Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Verrückt im Kino

Psychiatrie im Film? Wer denkt da nicht gleich an Jack Nicholson als Rebell in der Klapse, aber im Zürcher Kino Xenix fliegt jetzt keiner übers Kuckucksnest. Ist auch gar nicht nötig, diese Filmreihe ist auch so reichhaltig und widerspenstig genug. So findet das Direct Cinema von Frederick Wisemans erschreckendem, lange verbotenem Anstaltsporträt «Titicut Follies» (1967) ein spätes Echo bei Constantin Wulff, der in seiner Langzeitstudie «Wie die anderen» (2015) den Alltag in einer jugendpsychiatrischen Anstalt in Österreich schildert.

Dabei will das Programm vor allem auch die unheimliche Allianz des Kinos mit der Psychiatrie in den Blick nehmen – eine Allianz, so alt wie das Kino selbst. Denn wo die Psychiatrie das Abnorme und die Unvernunft zu bändigen sucht, zielt der Film, dieses geisterhafte Medium, von jeher oft aufs Gegenteil, indem er lustvoll ins Unbewusste abtaucht und den Wahnsinn entfesselt: von der charmant surrealen Romanze («I’m a Cyborg, but that’s OK») bis hin zum grenzwertigen Gruppenexperiment in Lars von Triers Kommune des Irrsinns («Idioterne»).

«Psychiatrie im Film» in: Zürich Xenix, bis 2. März 2016. Spielzeiten siehe www.xenix.ch.

Florian Keller

Schwelgen mit Nówfrago

Ein Schiffbrüchiger im Jetzt: So müsste man das zweisprachig schillernde Fabelwort wohl übersetzen, das der Berner Musiker Matthias Gunsch sich zugelegt hat. Nówfrago, so nennt er seine Band, die eigentlich nur aus ihm besteht, auf der Bühne aber zum ausgewachsenen Quintett verstärkt wird. Im Video zum, ja, ziemlich grandiosen Song «Grandiosa» stolpert Gunsch wie im Traum von einer Tür durch die nächste, und jede ist ein Wurmloch in eine andere Welt – ein schönes Bild für den schwelgerisch ausgestatteten Kammerpop, den er pflegt, dicht instrumentiert mit Klavier, Melodica und Bläsern und geheimnisvoll unterfüttert mit Geräuschen, die Gunsch am Gornergletscher (Eis!) oder auf Sardinien (Ziegen!) gesammelt hat. Das Debütalbum «In Love with the Blackbird», das Nówfrago jetzt tauft, klingt nordisch im Temperament, aber nie unterkühlt. Man könnte sagen: Get Well Soon, aber nicht so streberhaft gelackt.

Nówfrago in: Zürich Exil, Do, 4. Februar 2016, 20 Uhr; Fribourg Mouton Noir, Fr, 5. Februar 2016, 21 Uhr; Bern Café Kairo, Sa, 6. Februar 2016, 21 Uhr. www.nowfrago.net

Florian Keller

Glausers Sehnsucht

Als in Zürich 1916 der Dadaismus ausgerufen wurde, glänzten die ZürcherInnen durch Abwesenheit. Nur einer ist auf dem berühmten Bild des Cabaret Voltaire von Marcel Janco auf der Bühne zu sehen: Friedrich Glauser, wie er eng umschlungen mit Emmy Hennings tanzt. Von den KünstlerkollegInnen wird der Student als «praktischer Dadaist» bezeichnet, oder wie die Polizei über sein Lotterleben an den strengen Vater berichtet: «Ganze Tage blieb er im Bett, ohne krankheitshalber daran gebunden gewesen zu sein, nachts ging er dann wieder seiner Gesellschaft nach, machte Kleintheaterbesuche und Autofahrten.»

Der Vater lässt den morphiumsüchtigen Sohn entmündigen, Glauser wird in Irrenanstalten und Gefängnisse eingewiesen – und wird sich als Schriftsteller zurückschreiben aus der Welt von Zucht und Ordnung in die Freiheit.

Das Museum Strauhof widmet Glausers Leben (1896–1938) und seiner Literatur nun eine Ausstellung. Im Zentrum steht Glausers Sprache, auch diese bleibt einzigartig in der Schweiz: so nah bei den Leuten, weit draussen in der Welt.

«Friedrich Glauser – Ce n’est pas très beau» in: Zürich Strauhof, Do, 4. Februar 2016, 18.30 Uhr, Vernissage; bis 1. Mai 2016. Dazu erscheint ein entsprechender Reader. www.strauhof.ch

Kaspar Surber

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