Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Mit Clowns gegen die Diktatoren

Gewaltlos kommt man weiter: Der Dokumentarfilm «Everyday Rebellion» will zeigen, dass spielerischer Protest im Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit mehr Erfolg verspricht.

Von Anina Ritscher

Was ist mit dem Widerstand in einem Land, dessen Regierung keinen Spass versteht? Wandmalerei von Icy & Sot in Teheran.

Gegen Mike Tyson möchte man lieber nicht im Boxring antreten – dann schon lieber am Schachbrett. Aus demselben Grund, so erklärt der serbische Politaktivist Srda Popovic, solle man einen Diktator nicht militärisch angreifen, sondern via Portemonnaie: Steuern verweigern statt zum Gewehr greifen.

Friedlicher Protest, darum geht es den österreichisch-iranischen Brüdern Arash und Arman T. Riahi in ihrem Dokumentarfilm «Everyday Rebellion». Sie porträtieren darin politische AktivistInnen, die von ihren Erfahrungen berichten. Die Ukrainerin Inna Schewtschenko zum Beispiel, Mitglied der feministischen Aktivistinnengruppe Femen, die von ihren Ängsten erzählt, nachdem der ukrainische Geheimdienst vor ihrer Tür stand. Oder Ahmed Z., der beschreibt, wie er im syrischen Widerstand Flugblätter per Heliumballon verbreitete, um nicht geschnappt zu werden. Oder eben Srda Popovic, der an den Protesten beteiligt war, die zum Sturz des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic führten. Alle teilen sie die Überzeugung, dass man Gewalt nicht mit Gewalt bekämpfen könne.

Ungehorsam macht Spass!

«The Art of Change» lautet der Untertitel des Films. Protest als Kunstform oder Kunst, die zum Protest aufruft – diesem Thema widmet sich der Film auf vielfältige Weise. So ist Street Art in Ländern mit autoritären Regimes ein Mittel, subversive Ideen zu verbreiten und dabei anonym zu bleiben. Die US-Tänzerin Monica Hunken dagegen interessiert sich vor allem für die fliessenden Bewegungen, die eine grosse Menschenmasse erzeugen kann; sie bringt den Occupy-AktivistInnen choreografische Elemente bei, weil das, wie sie sagt, auch die Einheit der Botschaft festige. Auch ein spanischer Protestchor oder ein Kochtopforchester auf dem Taksimplatz in Istanbul nutzen Wut für künstlerische Kreativität. Die Wut ist dadurch nicht weniger wirksam – im Gegenteil will dieser Film zeigen: Künstlerisches oder auch nur unterhaltsames politisches Engagement zieht Aufmerksamkeit auf sich, ist zugänglich und erreicht viele Menschen.

Dasselbe gilt für Humor als Form des Protests. Andy Bichlbaum von der US-Protestgruppe The Yes Men erklärt, dass es für eine Regierung oder einen Konzern schwierig sei, sich gegen Clowns zu wehren. Denn wer sich einen Clown vom Hals schaffen wolle, mache sich erst recht lächerlich. Bichlbaum und The Yes Men haben sich auf genau orchestrierte, humoristische Protestaktionen spezialisiert – etwa jene, bei der sich einer von ihnen als Pressesprecher des Chemiekonzerns Dow Chemicals ausgab und im britischen Fernsehen verkündete, Dow übernehme die volle Verantwortung für die Katastrophe im indischen Bhopal. Das Video ist übrigens auf Youtube zu finden; es lohnt sich, es sich anzusehen.

Die Botschaft von «Everyday Rebellion» lautet also auch: Ziviler Ungehorsam macht Spass! Das regt zum Mitmachen an. Doch stellt sich dabei die Frage, ob Spass die richtige Motivation für Protest ist – oder ob dadurch nicht die Ziele einer Bewegung in den Hintergrund treten. Die beiden Regisseure berufen sich hier auf die US-Politologin Erica Chenoweth, die die Geschichte des politischen Widerstands erforscht. Ihren Studien zufolge macht gewaltloser Protest nicht nur Spass, sondern ist auch wirksam: Zwischen 1900 und 2006, so Chenoweth, seien gewaltlose Aufstände doppelt so effektiv gewesen wie gewaltsame.

Das klingt beflügelnd, wird im Film aber nicht weiter erläutert und ist deshalb nur begrenzt aussagekräftig. Was hingegen einleuchtet: Für eine Regierung ist es das grössere Risiko, mit Gewalt gegen einen friedlichen Protest vorzugehen, als einen gewaltsamen Protest niederzuschlagen. Sie riskiert dabei, die Unterstützung der Bevölkerung und der Polizei zu verlieren. Gewaltsamer Widerstand, so eine weitere These des Films, rüttelt an den Stützpfeilern eines autoritären Regimes, zum Beispiel der Polizei und dem Militär, und versucht, diese zum Einsturz zu bringen. Gewaltloser Protest dagegen versucht, die Menschen in den Uniformen auf die Seite der Bewegung zu bringen.

Kein Yoga in iranischer Haft

Was aber, wenn man in einem Land lebt, wo die Regierung absolut keinen Spass versteht? «Everyday Rebellion» macht durchaus auch deutlich, dass sich AktivistInnen in Ländern mit autoritären Regimes ganz anderen Gefahren aussetzen als diejenigen in demokratischen Ländern. So überlegen sich die Leute von Occupy Wall Street, wie sie die drohenden kurzen Gefängnisaufenthalte nutzen könnten: «Veranstaltet Yogakurse!» An solchen Wohlfühlprotest ist dagegen für die junge iranische Frau nicht zu denken, die ihr Gesicht aus Angst vor dem Staat im Film nicht zeigen möchte.

Aber «Everyday Rebellion» ist ein optimistischer Film. Die Filmemacher glauben nicht nur, dass Veränderung möglich ist, sie wollen auch etwas dazu beitragen: Der Film ist Teil eines gleichnamigen Cross-Media-Projekts. Die dazugehörige Website ist als offene Plattform angelegt, die AktivistInnen dazu auffordert, eigenes Material hochzuladen. Besonders interessant sind die Rubriken «Protest Tips» und «Methods». Sie schlagen Strategien für politische AktivistInnen vor und zeigen, dass es nicht reicht, kreativ zu sein, um etwas zu verändern; es braucht auch gute Planung und schlaue Taktiken. Oder mit den Worten von Srda Popovic: «Auch Gandhi war nicht so erfolgreich, weil er Buddhist, sondern weil er ein guter Stratege war.»

«Everyday Rebellion» läuft ab Donnerstag, 
11. September 2014, in den Kinos.

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