Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

«Religion ist da, um bearbeitet zu werden»

Weshalb kommen wir in einer weitgehend säkularisierten Welt nicht von christlich motivierten Ritualen und Figuren los? Der Theologe und Kulturwissenschaftler Rolf Bossart plädiert für eine aufgeklärte kulturelle Einbindung der Religion – auch als wirksames Mittel gegen den Fundamentalismus.

Von Daniela Janser (Interview)

Rolf Bossart

Herr Bossart, an Weihnachten versammeln sich jedes Jahr auch viele Menschen, die mit Religion nicht viel am Hut haben, im Familienkreis unter den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Wie beurteilen Sie dieses Phänomen aus christlicher Perspektive?
Rolf Bossart: Dass Weihnachten heute so stark als Familienfest wahrgenommen wird, ist sehr interessant. Denn im Zentrum der christlichen Weihnachtsgeschichte steht mitnichten eine klassische Familie, sondern vielmehr ein ungewolltes Kind mit einem Vater, der sich extrem schwertut, dieses anzuerkennen. Dazu kommen ganz viele «Fremde» von aussen, die das Aussergewöhnliche dieser Geburt quasi autorisieren. Es ist also von der Tradition her kein exklusives Familienfest unter Blutsverwandten. Gefeiert wird ausserdem die Menschwerdung von Gott. Aus sozialkritischer Sicht kann man darin vor allem eine Selbsterniedrigung der Macht sehen. Weil die Macht hier sich im Kleinsten verkörpert, Jesus am Rand der Zivilisation in einem Stall geboren wird. Und er wird zuerst von den Ausgestossenen wahrgenommen. Deshalb hat Weihnachten auch eine grosse Symbolkraft.

Andererseits sind heute viele religiöse Rituale scheinbar nahtlos von säkularen Ersatzhandlungen abgelöst worden. Die Zeitungslektüre ersetzt das Morgengebet, das gemeinsame Fussballschauen die heilige Messe …
Es wird auch abseits des Christbaums immer ein Ensemble von ordnenden rituellen Handlungen und Haltungen geben, an denen wir als aufgeklärte Menschen in einem sehr abergläubischen Sinn festhalten. Heute sagt man sich vielleicht: Was soll ich noch in einen Gottesdienst gehen? Diese rituelle Beschwörung, die dort stattfindet, bringt mir doch gar nichts. Ich gehe stattdessen am Sonntagmorgen in eine Matinee, ins Kino, zum Beispiel. Oft sagen das dieselben Bildungsbürger, die früher in die Kirche gegangen sind. Umgekehrt gehen nicht wenige Leute in die Kirche, obwohl sie an das, was dort passiert, nicht wirklich glauben.

Bemerkenswert im Zusammenhang mit Kultur als Religionsersatz ist auch, dass Kulturveranstaltungen heute oft in umgenutzten Kirchen stattfinden, was durchaus befremdlich wirken kann, wenn die Leute plaudernd und mit Weingläsern in der Hand in den ehemals sakralen Räumen herumstehen.
Das ist ein interessantes Feld. Es bleibt immer ein Rest Erinnerung an die alte religiöse Aufladung. Man kann auch eine Verbindung zur ganzen Diskussion um die Kreuze ziehen. Provokant gefragt: Wer stört sich daran, dass Kreuze in einem Schulzimmer hängen? Es werden unterschiedliche Gründe ins Feld geführt, zum Beispiel eine abstrakte Gleichheitsidee. Aber im Kern ist die verschärfte Ablehnung der Kreuze von denselben magischen Vorstellungen geprägt, die auch diejenigen haben, die im Gegenzug unbedingt darauf beharren, dass so ein Kreuz im Zimmer hängen soll. Beide Seiten sprechen dem Kreuz eine übersinnliche Kraft zu. Als «Ungläubiger» könnte man auch sagen: «Was interessiert es mich? Das ist bloss ein Stück Holz.» Aber so einfach ist es nicht. Deshalb ist es eine ähnliche Situation wie bei den umfunktionierten Kirchenräumen.

Damit sind wir mitten im grossen Thema der Säkularisierung.
Historisch wird die Säkularisierung definiert als Enteignung von kirchlichen Gütern im Zuge der Französischen Revolution. Das heisst, man ordnete sie einem ihnen fremden Zweck zu, schmolz Kelche um und so weiter. Ich denke, eine säkulare Gesellschaft – die ich von einer «säkularistischen» Gesellschaft unterscheiden möchte – ist sich ihres religiösen Erbes immer bewusst. Sie kappt die Verbindung nie ganz. Es bleibt weiterhin sichtbar, woher die Objekte oder die umgenutzten Räume kommen. Eine solche säkulare Gesellschaft zieht auch keine saubere Trennlinie zwischen Kirche und Staat, zwischen heilig und profan. Die Schweiz ist dafür ein gutes Beispiel – etwa bei den Steuern oder in der Bundesverfassung.

Die Präambel der Schweizer Bundesverfassung enthält die Formel «Im Namen Gottes des Allmächtigen!» und fordert «Verantwortung gegenüber der Schöpfung». Zieht man Gott heran, weil man nicht genug Selbstbewusstsein oder Vertrauen in unsere Institutionen hat?
Diese Irritation ist nachvollziehbar. Und die Frage berechtigt, ob es etwas mit mangelndem Vertrauen in unsere Institutionen zu tun hat. Warum also diese Anrufung? Ein Problem des säkularen Staats ist es doch, dass er auf Fundamenten fusst, die er nicht selber geschaffen hat und die er auch nicht selber hervorbringen kann. Dahinter steckt eigentlich die Frage, woher wir überhaupt unsere Wertvorstellungen haben. In dieser Präambel spiegelt sich ein Bewusstsein dieses Dilemmas. Wir könnten uns ja auch einmal fragen: in wessen Namen sonst? Ich glaube, dass diese Anrufung – abstrakt gesehen – ein Bewusstsein dafür zeigt, dass man nicht Münchhausen ist. Man kann sich nicht immer am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen, sondern ist angewiesen auf Prinzipien. Auch auf Prinzipien, die von aussen kommen. Dieses Prinzip eines Ausserhalb ist sogar in einer säkularen Staatsidee drin – und zum Beispiel auch im Recht. Etwa in Gestalt von ausserrechtlichen Institutionen und Anrufungsinstanzen, die eine Gnadenfunktion haben: wenn mildernde Umstände geltend gemacht werden oder der amerikanische Präsident Begnadigungen aussprechen kann. Die Formulierung in der Präambel markiert also auch schlicht ein Problem, für das es keine einfache Lösung gibt.

Eine radikale religionskritische Position würde dagegen behaupten, dass sich ein aufgeklärter Staat nicht auf einen Gott berufen darf.
Ich glaube, es ist ein Schicksal und gleichzeitig ein Problem des Säkularismus, dass er keinen realistischen Religionsbegriff hat. Dieser würde bedeuten, dass man anerkennt: Religion war und ist immer da – und sie ist da, um bearbeitet zu werden. Weil wir als Menschen leidende und bedürftige und begrenzte Wesen sind, haben wir immer den Hang, über das hinauszugehen, was da ist. Wir werden uns immer Vorstellungen machen von Sachen, die nicht hier sind. Religion ist das Bewusstsein von dem, was fehlt. Es wird immer Verkörperungen geben von solchen Abwesenheiten. Der Säkularismus glaubt aber, es gebe eine Vernunftevolution, die uns erlaubt, damit ein für alle Mal abzuschliessen. Das ist der Irrtum. Die säkularistische Position hat kein Verständnis für die religiöse Herkunft der Menschheitsgeschichte. Sie denkt: Man kann das überwinden, und dann kommt es nicht wieder.

Was ist denn verkehrt daran, an eine Vernunftevolution zu glauben?
Das Verdrängte kehrt eben dummerweise auf einem Niveau wieder, das regressiv ist. Wenn man die Religion bei aller notwendigen Kritik trotzdem ernst nimmt, sie als menschlichen Faktor betrachtet, kann man zum Schluss kommen, dass die Lage der Religion in der Schweiz gar nicht so schlecht ist. Wir haben Landeskirchen, die nicht mehr auf dem Zenit ihrer Macht sind. Trotzdem ist die Religion noch auf einem relativ hohen reflexiven Niveau im Bewusstsein der Leute verankert. Sie ist nicht herausgelöst aus der Kultur. Das bedeutet auch, dass sie nicht als Reinheitsfantasie, als Fundamentalismus wiederkehrt. Denn die Kultur bindet die Religion ein und mässigt sie so. Dagegen bedeutet Fundamentalismus eine radikale Zerstörung von Tradition. Diesen Gedanken hat der deutsch-iranische Publizist Navid Kermani im Oktober in seiner Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche sehr deutlich ausgeführt. Während der dreissiger Jahre gingen in Teheran die Säkularisten auf die Strasse und rissen den Frauen das Kopftuch vom Kopf. Das war, wenn man so will, das Startzeichen für das heutige Mullahregime.

Neben einer friedlichen Koexistenz von Religion und Kultur gibt es aber auch hierzulande fundamentalistische Entwicklungen und religiös motivierte Ausgrenzungen.
Ja, weil sich in unserer Gesellschaft säkulare und säkularistische Tendenzen mischen und bekämpfen. Der Fundamentalismus ist eigentlich die Folge einer Entkulturalisierung der Religionen, im Islam wie im Christentum. Er schlüpft in die Lücke, die entsteht, wenn Religiosität und Alltagskultur sich entkoppeln – durch fehlendes religionsgeschichtliches Bewusstsein oder durch militanten Säkularismus. Ungefährlich ist Religion vor allem, wenn sie innerhalb der Kultur als etwas Alltägliches gelebt werden kann, das also auch nicht so wichtig ist: Wenn jene, die Religion ablehnen, noch wissen, was eine Taufe ist und man jahrelang mit sehr religiösen Menschen zusammenarbeiten kann, ohne dass das ein Thema ist. Oder denken wir an die Beliebtheit von Klöstern bei vielen Säkularen. Dahinter steckt das Phänomen, dass man froh ist, wenn der andere glaubt, damit man selber nicht mehr muss. Auch das ist eine wichtige Funktion einer inkulturierten Form von Religiosität.

Aber die Tendenz zur Ausgrenzung durch einen alleinigen Wahrheitsanspruch steckte doch immer schon in der Religion drin.
Ja, aber umso weniger, je besser ein Christ oder Muslim in der Kultur, in der er lebt, aufgehoben ist. Genau aus diesem Grund müsste der Islam in der Schweiz längerfristig Teil des Landeskirchenprinzips werden: staatliche Anerkennung und Unterstützung im Tausch gegen eine transparente Institutionalisierung und ein verbindliches Repräsentationssystem. Das ermöglicht eine sichere religiöse Identität. Und es entzieht den Fundamentalisten den Nährboden. Diese versuchen, brüchige Identitäten mit martialischer religiöser Rhetorik zu stabilisieren. Das Paradoxe am Fundamentalismus ist doch, dass der Fundamentalist nicht glauben kann – er muss wissen. Und er muss es den anderen zeigen und sich beweisen.

Das heisst, er ist eigentlich aufgeklärt, er funktioniert nach Prinzipien der Vernunft?
Deswegen ist der Fundamentalismus auch ein modernes Phänomen. Er hat die Wurzeln zur religiösen Tradition und Kultur gekappt, weil diese letztlich immer Vielfalt, Vermischung und Mässigung bedeuten würden.

Die landläufige Meinung wäre eher die, dass der Fundamentalist extrem gläubig ist.
Nein, im Gegenteil. Er muss immer mit Militanz beweisen, dass er recht hat. Einer, der richtig glaubt, glaubt ja gerade an das, was er nicht beweisen kann. Dieser Glauben verleiht ihm auch eine gewisse Gelassenheit.

Wie passt der Atheismus in das Schema der aufgeklärten Religionen?
Atheismus ist eine ehrbare Haltung, eine Avantgardeposition, die versucht, unreflektierten Glauben radikal zu kritisieren. Aber er ist nicht automatisch oder spontan. Spontan neigen wir dazu, zu glauben. Und zwar in einem ganz alltäglichen Sinn. Was mein Handeln anleitet, ist eigentlich immer von Glauben oder von Überzeugungen geprägt. Und sicher ist es gut, kritisch zu untersuchen, welche ungesicherten Überzeugungen mein Verhalten motivieren. Das wäre aufgeklärte Religionskritik. Aber glauben tun wir alle. Die Religionen versuchen einfach, das zu systematisieren und in eine kollektive Praxis zu überführen.

Um zum Schluss zu Weihnachten zurückzukehren: Ein Glaube, der heute sehr stark ist, ist der Glaube an eine Heilkraft des Konsums.
Übermässiger Konsum ist eine hedonistische Selbstermächtigung. Eine Rechtfertigung für sich selber, die keine Schuldgefühle aufkommen lässt. Schuld ist ja auch hemmend. Wenn ich im Luxus schwelge oder Leute erniedrige, dann habe ich meine potenziellen Schuldgefühle durch eine extreme Selbstermächtigung ersetzt, die mir erlaubt, dies zu tun, ohne mir Vorwürfe zu machen. Der Pädagogikprofessor Roland Reichenbach hat einmal gesagt: Wichtig ist eben gerade, dass ich nicht für alles eine gute Rechtfertigung habe, denn dann habe bloss ich ein Problem. Wenn ich aber für alles eine Rechtfertigung habe, werde ich für die anderen zum Problem. Religion im positiven Sinn würde heissen, ich habe ein Problem mit mir. Mir fehlen die guten Rechtfertigungen für mein Handeln.

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