Postmigrantisches Kabarett

Von Carlos Hanimann, WOZ-Redaktor

Sie schreiben über die doppelte Staatsbürgerschaft und migrantische Jugendliche. Sie recherchieren über den Naziterror des NSU und über die Finanzströme des IS. Sie kommentieren den politischen Alltag in Deutschland und fassen Fussballweltmeisterschaften zusammen. Sie berichten aus Flörsheim, Istanbul oder Berlin. Sie arbeiten für die «taz», die «Zeit» und den «Spiegel». Sie sind JournalistInnen.

Und wie alle JournalistInnen erhalten sie hin und wieder unfreundliche Briefe von der Leserschaft. Nur: Sie kriegen nicht dieselbe Hasspost wie die Müllers und Meiers auf den Redaktionen. Denn sie heissen Topçu, Gezer, Yücel oder Musharbash – und egal, über welches Thema sie schreiben: Die Briefe, die sie bekommen, sind allzu oft zutiefst rassistisch. «Mohammedanerweibchen», «Türkentrulla» oder «Islam-U-Boot» heisst es dann in diesen Zuschriften. Oder: «Schön, dass Sie zwischen zwei Ehrenmorden noch Zeit finden, eine Kolumne zu schreiben.» Manche LeserInnen beklagen sich über Rassismus und tappen selbst in die Falle: «Rassismus von einem Türken in einem fremden Land hat in meiner «taz» nichts verloren.» Und wieder andere würden die JournalistInnen am liebsten zurück in ihre «Heimat» schicken, ins «Fickdeppenarschland».

Die Briefe sind nicht lustig, aber die JournalistInnen, die sie erhalten, haben daraus eine witzige Sache gemacht: Sie lesen sie vor versammeltem Publikum vor. Es ist ein Wettstreit der Dummheiten, ein Poetry Slam der besonderen Art. «Hate Poetry» haben sie die Veranstaltungsreihe genannt, auf der meist vier bis fünf JournalistInnen auftreten und sich die dümmsten und rassistischsten Beschimpfungen um den Kopf hauen. Am Ende kürt das Publikum eine Siegerin, einen Sieger. Aber wer gewinnt, ist nebensächlich. Wichtiger ist, dass die AutorInnen mit den Beleidigungen nicht alleine bleiben und stattdessen «die Scheisse zurück in die Umlaufbahn» schicken, wie «Zeit»-Reporter Yassin Musharbash einmal sagte.

Entstanden ist die Idee vor ein paar Jahren in einer bierseligen Runde. Bald darauf fand die erste Lesung im Berliner Café der «taz»-Redaktion statt und war ein voller Erfolg. Mittlerweile füllen die JournalistInnen Hallen in ganz Deutschland.

Geht das? Darf man das? Lachen, wenn einer schreibt: «Nette Dönerverkäufer abknallen, aber Deniz Yücel stehen lassen. Wo ist der NSU, wenn man ihn braucht?» Ja, man darf. Man soll. Unbedingt sogar, gerade wenn einem das Lachen bisweilen im Hals stecken bleibt. Deniz Yücel, einst Redaktor bei der «taz», heute Korrespondent der «Welt» in Istanbul, sagte in einem Interview mit der WOZ: «Ihr wollt uns erniedrigen, ihr Spackos? Wir nehmen euer Zeug, machen daraus eine Abendshow von zwei, drei Stunden, unterhalten 300 Leute damit, und manchmal verdienen wir auch noch Geld mit eurem Scheiss.» «Hate Poetry» ist eine betont antirassistische Show, die sich genau darin von den mittlerweile gängig gewordenen Leserunden verunglimpfter RedaktorInnen unterscheidet. Das macht die Lesungen zu postmigrantischem Kabarett, in dem selbstbewusst mit Klischees und Beschimpfungen gespielt wird, bis man sich fragt: Worüber lache ich da eigentlich?

Wer sich hin und wieder in die Kommentarspalten der Online-Newsportale verirrt, kann es mit der Angst zu tun bekommen. Da spricht der offene Hass, der blanke Rassismus, die bodenlose Dummheit. Was soll man damit anfangen? Sich ärgern? Sich wehren? Die ProtagonistInnen der «Hate Poetry»-Reihe haben einen anderen Weg gewählt, der sich leicht anfühlt und verdammt viel Spass macht: Sie lassen die RassistInnen rechts liegen und lachen über sie. Der Witz als Waffe – vielleicht ist das die beste Antwort auf die Einfältigkeit der selbst ernannten HeimatretterInnen: Im Spott schlummert die Macht der Ohnmächtigen.

Carlos Hanimann erhält selten hasserfüllte Leserbriefe, rassistische so gut wie nie. Dafür kriegt er des Öfteren verschwörungstheoretische Abhandlungen, meist verschickt mit Kopie an den Bundesrat.