Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Bis das Glück dich überrascht

Vom Suchen und Finden der richtigen Gesichter: Auch bei Dokumentarfilmen ist eine gute Besetzung entscheidend. Manchmal hilft da ein Zufall in der Wüste.

Von Esther Banz

In ihren zehn Jahren als freie Regisseurin hat Jacqueline Zünd schon manchen Protagonisten und ebenso viele Protagonistinnen gesucht. Sie nimmt sich bewusst viel Zeit dafür, aber so aufwendig wie bei ihrem neusten Filmprojekt war das Casting noch nie. Doch kann man bei Dokumentarfilmen überhaupt von Casting sprechen? Die Personen, so könnte man meinen, müssen ja nichts spielen, nur sich selbst. Dabei entfalten auch sie vor der Kamera eine Wirkung, die das Publikum fesselt – oder eben nicht.

Für ihren Film mit dem Arbeitstitel «Almost There» sucht Jacqueline Zünd nach Männern, die im letzten Drittel des Lebens ihrerseits auf der Suche sind – auf Sinnsuche. Mit zwei Protagonisten hat sie bereits gedreht, den Dritten sucht sie noch. Schon ihrem letzten Film, «Goodnight Nobody» (2010), über vier Schlaflose auf vier Kontinenten ging eine lange Suche voraus. Einen Teil davon wollte die Regisseurin in Schanghai drehen, aber dort sprang die Protagonistin ab, weil sie zwischen Casting und Dreh die Liebe ihres Lebens gefunden hatte und seither wieder schlafen konnte. Die Suche nach Ersatz nahm bizarre Züge an: «In einem Spital führte uns eine Ärztin angeblich Schlaflose vor. Sie liess uns in einem kleinen Untersuchungsraum Platz nehmen und stellte uns einen nach dem andern vor die Nase, ruckzuck, wir konnten nicht einmal mit diesen Menschen reden.» Erst über einen befreundeten Filmemacher wurde Jacqueline Zünd schliesslich doch noch in Schanghai fündig.

Rettung in der Schwulenbar

Bis sie bei einem neuen Thema weiss, was oder wen sie genau sucht, vergehen jeweils mehrere Jahre: «Es ist ein Prozess, das herauszufinden.» Bei «Almost There» ging sie bei ihrer Suche von der elementaren Erkenntnis aus, dass Altwerden nicht lustig ist, für niemanden. «Wie schon bei ‹Goodnight Nobody› interessiert mich, was ein Mensch mit so viel Zeit anstellt», sagt Zünd. Doch nun: Wie die passenden Menschen finden?

Sie reiste nach Benidorm, in die touristische Retortenstadt an der spanischen Costa Blanca. Nach Tagen stundenlanger Interviews mit gelangweilten und leider auch langweiligen RentnerInnen wusste sie: Das wird nichts. Sie hatte die Hoffnung bereits aufgegeben, als sie vor einer Horde besoffener Engländer in eine Schwulenbar flüchtete und dort auf einen älteren Stand-up-Comedian in Drag traf. Sie wusste sofort: Der ist es. «Das war ein grosser Glücksmoment.» Das mache Casting aus, sagt die Regisseurin: «Dass man durchhalten muss. Oft überrascht dich das Glück, wenn du kurz vor dem Aufgeben bist.»

Auf die Zähne beissen musste auch Nicolas Steiner bei «Above and Below», seinem Abschlussfilm an der Filmakademie in Ludwigsburg, für den er kürzlich den Zürcher Filmpreis erhielt. Der 31-jährige Walliser wanderte über Wochen durch die Kanalisation von Las Vegas, bevor er dort seinen ersten Protagonisten fand. Unterwegs war er nur mit einem Rucksack, viel Enthusiasmus und Mut. Einen weiteren Protagonisten fand er eher zufällig in der Wüste, weil seine Kollegin allein an der Strasse stand, während er gerade ein Bad in einer heissen Quelle nehmen wollte. Dave, einsamer Steppenwolf, kam mit dem Fahrrad vorbei und hätte kaum angehalten, hätte er nicht schon so lange keine Frau mehr gesehen. Aus der Zufallsbegegnung wurde erst eine intensive Zusammenarbeit, dann eine Freundschaft. Seine Protagonisten nennt Nicolas Steiner auch Helden.

Ein Exot unter den Exoten

Auch Jacqueline Zünd fand ihren zweiten Protagonisten in der Wüste in den USA. Durch ihre Recherche stiess die Zürcherin auf die sogenannten Snowbirds: nordamerikanische RentnerInnen, die mit ihren riesengrossen Wohnmobilen Tausende von Kilometern zurücklegen, um sich im Dezember in einer Wüste nahe der mexikanischen Grenze zu treffen und als lose Gemeinschaft dort zu überwintern. Zusammen mit ihrem Kameramann Nikolai von Graevenitz mietete sie sich ein Wohnmobil, fuhr hin und mischte sich unter die RentnerInnen. Die beiden luden regelmässig Leute zu sich ein, um beim Nachtessen mit ihnen in Kontakt zu kommen. Ein Mann weckte ihr Interesse, weil er anders war, zu gut gekleidet, die Gesten und Worte zu kultiviert für den Ort und das Umfeld. Ein Exot unter den Exoten – die Regisseurin wusste ein weiteres Mal: Das ist er!

Und wenn man seine ProtagonistInnen einmal gefunden hat: Ist es schwierig, sie zum Mitmachen zu überreden? «Nein», sagt Zünd. «Wenn du jemanden zuerst noch überzeugen musst, kommts nicht gut. Die Protagonisten brauchen einen gewissen Exhibitionismus, sonst wird das Filmen nachher ein Krampf.» Sie arbeitet intensiv mit ihnen, dreht mehrere Wochen mit jedem Protagonisten und jeder Protagonistin. Ob diese vor der Kamera überhaupt eine Wirkung entfalten: Das zu spüren, ist Teil des Castingprozesses. Es braucht ein Auge dafür – eine Kompetenz, die sich nicht beliebig delegieren lässt.

Wo gibts feuchtes Laub?

Für «Almost There» hat Jacqueline Zünd jetzt zum ersten Mal jemanden für die Suche engagiert – weil sie für ihren Alte-Männer-Film in Japan fündig werden möchte und dort selber keine Anknüpfungspunkte hat. Warum muss es gerade ein Japaner sein? «Weil die Gesellschaft dort so krass arbeitsorientiert ist.» Alte Männer, erzählt sie, werden in Japan «feuchtes Laub» genannt. Ein Mann, der nach vierzig Jahren Berufsleben nichts hat, weil er seine Frau nicht kennt und die Kinder verpasste: So einen möchte sie finden.

Aber das gehöre auch zum Casting eines Dokumentarfilms, wie sie ihn konzipiere, sagt die Regisseurin: der Reality-Check. Nicht immer finde sie die Personen mit den gewünschten Merkmalen. Für «Goodnight Nobody» etwa suchte sie in Lappland wochenlang vergebens nach einem schlaflosen Rentierzüchter. Manchmal sagt man ihr, und in verzweifelten Momenten denkt sie es auch selber: Mach doch einfach einen Spielfilm, dann kannst du alles so schreiben, wie du es willst. Aber sie ist überzeugt, dass das Leben letztlich die stärksten Geschichten schreibt.

Nicolas Steiner sagt, Respekt und Geduld seien zwei der wichtigsten Stützen seiner Arbeit. Die Verantwortung für seine Protagonisten spürt er auch als Druck: «Man freundet sich mit ihnen an. Aber wie weit und wie lange ist das möglich? Noch habe ich mit allen Kontakt, gehe sie auch besuchen. Aber wie wird das dereinst sein, wenn ich zehn Filme gedreht habe?» Jacqueline Zünd weiss, wovon Steiner spricht: Nach ihrer Abreise schrieb ihr einer der Protagonisten jeden Abend E-Mails. Bereits zurück in der Schweiz, kam sie sich vor wie seine einzige Vertraute: «Das ist intensiv. Das ist wie Familienzuwachs.»

Esther Banz war WOZ-Redaktorin und ist heute freie Autorin in Zürich. Zuletzt hat sie das Buch «Sommernachtsraum» herausgegeben.

Nicolas Steiners Film «Above and Below» ist an den Solothurner Filmtagen für den Prix de Soleure nominiert: Konzertsaal, Sa, 23. Januar 2016, 14 Uhr, und Landhaus, Di, 26. Januar 2016, 20.30 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Bis das Glück dich überrascht aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr