Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Wenn Gedichte nach traurig riechen können

Der Kanton Schwyz gilt als kulturelles Ödland. Hier lebt Martina Clavadetscher, die eben ihr Debüt «Sammler» veröffentlicht hat. Was bedeutet es, am Rand des Betriebs zu leben?

Von Robert Müller

Martina Clavadetscher führt den Besucher ein wenig durch Brunnen. Die zierliche Frau strotzt vor Energie, sie hüpft fast mehr, als sie geht. Ein paar Schritte entfernt liegt der See, wo Massen von TouristInnen auf die Schiffspassage hinüber zum Rütli warten.

Und woran denkt man sonst noch bei Brunnen? An die Tristesse im Winter. Und an die Föhnstürme, die hohe Wellen aus dem Urnersee auf den Uferquai von Brunnen schaufeln. Manchmal kommt das Fernsehen und dreht dramatische Bilder für die Wetternachrichten. «Der Föhn ist das Einzige, was hier regelmässig abgeht», sagt Clavadetscher. Sie lacht.

Der Rummel ist gross

In der Mietwohnung im alten Zentrum von Brunnen erlaubt Martina Clavadetscher einen kurzen Blick in ihr Arbeitszimmer. Der Tisch ist übersät mit bedruckten Blättern, Notizen und Fresszetteln. Auf dem Wohnzimmerteppich liegen die Spielsachen von Kindergärtler Felix. «Ich versuche, meine Familie aus dem Rummel herauszuhalten», sagt Clavadetscher.

Der Rummel ist gross. Erst kürzlich hat Martina Clavadetscher an den Luzerner Literaturtagen aus ihrer ersten Erzählung «Sammler» gelesen, müde und abgekämpft. Sie entschuldigte sich beim Publikum. Sie komme gerade direkt von der Buchmesse in Leipzig, wo sie ebenfalls vortragen konnte.

«Das war hektisch und aufreibend, ich habe wenig Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb», sagt Martina Clavadetscher, «das Adrenalin war abgesackt, aber jetzt bin ich wieder vollkommen fit.» Doch die Kadenz an Auftritten bleibt hoch. Buchvernissage in Luzern, Lesungen in Brunnen und an den Solothurner Literaturtagen.

Die Autorin, Tochter einer Hotelfachfrau und eines Journalisten, ist in Brunnen aufgewachsen. Sie studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie in Fribourg, wo sie 2004 den Literaturpreis der Universität gewann. Seither, so scheint es, ist sie nicht mehr zu bremsen.

In Martina Clavadetschers Debüterzählung «Sammler» dreht sich alles um die Faszination von Lyrik. Die Protagonistin, die Kulturjournalistin Sofia, findet in einem Antiquariat zufällig ein Notizbuch mit eingeklebten Gedichten, versehen mit mysteriösen handschriftlichen Anmerkungen. Sofia ist elektrisiert von dem Buch und startet eine gefährliche Recherche nach dem vorherigen Besitzer.

Das erste Kapitel endet mit dem Satz: «Draussen war es kühl und die Luft roch nach traurig.» Eine Metapher für alles, was folgt? «Vielleicht», sagt Martina Clavadetscher. «Aber über solche Sätze diskutiert man mit der Lektorin oft dreimal, bis sie schliesslich durchkommen.» Sie hat gewonnen.

Und Sofia verstrickt sich immer tiefer in dieser traurig riechenden Luft, bis nicht mehr klar ist, was Realität ist und was Fiktion.

Martina Clavadetscher gehört nicht erst seit «Sammler» zu den gefragtesten AutorInnen aus der Zentralschweiz. Die 35-Jährige ist in vielen Sparten zu Hause. Sie schreibt Gedichte und Drehbücher, liest Kolumnen für Radio SRF 1, und ihre Bühnenstücke werden im In- und Ausland inszeniert. In der aktuellen Spielzeit ist sie Hausautorin am Luzerner Theater.

Gerade mal 5000 Franken

Warum kehrt die Schriftstellerin immer wieder nach Brunnen zurück, in das Dorf im Kanton Schwyz, wo die Kultur auf besonders steinigen Boden trifft? «Wut, Reibung und aufgestaute Aggressionen sind für mich ein guter Nährboden fürs Schreiben», erklärt Clavadetscher.

Und verweist damit auf die Besonderheit des Kantons Schwyz. Nirgendwo im Land ist der Staat schlanker als hier. Alteingesessene Konservative stimmen mit vermögenden neoliberalen NeuzuzügerInnen überein, dass es den Staat möglichst auszuhungern gilt. Rund 78 Franken gibt das Steuerparadies Schwyz pro EinwohnerIn jährlich für die Kultur aus. Zum Vergleich: Das benachbarte Zug – ebenfalls ein Steuerparadies – gibt pro Kopf 342 Franken aus.

Wer durch den Kanton fährt und nach kulturellen Institutionen sucht, findet nichts als Ödland. Schwyz hat kein Kulturförderungsgesetz, und dementsprechend fehlen kulturelle Treffpunkte. Wer Glück hat, bekommt ein bescheidenes Fördergeld. Martina Clavadetscher bekam als kantonale Kulturpreisträgerin welches. Es waren gerade mal 5000 Franken.

«Die Wertschätzung für die Kultur ist hier geringer als anderswo», sagt die Schriftstellerin. «Das ist frustrierend, und darum wandern viele Kulturschaffende ab.»

«Wer dennoch bleibt, ist auf sich selbst gestellt», sagt Clavadetscher, «muss sich aber auch nichts vorschreiben lassen. Darum passiert bei uns viel Kreatives im Untergrund.» Auch sie werde wohl im Dorf als Freak wahrgenommen, so genau weiss sie das nicht. «Etwas Anarchisches haftet uns an.» Auch wenn die Menschen im Kanton Schwyz kaum Geld für die Kultur ausgeben wollen, hungrig danach sind sie trotzdem. Diesen Widerspruch hat Clavadetscher selbst erlebt.

Hassliebe zum Kanton

Vergangenes Jahr wurde auf verschiedenen Schweizer Bühnen ihr «Deliver My Heart!» inszeniert, ein provozierendes Stück über eine Liebe, die inmitten künstlicher Welten zu überleben versucht. Auch in Brunnen wurde gespielt. «Die Leute kamen in Scharen, und sie haben es gut aufgenommen. Es gab keinen Skandal», sagt Martina Clavadetscher.

Sie liebe die grandiosen Landschaften rundum, habe viele Freunde gewonnen, aber sei oft auch wütend über die Leute im Dorf und im Kanton. «Es ist eine Hassliebe», sagt die Autorin. Und: «Ich bin gerne hier, aber ich muss nicht bleiben. Ich kann auch gehen.»

Die Autorin liest am Samstag, 31. Mai 2014, 
um 17 Uhr in Solothurn.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch