Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

Der Scheich der Gottlosen

Der kriegsversehrte Südlibanon wird dominiert von der Hisbollah, der «Partei Gottes». In dieser gar nicht so sittenstrengen Welt hält sich ein kommunistisches Idyll.

Von Armin Köhli, Nabatije

In der Nacht ist Abu Kamil gestorben. 75 Jahre alt war er, ein kleiner, schmächtiger Bauer. Abu Kamil hat immer im Dorf gelebt und war zeit seines erwachsenen Lebens widerständig. In den siebziger Jahren unterstützte er die palästinensische Guerilla, die im Südlibanon gekämpft hatte, war aktiv in der panarabischen Baath-Partei, und danach arbeitete er mit dem linken libanesischen Widerstand, der sich gegen die israelische Besetzung des Südlibanon auflehnte. Abu Kamil war angesehen im Dorf. Dieses Dorf, Soutar, war Kriegsgebiet, und danach, in den neunziger Jahren, lag es an der Front. Die israelische Armee hatte sich in eine «Sicherheitszone» im Südlibanon zurückgezogen - die «Sicherheitszone» endete am Rand des Dorfes, unten in der Schlucht, beim kleinen Fluss, und niemand konnte mehr hinunter zum Fluss, weil von der anderen Seite aus sofort geschossen wurde. Von der «Sicherheitszone» aus unternahm die Besatzungsarmee wiederholt Offensiven gegen den Widerstand. Dann blieb der alte Abu Kamil im Dorf, auch wenn alle anderen ZivilistInnen Richtung Norden, Richtung Beirut, flohen. Er blieb bei seinen Tieren.

Der Bürgerkrieg ist vorbei; und auch der Krieg mit Israel findet nicht mehr in Soutar statt. Denn die «Sicherheitszone» existiert nicht mehr, die israelische Armee hat sie vor fünfeinhalb Jahren geräumt, buchstäblich vertrieben von der schiitischen islamistischen Miliz der Hisbollah, der «Partei Gottes». Die Hisbollah ist heute im schiitischen Südlibanon die dominante Kraft; sie ist die einzige Partei, die ihre Waffen nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs 1990 behalten konnte - nicht als Bürgerkriegspartei, sondern als wichtigste Organisation des Widerstands gegen die israelische Besetzung.

Auch nach der Befreiung der «Sicherheitszone» behielt die Hisbollah ihre Waffen, vordergründig, weil Israel immer noch einen letzten Flecken libanesischen Landes - die Schebaa-Höfe - besetzt. Gelegentliche militärische Operationen und nach Israel geschossene Katjuscha-Kurzstreckenraketen sollen die nach wie vor bestehende Schlagkraft der Hisbollah unterstreichen. Neben der Hisbollah existiert im Südlibanon eine zweite mächtige politische Organisation: die ebenfalls schiitische Amal-Bewegung. Die Amal ist, etwas vereinfacht ausgedrückt, ohne politische Ausrichtung - sie sorgt für die politische Vertretung der SchiitInnen im ethnisch-religiös tief gespaltenen Libanon, und sie verschafft ihrer Klientel Geld und Einfluss. Dennoch ist der Südlibanon Hisbollah-Land.

Spotten und spotten lassen

Am Morgen wird Abu Kamil beerdigt. «Er war Atheist, das wussten alle. Und er blieb es», erzählt Abbas auf dem Weg zur Moschee, wo die Trauerfeier beginnt. «Im Gegensatz etwa zu meinem Onkel. Als der alt und schliesslich gottesfürchtig wurde, nach Mekka pilgerte, machte sich Abu Kamil über ihn lustig.» Noch vor zwei Tagen sei er zu Besuch gekommen. «Er politisierte mit uns und fragte nach Wein. ‹Whisky, Wodka, Arak kann ich dir anbieten›, sagte ich. Er wollte nicht, keine harten Sachen. Nur ein Gläschen Wein.» So wie Abu Kamil wolle er im Alter sein, sagt der 31-jährige Abbas. Er ist Kommunist. Die Kommunis-tische Partei spielt keine grosse Rolle mehr im Libanon. Das Ende der Sowjetunion hat sie kaum überstanden, und beim geltenden Wahlsystem, das Allianzen der grössten Listen begünstigt, hat sie keine Chance. Ausserdem sind im Libanon auch weniger dogmatische linke Organisationen als die KP entstanden. Doch die KP findet immer noch UnterstützerInnen in allen Religionsgruppen, und sie ist landesweit aktiv. Im kleinen Dorf Soutar hat sie mehrere Mitglieder.

Von der Moschee geht es ins Haus von Abu Kamil, wo seine Leiche aufgebahrt liegt. Fast alle Männer von Soutar sind gekommen, um den Sarg zum Friedhof zu begleiten. Danach entfernen sich die Männer in kleinen Gruppen, auch einige KPler gehen gemeinsam weg. Manche sind demonstrativ Kommunisten: Einer trägt eine Leninbrosche am Revers, andere dicke Gürtelschnallen mit Hammer und Sichel. «Wo habt ihr bloss die rote Fahne gelassen?», spottet ein Passant.

Einer lädt die Gruppe bei sich zum Kaffee ein. Dort sitzen die Parteigenossen zusammen und politisieren. Wer tötete den ehemaligen Premierminister Rafik Hariri, wer tötete den früheren KP-Chef George Haui, wer tötete den Verleger Dschubran Tueni? Ist die Position der KP richtig, den «bewaffneten Widerstand» - die Hisbollah - zu unterstützen, oder fördert das nur die Spaltung im Libanon? Sollte die KP nicht - wie andere Linke - letztlich die Integration der Hisbollah in die libanesische Armee verlangen?

In den letzten Jahren geriet die Hisbollah zunehmend unter Druck, die Waffen abzugeben. Hauptsächlich die US-Regierung, die die Hisbollah auf die Liste «terroristischer Organisationen» gesetzt hat, drängt auf die Entwaffnung und setzte die entsprechende Uno-Resolution 1559 durch. Zwar wird im Libanon die Rolle der Hisbollah in der Befreiung des Südlibanon allgemein anerkannt, selbst von den meisten christlichen Parteien und ehemaligen Bürgerkriegsmilizen. Dennoch zeigt sich zunehmendes Unbehagen, dass ausgerechnet die SchiitInnen - die relative Bevölkerungsmehrheit, die von SunnitInnen und ChristInnen immer an den Rand gedrängt wurde - als Einzige noch über eine Miliz verfügen - in einer Zeit, in der sich die libanesische Politik wieder zunehmend an religiösen und ethnischen Grenzen orientiert. Die reguläre Armee ist nach dem israelischen Rückzug nur beschränkt in den Süden vorgedrungen, um für die «innere Sicherheit» zu sorgen, und sie kontrolliert die Strassen in die ehemals besetzte Zone. Die «Verteidigung» hat sie dort der Hisbollah überlassen.

Langsam löst sich die spontane Diskussionsrunde auf. Man wird ja später wieder zusammenkommen, sich wie fast jeden Tag gegenseitig besuchen. Bei FreundInnen und Verwandten trinkt man Tee und Kaffee, isst zusammen, tratscht, politisiert und schaut fern, sitzt auf Matten und Sofas im einzigen geheizten Raum der kalten Betonbauten um den Ölofen herum. Der Südlibanon ist weitgehend zersiedelt, in respektvollen Abständen werden unerschütterlich kitschige und protzige Villen gebaut, daneben stehen einfachere Bauten, ebenfalls aus Beton. Die meisten Häuser sind verputzt - der Krieg ist seit einer Weile vorbei. Dennoch fällt praktisch täglich mehrere Stunden der Strom aus. Die Leute helfen sich mit Generatoren und mit Lastwagenbatterien, die gerade genug Strom liefern für Licht in einem Zimmer, für den Fernseher und um die Handys aufzuladen. In diesen Runden ist Religion immer mehr ein Thema - auch unter denen, die sich eigentlich um Religion foutieren. Aber man spottet auch darüber: «Wo sonst schimpfen die Leute so über Gott wie hier? ‹Gott sei verflucht›, sagen sie, und: ‹Gott ist ein Hurensohn›», lobt einer der gottlosen Schiiten fröhlich.

Rote und gelbe Fahnen

Am Nachmittag machen sich einige KPler auf nach Nabatije. Die Provinzhauptstadt ist wie die ganze Gegend geprägt von den gelben Hisbollah-Fahnen, von Postern und Gemälden der Ajatollahs und der Märtyrer des Widerstands. Doch an diesem Nachmittag ziehen etwa 500 Männer, Frauen, Kinder durch Nabatije, mit roten Schals, Che-Guevara-Tüchern, KP- und Libanonfahnen mit Hammer und Sichel. Dazu läuft laute Musik. Die DemonstrantInnen tragen Schilder mit Parolen. Die ungewöhnliche Demo soll klar machen, wofür die KP angesichts der zunehmenden Spannungen steht. Sie richtet sich gegen die erneute Ethnisierung der libanesischen Politik. Die KommunistInnen fordern den friedlichen nationalen Dialog - sowie Arbeitsplätze und Brot. Bevor er nach Nabatije fährt, pflückt Abbas im Garten einige Grapefruits. Als Aufmunterung offeriert er Wodka mit Grapefruitsaft.

Ausgerechnet der prominenteste Kommunist aus Soutar, der 24-jährige Rami, konnte nicht an die Demo. Denn er musste nach Beirut, ins tägliche Training. Rami spielt in der obersten Fussballliga und ist auf dem Sprung in die libanesische Nationalmannschaft. Daneben studiert er Literatur. Wenn er Ferien oder frei hat, kehrt er zurück nach Soutar. In der Fussballsommerpause stellt er eine Lokalauswahl zusammen und spielt mit den Männern aus der Region, ohne Verein und Liga. Er hilft auch in der hiesigen Sektion der kommunistischen Jugendorganisation mit, vor allem bei den Fussballspielen, aber auch bei Theater, Musik, Solidaritätsaktionen mit Palästina, Weiterbildung über den (linken) Widerstand und Putzaktionen am Strand. Rami zeigt den diesjährigen Wandkalender der nationalen Jugendorganisation, mit Bildern dieser Veranstaltungen. Eines zeigt ihn, beim Fussballspiel. (Nicht allen Jugendlichen gefällt dieses gesittete Jugendprogramm der KP. «Es gibt in der ganzen Region keine einzige Disco», beklagt sich ein jüngerer Freund Ramis, auch er ein Fussballtalent mit Ambitionen.)

Konfessionelles Fieber

Der Konfessionalismus habe auch die SchiitInnen wieder erreicht, erzählt Abbas. Sie scharten sich wieder vermehrt um Hisbollah und Amal. «Doch das Dorf ist nicht konservativer geworden. Seit dem Hariri-Mord haben die Leute einfach wieder mehr Angst, alles wurde wieder mehr ‹taifi›, sektiererisch, ethnisch und konfessionell. Aber das ist nur politisch, sonst hat sich nichts geändert.» Die Linke fürchte die Hisbollah nicht, im Gegenteil. «Offiziell stehen sie zwar für eine Islamische Republik, aber das wird es im Libanon - mit fast einem Drittel Christen - nie geben. Nicht einmal bei Hisbollah wollen das alle», sagt er. «Wir respektieren die Hisbollah. Zur Beerdigung von Abu Kamil haben wir sogar einen Hisbollahscheich geholt, einen von aussen. Denn der hiesige Scheich gehört zu Amal. Die beiden leiteten die Beerdigung dann gemeinsam.»

«Der Libanon hat konfessionelles Fieber», sagt Adnan, auch er ein Mitglied der KP. Anders als Abbas und Rami stammt er aus einer kommunistischen Dynastie. In einer Handelsfirma hat er es zu Wohlstand gebracht. Auch seine Ehefrau Mona arbeitet, in einem medizinischen Labor. Dass Mann und Frau berufstätig sind, ist hier, anders als etwa in Beirut, noch unüblich - genauso unüblich wie die philippinische Hausangestellte, die den beiden den Haushalt erledigt. Adnan und Mona bewohnen in Soutar die oberste Etage einer dreistöckigen Villa der Familie. Solche Villen besitzen hier sonst nur EmigrantInnen - Geld verdienen lässt sich praktisch nur in der Hauptstadt Beirut, und vor allem im Ausland.

Mit Adnan fahren wir in die frühere «Sicherheitszone». Den Armeecheck-point passieren wir trotz fehlender Bewilligung. «Der Soldat ist eben aus Soutar», sagt Adnan. «Und der, bei dem er nachfragt, der Geheimdienstler in Nabatije, ebenfalls.» In diesem Teil der befreiten Zone ist offensichtlich nicht viel passiert. Die Strassen sind in miserablem Zustand, gebaut wird wenig, selbst die Landwirtschaft scheint gering. Während der Tour erzählt Adnan, der jedes Strässchen in der Zone kennt, dass die KP verarmt sei. Sie betreibe noch ein Radio und eine Zeitschrift, aber keine Tageszeitung mehr. Früher sei Geld aus dem Ausland gekommen, aus Libyen, aus dem Jemen, im Hintergrund halfen die realsozialistischen Staaten. «Heute erhalten wir nichts mehr», sagt Adnan. «Doch sobald wieder Krieg ist, kommt wieder viel Geld. Auch zu uns.»

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