Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

Heroismus der künstlerischen Tat

2000 Kunstwerke hat Lilly Keller seit 1950 geschaffen. Ein Buch geht dem ästhetischen Furor nach, der sie antreibt.

Von Stefan Howald

Malerin und Sujet für Maler: Lilly Keller mit Abessinierkatzen und Tiger im Dschungelgarten in Montet, in den achtziger Jahren, gemalt von Eric Scott. Foto: aus dem besprochenen Buch

Ihre Grossmama, sagt Lilly Keller, sei gewesen wie sie, «selbstbewusst und resolut». Sie habe das Haus patrouilliert und «befohlen, wie es gemacht werden soll». Das ist keine schlechte Selbsteinschätzung. Lilly Keller weiss, was sie will. Und was die andern machen sollen.
Der Journalist und ehemalige WOZ-Redaktor Fredi Lerch hat der 1929 geborenen Künstlerin ein grosses «literarisches Porträt» gewidmet, basierend auf langen Gesprächen. Das Buch umkreist eine faszinierende Person, die einem gelegentlich auf die Nerven geht. Lerch beginnt in der Gegenwart und kehrt erst im letzten Kapitel zu Kindheit und Jugend zurück. Er beginnt auch ganz nah bei der Porträtierten, beinahe kommentarlos, und geht dann langsam ein wenig auf Distanz, nimmt den Dialog auf.

Anfänglich führt Lilly Keller ausführlich durch ihr Haus im Waadtländer Weiler Montet, in dem sie seit 1962 wohnt. Von Raum zu Raum enthüllen sich ein Universum voller eigenwilliger Kunst und eine Frau voller dezidierter Meinungen. «Werke sind Taten», sagt Lilly Keller, «blosses Gerede ist keine Tat.» Oder: «Alles geht, bloss Nichtstun geht nicht.»

Daran hat sie sich gehalten. Über ihre Taten hat sie Buch geführt, rund 2000 Werke sind es seit 1950 geworden. Keller begann in den fünfziger Jahren in Bern als Malerin, spezialisierte sich dann auf grosse Tapisserien, experimentierte zusehends mit verschiedenen Materialien und Stilen, verfremdete gefundene Gegenstände, schuf Land Art, kreuzte Naturprodukte und Kunststoffe, auch 76 private Collagebücher. Lerch fängt diese Vielfalt beeindruckend ein.

Berner Muse

Künstlerisch gross geworden ist Keller in der Berner Szene der fünfziger und sechziger Jahre, mit Jean Tinguely, Meret Oppenheim, Daniel Spoerri, Bernhard Luginbühl. Lilly Keller liefert pointierte Einsichten zu ihren ZeitgenossInnen, etwa die «Wahrheit», wie Meret Oppenheim vom Kunstbetrieb entschärft worden sei. Durch ihre Erzählungen entstehen weitere Porträts von teilweise vergessenen KünstlerInnen wie Friedrich Kuhn, Peter von Wattenwyl, Esther Altorfer und anderen.

Generell zieht sie über die «verschütteten Menschen» her, die bloss funktionieren, ohne wesentlich zu leben, und über die KünstlerInnen, die sich dem schnöden Mammon verschrieben haben. Aber da passiert etwas in diesem Buch: «Einspruch», sagt Fredi Lerch nämlich nach hundert Seiten, sie selbst habe doch privilegiert als Künstlerin leben können. Tatsächlich: 1962 konnte sie mit ihrem Mann ihr jetziges Haus kaufen, und dann hat sie ihm gesagt: «Du musst Geld verdienen gehen. Ich kann das nicht, ich habe in meinem ganzen Leben noch kaum einen Rappen verdient.» Worauf Toni Grieb seine eigene künstlerische Arbeit zurückstellte und bis zur Pensionierung als Zeichenlehrer arbeitete.

Das ist die Umkehrung des üblichen Verhältnisses zwischen Künstler und der ihn umsorgenden Frau. In der Berner Szene war sie Muse, Geliebte gewesen, und als die Beziehungen zu den berühmter werdenden Männern in die Brüche gingen, wurde sie als Künstlerin zur Seite geschoben. Mit den Tapisserien bewegte sie sich lange im Ghetto der «Frauenkunst». Geschlechterpolitik ist ihr deshalb ein wichtiges Thema; noch immer zieht sie gegen den patriarchal dominierten Kunstbetrieb ins Feld.

Sie selbst hat das gelebt, was als «offene Beziehung» bezeichnet wird. Bis zu Toni Griebs Tod 2008 hat sie mit diesem zusammengelebt, ging aber gelegentlich durchaus eine Liebschaft ein, die ihr beruflich geholfen hat, ja, es galt: «einen Geliebten in jeder Stadt».

Eine solche selbstbewusste Offenheit hängt womöglich auch mit ihrer Herkunft zusammen. «Prinzessin von Muri» sei sie in Stadtbern genannt worden, und im letzten Kapitel wird das ein wenig erläutert: Der Vater war Direktor bei der Post, sie wurde von einem Kindermädchen betreut, Originalzeichnungen von Paul Klee hingen an den Wänden der grosszügigen elterlichen Wohnung. Gesellschaftliches Verhalten wird nicht nur durchs Geschlecht, sondern auch durch die soziale Herkunft geprägt.

Nie mit den Blöden

Von früh auf war sie Rebellin, und sie ist es bis heute mit 86 Jahren geblieben. Keller wettert gegen die jüngste Kunst, gegen den Kurationismus des Kunstbetriebs. Dagegen setzt sie den Heroismus der wahren Kunst und des Machens. Sich treu bleiben, hartnäckig das Eigene suchen. Nicht das Resultat, sondern der Prozess ist das Ziel. Lerch fragt einmal nach einer politisch engagierten Kunst. Darauf kann eine dieser kellerschen Sentenzen als Antwort dienen: «Nie mit den Blöden. Und sowieso nie mit der Gruppe.» Überhaupt: Der Mensch ist ein Auslaufmodell. Die Natur wird gelassen über ihn hinweggehen. Es ist ein Blick von ganz oben, eisig.

Im umfangreichen Bildteil des Buchs wiederholt sich der Rundgang durchs Haus. Dessen Objekte werden collagenhaft verbunden, alltägliche Gegenstände und frappierende Polyesterblätter treffen aufeinander. Der Ort, die Zusammenstellung sind Inszenierungen. Eben: «Alles geht, bloss Nichtstun geht nicht.»

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