Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Hängt das Koks am Finger – oder klebt es eher?

Auch Blinde und Sehbehinderte «schauen» Filme, und das Angebot an sogenannten Hörfilmen wird in der Schweiz immer grösser. Bald wird es an Profis fehlen, die diese Übersetzungsarbeit leisten können.

Von Esther Banz

Es sind nur sechzehn Sekunden aus einem Spielfilm von neunzig Minuten: Schritte, das Schnauben eines Mannes, das Quietschen von Autoreifen, über allem eine nervöse Musik, und es scheint schnell zu gehen. Mehr Informationen hat Urs Lüscher nicht: Er weiss nicht, wer da eilig geht und laut atmet, wie das Auto aussieht, wer es fährt und wo sich die ganze Szenerie – oder sind es mehrere? – abspielt. Er hat nur den Ton. Lüscher ist sehbehindert.

Der Zürcher arbeitet bei der lokalen Sektion des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands. Jetzt sitzt er in seiner Wohnung in Uster am runden Küchentisch, mit ihm, in konzentrierter Arbeitsstimmung, der Übersetzer Lorenz Oehler und die Übersetzerin und Schweizerdeutschlehrerin Claudia Bodmer. Heute sind sie bei Urs Lüscher, um den neuen Schweizer TV-Spielfilm «Hamster» zu übersetzen, konkret: die Handlung des Films in einen schweizerdeutschen Text. Mit ihrer Beschreibung, die in einem späteren Schritt von einem Schauspieler in einem Tonstudio von SRF eingespielt wird, entsteht ein Hörfilm: Auf einer Tonspur wird schliesslich erzählt werden, was im Bild zu sehen ist – damit auch Blinde und stark Sehbehinderte der Handlung folgen können, ohne dass ihnen andere ZuschauerInnen das Geschehen schildern.

Kein Product Placement

Was so einfach klingt, ist eine knifflige Sache. Und sechzehn Filmsekunden können auch mal über dreissig Minuten Diskussion, Vor- und Rückspulen und abermaliges Diskutieren bedeuten. Dann etwa, wenn es um die Frage geht, ob eine Wand mit Fernsehern in der TV-Abteilung eines grösseren Elektronikgeschäfts nun genau so bezeichnet werden soll oder aber einfach als «Fernsehwand». Noch intensiver werden die Diskussionen, wenn gleichzeitig so viel in dieser einen Szene passiert, dass die Beschreibung nicht in die Zeit zwischen den Dialogen im Film passt. Dann muss bei der Beschreibung gestrichen werden – aber was? Worauf das Team nie verzichten würde, ist die Information, wo man sich gerade befindet. Sie sei essenziell, sagt der Blinde im Team: «Versuchen Sie einmal, sich ohne dieses Wissen ein Bild zu machen. Unmöglich! Zwar kann man nirgendwo nachlesen, wie genau sich ein Bild im Geist aufbaut, aber die Erfahrung betroffener Kollegen bestätigt, dass die Orientierung zentral ist. Deshalb hat sie für uns immer oberste Priorität.»

Keine Diskussion gibt es auch bei der Frage, ob das zweifelsfrei erkennbare Geschäft, in dem die Filmszene gedreht wurde, beim Namen genannt wird. «Das machen wir nicht», sagt Claudia Bodmer. «Kein Product Placement in der Audiodeskription.»

Auf dem Küchentisch stehen zwei Laptops, auf dem grösseren läuft der Film, auf dem kleineren tippt Claudia Bodmer die Beschreibung. Mit einem Durchlauf ist es nie getan. Die Erfahrung als ÜbersetzerInnen helfe ihnen, beim Beschreiben schnelle Entscheidungen zu treffen und die Dinge präzise auszudrücken. Dies in Schweizerdeutsch, denn alle Eigenproduktionen des Schweizer Fernsehens werden auf Wunsch der Zielpersonen in Dialekt audiodeskribiert, so die Fachbezeichnung.

Die Stimme stammt häufig von Christoph Wettstein. Der in München lebende Schweizer Schauspieler spricht einen typischen Mittellanddialekt, eine undefinierbare Mischung mit Aargauer und Zürcher Einschlag. Am gleichen Tag, an dem das Dreierteam in Uster am «Hamster» arbeitet, spricht er in einem Studio des Schweizer Fernsehens den beschreibenden Text einer «Bestatter»-Folge ein. Mit ihm ein Tontechniker und SRF-Redaktor Stefan Hoffmann. Letzterer ist beim Fernsehen für die Produktionen der Audiodeskriptionen verantwortlich. Er unterbricht den erfahrenen Sprecher nur selten, aber in dieser Folge gibt es eine Beschreibung, die ihn stört. Es geht um Kokain. Im Text heisst es, etwas Koks bleibe am Finger «hängen». Aber wäre «kleben» nicht passender? Doch. Sie korrigieren.

Auch die eigentlichen Bilder können fehlerhafte Informationen transportieren. Urs Lüscher, im Beschreiberteam als Blinder quasi der erste, der den Film kritisch mit den Ohren betrachtet: «Da sind auch schon mal Diamanten verbrannt. Und wir kommen nicht darum herum, das ebenfalls so zu beschreiben, auch wenn es unlogisch ist – einfach weil die Szene sonst in sich nicht stimmig wäre.» Es kann auch vorkommen, dass ein Protagonist aus einem mit «CD» angeschriebenen Regal ein Computerspiel zieht. Solche Fehler seien keine Seltenheit, den sehenden Betrachtern fallen die sogenannten «Continuity»-Fehler aber meist nicht auf, zu schnell das Geschehen, zu schnell die Schnitte.

Handkehrum: Können sich geburtsblinde Personen überhaupt ein Bild davon machen, wie ein CD-Regal aussieht? Oder wie etwas brennt? Ja, sagt Urs Lüscher: «Es gibt tatsächlich visuelle Menschen unter Blinden. Sie haben ein räumliches Vorstellungsvermögen. Und bei den Farben machen sie Verbindungen, zum Beispiel Grün mit Gras, denn auch sie haben eine Vorstellung von Gras. Wie sie sich dieses grüne Gras vorstellen, wissen alle andern freilich nicht, weil es unmöglich ist, sich in diese Person und ihre Vorstellung hineinzuversetzen.» Urs Lüscher selber war nicht von Geburt an blind. Er erkrankte erst im Erwachsenenalter an Retinitis pigmentosa, einer vererbbaren Netzhautdegeneration. Innert weniger Jahre nahm seine Sehkraft um über neunzig Prozent ab. Heute sieht er nur noch Umrisse. Im Unterschied zu einem geburtsblinden Menschen kann er aber auf konkrete Bilder zurückgreifen, er weiss auch noch ungefähr, wie der Hauptbahnhof in Zürich ausschaut, während sich «ein Geburtsblinder das nicht vorstellen kann, seine Dimension ist die einer Armlänge».

Kein Interesse aus der Filmbranche

Was die Audiodeskription betrifft, hinkt die Schweiz im gesamteuropäischen Vergleich hinter den anderen Ländern her (vgl. «Zu wenig Schweizer Teams» im Anschluss an diesen Text). Erst 2014 ratifizierte die Schweiz endlich die UN-Behindertenrechtskonvention. Mit der zweiten Kulturbotschaft will man der Barrierefreiheit allgemein und der Gleichstellung auch beim Konsum von audiovisuellen Medien im Speziellen gesetzlich einen Schritt näher kommen. Die Botschaft verlangt, dass der «Zugang zum Schweizer Film für seh- und hörbehinderte Personen» mittels Audiodeskriptionen zu verbessern sei. Ivo Kummer, Filmchef beim Bundesamt für Kultur (BAK), konkretisiert gegenüber der WOZ: «Geplant ist, dass die vom BAK in der Herstellung unterstützten langen Spiel- und Dokumentarfilme ab einer noch zu definierenden Subventionshöhe in einer Version mit Audiodeskription vorhanden sein müssen. Die Ausführungsbestimmungen sind noch in Diskussion.» Die zweite Kulturbotschaft gilt ab 2016, der Bundesrat hat sie im November 2014 verabschiedet. Die Hörfilmspuranforderungen bedeuten, dass in der Schweiz zügig zusätzliche AudiodeskripteurInnen ausgebildet werden sollten. Doch noch gibt es dafür keinen Plan.

Überhaupt scheint das Thema in der Filmbranche noch auf wenig Interesse zu stossen, es gibt an keinem der grossen Festivals ein Angebot von Audiodeskriptionen. Kummer versuchte es zwar zu seiner Zeit als Direktor der Solothurner Filmtage, das Vorhaben scheiterte damals aber an den finanziellen und technischen Möglichkeiten, wie er sagt.

Tatsächlich ist es aufwendig, ein Kino mit der nötigen Infrastruktur zu versehen, auch wenn es heute bei digitaler Ausstattung nur noch ein Zusatzmodul braucht. Dieses koste rund 3500 Franken, sagt Gerhard Protschka, der in Basel das Filmfestival Look & Roll organisiert, das in jeder Hinsicht barrierefrei ist. Heute dürfte die Technik aber dennoch kein Argument mehr sein: Gleich zwei Projekte ermöglichen das individuelle Hören von audiodeskribierten Filmen in Kinosälen. Zum einen ist das «Regard Neuf» des Vereins Base-Court aus Lausanne, 2014 vom Zentralverband für das Blindenwesen mit einem Preis bedacht: Ein Funkempfänger ermöglicht es, in einem beliebigen Kino die Audiodeskription mitzuhören, sofern der Film mit einer solchen geliefert wird. Und Begleitpersonen bezahlen keinen Eintritt, «damit sie blinde und sehbehinderte Personen in ihrer Mobilität unterstützen und das Kinoerlebnis mit ihnen teilen können», wie es in der Begründung heisst.

Zum andern gibt es seit rund einem Jahr die vom Bundesamt für Kultur unterstützte App «Greta & Starks» eines gleichnamigen deutschen Start-ups, bei dem auch der Schweizer Andres Schüpbach involviert ist. Bisher dreissig Filme, die zuvor bei Greta & Starks auf den Server geladen wurden, können im Kino in Hörfilmfassung geschaut werden. Den Verleih kostet das bei einem Arthouse-Film 1800 Franken und bei einem Blockbuster 2400 Franken. Das erklärt vielleicht, weshalb noch nicht mehr audiodeskribierte Filme auf dieser für die AnwenderInnen kostenlosen App zur Verfügung stehen.

Eine Blinde beschrieb die Wirkung des «Hörfilmschauens» gegenüber der Deutschen Hörfilm GmbH so: «Durch den Hörfilm merkt man erst, wie viel es da draussen gibt, wovon man nichts weiss. Man denkt, man hat alles vor dem inneren Auge, aber es fehlt eben doch viel.» Aktuelle in den Kinos laufende Hörfilme ermöglichen Menschen mit Sehbehinderungen auch, an den Gesprächen über Filme und somit über Themen teilzunehmen, sei es am Arbeitsort oder im Freundeskreis. Oder wie die Weltgesundheitsorganisation WHO schon 2001 erkannte und mit dem Konzept der Funktionalen Gesundheit definierte: Es ist nicht der Mensch, der behindert ist, sondern es sind die Situation und die unpassende Umgebung, die ihn behindern. Der Blinde kann beispielsweise sehr wohl mit Sehenden Filme anschauen und anschliessend darüber diskutieren – sofern ihm die Handlung erschlossen wird, was mittels Audiodeskription möglich ist.

Wie beschreibt man Slapstick?

In Uster arbeitet das Dreierteam noch immer am «Hamster». Es stöhnt und ächzt in der Wohnung von Urs Lüscher. «Wir versuchen uns gerade in etwas vom Schwierigsten, das es gibt: Slapstick beschreiben. Das Auge erfasst die Handlung im Nu, der Witz ist der sehenden Person sofort klar, es braucht keine Erklärung», sagt Lorenz Oehler, «deshalb wirkt jede Beschreibung so platt.» Das Team wird später auf diese Knacknuss zurückkommen. «Der Hamster» wird seine Premiere an den Solothurner Filmtagen haben. Allerdings ohne Audiodeskription und somit ohne die Möglichkeit für Blinde und Sehbehinderte, ihn im Rahmen des Filmfestivals zu geniessen. Dafür hat es bei der neuen «Bestatter»-Staffel gerade noch gereicht: Wie die Filmtage kurz vor Redaktionsschluss mitteilen, werden die sechs neuen Folgen auch in Solothurn mit Audiodeskription gezeigt.

Warum so knapp? Bis anhin schien einfach niemand daran gedacht zu haben. Weder klopften die InteressenvertreterInnen der Blinden und Sehbehinderten in Solothurn an, noch kam Andres Schüpbach in den Sinn, mit der «Greta & Starks»-App vorstellig zu werden. Und – das erstaunt am meisten – dem Fernsehen scheint es zwar wichtig zu sein, dass seine neusten fiktionalen Produktionen und Serien in Solothurn laufen, und man macht sich ja auch die Mühe, von all diesen eigenproduzierten Filmen und Serien Audiodeskriptionen anzufertigen – aber zu sehen, dass man das Gute mit dem ebenfalls Guten und erst noch Naheliegenden verbinden könnte: Dazu brauchte es die Anfrage der WOZ.

Zu wenig Schweizer Teams

Das Schweizer Fernsehen wurde erst mit dem neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) von 2007 verpflichtet, ein Angebot für Blinde und Sehbehinderte auszustrahlen: 24 Filme im Jahr. Abgesehen von den audiodeskribierten deutschen und österreichischen Filmen, die SRF einkaufen kann, produziert es selber alle neuen fiktionalen Eigenproduktionen auch als Hörfilme und audiodeskribiert zusätzlich ältere Spielfilme (auf der Website von SRF kann eine Auswahl eigens produzierter Hörfilme angehört werden), etwa «Sennentuntschi», jüngere Ausgaben des Schweizer «Tatorts» und «Dällebach Kari – Eine wen iig».

In anderen Ländern ist das barrierefreie TV schon viel länger möglich: In den USA gab es erste Audiodeskriptionen von Filmen, in Theatern und Museen bereits in den siebziger Jahren, in Europa hatte der Hörfilm 1989 am Filmfestival in Cannes Premiere. Grossbritannien trieb das barrierefreie Fernsehen in den neunziger Jahren gesetzlich voran, in Deutschland starteten Arte und der Bayerische Rundfunk (BR) als Erste 1997 mit der regelmässigen Produktion von Audiodeskriptionen. Der BR bildet seit längerem auch Teams aus – unter ihnen Claudia Bodmer und Urs Lüscher (vgl. Haupttext weiter oben), die letztes Jahr einen viertägigen Kurs besuchten. Und Deutschland machte Ernst mit der Barrierefreiheit: Seit 2013 unterstützt der Filmförderfonds deutsche Produktionen nur noch, wenn es sie auch mit Hörfilmspur gibt. Seither gibt es dort viel Arbeit für Audiodeskriptionsprofis. Das SRF delegierte bei einem Engpass kürzlich ebenfalls nach Deutschland, musste die Hörfilmfassung dann aber noch ins Schweizerdeutsche übersetzen lassen. «Es braucht mehr Teams», sagt Claudia Bodmer.

Esther Banz

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