Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Im pazifistischen Aktivdienst

Abstimmungssonntag in einem St. Galler Altersheim: Zu Besuch beim Aktivisten Fridolin Trüb, der seit siebzig Jahren in der Friedensbewegung tätig ist.

Von Adrian Riklin (Text) und Ursula Häne (Foto)

Fridolin Trüb an seinem Arbeitstisch: «Jetzt wäre ein Friedensdepartement fällig.»

Sonnenlicht flutet in die Cafeteria des Alters- und Pflegeheims Wienerberg in St. Gallen. Fridolin Trüb wirkt gelassen an diesem Sonntagnachmittag, an dem wieder einmal über ein militärpolitisches Thema abgestimmt wird. Seit kurzem benötigt der 94-Jährige einen Rollstuhl. Abwarten, sagt er. Und weitermachen.

«Dem Frieden entgegen» lautet der Titel des Büchleins, das vor uns auf dem Tisch liegt. Trüb hat es vor fünf Jahren in einer kleinen Auflage herausgegeben. In «30 Geschichten und einer halben» lässt er darin die Geschichte der Friedensbewegung Revue passieren: immer mit einem persönlichen Erlebnis als Ausgangspunkt, das er in einen grundsätzlichen Zusammenhang stellt.

Fridolin Trüb verkörpert wie kaum einer die Friedensbewegung in der Schweiz. Seit siebzig Jahren befindet er sich im Aktivdienst – nicht im militärischen wie die meisten seiner Altersgenossen, sondern in einem pazifistischen.

Mit der Friedensbewegung kam Trüb schon früh in Kontakt: Sein Vater war Mitglied bei der Vereinigung antimilitaristischer Pfarrer. Beeindruckt hatten den jungen Trüb zunächst vor allem die Biografien von Henry Dunant, Albert Schweitzer und Mahatma Gandhi. Während des Zweiten Weltkriegs, als er in Basel seine Ausbildung zum Zeichenlehrer machte, beeinflussten ihn die Schriften des Theologen Karl Barth gegen den Nationalsozialismus sowie Texte von Leonhard Ragaz in den religiös-sozialistischen «Neuen Wegen» zur Flüchtlingspolitik, die in dieser Zeit wegen der Zensur als «geheime Hefte» versandt wurden. Trüb war 1941 beim Vertrieb der verbotenen Ausgaben beteiligt: «Militärdienst musste ich nicht machen. Ich bin mangels Einsatzmöglichkeit zurückgestellt worden. Ansonsten hätte ich wohl die Schiesspflicht verweigert.»

Siebzig Jahre Friedensarbeit

Seinen eigentlichen Aktivdienst in der Friedensarbeit begann Trüb kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 – in jenem «entscheidenden Jahr», wie Trüb sagt, «in dem die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden – und zugleich die Uno und der Schweizerische Friedensrat gegründet wurden». In jenem Sommer machte er seinen ersten Einsatz als freiwilliger Helfer beim Service Civil International (SCI) und lernte dabei auch seine Frau Elisabeth kennen. Bis 1957 folgten viele weitere Einsätze in kriegsversehrten Gebieten in Deutschland und den Niederlanden.

Als Pazifist und Atomwaffengegner, der seine Meinung auch in Zeitungsartikeln kundtat, hat Trüb im Kalten Krieg miterlebt, was es heisst, in einen Topf mit Terroristen geworfen zu werden. Entsprechend umfangreich ist das Fichenverzeichnis des «subversiven Zeichnungslehrers», wie er einst in der Presse bezeichnet wurde.

Seit eineinhalb Jahren wohnt Trüb im Wienerberg. So ist er ein wenig von der Bildfläche verschwunden. Doch hat er sich noch nicht aus dem Friedensdienst verabschiedet. Einmal im Monat trifft sich in seinem Zimmer die «Neue Wege»-Lesegruppe, um aktuelle Texte zu diskutieren. Vor einigen Tagen besuchten ihn zwei junge Frauen, die eine Begleitausstellung zur Friedensbewegung am Sozial- und Umweltforum Ostschweiz vom kommenden Wochenende planen (vgl. «Politour»-Rubrik). Auch mit Organisatoren der Hundertjahrfeier der Friedensorganisation IFOR in Konstanz steht Trüb in Kontakt.

Die Beziehung zu jüngeren Generationen der Friedensbewegung liegt ihm am Herzen. Beispielhaft dafür waren der Kampf für eine «Schweiz ohne Armee» (1989) und der Widerstand gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen, der in den frühen neunziger Jahren in der Ostschweiz eine ganze Generation politisiert hat. Auch die 1982 von Trüb mitbegründete St. Galler Friedenswoche versammelt bis heute eine bunte Mischung aus älteren und jüngeren AktivistInnen.

Eine konkrete Vision

Wir zügeln in sein Zimmer, um am Radio die Abstimmungsresultate zu hören, und setzen uns an den Tisch, auf dem in einem wilden Durcheinander unzählige Zeitschriften, Zeitungen, Bücher, Notizen und Skizzen liegen. An der Wand lehnt eine Mappe mit Aquarellen. Sie erinnern daran, dass Trüb auch ein Künstler ist. Bis heute malt er jede Woche mindestens ein Aquarell.

Als um 16.45 Uhr vermeldet wird, dass der Kauf der Gripen abgelehnt wurde, bleibt Trüb gefasst – und beginnt sogleich, das Resultat in ein grösseres Ganzes einzuordnen: «Ist mit dieser Abstimmung etwas Wesentliches zur Friedenspolitik in der Schweiz passiert? Haben wirtschaftliche Interessen mehr dazu beigetragen als friedenspolitische? Und hat das für die Armeepolitik eine Auswirkung?» Seine persönliche Meinung dazu sei: «Allein der Kauf von Kampfflugzeugen geht davon aus, dass in der Schweiz militärische Auseinandersetzungen geführt werden. Dazu sage ich grundsätzlich Nein – alles, was zu einem Ausbau von Kampfpositionen führt, ist mir zuwider.»

Dass das Nein zum Kauf der Gripen der Friedensbewegung Auftrieb verleihen könnte, bezweifelt Trüb: «Das wäre höchstens der Fall, wenn auch eine friedenspolitische Idee propagiert worden wäre. Aus friedenspolitischer Sicht war die Abstimmung über die Abschaffung der Wehrpflicht wichtiger. Doch leider wurde auch diese Chance verpasst: Meine Hoffnung war, dass die Friedensbewegung dabei mit konstruktiven Postulaten auftreten würde.»

Ginge es nach Trüb, «so müsste in der Bundesverwaltung eine eigene Abteilung für die Planung eines internationalen Friedensdienstes geschaffen werden» – mit der Idee, dass die Existenz der Schweiz zu einem wesentlichen Teil nicht nur in der Behauptung der eigenen Sicherheit bestehe, sondern in der Mitarbeit bei der internationalen Abrüstung und in der Förderung der zivilen Einsätze. Die Schweiz müsse vorbildhaft im Aufbau eines solchen Programms wirken: «In der Zusammenfassung von all dem wäre jetzt ein Friedensdepartement fällig. Das anzustossen, wäre eine Aufgabe für die Friedensbewegung; der Schweizerische Friedensrat müsste an einem solchen Programm arbeiten.»

17.30 Uhr, Zeit fürs Abendessen. Auf dem Weg in den Speisesaal frage ich ihn, wie er die Zukunft der Friedensbewegung sehe. Fridolin Trüb überlegt eine Weile. Dann sagt er: «Die Friedensbewegung stirbt nicht, weil sie notwendig ist.»

Der Gripen-Absturz

Das Chalet wackelt

Gross waren am letzten Sonntag die Freude und auch die Erleichterung über das Nein zum Gripen. Befürchtet werden musste, dass diejenigen, die der «Masseneinwanderungsinitiative» der SVP zugestimmt hatten, ihr abgeschottetes Land jetzt militärisch gegen das feindliche Ausland in Position bringen wollten. Doch diesmal siegte die offene und zukunftsgerichtete Schweiz.

Der unerwartet deutliche Entscheid entlarvt die Slogans der KampfjetbefürworterInnen – «Sicherheit zuerst», «Schluss mit der Polemik» – als hohle Phrasen, die nicht zu verdecken vermochten, dass ein plausibles sicherheitspolitisches Konzept fehlt. Die rechten PolitikerInnen, daran gewöhnt, dass ihnen die Bürgersoldaten in solchen Fragen blind folgen, müssen ernüchtert feststellen, dass ihre Antworten nicht mehr tauglich sind.

Die Angst- und Chaletkampagne von Militärminister Ueli Maurer hat nur dort funktioniert, wo es sowieso schon Angst und Chalets gibt. Die Mehrheit lässt sich mit dem Mythos der bewaffneten Neutralität, mit der milliardenteuer aufgerüsteten Armee, die gegen alle Gefahren schützt, nicht mehr abspeisen. Sicherheit ist keine Frage von militärischen Gewaltmitteln. Entscheidend ist vielmehr die soziale, wirtschaftliche, ökologische, rechtliche Stabilität, die durch Aufrüstung zweifach bedroht wird: Erstens werden Steuergelder ineffizient eingesetzt, zweitens vermitteln Kampfjets und Sturmgewehre ein Gefühl der Stärke, das kaum zu solidarischen Lösungen führt. Wirksam ist hingegen der gewaltlose Einsatz für gerechtere Verhältnisse – in der Schweiz, in Europa, überall. Nur so kann die Welt friedlicher und die Schweiz sicherer werden.

Die Niederlage von SVP, FDP, CVP und BDP, die den Gripen durchs Parlament getragen haben, kommt zur rechten Zeit, denn die bürgerlichen Parteien wollen auch das Armeebudget weit über den bundesrätlichen Antrag hinaus erhöhen. Aber bevor nicht ein breit akzeptiertes sicherheitspolitisches Konzept vorliegt, ist ein Rüstungsmoratorium und ein Armeebudget von weiterhin 4,4 Milliarden Franken das einzig Vernünftige.

Roman Schürmann

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