Nr. 15/2015 vom 09.04.2015

Die italienischen «Konjunkturpuffer»

Es war eine Anpassung an die Realitäten: 1965 regelten die Schweiz und Italien die Auswanderung italienischer Arbeitskräfte in die Schweiz.

Von Thomas Bürgisser

ItalienerInnen sind die älteste Einwanderergruppe in der Schweiz. Bereits Ende des 
19. Jahrhunderts waren zahlreiche italienische Arbeiter etwa am Bau des Gotthardtunnels beteiligt. Die eigentliche «Masseneinwanderung» folgte allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg. In der beispiellosen Hochkonjunktur der Nachkriegsjahrzehnte entwickelte sich in der Schweiz eine riesige Nachfrage nach Arbeitskräften. Zu Zehntausenden rekrutierte die Wirtschaft diese in Norditalien.

Diese Arbeitsmigration war ursprünglich auf ein sogenanntes Rotationsprinzip ausgelegt. Eine Integration in die Gesellschaft war nicht vorgesehen: Die ImmigrantInnen sollten einige Jahre in der Schweiz bleiben, so die Erwartung der Politik, und dann – nachdem sie eine gewisse Summe verdient hatten – in die Heimat zurückkehren. Ein derart flexibler Bestand an «Gastarbeitern» sollte der Volkswirtschaft als «Konjunkturpuffer» dienen: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen die Nachfrage nach Arbeitskräften geringer ausfiel, so dachte man, könnten die Zulassungen einfach ausgesetzt werden.

Mitte der sechziger Jahre lebten rund 400 000 ItalienerInnen in der Schweiz – weit über die Hälfte der ausländischen Wohnbevölkerung. In ihrer Mehrheit waren es junge Männer, die als Saisonniers oder Jahresaufenthalter in befristeten Arbeitsverträgen angestellt waren, ihre Stelle nicht wechseln durften, Steuern bezahlten, jedoch keine Sozialleistungen beziehen und ihre Familien nur während des Urlaubs in der Heimat sehen konnten. Das waren unhaltbare Zustände.

Auf Druck der italienischen Regierung konnte Rom sich mit Bern auf die neuen Regelungen einigen. Das Abkommen, das am 
22. April 1965 in Kraft trat, verkürzte die Fristen für die Erteilung von Niederlassungsbewilligungen, erleichterte den Stellenwechsel und den Nachzug von Familienmitgliedern. Bei den Anstellungsbedingungen und Versicherungsleistungen wurden die italienischen ArbeiterInnen weitgehend ihren Schweizer KollegInnen gleichgestellt. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen – und so sah dies auch der damalige Vorsteher des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements, FDP-Bundesrat Hans Schaffner, in dessen Votum anklingt, was Max Frisch ein Jahr später auf die Formel «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen» bringen sollte (vgl. «Das Zitat», online nicht verfügbar).

Das «Italienerabkommen» markierte das Ende des Rotationsprinzips in der schweizerischen Migrationspolitik. Zugleich stellte es auch eine Zäsur in der Debatte um die «Überfremdung» dar. Das Vertragswerk wurde von verschiedenen Seiten heftig angefeindet. Es hiess, der Bundesrat habe sich über den Tisch ziehen lassen. Besonders der Familiennachzug schien im Widerspruch zu dem erklärten Ziel der Behörden zu stehen, den «Ausländerbestand» in der Schweiz zu reduzieren.

Migrationsfeindliche Parolen traten damals ihren Siegeszug vom nationalkonservativen rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft an. Dass sich mit diffusen Ängsten und der Hetze gegen die «Tschinggen» durchaus Politik machen liess, zeigte sich 1970, als die fremdenfeindliche Schwarzenbach-Initiative von 46 Prozent der StimmbürgerInnen angenommen wurde.

Das Auseinanderklaffen von zuwanderungsskeptischer bis fremdenfeindlicher Ideologie einerseits und den Bedürfnissen der Wirtschaft nach fremden Arbeitskräften andererseits prägt die Schweiz bis heute. Zwar entwickelten die Behörden immer wieder neue Massnahmen, die die Zuwanderung stabilisieren und den AusländerInnenanteil abbauen sollten. Wenn die Wirtschaft es wollte, gelang es jedoch immer wieder, für gewisse Branchen Ausnahmebewilligungen zu erwirken.

Eine weitere Folge des Abkommens war, dass sich Wirtschaft und Behörden vermehrt nach neuen Rekrutierungsgebieten umschauten, um die italienische Dominanz zu brechen. Mit der Wirtschaftskrise Mitte der siebziger Jahre begann die Zahl der ItalienerInnen in der Schweiz zwar zu sinken. Dafür holte man nun neue ArbeiterInnen etwa aus Spanien, Portugal, Jugoslawien und der Türkei.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch