Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Die grosse Traurigkeit unserer Zeit

Depression lähmt den Klassenkampf: Warum eine antikapitalistische Politik sich verstärkt den psychischen und sozialen Ängsten widmen sollte.

Von Raul Zelik (Text) und Franziska Meyer (Illustration)

Einsam statt gemeinsam: Wir durchökonomisierten Subjekte verhandeln unsere Probleme, als wären sie nicht gesellschaftlicher, sondern individueller Natur.

75 Prozent der Deutschen sind laut der «Wirtschaftswoche» der Ansicht, der Kapitalismus müsse stärker politisch reguliert werden. In Frankreich sieht man noch klarer: Dort sind 43 Prozent der Meinung, der Kapitalismus sei am Ende, ein neues System müsse her. Doch auch wenn die Hegemonie des Weltsystems bröckelt, artikuliert sich – auch im siebten Jahr der Krise – vergleichsweise wenig Widerstand.

Das liegt nicht nur daran, dass im Kapitalismus im Unterschied zu anderen Herrschaftsformen niemand die unmittelbare Verantwortung für die Verhältnisse trägt, weil sich die Aneignung wie von selbst organisiert. Es hat auch damit zu tun, dass der neoliberale Kapitalismus die gesellschaftliche Grundlage zersetzt, die überhaupt etwas infrage stellen könnte: das Soziale an sich, die gemeinschaftliche Zuversicht, dass etwas anderes möglich ist. Wir gleichen einem Depressiven, für den die Gegenwart grau, aber die Zukunft noch farbloser ist. In dieser Hinsicht wäre die Zeit eigentlich reif für einen Antikapitalismus, der vom sozialpsychischen Erleben der Zustände ausgeht.

Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher, der gesellschaftliche Verhältnisse reflektiert, indem er sich von Karl Marx zur Popmusik, von universitären Evaluierungsverfahren nach Hollywood hangelt, hat das neoliberal-postmoderne Zeitalter als «kapitalistischen Realismus» bezeichnet. Jeder alternative Vorstellungsraum sei versperrt, die Zukunft nur insofern offen, als die technischen Innovationen und kulturellen Moden, mit denen der feststehende Zukunftsweg ausgestaltet werden soll, noch gefunden werden müssten. Das alles erzeuge eine erdrückende Traurigkeit. Der kapitalistische Realismus, schreibt Fisher, «funktioniert analog zur gedämpften Perspektive eines Depressiven, der glaubt, dass jeder positive Zustand und jegliche Hoffnung gefährliche Illusionen sind».

Es gibt kein Ausserhalb mehr

Ausdruck dieser gesellschaftlichen Verschliessung ist für Fisher die Tatsache, dass Popmusik, Moden und Jugendmilieus sich heute darauf beschränken, Stilzitate aufzugreifen und neu zusammenzusetzen. Gerade der Boom der «Kreativwirtschaft» ist Ausdruck des Verschwindens der Kreativität. Wenn die Inwertsetzung alle Lebensbereiche erfasst hat und selbst die Subversion als Marketingstrategie in die Totalität hereingeholt ist, kann kulturelle und soziale Praxis nur noch als sinnentleerte Farce daherkommen.

In der kapitalistischen «Wüste des Realen» gibt es kein Ausserhalb mehr. Das ist die Quelle der grossen Traurigkeit unserer Zeit: «There is no alternative.» Es ist nichts anderes als das Bestehende möglich, wir müssen aber trotzdem permanent Neues schaffen, weil der Kapitalismus ohne beschleunigende Ausdehnung nicht überleben kann. Immer mehr Neues, das doch nur eine Kopie des Bestehenden ist. Und das Niederschmetterndste daran: Selbst das Scheitern erfüllt in dieser Maschine eine ökonomische Funktion – Depressionen als Wachstumsmarkt der Pharmaindustrie.

Wir sind die Untoten des Kapitals. Selbst das ereignisloseste Scheissleben dient der Akkumulation.

Es ist keine ganz neue Erkenntnis, dass sich der Kapitalismus nicht darauf beschränkt, Reichtum in den Händen weniger zu konzentrieren und phantasmagorische Ungleichheit zu generieren, sondern durch die Kolonisierung der Lebenswelten auch das Dasein derjenigen, die von den Verteilungsverhältnissen profitieren, jedes Sinns beraubt. Beim jungen Karl Marx der «Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte» (1844) stand die Entfremdung des Menschen von der Natur und von sich selbst sogar ganz im Mittelpunkt der Kritik. Erst von dort arbeitete sich der Entfremdungs-Marx in Richtung Klassen- und Verteilungsverhältnisse weiter. Mit Autoren wie Herbert Marcuse, Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder André Gorz wurde der humanistische Marx in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder populär. Die Neue Linke fragte nicht länger nur, wem Produktionsanlagen gehörten und wer sich den Reichtum aneignete, sondern zunehmend auch nach dem Wie: Wie wird im Kapitalismus gelebt, gearbeitet, begehrt …

Die Gewerkschaften konnten damit oft nicht besonders viel anfangen, stand doch die Lebens- und Konsumkritik in Widerspruch zu ihren Lohnkämpfen. Die Verwandlung der meisten Neulinken in Alternativbürgerliche seit den frühen 1980er Jahren gibt ihnen im Nachhinein aber auch ein wenig recht mit ihrer Skepsis. Die grünen Milieus haben die Entfremdungskritik systematisch zum Stilproblem reduziert: alternative Lebensentwürfe statt Konsumterror, Bio statt Lidl oder Aldi.

Die heutige Entschleunigungsdebatte, wie sie etwa vom Soziologen Hartmut Rosa repräsentiert wird, kommt ein bisschen als Neuauflage dieser Stilpolitik daher. Zwar unterzieht Rosa den systemischen Ausdehnungs- und Akzelerationszwang des Kapitalismus einer scharfsinnigen Kritik. Dabei gerät aber aus dem Blick, dass die Klassenunterschiede grösser sind als je zuvor und die BesitzerInnen der grossen Privatvermögen alles, auch das Mörderischste, zu tun bereit sind, um die herrschenden Entfremdungsverhältnisse (inklusive Wellness, Slow Food und Entschleunigung für sich selbst) zu verteidigen.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, um Entfremdungs- und Verteilungskritik dauerhaft (und ganz im Sinn von Marcuse oder Fromm) miteinander zu verschränken. Warum das nötig ist, zeigen die britischen GesundheitswissenschaftlerInnen Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrem Buch «Gleichheit ist Glück» (2009), einer Studie über den Zusammenhang von Ungleichheit, psychischem Empfinden und Krankheit. Dabei gingen sie zunächst von folgender Beobachtung aus: Auf der einen Seite nimmt die Lebenserwartung bei wachsendem Wohlstand der Nationen bis zu einem gewissen Niveau zu – ein Zusammenhang, der nicht allzu schwer zu verstehen ist: Extrem arme Länder können die Grundversorgung mit Gesundheit, Trinkwasser und Kanalisation nicht gewährleisten; ab einer bestimmten Schwelle jedoch wirkt sich das höhere Bruttoinlandsprodukt nicht mehr positiv auf die Lebenserwartung aus. So liegt diese in den USA niedriger als beispielsweise in Costa Rica oder Kuba.

Auf der anderen Seite jedoch belegen Vergleiche innerhalb von Gesellschaften auch in den reichen Industriestaaten einen starken Zusammenhang zwischen Einkommensniveau und Lebenserwartung. In Deutschland beispielsweise liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen der höchsten Einkommensgruppe um zehn Jahre höher als die von Angehörigen der niedrigsten Einkommensgruppe. Das hat zweifellos auch damit zu tun, dass sich Reiche eine bessere Gesundheitsversorgung leisten können oder Bauarbeiter ein höheres Unfallrisiko tragen als Managerinnen. Doch Wilkinson und Pickett wenden sich einem Aspekt zu, der in der Debatte nur selten eine Rolle spielt: der Angst.

Cortisol als Klassenherrschaft

Offensichtlich geht der Kapitalismus – und das nicht erst seit Beginn des neoliberalen Zeitalters – mit der Ausbreitung psychischer Erkrankungen einher. In den 1930er Jahren waren Angstzustände in der Gruppe der Kinder, die psychiatrisch behandelt wurden, weniger verbreitet als in den 1980er Jahren unter allen Kindern in den USA. Und auch unter StudentInnen nahmen die Angstzustände zwischen den 1950er und 1990er Jahren deutlich zu. Bemerkenswerterweise sei gleichzeitig, so Wilkinson und Pickett weiter, die Bedeutung, die dem Selbstwertgefühl beigemessen wird, stark gestiegen. Sehr viel mehr Menschen als früher stimmten der Aussage «Ich bin wichtig» zu. Dabei handle es sich um ein instabiles Selbstwertgefühl – sogenannten bedrohten Egozentrismus oder Narzissmus. Die Bewertung durch die Aussenwelt wird als permanente Bedrohung erlebt («social-evaluative threat»).

Damit stellt sich die Frage, was eigentlich die körperlichen Mechanismen sind, die der gesellschaftlichen Depression zugrunde liegen. Wilkinson und Pickett bezeichnen Scham als das stärkste soziale Gefühl von Menschen, wobei sich die Angst, ausgeschlossen oder gar gemobbt zu werden, unmittelbar auf die körperliche Gesundheit auswirke. So hat man in Forschungsreihen festgestellt, in welchen Situationen der Körper besonders hohe Dosen des Stresshormons Cortisol produziert. Interessanterweise sorgt soziale Angst – und nicht etwa konkrete Lebensgefahr – für besonders hohe Ausschüttungen. Cortisol, ein Entzündungshemmer, blockiert das Immunsystem und begünstigt damit die verschiedensten Erkrankungen. Herzinfarkte beispielsweise sind – entgegen der landläufigen Meinung – unter Arbeitslosen und Working Poor verbreiteter als unter ManagerInnen.

Das heisst: Armut und Marginalisierung erzeugen mehr Stress als hektische Cheftätigkeiten. Selbst Fettleibigkeit, gemeinhin als «Zivilisationskrankheit» bagatellisiert, ist nicht in erster Linie deshalb unter SozialhilfeempfängerInnen weiter verbreitet als unter Reichen, weil Erstere sich nicht gesund zu ernähren wissen oder nicht genug Geld dafür haben. Der Zusammenhang ist viel simpler und fundamentaler: Das physische Bedürfnis nach Zucker und Fett steigt mit dem sozialen Stress. Die Angst vor den Mitmenschen und ihrem Urteil, der «social-evaluative threat», verändert den Körper.

Die Kernthese von Wilkinsons und Picketts Buch ist, dass die Angst und die damit zusammenhängenden Krankheiten in Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit abnehmen, während in ungleichen Gesellschaften das soziale Misstrauen, instabiles Selbstwertgefühl und rücksichtslose Verhaltensweisen zunehmen. Das erklärt ihrer Ansicht nach auch, warum Gewaltkriminalität nicht mit materieller Not, sondern vor allem mit Ungleichheit wächst. Selbst der Konsumismus erscheint in diesem Zusammenhang in einem anderen Licht. Er ist nicht einfach nur ein Produkt von Ideologie und falsch gewählter Lebensweise, sondern eine Strategie, um sich Anerkennung zu verschaffen. «In ungleichen Gesellschaften», erklärt Wilkinson in einem Interview, «arbeiten Menschen länger, sparen weniger und verschulden sich mehr. Das ist so, weil der soziale Status hier wichtiger ist und weil sie in einer sozialen Umgebung leben, in der sich Menschen stärker aufgrund ihres Status bewerten.»

Die Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts machte ihr Elend zum Ausgangspunkt der Politik. Gegen den Hunger organisierte sie Lohnkämpfe, auf den Ausschluss aus der Bildung reagierte sie mit Selbstschulung. Wir heute reden erstaunlich wenig darüber, welches Elend wir – als durchökonomisierte Subjekte und beschleunigt arbeitende und konsumierende Klasse – im Metropolenkapitalismus erleben. Unsere Probleme verhandeln wir, als wären sie nicht gesellschaftlicher, sondern individueller Natur.

Vielleicht lautet die entscheidende Herausforderung antikapitalistischer Politik daher, wie wir Niedergeschlagenheit, Unsicherheit, die Angst vor den anderen und ihrer Verachtung nicht nur zu politischen Fragen, sondern auch zum Ausgangspunkt unserer Praxis machen können. Die durch die totale Inwertsetzung des Lebens entfremdeten Subjekte können sich und ihre soziale Umgebung kaum respektieren. Doch Subjekte, die sich selbst und das Soziale nicht schätzen, können auch nicht kämpfen.

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