sagt Mettler. «Auf manchen Alpen will jeder Schafhalter seine Tiere selbst kontrollieren. Man will das eigene Territorium nur ungern fremden Hirten anvertrauen.» In der «Rhonezeitung» verbreitete Herbert Volken, der Gommer Präfekt (Regierungsstatthalter), vergangenen Juni die alte Legende, die Wölfe würden ausgesetzt, und prahlte: «Ich erlege den Gommer Wolf für 3.60 Franken. So viel kostet eine Patrone für mein Gewehr.» Man solle das Tier erschiessen; wenn «ein Asylant nicht pariert», werde er auch ausgeschafft. Nachdem der Gommer Wolf 39 Schafe gerissen hatte, wurde er Anfang September legal geschossen; das Bafu und der Kanton waren sich allerdings nicht einig über die Details der Abschussbewilligung.

Die Herde verschwindet

Eines Morgens hat die Gefleckte, das dickste Schaf der Herde, ein winziges dunkelbraunes Lamm bei sich. Es besteht fast nur aus Beinen und kann noch nicht blöken, nur leise fiepen. Zwei Tage bleiben die beiden im Pferch, dann ziehen sie mit der Herde. Ich begleite sie ein Stück, alles scheint gut zu gehen, das Lamm macht schon Luftsprünge, und die Herde lässt sich Zeit. Aber am Abend fehlen beide. Der Bauer Thomas Niederhauser meint am Telefon, ich solle abwarten, das komme vor. Sorgen mache ich mir trotzdem.

Am nächsten Abend traue ich meinen Augen nicht: Zwei Drittel der Herde fehlen. Und Krabat. Duran steht mit 35 Schafen vor dem Pferch und kläfft alle an, die hineinwollen. Mit dem Feldstecher suche ich die Hänge ab. Nichts. Ein strahlender Tag, aber kein Blöken, keine Glocken. Im Wald können sie nicht sein, da hätte ich sie gehört. Aber ich habe einen Verdacht …

Als um 19 Uhr immer noch nichts passiert ist, ziehe ich los. Nervös, denn um halb neun wird es dunkel, ich habe keine Stirnlampe dabei, und die felsige Stelle auf dem Weg zur Hütte möchte ich nicht im Dunkeln passieren müssen. Ich steige auf den ersten Berg, der aus weissem, kalkigem Gestein besteht, steige höher, zu den dunkelgrauen Granitfelsen, das Haupttal liegt schon im Schatten, doch hier oben ist alles erleuchtet, und die Berge wirken heller und weiter, je höher ich komme. Aber immer noch nichts, kein Blöken, keine Spur, mir kommen die Urner Sagen von Rinderherden in den Sinn, die über Nacht verschwanden.

Ich keuche den letzten Hang hoch, und da, ganz zuoberst, auf der flachen Wiese, die man von nirgendwo sieht, kommt mir Krabat entgegen, da ist die Herde, und ganz vorne die Gefleckte mit dem Lamm. Sieht ganz so aus, als wären sie ihr entgegengegangen, um sie abzuholen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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