Nr. 24/2015 vom 11.06.2015

Die Killer, die zuerst mal Opfer sind

Eine ganze Generation von ehemaligen KindersoldatInnen macht die Strassen in Liberias Hauptstadt unsicher. Die Gesellschaft ist oft mit ihrer Integration überfordert – und eine Bestrafung der brutalsten KriegsverbrecherInnen wird es kaum geben.

Von Corina Fistarol

Es besteht grosse Hoffnung, dass das Ebolavirus in Liberia ausgerottet ist. Die gebeutelten EinwohnerInnen trauern noch um die Verstorbenen, feiern aber auch, dass sie fortan wieder ohne Ausnahmezustand und Quarantäne leben können. Obschon das normale, ebolafreie Leben auch nicht einfach ist. Denn noch immer erholt sich das Land vom vierzehnjährigen Bürgerkrieg (1989–2003) nur langsam. Die Hunderttausende von Binnenflüchtlingen, die sich in der Hauptstadt Monrovia angesiedelt haben, wohnen meist in ärmlichsten Behausungen, die zuweilen auf meterhohen Abfallbergen errichtet worden sind. Zwei Drittel der rund vier Millionen LiberianerInnen leben mit weniger als einem US-Dollar Einkommen pro Tag, ohne Strom, ohne sauberes Trinkwasser und ohne sanitäre Einrichtungen. Über siebzig Prozent der Erwachsenen sind arbeitslos.

Augenfällig sind vor allem die vielen jungen Männer, die an Häusern lehnen, auf Mauern sitzen, durch die Strassen schlendern, oft in Gruppen. Etliche haben gut sichtbare Narben, die von einer Gewalterfahrung in der Vergangenheit zeugen. Viele von ihnen haben selber anderen Menschen Narben zugefügt, denn sie waren während des Bürgerkriegs Milizionäre in den Reihen der nationalen Streitkräfte oder gehörten einer der vielen Rebellengruppen an. Einige haben es geschafft, wieder einen Platz in ihrer Herkunftsgemeinschaft einzunehmen, aber bei weitem nicht alle. Insbesondere viele ehemalige KindersoldatInnen leben noch heute als Mitglieder gefürchteter Gangs in der Stadt. Ein junger Mann, der heute im Verbund mit anderen ehemaligen KindersoldatInnen in Monrovia lebt, ist Simon*. Seine Geschichte zeigt, wie schwierig die Unterscheidung zwischen TäterInnen und Opfern oft ist.

Simons Vater, ein Mitglied der Ethnie der Krahn aus der Provinz River Gee, wurde während des ersten liberianischen Bürgerkriegs (1989–1996) von Milizen des aufständischen Rebellenführers Charles Taylor getötet. Die Mutter zog die fünf Kinder alleine unter ärmlichen Bedingungen in der Hauptstadt Monrovia auf. «Wir hatten nicht jeden Tag etwas zu essen», erzählt er im Oktober 2003 in einem Camp für ehemalige KindersoldatInnen nahe der Grenze zu Côte d’Ivoire. Simon, der wegen der Misere zu Hause und wegen des frühen Todes des Vaters schon lange eine Wut auf Charles Taylor gehegt hatte, schloss sich 1999 der neu formierten Rebellengruppe Liberians United for Reconciliation and Democracy (LURD) an. Damals war er vierzehn Jahre alt. «Ich wollte meinen Vater rächen und gegen Taylor kämpfen.» Dieser war in der Zwischenzeit Staatspräsident geworden.

Nach einem knappen Jahr wurde Simon von Taylors Truppen gefangen genommen. Er wurde gefoltert, zum Foltern anderer Gefangener gezwungen und regelmässig unter Drogen gesetzt. Schliesslich wurde er – als einer der wenigen Krahn – selber Mitglied der Miliz, zuerst als Träger, später als bewaffneter Krieger. Im April 2003 stürmte er mit den Truppen von Taylors Mountain-Lions-Brigade in der Provinz River Gee mehrere Dörfer. Hunderte von Männern, Frauen und Kindern wurden massakriert. Als er im Dorf River Gbeh einem seiner Brüder gegenüberstand, wurde Simon gezwungen, diesen zu erschiessen, um seine Loyalität zu beweisen. Andernfalls würde er selber getötet. Angeordnet hatten das Massaker General William Sumo und Dan Morias, der damalige Verwalter («Superintendent») des Nachbarbezirks Maryland County.

Keine Rechtssicherheit

Drei Jahre später sagte Morias gegenüber der 2005 eingesetzten Wahrheits- und Versöhnungskommission: «Kleine Menschen machen kleine Fehler, grosse Menschen grosse Fehler.» Er als grosser Mensch habe ein paar grosse Fehler gemacht. Das vielfach bezeugte Massaker an Hunderten von Menschen, die Rekrutierung von KindersoldatInnen, die Verstümmelungen und andere Gräueltaten, das sind sogar sehr grosse Fehler. Dazu Dan Morias: «In meinem jugendlichen Übermut habe ich vielleicht Menschen vor den Kopf gestossen. Dafür entschuldige ich mich und übernehme die ganze Verantwortung.» Vor den Kopf gestossen hat er mit dieser Entschuldigung all die Opfer, die seine Aktionen überlebt haben. Und von Verantwortung übernehmen kann in keiner Weise gesprochen werden. Denn Morias lebt bis heute von der Justiz unbehelligt. «Nach liberianischem Gesetz könnte jemand wie er zwar wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden, aber es fehlt dem Land der politische Wille dazu», erklärt Alain Werner, Direktor von Civitas Maxima, einer unabhängigen nichtstaatlichen Organisation (NGO), die Opfer von Kriegsverbrechen juristisch vertritt. Zudem seien frühere Kriegsfürsten inzwischen oft in Machtpositionen und würden von Staatsanwälten wie Richterinnen gefürchtet. Dan Morias beispielsweise amtet heute als Senatsvorsitzender in Monrovia.

«Das liberianische Rechtssystem ist nicht in der Lage, solche anspruchsvollen Fälle zu bearbeiten», räumt Werner ein. Zudem ist es zutiefst korrupt. KriegsverbrecherInnen werden nur verhaftet und vor ein nationales Gericht gestellt, wenn sie in ein anderes Land reisen, in dem die Justiz funktioniert und die Staatsanwältinnen, Ermittler oder auch eine NGO glaubwürdige Beweise für deren Verbrechen finden. Im Fall von Liberia werden die meisten Fälle auch nicht vor den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag (vgl. «Wahrheit finden – und doch nicht handeln») gebracht, weil Liberia das multilaterale Römerstatut erst 2004 ratifizierte. Weder General William Sumo noch Dan Morias werden sich also vor einem internationalen Gericht verantworten müssen. Und da es neben der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Liberia keine Instanz gibt, die KriegstreiberInnen zur Rechenschaft zieht, werden sie wohl nie belangt.

Nachdem Simon gezwungen worden war, seinen Bruder zu töten, desertierte der inzwischen Sechzehnjährige nach Côte d’Ivoire, wo er sich der neu formierten Rebellengruppe Movement for Democracy in Liberia (Model) anschloss, mit der er wieder nach Liberia vordrang, um gegen Taylors Truppen ins Feld zu ziehen – bis einige Monate später der zweite liberianische Bürgerkrieg (1999–2003) zu Ende war. «Die Model-Kämpfer nahmen mich gern. Als Krahn spreche ich ihre Sprache, und ich bin ein erfahrener Soldat», erzählte er. «Die Sache mit meinem Bruder haben sie zum Glück nicht erfahren.» Schon damals wusste er: «In die Provinz River Gee werde ich nie mehr zurückkehren können.»

Die Mutter hat Angst vor ihm

Während der knapp vier Jahre, in denen der Teenager als Milizionär tätig war, erlebte er diverse Gräueltaten oder führte sie selber aus. Als er nach dem Krieg wieder zu seiner Ursprungsfamilie in die Hauptstadt hätte zurückkehren sollen, wollte ihn diese nicht bei sich aufnehmen – nicht nur, weil sie noch immer bettelarm war. «Er ist sehr böse geworden», sagte seine Mutter, die inzwischen vom Brudermord erfahren hatte. Auch viele andere schlimme Geschichten habe sie über ihn gehört: «Ich habe Angst vor ihm.» Und es stimmt: Simon quälte und tötete viele Leute. In einem Gespräch kurz nach dem Krieg beschreibt er, welche Foltermethoden «nützen», demonstriert, wie man mit der Machete Glieder entfernt. Einige Menschen in Liberia liefen seinetwegen ohne Fuss («long sleeve») oder ohne Bein («short sleeve») herum. Er erzählt das nicht ohne einen gewissen Stolz. Amadou* und Wonley*, zwei andere Teenager, die an seiner Seite kämpften und nun im gleichen Camp untergebracht sind, lachen, imitieren spielend die Folterszenen. Sie wissen genau, von was er spricht. Sind diese Kinder schuldig? Sind sie Kriegsverbrecher?

Ums nackte Überleben

«Diese Kinder sind zuallererst Opfer», sagt Charlotte Helletzgruber, die bis vor kurzem als Kinderschutzbeauftragte bei der Unicef in der Zentralafrikanischen Republik arbeitete. «Was sie als Kinder getan haben, haben sie oft unter extremen Umständen getan, unter Zwang oder indoktriniert und unter Drogen- oder Alkoholeinfluss und nachdem sie oft jahrelang selbst extremer Gewalt ausgesetzt waren, Familie und Freunde verloren haben oder gar selbst umbringen mussten. Daher werden sie, zumindest von internationalen Rechtsinstanzen, die sich generell auf führungs- und befehlsgebende Täter beschränken, nicht zur Rechenschaft gezogen», so die Juristin. Das gelte auch für jene Fälle, in denen sie sich einer bewaffneten Gruppe freiwillig angeschlossen hatten – so wie Simon. «Das tun sie nämlich vor allem, wenn sie ohne Familie dastehen und ums nackte Überleben kämpfen müssen.» In der Regel suchen sie Anschluss an eine Gemeinschaft und deren Schutz oder einfach nur Zugang zu einer Mahlzeit am Tag. «Kinder aus einem liebenden Elternhaus, in dem es genug zu essen gibt, und die regelmässig zur Schule gehen, laufen in der Regel nicht einfach davon.»

Das bedeutet aber nicht, dass KindersoldatInnen nie von nationalen juristischen Instanzen verfolgt werden – manchmal sogar auf brutalste Weise. 2009 wurden im Sudan sechs Kinder zum Tod verurteilt, weil sie mit Rebellengruppen gegen Regierungstruppen gekämpft hatten. «Gesellschaften mögen unterschiedliche Definitionen von Kindern haben», erklärt Helletzgruber. Was sind Kinder? Was können und sollen sie? Welchen Platz haben sie in der Gesellschaft? Sind sie «unfertige Erwachsene», die noch gesellschaftskonform gemacht werden sollen? Bis zu welchem Alter brauchen sie Fürsorge? Während die Uno-Kinderrechtskonvention von 1989 KindersoldatInnen als unter Fünfzehnjährige, die direkt an Feindseligkeiten teilnehmen, definiert, hebt ein Zusatzprotokoll der Konvention aus dem Jahr 2002 das Mindestalter für wehrpflichtige SoldatInnen der ratifizierenden Staaten auf achtzehn Jahre an; die Rekrutierung von Freiwilligen ab sechzehn Jahren ist indessen völkerrechtlich legal. Unicef, alle namhaften Menschenrechtsorganisationen sowie die Afrikanische Union (AU) folgen der Definition der Pariser Prinzipien (2007): Darin wird jede Person, die sich in nationalen Streitkräften oder bewaffneten Gruppen befindet und das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, als KindersoldatIn bezeichnet. Dabei ist es unerheblich, ob das Kind Waffen trägt oder an Kämpfen teilgenommen hat, ob es zwangsweise rekrutiert, in einem ordentlichen Verfahren zur Wehrpflicht herangezogen oder als Freiwillige oder Freiwilliger angeworben wurde. Als KindersoldatInnen gelten also auch Trägerinnen und Spione, Sexsklavinnen oder Köche.

Kindersoldaten gibt es auch in England

KindersoldatInnen sind keine afrikanische Erfindung. Noch im Zweiten Weltkrieg hat die Waffen-SS Jugendliche angeworben, auch auf sowjetischer und japanischer Seite kamen Minderjährige zum Einsatz. Kinder kämpften sowohl im Jugoslawienkrieg als auch in Sri Lanka aufseiten der Tamil Tigers. Die britische Regierung hat zwischen 2003 und 2005 Sechzehnjährige in den Irakkrieg geschickt (Alkohol dürfen die BritInnen erst im Alter von achtzehn Jahren kaufen), und in Kolumbien kamen und kommen KindersoldatInnen im Bürgerkrieg zum Einsatz. «Etwa 250 000 Kinder unter achtzehn Jahren sind heute in Streitkräfte oder bewaffnete Gruppen eingegliedert oder ihnen angeschlossen. Bis zu vierzig Prozent dieser Kinder sind Mädchen», schreibt das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Wie aber werden KämpferInnen verurteilt, die als Kinder in den militärischen Dienst eingezogen worden sind? Diese Frage stellt sich nun im Fall von Dominic Ongwen. Nach über zehnjähriger Fahndung sitzt die rechte Hand von Joseph Kony, dem Anführer der berüchtigten Lord’s Resistance Army (LRA) aus Uganda, auf der Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag; am 24. August wird der Prozess eröffnet.

Der heute 34-jährige Ongwen wurde als Dreizehnjähriger auf dem Schulweg von LRA-Kämpfern verschleppt und als Kindersoldat zwangsrekrutiert; geschätzte neunzig Prozent der LRA-Mitglieder waren im Jahr 2000 minderjährig. Er stieg in der Organisation schnell auf und bekleidete im Alter von achtzehn Jahren bereits den Rang eines Majors, ein Jahrzehnt später war er Brigadegeneral. Die fundamentalistische Rebellenorganisation, deren Ziel es ist, einen christlich-theokratischen Gottesstaat zu errichten, ist seit Ende der achtziger Jahre dafür bekannt, die Menschen in Norduganda und den umliegenden Ländern zu terrorisieren. Zehntausende von Menschen sind getötet und Millionen vertrieben worden. Ongwen führte eine der vier LRA-Truppen und gehörte daher zu den Köpfen der Rebellenorganisation. Ihm werden schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, darunter Sklaverei, Mord, Verstümmelung und Plünderung. Am 3. Januar wurde er von einer zentralafrikanischen Rebellengruppe, der Ex-Seleka, gefangen genommen, die (vergeblich) auf das von den USA in Aussicht gestellte Lösegeld von fünf Millionen US-Dollar spekulierte.

Wenn Ende August der Prozess gegen Dominic Ongwen eröffnet wird, muss unter anderem geklärt werden, ob mangelnde Zurechnungsfähigkeit geltend gemacht werden kann und ob Ongwen «empathieunfähig» ist, weil er als Kind massiver Gewalt ausgesetzt war. «Kindersoldaten durchlaufen oft brutale Initiationsrituale, bei denen sie extremen Schmerzen ausgesetzt werden», erklärt Charlotte Helletzgruber. «Die Kombination von Härte, Schmerzen und Gewalt, die sie später selber ausüben, ist demnach eine Fortführung der eigenen Erfahrung.» Die Kinder setzen um, was sie einst selber erfahren haben. «Sie glauben, dass es das ist, was die Rebellen und sogar die Gesellschaft von ihnen erwarten.»

Die Indoktrinierung und Gewalt, die sie als Kinder erlebt haben, könne als mildernder Umstand angesehen werden oder die strafrechtliche Verantwortung einschränken. «Dies vor allem, falls es ein Gutachten gibt, das besagt, dass die Zurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt des Verbrechens eingeschränkt war», sagt Helletzgruber. Der ICC ahndet zwar nur Kriegsverbrechen, die von Erwachsenen begangen wurden. Doch «in extremen Fällen könnte sich sogar Strafunmündigkeit ergeben, etwa wenn der vormalige Kindersoldat Opfer eines andauernden Verbrechens ist». Dass bei Ongwen, der während sechzehn Jahren als Erwachsener Kriegsverbrechen beging, dieser sogenannte «doli incapax» zur Anwendung kommt, scheint indessen unwahrscheinlich.

In Monrovia laufen heute viele Menschen herum, die jahrelang für Kriegsfürsten wie Ongwen kämpften und die Grausames erlebt und Grausames getan haben. Dass sie je zur Rechenschaft gezogen werden, scheint mit den heutigen Rechtsinstanzen kaum realistisch. Wichtig wäre, wenigstens die KriegsfürstInnen zu bestrafen – als Zeichen der Versöhnung für die Opfer, zu denen auch die vielen Tausende von KindersoldatInnen gehören. Doch die rechtliche Ausgangslage ermöglicht nicht einmal die Verfolgung der brutalsten Warlords. Umso wichtiger ist es, die Tausenden von traumatisierten ehemaligen KindersoldatInnen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Simon ist die Reintegration nicht gelungen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) fand nach dem Krieg zwar entfernte Verwandte, die bereit waren, ihn bei sich aufzunehmen. Aber nach wenigen Tagen verliess er die auf einem Abfallhaufen errichtete Wellblechhütte und schloss sich einer der vielen Gruppen von ehemaligen KindersoldatInnen an, die als Gangs auf den Strassen Monrovias leben. Er war nun achtzehn Jahre alt, konnte weder lesen noch schreiben, hatte keinen Job. Im Krieg hatte er gelernt, dass er nur mit Gewalt etwas erreichen kann. Und dass das Leben keinen Wert hat – auch sein eigenes nicht. Er habe ihn kürzlich gesehen, erzählt Wonley, ein junger Mann aus Monrovia, der einst an Simons Seite gekämpft hatte, während eines Telefongesprächs Anfang 2015. Er führe nun eine Gang an. Und er sei sehr gefährlich.

* Namen geändert.