Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Hirschhorn in der Bronx

Angelo A. Lüdin begleitete den Künstler Thomas Hirschhorn, als er in New York sein «Gramsci Monument» errichtete.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Der Film läuft gerade mal fünfzehn Minuten, da tickt der Protagonist ein erstes Mal aus: Jemand von der Filmcrew wollte einen Generator umplatziert haben, wegen des Lärms. Eine Bagatelle? Für Thomas Hirschhorn ist das Anlass genug, dem Regisseur und seiner Equipe vor versammelter Runde so richtig den Kopf zu waschen: «Ihr habt offenbar noch nicht begriffen, worum es hier geht!»

Der Regisseur ist Angelo A. Lüdin, und sein Dokumentarfilm zeigt, dass er sehr wohl begriffen hat. Er wird aber auch gewusst haben, worauf er sich einliess, als er Hirschhorn in die Bronx begleitete. Dort, im Park einer Sozialbausiedlung, errichtete der Schweizer Künstler von Weltrang im Sommer 2013 sein «Gramsci Monument», die letzte in seiner Reihe von vier städtischen Installationen, die jeweils einem grossen Denker gewidmet waren. Hirschhorn brachte also Antonio Gramsci zu den Leuten in die Bronx, und die Parole für seine Arbeit holte sich der Künstler aus den «Gefängnisheften» des italienischen Marxisten: «Jeder Mensch ist ein Intellektueller.»

Wie sehr er Gramsci beim Wort nimmt, das zeigt dieses elektrisierende Porträt in allen Schattierungen (Kamera: Pio Corradi). Man sieht das an Hirschhorn selbst, diesem zupackenden Intellektuellen, der mit Karton, Sperrholz und Klebeband hantiert, weil das Materialien sind, «die nicht einschüchtern wollen und keinen Mehrwert kennen». Es zeigt sich aber auch darin, wie er den Leuten aus dem Quartier begegnet, die er für die Arbeit an seinem Monument anstellt, und wie er dabei seinen Lieblingsdenker unters Volk bringt: Da gibt es keine theoretischen Unterweisungen, denn für Hirschhorn vollzieht sich jede Theorie immer in der Praxis und umgekehrt. Elitär, egalitär: Für Thomas Hirschhorn sind das keine Gegensätze.

Wir sehen da einen Künstler, der unendlich fordernd und manchmal auch rücksichtslos ist, aber alles im Dienst einer Kunst, die das Gegenteil von herablassend ist – und die genau deshalb zum politischen Akt wird, zu einem Stück gesellschaftlicher Utopie auch. Das fällt dann umso stärker auf, als eine (weisse) Besucherin mit ihrem kulturellen Herrschaftswissen ihre Zweifel am «Gramsci Monument» anmeldet: Wenn sie sich so die Leute im Quartier ansehe, müsse sie sich schon fragen, ob die überhaupt einen Zugang zu Gramscis Hegemoniebegriff hätten. Die Frau hat nicht begriffen, was es heisst, Kunst politisch zu machen. Sie sollte sich diesen Film ansehen.

«Thomas Hirschhorn. Gramsci Monument» in Solothurn, Reithalle, Fr, 23. Januar 2015, 14.30 Uhr, und im Landhaus, 
Di, 27. Januar 2015, 17.30 Uhr. Ab 29. Januar 2015 in den Kinos.

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