Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

«Alles deutet darauf hin, dass es noch schlimmer wird»

Sie zeigt das inoffizielle Russland: Am Comicfestival Fumetto sind Zeichnungen der russischen Künstlerin und Politaktivistin Wiktoria Lomasko zu sehen. Ein Gespräch über die Gewalt gegen Schwule und Lesben in Russland und darüber, wie Russland sich in eine Diktatur verwandelt.

Von Thomas Bürgisser

Aus Wiktoria Lomaskos Serie «18+»: «Wenn im ‹sittenlosen Westen› Ehen zwischen Schwulen oder Lesben erlaubt sind, ist das eine Schande, die es bei uns nicht geben darf.»

Eng umschlungene Paare und junge Tänzerinnen an der Stange, Rauchen und Trinken, Gespräche an der Bar, intime Blicke und Berührungen, innige Küsse. Es sind Szenen aus dem Lesbenclub Infinity in St. Petersburg, die die Moskauer Künstlerin Wiktoria Lomasko am Comicfestival Fumetto in Luzern präsentiert. Momentaufnahmen, aus dem Nachtleben gegriffen, in groben Strichen mit Tusche und Filzstift gezeichnet, teils bunt koloriert. Alles wirkt unmittelbar und authentisch, zieht die Betrachtenden in seinen Bann.

Schockieren werden diese Bilder in der Schweiz niemanden. In Russland ist Homosexualität dagegen sehr stark politisch aufgeladen. 2013 wurde ein Gesetz gegen die «Propaganda von nicht traditionellen sexuellen Beziehungen» verabschiedet. Über eine Audioinstallation geben Betroffene in Interviews Auskunft darüber, wie sie von der Gesellschaft und durch die homophobe Gesetzgebung stigmatisiert werden.

WOZ: Wiktoria Lomasko, die Lesbenszene in Russland stellt eine eigentlich unsichtbare Subkultur dar. Wie war für Sie der Kontakt mit dieser Szene?
Wiktoria Lomasko: Als ich zum ersten Mal in den Infinity-Club ging, war ich richtig schockiert. Das ist echter Underground: ein von der Aussenwelt abgeschotteter Ort. Die Leute sind angespannt, weil es gefährlich ist, dort hinzugehen, und gefährlich, von dort fortzugehen. Auch sah ich zum ersten Mal real, wie Frauen sich umarmten und küssten. Bei uns sieht man das nirgendwo auf der Strasse. Wir haben eine sehr patriarchalische Kultur, im Zentrum steht immer der Mann. Er ist der König, der Gott. Die Frauen sind Konkurrentinnen, die um die Gunst der Männer buhlen. Hier dagegen galt die ganze Aufmerksamkeit den Frauen untereinander. Wäre ein Mann hingekommen, er wäre wohl durchgedreht.

Wiktoria Lomasko: «Das Schlimmste ist die Schere im Kopf, die Selbstzensur.»

Woher rührt Ihr Interesse für das Thema Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT)?
2013 wurde ich zur Teilnahme in der Jury eines bekannten LGBT-Kinofestivals in St. Petersburg eingeladen. Da ereigneten sich von Beginn an sehr schreckliche Dinge. Gleich bei der Eröffnung wurde der Kinosaal von der Polizei wegen einer Bombendrohung geräumt. Auf der Strasse lauerten dann gewalttätige homophobe Aktivisten. Die kamen jeden Abend. Deshalb durfte man sich ausserhalb des bewachten Festivalgeländes nicht alleine bewegen, das war zu gefährlich.

Tatsächlich gibt es auch sonst zahlreiche Übergriffe auf LGBT-Menschen, sie werden verprügelt, mit Urin oder Farbe begossen, das geht bis hin zum Mord. Alle wissen, dass man für solche Taten nie zur Rechenschaft gezogen wird, weil die Gewalt gegen eine Gruppe von Bürgern zielt, die «schlecht» und «nicht richtig» sind. Mich interessierte, was das für ein Leben ist, wenn du dich jeden Tag derart fürchten musst. Was diese Leute wirklich fühlen, wie diese Leute denken, kannst du nur verstehen, wenn du dich in ihre Lage versetzt.

Weshalb gibt es diese Aggressionen gegen LGBT?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wollten die Menschen von Politik und Ideologie nichts mehr hören. Doch dann kam die Regierung zum Schluss, dass sie, um sich an der Macht halten zu können, den Leuten neue Ideen einreden musste.

Dabei geht es um einen Rückgriff auf die alte Formel des Zarenreichs: Orthodoxie – Selbstherrschaft – Volkstum, also Nationalismus. Mit Aktivisten des orthodoxen Christentums hatte ich erstmals beim Prozess über die «Verbotene Kunst» (vgl. «Comics aus dem Gericht» im Anschluss an diesen Text) zu tun. Da sah ich zum ersten Mal, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht; es war wie ein Besuch im Mittelalter. Über die Medien und die Schulen dringt diese christlich-orthodoxe Ideologie in die russische Gesellschaft ein. Russland sei ein heiliges Land, ein Imperium, heisst es, das seinen eigenen Weg gehen müsse. Wladimir Putin ist dabei unser alleiniger Leader, einzigartig und unersetzbar. Der Feind ist der «sittenlose Westen». Wenn dort Ehen zwischen Schwulen oder Lesben erlaubt sind, ist das eine Schande, die es bei uns nicht geben darf.

Sie interessieren sich allgemein für soziale Gruppen am Rand der Gesellschaft …
Ja, in Russland gibt es sehr viele davon, doch fehlt jede objektive Berichterstattung. Dabei landet früher oder später praktisch jeder Mensch in einer stigmatisierten Gruppe: Etwa weil er krank ist, alt oder alleinstehend. Normal ist nur, wer jung und gesund ist, einen guten Job hat, ein Netzwerk, eine Familie, Kinder – die allerdings auch alle normal und gesund sein müssen … Aber das ist nicht die Realität.

Besonders für Frauen ist es schwierig, nicht in eine marginalisierte Gruppe zu geraten. Bist du nicht verheiratet, fragt dich jeder: «Weshalb nicht, was ist mit dir nicht in Ordnung?» Bist du verheiratet, verlässt dich vielleicht dein Mann. Die Gesellschaft hilft diesen Leuten nicht. Im Fernsehen, in der Presse, überall siehst du: Es gibt richtige Bürger, und es gibt die, die verschwinden müssen. Ich finde, dass man jedem Menschen das Recht belassen muss, er oder sie selbst zu sein. Sonst müssen wir alle Angst haben, verurteilt zu werden, und attackieren aus dieser Angst heraus andere. Ich möchte das inoffizielle Russland zeigen. Wir sind uns gegenseitig völlig entfremdet, und jeder lebt für sich.

Welche Rolle kann die Kunst hier spielen?
Die Kunst kann eine gewaltige Rolle spielen, doch nur, wenn sie Zugang zu den Massen findet. Russland ist ein sehr literaturaffines Land. Deshalb ist mir die Verbindung zwischen Text und Bild so wichtig. Mir war nie klar, weshalb Kunst nur für Leute sein sollte, die sich von Berufs wegen damit beschäftigen. Wozu soll das gut sein? Ich begann mich an der Tradition der Peredwischniki zu orientieren. Das war eine Gruppe von Malern im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich für soziale und politische Themen interessierten und ihre Bilder mit Wanderausstellungen breiteren Bevölkerungskreisen vermitteln wollten.

Sie verstehen sich als eine Art zeichnende Journalistin?
Um etwas über die anderen zu erfahren, gibt es keine andere Möglichkeit, als dass man Journalistin wird. Begonnen habe ich mit gezeichneten Gerichtsreportagen über verschiedene politische Prozesse, die in den letzten Jahren gegen Künstler und Aktivistinnen geführt wurden. Zeitungsberichte darüber liest kaum jemand. Die Leute denken: Ah, Politik, das ist langweilig. Aber Bilder, die schaut man an, man findet sie cool, vielleicht fesseln sie einen, und man beginnt zu lesen. Viele Leute, die auf meinem Blog die Comicreportage über Migrantinnen aus Zentralasien gelesen haben, die mitten in Moskau jahrelang als Arbeitssklavinnen gehalten wurden, hatten davon überhaupt nichts gewusst. Dabei war in verschiedenen bekannten Zeitschriften darüber berichtet worden.

Glauben Sie, dass die Gesellschaft so verändert werden kann?
Bis vor kurzem dachte ich, ich könne tatsächlich einen gewissen Beitrag dazu leisten, dass sich die Menschen gegenseitig besser verstehen. Besonders 2012, während der Bürgerproteste, hat das auch irgendwie funktioniert. Die wichtigste Ausstellung meines Lebens war im Tschistye-Prudy-Park, im Rahmen der Moskauer Occupy-Bewegung. Dort gab es ein Camp mit Aktivisten, die versuchten, hier und jetzt eine Zivilgesellschaft aus der Taufe zu heben. Es gab eine Volksküche, eine Bibliothek, Vorträge wurden gehalten, die Leute tauschten sich aus. Ich habe dort den ganzen Tag verbracht und vom Morgen bis am Abend Leute gezeichnet, versucht, die Atmosphäre zu erspüren. Meine Bilder wurden auf Staffeleien direkt im Camp ausgestellt und diskutiert. Ich fühlte mich glücklich, nicht wegen meiner persönlichen Situation, sondern weil es war, als ginge eine Tür auf: Menschen, die sonst verkrampft und verschlossen durchs Leben gingen, begannen plötzlich, einander anzuschauen, gingen auf Fremde zu, sprachen miteinander über Politik und hörten einander zu. Sie begannen zu verstehen, dass eine Vielzahl verschiedener Meinungen nebeneinander existieren kann und diese sich gegenseitig zu bereichern vermögen. Für Russland war dies eine seltene, kostbare Erfahrung.

Was ist daraus geworden?
Die Besetzung der Krim und der Krieg in der Ukraine haben Russland grundlegend verändert. Die lange apolitische Gesellschaft hat sich sehr schnell und auf brachiale und absurde Weise politisiert. Noch 2012 kämpften wir gemeinsam für soziale Programme und eine neue Regierung, darüber wird heute gar nicht mehr geredet. Nur der Krieg ist überall Dauerthema. Auch linke Aktivisten haben sich darüber zerstritten und reden zum Teil nicht mehr miteinander. Alle, die sich weiterhin mit kritischen sozialen und politischen Themen beschäftigen, müssen sich davor fürchten, auf der Strasse oder bei Meetings von nationalistischen Aktivisten angegriffen zu werden. Die klügsten und engagiertesten Mitglieder der Protestbewegung wurden inhaftiert oder sind emigriert. Bei allen herrscht Paranoia. Die neuen repressiven Gesetze sind sehr schwammig formuliert. Man hat keine Ahnung, ob und wie etwas geahndet wird. Selbst wer in sozialen Netzwerken kritische Posts schreibt, kann mit riesigen Geldbussen oder gar mit Gefängnis bestraft werden. Alles unterliegt der Willkür von Beamten und Gerichten. Wegen der Krise fürchten sich zudem alle vor Entlassungen.

Das Schlimmste ist aber die Schere im Kopf, die Selbstzensur. In der Geschichte gibt es viele Beispiele, wie sich eine Gesellschaft immer mehr abschottet, sich nach und nach in eine Diktatur verwandelt. Ich bin jetzt Augenzeugin in einem solchen Prozess. Es ist eine sehr tiefgreifende Erfahrung, wenn sie dir die Freiheit wegnehmen, wenn die Grenzen dessen, was du tun und sagen darfst, immer enger werden. Bei jedem Wort musst du abwägen, ob es das Risiko wert ist. Früher fehlte mir das Verständnis dafür, wie sich Künstler im Stalinismus der dreissiger Jahre verhielten, als sie gleichgeschaltet wurden. Heute ist das meine eigene, praktische, physische Erfahrung. Es schnürt mir die Kehle zu.

Wie geht es weiter?
Ich würde sehr gerne irgendetwas Optimistisches antworten, doch alles deutet darauf hin, dass es noch schlimmer wird. Das Land verschliesst sich, wird immer repressiver. Es ist gut möglich, dass der Krieg wieder aufflammt und es zum offenen Konflikt kommt. Die Regierung braucht einen Feind, dem sie die Schuld an den sozialen Problemen, der Rubelentwertung, der Arbeitslosigkeit geben kann, sonst kommen die Menschen noch auf die Idee, die Regierung selbst sei schuld daran und man müsse sie auswechseln. Wer im öffentlichen Raum irgendwelche kritischen Statements machen will, wird sofort abgewürgt. Das führt zu einem Export wichtiger Themen ins Ausland, wo sich jedoch verständlicherweise kaum jemand dafür interessiert. Eine riesige Menge junger Aktivisten, Künstler und Intellektueller will Russland verlassen oder ist bereits weg. Jedes Gespräch mit Bekannten mündet früher oder später in die Frage: Weisst du schon, wohin du emigrierst? Was? Nein? Aber wie willst du denn hier überleben?

Wiktoria Lomasko und Anton Nikolajew: «Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung». Matthes & Seitz Verlag. Berlin 2013. 171 Seiten. 33 Franken.

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