Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

«… ein paar geladne Pistolen auf dem Nachttische»

Aus politischen Gründen sass er im Gefängnis und wurde mehrfach aus Staatsstellen entlassen; später prägte er den Schweizer Bundesstaat von 1848. Mit aktuellen Bezügen lässt sich giut über ihn streiten: War Ignaz Paul Vital Troxler ein Liberaler oder ein Radikaler?

Von Stefan Howald

Seine Person mag man nicht kennen, aber man kennt zwei Dinge von ihm: die Anthroposophie und das schweizerische Zweikammersystem. Nein, gemeint ist nicht Rudolf Steiner – bewahre. Gemeint ist Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866). 1828 prägte er den Begriff der Anthroposophie, der Lehre vom Menschen als ganzheitliche Betrachtungsweise. Und 1847 machte er dem gesetzgebenden Rat, der die neue Schweizer Bundesverfassung ausarbeitete, das amerikanische Zweikammersystem schmackhaft und ebnete damit den Weg für den heutigen Ständerat.

Im Hinblick auf seinen 150. Todestag hat sich ein privater Initiativkreis gebildet, um Troxler ins öffentliche Bewusstsein zurückzurufen. Es lohnt sich. Selbst unter den vielseitig interessierten Figuren der Aufklärung sticht Troxler durch die Breite seiner Aktivitäten hervor. Während des Aufbruchs gegen das Ancien Régime und die Restauration, beim Übergang in die Moderne, wirkte sein unruhiger Geist, immer in Bewegung, in vielerlei Gebieten tätig und diese verknüpfend.

1792, mit zwölf Jahren, so schrieb er später, sei er intellektuell erwacht, beseelt von den Freiheitsideen aus Frankreich. Nach Studien in Jena und Wien publizierte er philosophische Werke in der Nachfolge von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling; als Arzt in die Heimatgemeinde Beromünster zurückgekehrt, bekämpfte er erfolgreich eine Epidemie tödlicher Fiebererkrankungen und suchte die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Danach amtete Troxler jahrzehntelang als Lehrer und Professor und griff als liberaler Publizist in die Politik ein, wurde mehrfach verhaftet und aus dem Staatsdienst entlassen.

Eng begrenzter Nachruhm

Zu Lebzeiten war Troxler eine dominierende, umstrittene Figur, danach geriet er zunehmend in Vergessenheit. Nur eines überlebte: sein Wort von der Anthroposophie. Damit bezeichnete er seinen – damals nicht unüblichen – Versuch, die Leib-Seele-Dichotomie durch ein ganzheitliches Verständnis des Menschen und des Menschen in der Natur zu überwinden. Viel später griff Rudolf Steiner den Begriff auf und verwendete ihn ab 1913 offiziell für seine Lehre. Man muss der anthroposophischen Bewegung dankbar sein, dass sie Troxler subkutan im kulturellen Gedächtnis hielt – was sie daraus machte, steht auf einem anderen Blatt und kann Troxler nicht vorgerechnet werden.

Noch etwas hat überlebt: 97 000 Schriftstücke des unermüdlichen Schreibers Troxler, vom ausgefeilten Manuskript bis zum Brieffragment, liegen in der Universität Basel. Unter der Leitung von Brigitte Hilmer wird eine Gesamtausgabe der philosophischen Schriften vorbereitet, berechnet auf neunzehn Bände. Das mag wissenschaftsgeschichtlich gerechtfertigt sein. Aber bedeutsamer bleibt Troxler doch als Staatsrechtler und Demokratietheoretiker.

Als solcher begab er sich jederzeit ins Handgemenge. Seine liberalen Positionen vertrat er feurig und unnachgiebig. Schon 1806 war er zur Verhaftung ausgeschrieben, nachdem er den Luzerner Kantonsarzt scharf angegriffen hatte. 1814 unterstützte er die Luzerner Landbevölkerung gegen die reaktionäre Kantonsregierung und wurde kurzfristig eingekerkert. 1821 wurde er angesichts polemischer Schriften gegen die Restauration fristlos am Luzerner Lyzeum entlassen und körperlich bedroht, sodass er «mit ein paar geladnen Pistolen auf dem Nachttische» schlief.

Zehn Jahre später entliess ihn auch die Basler Regierung Knall auf Fall als Uniprofessor, da er die Demokratieforderungen der basellandschaftlichen Gemeinden unterstützte. Ab 1831 war Ignaz Troxler dann, wie schon zwischen 1823 und 1830, im damaligen demokratischen Zentrum der Schweiz, in Aarau, tätig, kämpfte für die Pressefreiheit sowie für ein modernes Gesundheits- und Schulwesen und half bei der Formierung des schweizerischen Bundesstaats.

Liberal versus radikal

Von Aarau sind denn auch die diesjährigen Jubiläumsfeiern ausgegangen. Dabei ist ein gelinder Kampf um Troxlers Haltung entbrannt: War sie liberal oder radikal? Diese Positionen deckten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, trennten sich aber noch zu Troxlers Lebzeiten. Im Vorwort zu einer neu aufgelegten Troxler-Biografie versucht Exbundesrat und Ex-UBS-Präsident Kaspar Villiger, Troxler in den wirtschaftsliberalen Freisinn einzugemeinden; im Film «Ignaz Troxler. Philosoph, Arzt, Schweiz-Macher» von Christian Labhart kreuzen die Historiker Jo Lang und Pirmin Meier die Klingen über Troxlers radikale Verdienste.

«Nationalität hat nur Bedeutung für den Staat», schrieb Troxler um 1830: ein nüchtern aufklärerischer Satz, da die Nationalität ihrer symbolischen Bedeutung fürs Individuum entkleidet wird. Er kann aber in gegensätzliche Richtungen führen. Er kann eine Absage avant la lettre an das verderbliche Konzept des Nationalismus bedeuten, der seine Verheerungen im 19. und 20. Jahrhundert erst noch anrichten sollte. Oder er kann rückwärtsgewandt die vornationale Heimatliebe feiern. Tatsächlich steht Troxler mitten in diesen Gegensätzen.

Zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung forderte Troxler einen Verfassungsrat, dem Repräsentanten der ganzen Bevölkerung und nicht bloss der Kantonsregierungen angehören sollten, und das ist, in einem Sprung durch die Jahrhunderte, eine der demokratietheoretischen Fragen, vor der die EU heute steht: Soll eine die Union stärker legitimierende Verfassung durch die Regierungen von oben formuliert werden, oder lässt sich von unten ein Verfassungskonvent unter stärkerem Einbezug der Bevölkerungen organisieren?

Organische Mitte

So scharf Troxler als Polemiker auftrat, so wirkte sich seine Philosophie, die zur Synthese strebte, auf die politische Haltung aus. Der Bundesstaat galt ihm als organische Mitte zwischen dem allzu schwachen Staatenbund und dem zu starken Einheitsstaat. Das parlamentarische Zweikammersystem sollte das austarieren. Doch das Heilsmittel bleibt ambivalent. Die Gewaltentrennung ist eine zentrale liberale Errungenschaft, und der Minderheitenschutz ist in jeder Demokratie wichtig. Aber die konkreten Formen dürfen nicht petrifiziert werden. Der Ständerat, so wie er 1848 auf Troxlers Anregung hin geschaffen wurde, stärkte aus politischem Kalkül die im Sonderbundskrieg unterlegenen kleinen Innerschweizer Kantone. Warum aber soll der unsolidarische Tiefsteuerkanton Schwyz heutzutage gleiches Gewicht wie die grossen Kantone mit ihren Zentrumslasten besitzen? Müssten in einer modernisierten zweiten Kammer nicht andere Gruppeninteressen aufgewertet werden, etwa die von Frauen oder von AusländerInnen?

Man kann in Troxlers Suche nach der Mitte die Feier des schweizerischen Konkordanzsystems sehen. Aber er ging darüber hinaus, weil er das Werdende betonte. «Auch das Positive ist kein Starres und Steifes, kein in totem Sein Beharrendes. Es wäre mit sich selbst im Widerspruch, wenn es, doch unleugbar ein Gewordenes, nicht ferner ein Werdendes bleiben wollte!» In diesem Werk glühen noch einige feurige Gedanken.

Max Widmer/Franz Lohri: «Ignaz Paul Vital Troxler. Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker». Futurum Verlag. Basel 2016. 352 Seiten. 25 Franken.

Vorpremiere des Films «Ignaz Troxler. Philosoph, Arzt, Schweiz-Macher» von Christian Labhart am 5. Juni 2016 im Kino Piccadilly 1 in Zürich; der Film wird später auch im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt. Weitere Informationen zu Troxler unter www.troxlergedenkjahr2016.ch.

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