Nr. 27/2015 vom 02.07.2015

Bedrohung? Sieht irgendwie anders aus

Roboter an der Hotelrezeption, Roboter am Pflegebett, singende Roboter als beklatschte Stars: Der japanische Umgang mit Androiden ist viel entspannter als im Westen. Das hat auch mit der Religion und der Wirtschaftsgeschichte zu tun.

Von Roland Fischer (Text) und Loulou d’Aki (Foto), Tokio

When the machines take over, I hope they are Japanese.
Timothy Hornyak

Den ersten Vertreter der Gattung sehe ich an einer riesigen Technikmesse in der Nähe von Tokio. Niconico Chokaigi heisst die Messe, sie versammelt jedes Jahr rund 150 000 japanische Nerds und lässt sich kaum beschreiben – es ist ein junges, buntes und schrilles Durcheinander von Technikgläubigkeit. Und irgendwo mitten in diesem ohrenbetäubenden Chaos steht er da, der kleine Pepper: Mit einem Selfie-Stick bewehrt, lädt er das Publikum mit treuherzigem Blick zum Posieren ein. Die Leute stehen Schlange, um den Arm um ihn zu legen; zum besonderen Anlass wurden ihm alberne Flügelchen an den Rücken montiert. Ein stoischer kleiner Engel, forever young.

Pepper ist ein Roboter und gerade ein kleiner Star in Japan. Wieder eine neue humanoide Maschine, denkt man, wieder mal Kindchenschema, grosse Augen, kleine Statur – bei den JapanerInnen trifft das offenbar einen Nerv. Und das entsprechende Nervenzentrum ist eben Niconico Chokaigi, wo einem die irgendwie kindliche Affinität dieses Landes zur Technik sehr schön vor Augen geführt wird. Hier spürt man nichts von den Debatten, wie sie bei uns geführt werden: Nehmen uns die Roboter bald die Arbeit weg? Was passiert, wenn die Computer immer schlauer werden und immer mehr Aufgaben übernehmen können, die eben noch menschliche Domänen waren? Steht uns eine nächste Industrialisierung bevor, die uns fast alle arbeitslos macht? Wobei: Wäre es nicht eigentlich sogar wünschenswert, endlich die Geissel der Erwerbsarbeit los zu sein? Aber im Westen reagiert man auf solche Zukunftsvisionen vor allem mit Angst. Und mit einem diffusen, tief verwurzelten Unbehagen gegenüber den Maschinen.

Mitleid mit der Maschine

Ein paar Tage später sehe ich Pepper in einem Handyshop in Tokio wieder, in einer dieser blinkenden Einkaufsstrassen, die wie Szenen aus einem Videospiel wirken. Ein wenig verloren steht er in einer Ecke und versucht zu kommunizieren, wenn Leute an ihm vorbeigehen. So richtig scheint das hier aber niemanden zu interessieren – und schon geht man der Maschine auf den Leim, weil sie einem fast leidtut: wie ihre Gesten immer wieder einfrieren, wie sie traurig die Arme sinken lässt, wenn das Gegenüber aus dem Gesichtsfeld verschwindet. Vielleicht sollte ich den armen Kerl adoptieren.

In einem grossen Elektronikladen auf der anderen Strassenseite gibts Pepper zu kaufen, für rund 1500 Franken plus monatliche Abogebühren. Der Roboter ist gewissermassen ein Smartphone mit Körper, er wurde von der Mobilfunkfirma Softbank entwickelt, hängt konstant am Handynetz und ist auf diese Weise mit einem kollektiven Verstand versehen. Pepper steht gleich am Eingang, aber auch hier geht die neuste Errungenschaft auf dem Robotermarkt im uferlosen Angebot von Geräten und Gadgets unter. Bedrohung? Sieht irgendwie anders aus.

Pepper ist auf den Massenmarkt zugeschnitten, aber es gibt auch spezifischere Testläufe, so für den Einsatz von Robotern als Dienstleister. Mitte Juli wird das Henn-na Hotel in der Nähe von Nagasaki die ersten Gäste empfangen. Das heisst: Empfangen werden sie von zehn humanoiden Robotern an der Rezeption. «Nur noch zwei biologische Menschen werden sich um die Gäste und deren Belange kümmern», sagt der – menschliche – Kommunikationsverantwortliche des Hotels. Eingecheckt wird mithilfe eines Gesichtserkennungssystems, das den Schlüssel ersetzt; wem das nicht gefällt, der kann auch eine digitale Schlüsselkarte verlangen. Die Roboter sprechen standardmässig Japanisch, Chinesisch, Koreanisch und Englisch – die Sprachkenntnisse können natürlich nach Bedarf aufdatiert werden, was viel einfacher geht als bei menschlichen Angestellten. Überhaupt funktioniert das ganze Hotel nach der Updatelogik der Softwareindustrie. Es ist ein laufendes Entwicklungsprojekt, bei dem nach und nach auch die Jobs von Portiers, Kofferträgern und Zimmermädchen von Robotern übernommen werden sollen: «Am Ende sollen sie neunzig Prozent der Arbeiten erledigen», verspricht die Betreiberfirma. Die Automatisierung sorgt für günstige Preise: Ein Einzelzimmer wird rund 50, ein Doppelzimmer etwa 65 Franken kosten.

Der Dino spricht Chinesisch

Gefertigt werden die Rezeptionistinnen von der Firma Kokoro in einer grossen Halle auf einem gesichtslosen Industriegelände etwa eine Stunde ausserhalb von Tokio. «No photos, no photos! Sorry!», sagt Hideaki Sakurai, der Verkaufschef von Kokoro – und lächelt. Über ihm bewegt sich der riesige Schwanz eines Dinosauriermodells hin und her, die Schnauze bewegt sich schwerfällig zu einer brummend tiefen Stimme, die auf Chinesisch irgendetwas erzählt. Daneben eine weibliche Figur, ebenfalls ein Automat, die Stimme charakterlos, ihre Arme schlenkern. Dann wieder der Dinosaurier, die Hydraulik zischt leise, der Rumpf wiegt hin und her, am Schluss ein dröhnendes Lachen aus dem Lautsprecher, während er die Schnauze hochreisst. Wir sind beeindruckt von den Riesenmaschinen. Hideaki Sakurai strahlt und erklärt technische Details, während er uns in den hinteren Teil der Fabrikationshalle führt. Aber Moment: Was hat das alles mit Androiden zu tun?

Sehr viel in Japan. «Wir haben von der Vergnügungsindustrie viel gelernt, was wir nun bei humanoiden Robotern anwenden», sagt Sakurai. Die Firma Kokoro, 300 Angestellte und zum Spielgiganten Sanrio («Hello Kitty») gehörend, verdient ihr Geld buchstäblich spielend zwischen Forschungslabor, Wissenschaftsmuseum und Vergnügungspark – und neuerdings eben auch in der Arbeitswelt. Denn auch das Roboterhotel in Nagasaki wird auf dem Gelände eines Vergnügungsparks gebaut. Es ist ein wenig, als würden die bedeutendsten Fortschritte im Eisenbahnbau bei der Konstruktion von Achterbahnen gewonnen.

Etwa ein halbes Jahr dauere es, bis so ein künstlicher Mensch fertig sei, sagt der Verkaufschef von Kokoro. Kostenrahmen: ab 200 000 bis hin zu einigen Millionen Franken, je nach Sonderwünschen. Im Präsentationsraum hat er uns einen Prototypen vorgeführt: eine Frauenfigur, die auf Knopfdruck zu sprechen und zu gestikulieren beginnt, die Mimik ist erstaunlich präzise. Wäre da nicht diese Stimme, die aus dem Lautsprecher im Sockel statt aus dem hübschen Mund kommt, man könnte sich tatsächlich für einen Moment täuschen lassen.

Geheimnisse à discretion

Weil wir so fasziniert sind, lässt sich Hideaki Sakurai überreden, uns auch noch die Hallen zu zeigen, aber eben: ohne Fotos. Hier stehen Geheimnisse à discretion herum, Prototypen, halb fertige Sonderanfertigungen, Weltpremieren. Es ist ein wahrhaft surreales Durcheinander von Dinosauriern, Körperteilen und fantastischen Halbwesen, die direkt einem Computerspiel entsprungen scheinen. Schon wenn man die grossformatige und ausnehmend bunte Kokoro-Hauszeitung durchblättert, merkt man: Hier in Japan pflegt man ein ganz anderes Verhältnis zu Robotern, als wir das gewohnt sind.

Wenn sich die westliche Kultur vorstellt, wie Maschinen menschlich werden, endet das in der Regel in Angst und Schrecken. Die entsprechenden Geschichten handeln fast durchwegs von Maschinen, die uns nichts Gutes wollen. «Der Sandmann» (1816), E. T. A. Hoffmanns Geschichte von der unheimlich perfekten Puppe Olimpia, ist gewissermassen die Urerzählung dieser Tradition, die bis zu Filmen wie «Terminator» (1984) und «The Matrix» (1999) reicht, diesen apokalyptischen Visionen von der Herrschaft der Maschinen. Dieses Unbehagen in der abendländischen Kultur schwingt dann auch in der aktuellen Diskussion mit, wobei als Warner gerne auch renommierte und eigentlich besonnene Wissenschaftler wie Stephen Hawking auftreten: Wird der Mensch bald von den Maschinen beherrscht oder, wenn er nicht aufpasst, gleich von ihnen beiseitegeräumt?

Der Kokoro-Vertreter zuckt darauf nur mit den Schultern. Und lächelt weiter. Protestzüge um seine Fabrik herum? Wird es nicht geben, da ist er beruhigt. Niemand in Japan habe Angst, dass eine Maschine ihm den Job wegnehmen könnte. JapanerInnen hätten einen starken Hang zum Komfort und zu Dingen, die das Leben angenehmer machen, das sei tief in die japanische Psyche eingeschrieben. Die Schreckensvision einer Herrschaft der Roboter? Die Frage könnte sich stellen, wenn Roboter dereinst wirklich menschlich würden. Aber das werde frühestens in hundert Jahren geschehen. Inzwischen tüfteln die Kokoro-Ingenieure an Robotern, die schwitzen können, und sie verfeinern die mimischen Fähigkeiten – bei den Rezeptionistinnen des Henn-na Hotels haben sie bereits rund dreissig Ausdrucksformen unter die täuschend echt aussehende Latexhaut des Gesichts gepackt.

Tatsächlich werden in Japan die Roboterträume anders geträumt, das hat Tradition. Angefangen hat alles mit Astro Boy, einem ausnehmend sympathischen, künstlichen Wesen mit Raketenfüssen, das den JapanerInnen seit den Fünfzigern als Comic- und Fernsehfigur in allerlei Nöten beisteht. Und auch ein düsterer Film wie «Ghost in the Shell» (1995) spielt nicht mit dem Grauen, sondern fragt nach dem Unterschied – oder vielleicht der Ununterscheidbarkeit? – von Mensch und Maschine. Der Roboter ist in Japan seit langem Teil der Alltagsmythologie, als Figur, die immer zuerst ein Gegenüber und erst in zweiter Linie eine funktionale Maschine ist.

Man hat den Unterschied zwischen westlichem Unbehagen und japanischer Technikgläubigkeit oft über die Religion zu erklären versucht. Der Mensch, der Gott spielt, indem er ein Lebewesen nach seinem Ebenbild erschafft: In der jüdisch-christlichen Tradition ist das Blasphemie und mit der Angst verbunden, die vom Menschen erschaffene Maschine würde sich früher oder später zwangsläufig gegen ihren Schöpfer wenden. Das ist ein Motiv, das bereits im jüdischen Mythos vom Golem verhandelt wird; als es später in Mary Shelleys «Frankenstein» (1818) wiederkehrt, wird es zu einem Urmotiv der Moderne. Selbst ein neuerer Film wie «Ex Machina» (2015), der offensichtlich mit dem weiblichen Roboter sympathisiert, kommt nicht umhin, den Schöpfer für seine Hybris zu bestrafen.

Keine Angst vor Frankenstein

In Japan dagegen gilt die animistisch-schintoistische Vorstellung, dass jedes Ding beseelt sein kann. Die Grenze zwischen Mensch und unbelebter Materie ist hier fliessend, und ganz selbstverständlich erscheint deshalb die Möglichkeit, die Natur durch den Menschen über diesen Urzustand hinauszuheben, sei das in der Kunst oder eben auch durch die Technik. Man sieht das zum Beispiel auch im Umgang mit der Gentechnik: Die Vorstellung, dass der Mensch nicht Gott spielen dürfe, ist in Japan wie auch in anderen asiatischen Ländern schlicht nicht Teil des religiösen Vokabulars.

Es gibt allerdings noch einen anderen Erklärungsansatz, und dieser wurzelt in der konkreten Arbeitswelt. Der vielleicht entscheidende technikhistorische Unterschied zwischen Japan und dem Abendland liegt im Verlauf der Industrialisierung. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein blieb Japan von der restlichen Welt abgeschottet – als Folge einer politischen Strategie zur Erhaltung der Machtstrukturen. Es gab kaum Austausch, kaum Handelsbeziehungen mit dem Ausland. Auch was die maschinelle Revolution anging, hinkte Japan weit hinter dem Westen her; deshalb hat das Land auch nie so etwas wie maschinenstürmerische Zeiten erlebt. Die Arbeiterschaft stand nicht unversehens auf der Strasse, weil Maschinen die Handarbeit viel effizienter erledigten. Als die Maschinen im Laufe des 20. Jahrhunderts mit Verspätung die japanische Wirtschaft umkrempelten, kamen sie immer als Begleiter eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Sie waren keine Jobkiller, sondern Joberschaffer. Kurz: Industrialisierung und Automatisierung gingen in Japan immer Hand in Hand.

Und so stellt man sich in Japan den Roboter bis heute als freundlichen Helfer vor, der all die Aufgaben übernimmt, die der Mensch sowieso nicht erledigen kann oder will. So wie im Moment in der Altenpflege, wo die künstliche Robbe Paro demenzkranken Menschen seit rund zehn Jahren Gesellschaft leistet – oder doch nur vorgaukelt? Paro ist eines der Vorzeigebeispiele dafür, wie die Roboterfrage in Japan gesehen wird: als eine soziale, auch in technischer Hinsicht. Japanische Roboter versuchen, menschlich zu sein, die Forschung interessiert sich vor allem für den Austausch zwischen Mensch und Maschine. Das geht sogar so weit, dass Roboter als soziale Vermittler in einer zunehmend atomisierten Gesellschaft gesehen werden. Roboter könnten – als Familienmitglieder, als Freunde, als Diener – so etwas wie soziale Scharniere werden, die Menschen wieder enger zusammenführen: der gute Roboter als Gefährte, der uns vor der Vereinzelung durch das böse Smartphone rettet.

Sklaven für den Krieg

Bei uns geht es da einiges pauschaler – und martialischer – zu und her. Technik will beherrscht werden, sonst beherrscht sie uns: «Roboter sollen Sklaven sein», so hat die US-Roboterforscherin Joanna J. Bryson vor fünf Jahren einen viel zitierten Aufsatz betitelt. Dementsprechend baut der Westen seine Maschinen auch ohne Gesicht – hier sind keine persönlichen Beziehungen erwünscht. Man muss sich das nur einmal bei der Robotikfirma Boston Dynamics anschauen (auf Youtube zum Beispiel), die im Dienst der US-Armee forscht und jüngst von Google aufgekauft wurde: Die avanciertesten Roboter aus deren Maschinenpark sehen aus wie Hundezombies, ohne Kopf notabene, aber erschreckend agil. Als weitgehend autonome Lastesel sollen sie bald SoldatInnen im Kampf begleiten. Kein Wunder: Während die Roboterentwicklungslabors in Japan nicht selten Teil der Unterhaltungsindustrie sind, schöpfen sie auf der anderen Seite des Pazifiks eher aus den Militäretats.

Roboter als Sklaven: Womöglich führen uns die Maschinen, die wir erschaffen, auch dauernd eines der düstersten Kapitel unserer wirtschaftlichen Entwicklungsgeschichte vor Augen. Und eben deshalb fürchten wir sie und ihren möglichen Aufstand.

Neben den militärischen Sklaven von Boston Dynamics nimmt sich Aiko Chihira geradezu rührend unbedarft aus. Die künstliche Empfangsdame des Luxuskaufhauses Mitsukoshi ist in edles Kimonotuch gewandet, das Innenleben kommt von Toshiba. Bei unserem Besuch im Konsumtempel ist sie gerade nicht am Eingang anzutreffen, man schickt uns ins Café im obersten Stock, wo sie im Moment ein Konzert gebe, zusammen mit zwei klassischen Musikerinnen. Wieder so ein irritierender Japanmoment: dieses maschinelle Playback in gediegenem Ambiente mit Liedern aus dem Klassikrepertoire auf Japanisch und all die Schaulustigen, die unablässig fotografieren und am Schluss artig applaudieren, während sich Aiko Chihira mit den echten Musikerinnen zusammen verbeugt und ein verkrampftes Lächeln versucht. Ist das etwa die Zukunft der Musikindustrie? Oder lässt sich Aiko Chihira einfach dort am besten einsetzen, wo der Mensch seine Aufgaben ohnehin bereits roboterhaft erledigt – an der Supermarktkasse, hinter dem Empfangstresen oder eben auch als hübsches Gesicht eines Unterhaltungsprogramms?

Rückwärts in die Roboterzukunft

Zurück in die Arbeitswelt: Aiko Chihira und die Roborobbe Paro zeigen noch einen anderen Grund, weshalb JapanerInnen die Roboterzukunft willkommen heissen. Aufgrund des demografischen Wandels dürfte es vor allem im Servicesektor bald zu viel Arbeit und zu wenig ArbeiterInnen geben. Von 1995 bis 2015 sind in Japan rund drei Millionen Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden, und der Trend wird sich noch verstärken. Wie die japanischen Gesundheits- und Arbeitsministerien unlängst vorgerechnet haben, könnte das vor allem im Pflegesektor zu Millionen von offenen Stellen führen. Da könnten Roboter abhelfen – das ist in Japan jedenfalls populärer, als mehr Frauen ins Arbeitsleben zu integrieren oder ImmigrantInnen ins Land zu holen. Japan lehrt uns also noch etwas anderes: Roboter lassen sich nicht nur wunderbar für strahlende Zukunftsvisionen einspannen, sondern auch für rückwärtsgewandte Gesellschaftsmodelle.

Nicht selten würden sexistische Rollen unhinterfragt auf Maschinen übertragen, sagt die dänische Kulturwissenschaftlerin Gunhild Borggreen, die sich mit Roboterbildern in Japan beschäftigt: «Wenn Roboter bei der Hausarbeit helfen, könnte das die Frauen überzeugen, zu Hause zu bleiben und mehr Kinder zu bekommen.» Denn von den Männern können sie im Haushalt nach wie vor kaum Unterstützung erwarten, zumindest nicht im klassischen japanischen Modell. Überhaupt dürfe man nicht vergessen, dass die japanische Robotereuphorie ein konstruierter Diskurs sei, der von diversen AkteurInnen gesteuert werde. Da gehe es um Nationalstolz und um wirtschaftliche Hintergründe, um die Roboterindustrie als nationalen Erfolgsmythos.

Das Henn-na-Hotel ist da sehr willkommen als eine dieser scheinbar perfekten Erfolgsgeschichten, die von den internationalen Medien so gern portiert werden. Denn noch harzt die Roboterrevolution gehörig. Das zur Jahrtausendwende von der japanischen Regierung formulierte Ziel, bis 2025 solle in jedem Haushalt ein Roboter bei der Arbeit helfen und als «soziale Maschine» zum zusätzlichen Familienmitglied werden – es wird ein schöner PR-Traum bleiben. Premierminister Shinzo Abe will dennoch daran festhalten. Das hat er unlängst bekräftigt, indem er die «Robot Revolution Initiative» lancierte. Diese wird von 200 Firmen und Universitäten unterstützt und hat zum Ziel, schon in den nächsten fünf Jahren Roboter für verschiedene Dienstleistungsjobs fit zu machen. So sollen die Umsätze der Roboterindustrie von heute jährlich 600 Milliarden Yen (fast fünf Milliarden Franken) bis 2020 auf das Vierfache anwachsen.

Die Roboterindustrie zum Wirtschaftsmotor machen und zugleich den demografischen Wandel abfedern? Keine einfache Aufgabe. Abgesehen von diversen Marketinginitiativen, zu denen auch Aiko Chihira zu rechnen ist, gibt es derzeit noch kaum Roboter im Dienstleistungssektor. Ebenso wenig haben Pflegeroboter bislang das Potenzial, den Gesundheitssektor umzukrempeln – auch wenn die künstliche Robbe Paro, die unter Einbezug auch von Gesundheitsfachleuten entwickelt wurde, von Demenzkranken durchaus gut akzeptiert wird.

Eine andere Geschichte vom Altern mit künstlichen Gefährten lebt schliesslich Hiroshi Ishiguro vor, der Star der Roboterforscherzunft. Er hat schon vor bald zehn Jahren einen tatsächlich unheimlich exakten Klon seiner selbst gebaut. Weil dieser in der Zwischenzeit nicht gealtert ist, war die Ähnlichkeit irgendwann nicht mehr perfekt, also überlegte sich Ishiguro, einen neuen Klon zu bauen. Aber dann entschied er sich für eine billigere Variante: Er unterzog sich selbst einer Gesichtsoperation, um wieder so jung wie der Roboterklon auszusehen. Forever young, wie der kleine Pepper.

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