Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Nicht in jedem Ländler steckt auch das Land

Zürich als Alpen- und Hafenstadt: Zwei historische Bücher zeigen, dass der politische Graben zwischen Stadt und Land ein Konflikt zwischen Tradition und Moderne ist.

Von Kaspar Surber

Ein Chalet in der Tonhalle Zürich: Das Bürgertum feiert 1896 im Klassiktempel die Volkskultur. Foto: aus «Ländlerstadt Zürich»

Die Werbung mit dem Chalet hat nicht verfangen. Mit dem Häuschen ohne Dach, das Ueli Maurer durch den Abstimmungskampf schleppte, wollte der Verteidigungsminister darstellen, dass die Schweiz ohne Kampfjets wehrlos sei. Auch wenn die Inszenierung die Stimmberechtigten nicht überzeugte: Das Chalet als Symbol für die Schweiz leuchtete allen ein. In diesem Frühling 2014 scheint immer noch zu gelten: Wenn der Staat mit einem Haus vergleichbar ist, dann wird ein so wohlgeordneter Staat wie die Schweiz ein pittoreskes Chalet sein.

Vielleicht hätte sich Ueli Maurer seine Werbung nochmals überlegt, wäre ihm bekannt gewesen, dass das Chalet aus der Massenproduktion stammt. In- und ausländische Architekten kreierten den Haustyp einst aus romantischen Vorstellungen über die Alpen. Das Chalet wurde zum Statussymbol für europäische AristokratInnen, die ihre Gärten 
mit kleinen «Schweizerhäusern» schmückten. Weil sich das Chalet für den Versand in Einzelteilen eignete, entstand im 19. Jahrhundert eine erste Fertighausindustrie: «Übernahme ganzer Bauten à forfait», warb die Chaletfabrik Holligen in Bern.

Nachzulesen ist das im Buch «Ländlerstadt Züri» der Illustratorin Madlaina Janett und der Historikerin Dorothe Zimmermann. «Nicht überall, wo Ländler draufsteht, ist auch Land drin», lautet die Einsicht der beiden. Das Chalet, das Heidi, die Tracht, das Schwingen, das Fondue, die Volksmusik – alles wurde in der Stadt erfunden oder zumindest popularisiert. Die Autorinnen haben deshalb zur Alpenbesichtigung gleich das Format eines Stadtführers gewählt.

Protest gegen Heimattrunkenheit

Eine der Stationen ist das Zürcher Kratzquartier, das Ende des 19. Jahrhunderts umgestaltet wurde. Das Quartier am linken Limmatufer, damals ein Zufluchtsort für Arme und Randständige, für Wäscherinnen, Kesselflicker und Prostituierte, musste repräsentativen Prachtbauten weichen. Mittendrin im Baulärm sass auch die Bürgersfrau und Schriftstellerin Johanna Spyri. «Du hast keinen Begriff, was jetzt von morgens 6 Uhr bis abends 7 Uhr für ein Gehämmer und Geklopf ist hier vor meinem Fenster», schrieb sie in einem Brief an eine Freundin. Und erdachte sich als Schalldichtung die Geschichte vom Heidi, dem reinen Alpenmädchen, und seinem verstockten Alpöhi.

Die «Heidi»-Bücher von 1879 und 1881 zeigen beispielhaft, dass bürgerliche Kreise auf die Industrialisierung und die Urbanisierung der Schweiz reagierten, indem sie sich für ländliche Bräuche zu interessieren begannen. «Die Verklärung der Schweiz erhielt im ausgehenden 19. Jahrhundert starken Aufwind», schreiben Janett und Zimmermann. «Spyri teilte die fortschrittskritische und stadtfeindliche Haltung vieler Zeitgenossen und erträumte sich die Berge von der lebhaften Grossstadt aus als gesundmachenden Sehnsuchtsort.»

Eine fast schon filmreife Kulisse bilden die alkoholgeschwängerten Konzerthallen im Zürcher Niederdorf, die in den zwanziger und dreissiger Jahren zum Zentrum der Schweizer Volksmusik wurden. Junge MusikerInnen aus ländlichen Gebieten hatten den neuen «Ländlerstil», Streich- und Blasmusik mit Akkordeon, nach Zürich gebracht, als sie hier Arbeit suchten. Die «Bauernkapellen», die mehrmals pro Abend auftraten, setzten sich aus Angestellten und Beamten zusammen. Mit Hunderten von Schallplattenpressungen zeigten sich die Ländlerkönige geschäftstüchtig.

Die Stadt wurde zur «Popularisierungsmaschine» für die Volksmusik, schreiben Janett und Zimmermann. Bald reisten die MusikerInnen vom Land in die Stadt, um den «Zürcher Sound» zu hören. Zum Ausdruck nationaler Einheit wurde die Volksmusik an der Landesausstellung 1939 stilisiert: Im «Landi-Dörfli», einem nachgebauten Bauerndorf mit vielen Beizen, liessen sich die VolksmusikantInnen zur Unterhaltung einspannen.

Dass zur Konstruktion einer nationalen Identität in der Schweiz stets Alpenbilder benutzt wurden, ist keine neue Erkenntnis. Der Historiker Guy Marchal spricht in seinem Standardwerk «Schweizer Gebrauchsgeschichte» (2006) von einer «Alpenbricolage». Mit ihrem unterhaltsam geschriebenen Buch gelingt es Janett und Zimmermann aber, das Metaphernspiel einem breiten Publikum näherzubringen, ohne dabei schönfärberische Kompromisse einzugehen. So erwähnen sie auch die Suche der Zürcher Anthropologen nach dem «Homo Alpinus», dem Beitrag der hiesigen Universität zur «Rassenhygiene».

In den letzten Jahren feierte die Alpenbastelei neue Urstände – mit dem eidgenössischen Schwingfest als medialem Höhepunkt. Die Autorinnen wollen ihr Buch im Gegenteil als «Protest gegen die Heimattrunkenheit» verstanden wissen. Nicht gegen die «Volkskultur» an sich, sondern als Protest gegen ihre politische und wirtschaftliche Vereinnahmung. Beim Imaginieren der Berge von der Stadt aus wird deutlich, dass die Bilder immer dazu dienten, eine Ordnung durchzusetzen oder zu stabilisieren. Nirgendwo beim Stadtrundgang zeigt sich das so schön wie bei der ersten Frauentoilette auf dem Bürkliplatz: Glänzten die zahlreichen Pissoirs für die Männer in modernem Gusseisen, wurde die Toilette für die Frauen als Riegelhäuschen gebaut – durchaus als Mahnung zu verstehen, dass die Frau im öffentlichen Raum nichts zu suchen habe, sondern zurück ins traute Heim gehöre.

Die historischen Beispiele belegen, dass zwischen den Vorstellungen von Stadt und Land komplexe Wechselwirkungen bestehen. Und sie schärfen den Blick für die Analyse gegenwärtiger Abstimmungsresultate: Der oft konstatierte Graben zwischen Stadt und Land ist vielmehr ein Konflikt zwischen Tradition und Moderne.

Mit Schiffen über die Alpen

Zum gleichen Schluss kommt ein Buch, in dem keine Kuhglocken zu hören sind, sondern die Meeresbrandung. In «Schweiz am Meer» geht der Historiker Andreas Teuscher den Hochseeträumen der Schweiz nach, die auch in Zürich realisiert werden sollten. Im Ersten Weltkrieg wurde ein Wettbewerb für einen Bebauungsplan ausgeschrieben, der einen Frachthafen sowohl im Limmattal wie auch in Oerlikon vorsah. Der Hafenkran als Kunstwerk kündet als letzter Gruss davon.

Eine treibende Kraft hinter den Hochseeschifffahrtsplänen der Schweiz war der Ingenieur Rudolf Gelpke. Nachdem er sich mit Testfahrten erfolgreich für einen Rheinhafen in Basel eingesetzt hatte, wollte er für den Frachtverkehr weitere Verbindungen zum Meer erschliessen: Der Rhein sollte bis zum Bodensee schiffbar werden. Ausserdem geplant war ein sogenannter Transhelvetischer Kanal vom Genfersee zum Bodensee oder der Anschluss des Lago Maggiore an den Po.

Teuscher räumt in seinem Buch den technischen Planungen viel Platz ein. Doch auch er kommt darauf zu sprechen, welchen Bildern sie folgten. Die Träume vom Meer leiteten sich paradoxerweise ebenfalls aus den Bergen ab. Diese können nicht nur als Idyll und Reduit erscheinen, sprich als Rückzugsort, sondern auch als Verkehrsachse und Aussichtspunkt. Teuscher schreibt, die Alpen würden nicht nur «als Brutstätte schweizerischer Urtümlichkeit und Eigenart» herhalten, «sondern ermöglichen im Gegenteil den Blick über die Grenzen». So argumentierte Fridolin Becker, ETH-Professor für Topografie, Plan- und Kartenzeichnen: Die Schweiz solle als «Mutter der Ströme» an die Hochseeschifffahrt angeschlossen werden.

Noch höher hinaus wollte der italienische Ingenieur Pietro Caminada, der einen Schiffskanal über die Alpen vorsah. Die futuristischen Skizzen davon im Buch sind ein tolles Fundstück. Sie zeigen, wie die Frachtschiffe in schräg liegenden Röhren gleichzeitig nach vorne und nach oben geschoben werden sollten. Über Kanäle und Brücken, Rohre und Schleusen hätten die Schiffe die Alpenpässe überquert.

Brüchiger Konsens

Dass sich die Verwendung des Alpenbildes sowohl zur Behauptung von Rück- wie auch von Fortschritt eignete, zeigt Teuscher anhand der «Landi»: Sie bestand auf der einen Seite des Zürichsees aus dem erwähnten «Dörfli» und auf der anderen Seite aus einer Industrieschau. In diesem Widerspruch zwischen Tradition und Moderne erneuert sich die Schweiz als Nationalstaat – oder sie löst ihn zumindest nicht auf.

Der Konsens aus «Fortschrittsglaube und Heimatromantik» wurde erst mit der Naturschutz- und später der Ökologiebewegung brüchig. Wobei die Bilder damit nicht verschwunden waren: Beim Streit um das Kraftwerk Rheinau versuchten sich später beide Seiten als bessere Patriotinnen zu übertrumpfen.

Die beiden Bücher sind reich illustriert, von Werbeprospekten für Stocker Sepps Unterwaldner Bauernkapelle bis zu Karten des Transhelvetischen Kanals. Bloss auf eine Frage liefern sie keine Antwort: Ob es ein Ausserhalb dieser Bilder geben kann. Selbst der Sprengsatz der jugendbewegten Achtziger, «Nieder mit den Alpen, freie Sicht zum Mittelmeer», blieb in den Bergen gefangen. Das lässt befürchten, dass die Bilder der Alpen auch dann noch wirkmächtig bleiben, wenn diese dereinst nicht mehr stehen sollten.

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