Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Radikales Teilen zwischen Stress und Befreiung

Ein Leben ohne eigenes Bankkonto können sich die meisten hierzulande nicht vorstellen. Warum teilt man Geld und Besitz? Und wie funktioniert das im Alltag? Eine Spurensuche in einem Kloster, in einer Kommune und in einer Politgruppe mit hohen Ansprüchen.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Es geschah am Pfingstsamstag um 11.13 Uhr. Da klickte ein Kapuziner des Luzerner Wesemlin-Klosters auf einen fatalen Mailanhang. Und löste eine Virenattacke aus, die den Server lahmlegte. Jetzt hat Bluewin dem Kloster den Internetzugang gesperrt, bis klar ist, auf welchem Computer das Unglück begann. Bruder George Francis Xavier aus Kerala hat angeboten, alle Geräte zu untersuchen, die infrage kommen.

Der Inder, der in die Schweiz gekommen ist, um Kulturwissenschaften zu studieren, kennt sich mit Computern aus. Er ist auch erst Ende dreissig – die meisten anderen, die hier am Dienstag nach Pfingsten am Mittagstisch sitzen, sind siebzig oder älter. Wobei das nichts heisst: Auch der siebzigjährige Walter Ludin verhält sich wie ein Digital Native. Er bloggt jeden Tag – der Israel-Palästina-Konflikt ist für ihn genauso ein Thema wie die «Milchkuh-Initiative» oder der Muttertag aus theologischer Sicht. Mails beantwortet er binnen Minuten.

Kleines Sackgeld, grosse Freiheit

Kontakt mit den Kapuzinern hatte Ludin schon als Kind, und sie gefielen ihm. Der Orden ist eng verwandt mit den Franziskanern, beide berufen sich auf Franz von Assisi (1181–1226), der mit den Armen lebte und mit den Tieren sprach. Traditionell zogen die Kapuziner übers Land, um Ställe zu segnen und die Dorfpfarrer zu vertreten. Viele Leute gingen lieber zu diesen mobilen Geistlichen in die Beichte: Man traute ihnen mehr Verschwiegenheit zu als dem Pfarrer, der alle kannte. Ausserdem waren ihre Predigten spannender.

So zog es Ludin nach der Matura an der Kanti Sursee zu den Kapuzinern, wo er – vorerst auf Probe – das Ordensleben kennenlernen und gleichzeitig Theologie studieren konnte. Damals in den sechziger Jahren sei es für Novizen einfacher gewesen, sagt er: «Wir waren zehn junge Männer und stützten uns gegenseitig. Heute gibt es diese religiöse Sozialisation nicht mehr – wer sich für das Kloster entscheidet, kommt meist allein.» Die Gemeinschaft, sagt Ludin denn auch, sei für ihn das Entscheidende am Leben als Kapuziner. Und die Möglichkeiten, die es biete: «Ich kann tun, was ich gut finde, auch wenn es nicht sehr einträglich ist.» Das hat viel mit der Gütergemeinschaft zu tun. Die Brüder gehen verschiedenen Arbeiten nach, im Kloster und ausserhalb, einer arbeitet für eine Pfarrei in Nidwalden, ein anderer unterrichtet an der Universität. Alle Löhne fliessen auf ein Klosterkonto, die Brüder bekommen lediglich Sackgeld. «Der Professor und der Gärtner haben bei uns die gleichen Rechte», sagt Walter Ludin. Um diese Gleichheit zu stärken, verzichten Kapuziner auch auf ihr Familienerbe: «Damit die, die eine Fabrik erben und drei Millionen in die Kasse bringen könnten, nicht als etwas Besseres angeschaut werden.»

Ludin arbeitet als Journalist, ist verantwortlich für mehrere franziskanische Publikationen, schreibt für christliche Zeitungen und überarbeitet die Texte der Luzerner «GasseZiitig». Das meiste ist schlecht bezahlt, manches auch gar nicht: Als Entschädigung für die Redaktion der franziskanischen Zeitschrift «ite» gibt es eine Flasche Whisky im Jahr. Das passt zur Satzung des Kapuzinerordens: «der Armut des Herrn Jesus Christus zu folgen in einem einfachen und strengen, aber doch frohen Leben».

Ist das Armut?

Froh ist die Stimmung auch am Mittagstisch. Die Brüder diskutieren mit ihren Gästen, reissen Witze und spekulieren über die Ursprünge der Virenattacke. Aber nach Armut sieht das Essen nicht gerade aus: Es gibt Suppe, Salat, ein Hauptgericht mit Fleisch, ein Dessert und Wein. «Ja», seufzt Walter Ludin, «wir haben das Problem, dass wir zu gut essen.» Die Schweizer Tafel, die nicht verkaufte Lebensmittel an Bedürftige verteilt, hat ihren Luzerner Sitz im Kloster. Das Kloster richtet den Speiseplan nach den Resten aus. «Wir bekommen Spargeln, Erdbeeren, Torten …»

Armut sei ein grosses Wort. «Wir leben nicht ärmlich. Wir werden von der Gemeinschaft getragen und müssen keine Angst haben, auf Ergänzungsleistungen angewiesen zu sein.» Das Sackgeld können die Brüder beim Vorsteher abholen, der genaue Betrag ist nicht festgelegt: «Jeder muss selbst wissen, was für ihn gut ist.» Aber auf Einfachheit legen die Kapuziner Wert: Die Ferien verbringen sie meist in anderen Klöstern oder bei Verwandten. Und lange hatte jeder Bruder nur ein kleines Zimmer. Für Ludin, der darin arbeitete und 1400 Bücher unterbringen musste, war es ganz schön eng. Jetzt, seit dem letzten Umbau, hat jeder zwei.

Der Umbau hat auch sonst einiges verändert: Ein ehemaliger Klostertrakt ist zur Gemeinschaftspraxis von elf ÄrztInnen geworden. Darüber wohnen zehn Erwachsene in einfachen Studios: Das «klosternahe Wohnen» gibt ihnen Gelegenheit, ein Stück Alltag mit den Kapuzinern zu teilen. Eine gewisse Mithilfe an der Pforte, in der Küche oder im Garten werde erwartet, sagt Walter Ludin. Aber man esse, bete und jasse auch oft zusammen. So haben die Luzerner auf die heutige paradoxe Entwicklung reagiert: Viele Leute suchen den Kontakt zum Klosterleben, aber fast niemand will ganz eintreten. Für die Gäste haben die Brüder sogar ihren Tagesablauf angepasst: Die Morgenmeditation beginnt nun erst um 7.15 statt wie früher um 6 Uhr.

Gerade das einfache Leben im Kloster scheint Walter Ludin die Kraft zu geben, ein Freigeist zu bleiben. Das «ite» und der «Franziskuskalender» sind voller kritischer Artikel: Es geht um Flüchtlinge, Sojaimport, die Klimakonferenz. Ludin war es auch, der in den neunziger Jahren drei tamilische Flüchtlinge, die von der Ausschaffung bedroht waren, ins Kloster holte – einer der drei arbeitet heute noch hier als Koch. Die Solidarität mit Flüchtlingen sei im Orden breit verankert, sagt Ludin. Auch andere Klöster hätten Verfolgte aufgenommen.

Aber hoch oben in der katholischen Hierarchie muss es einige geben, die sich gewaltig über den Kapuziner ärgern. Vor Jahren wurde der Provinzial, der Vorsteher der Schweizer Kapuziner, sogar zum päpstlichen Nuntius zitiert, weil Ludin etwas Radikales geschrieben hatte. «Aber der Provinzial sagte: ‹Das ist unser lieber Mitbruder, er ist ganz harmlos.› Ich habe eine gute Firewall mit meinen Oberen …»

Eine Anekdote erzählt Walter Ludin gern: Als er nach dem Theologiestudium noch Journalismus in Fribourg studierte, hörte er einmal einen Vortrag des heftig angefeindeten Kommunisten Konrad Farner. Der sagte: «In dieser Stadt gibt es eine kommunistische Zelle.» Und meinte das Kapuzinerkloster.

Tausend Franken als Grenze

«Viele finden es ganz krass, was wir hier machen», sagt Timo Haefelin. «Sie bewundern es, können sich aber nicht vorstellen, es auch zu tun.» Mit zehn Erwachsenen und sechs Kindern lebt der 37-Jährige in Kehrsatz bei Bern. Wie die Luzerner Kapuziner haben sie den Privatbesitz an Geld abgeschafft: Alles, was sie verdienen, fliesst auf ein gemeinsames Konto, und auch das Vermögen wird zusammen verwaltet – es steckt zu einem grossen Teil in der hauseigenen Genossenschaft Schrägwinkel, der die beiden Wohnhäuser gehören. «So ist es am simpelsten und solidarischsten», sagt Haefelin. «Eigentlich ist gemeinsame Ökonomie das Minimum, finde ich. Wenn es einmal besser werden soll, wenn wir den Kapitalismus einmal überwinden wollen.»

«Gemeinsame Ökonomie» ist ein Begriff aus der deutschen Kommunenbewegung. Kommune – da denken die meisten an die 68er-Generation, die legendäre Kommune 1 in Berlin mit dem Glamourpaar Rainer Langhans und Uschi Obermaier oder, düsterer, an die Aktionsanalytische Organisation des autoritären Österreicher Künstlers Otto Muehl. Dabei gibt es heute wahrscheinlich mehr Kommunen als damals. Sie sind weniger spektakulär, dafür halten sie länger. Die grösste und bekannteste in Deutschland ist die Kommune Niederkaufungen bei Kassel, wo 75 Menschen leben, viele auch arbeiten. Zusammen mit 34 anderen Kommunen in Deutschland und einer in Österreich bilden sie das Kommuja-Netzwerk. Ein gemeinsames Grundlagenpapier betont ihren Anspruch auf Emanzipation und linke Werte – in Abgrenzung zu religiösen Gemeinschaften, die zum Teil ähnlich wirtschaften. Das Kehrsatzer Kollektiv will als erste Schweizer Kommune dem Netzwerk beitreten.

Der Ort ist ein Schattenloch, zumindest im Winter, aber idyllisch. Ein ehemaliges Bauernhaus, ein noch unfertiger Neubau und ein grosser Garten im schmalen Tal hinter dem Berner Hausberg, dem Gurten. Im Osten der ausfransende Rand der Agglogemeinde Kehrsatz, die in den achtziger Jahren für einen nie ganz aufgeklärten Mord berühmt wurde. Seither ist hier nicht mehr viel passiert (doch, kürzlich war der Islamische Zentralrat da – in der lokalen Eventhalle). Aber das macht nichts: Mit dem Velo dauert es keine halbe Stunde nach Bern.

Für die Alltagsausgaben haben die Schrägwinkel-BewohnerInnen eine einfache Gesellschaft gegründet – mit einem Konto, von dem alle Geld abheben können. Das vereinfacht den WG-Alltag: Es braucht keine komplizierten Abrechnungen, wer wie viel für den Haushalt eingekauft hat. Aber man muss trotzdem über Geld reden: Wer mehr als tausend Franken für etwas ausgeben will, bringt das an der Sitzung ein. In letzter Zeit ist der Kontostand beruhigend hoch, aber das war auch schon anders.

Schöner bauen

Begonnen hat die Schrägwinkel-Geschichte ganz woanders: in Schwyz. Dort sind drei aus dem Kollektiv aufgewachsen, dort fand in den neunziger Jahren eine erstaunlich grosse Polit- und Punkszene zusammen, die ein eigenes Kulturzentrum gründete, den «Himmel». Timo Haefelin und seine FreundInnen organisierten Konzerte, spielten in Bands, stritten sich an unzähligen Vollversammlungen. Und irgendwann nach der Jahrtausendwende begannen sie, über ein Wohnprojekt zu diskutieren. «In WGs herrscht oft ein Kommen und Gehen, jeder schaut für sich. Wir wollten etwas Verbindlicheres.» Sie kauften alte Bauwagen und begannen sie auszubauen. «In Schwyz bleiben und die Gemeinde nerven», das war der ursprüngliche Plan.

Doch es klappte erst Jahre später – in Bern statt in Schwyz. Zu siebt gründeten sie eine Genossenschaft, suchten Darlehen und ein Haus. Und fanden erstaunlich schnell eine renovationsbedürftige Liegenschaft, die niemand wollte. 2010 zogen sie ein. «Wir hatten idyllische Vorstellungen – man wohnt da und arbeitet da und macht alles zusammen», erzählt Timo Haefelin. «Aber bald merkten wir: Wir haben sehr verschiedene Interessen, und das ist schon okay.» Die ersten Jahre waren hart – der Wohnraum knapp, der Umbau in vollem Gang, viele kleine Kinder.

Aber gerade beim Bauen bringe das Zusammenlegen des Besitzes enorme Vorteile, sagt Haefelin: Die Genossenschaft konnte die kleine Baufirma, bei der er angestellt war, mit einem Teil des Umbaus beauftragen. So konnte er am eigenen Haus arbeiten, unterstützt von vielen MitbewohnerInnen. Und viel selbst gestalten: «Wir machten, worauf wir Lust hatten: Lehmbau, Terrazzoboden, Wandheizungen. Wenn wir alles auswärts in Auftrag gegeben hätte, wäre es extrem teuer gekommen.»

Inzwischen hat er die Firma übernommen und beaufsichtigt mehrere Baustellen – ein ziemlicher Stress. Auch die meisten anderen haben fordernde Jobs, etwa als Anwältin, Primarlehrerin oder Zimmermann. Und natürlich gibt es auch zu Hause viel zu tun. «Um so zu leben wie wir, muss man viel beitragen», sagt Haefelin. «Manche WGs zelebrieren das Recht auf Faulheit – da läuft aber auch viel weniger.» Die KehrsatzerInnen haben einen Kochplan für den Znacht und einen Putzplan für Küche, Esszimmer und Stube. Der Alltag ist durchstrukturiert – aber das ist er in anderen Haushalten mit Kindern auch.

Drei der Erwachsenen, die die Genossenschaft mitgegründet haben, sind inzwischen nicht mehr dabei. In «Ausstiegsverträgen» haben Schrägwinkel-BewohnerInnen festgeschrieben, was sie mitnehmen wollen, wenn sie das Kollektiv verlassen: persönliche Gegenstände, Vorsorge, Geld. «Damit der Ausstieg geregelt ist, wenn man sich wirklich verkracht hat und nicht mehr miteinander reden will», erklärt Timo Haefelin. «Das gab es aber bisher noch nie.»

Die Suche nach dem Gleichgewicht

Im Sommer 2015 ist Samira Schmid mit ihrem Freund und zwei Kindern eingezogen. Mit 28 Jahren ist sie die Jüngste der Erwachsenen hier, aber sie hat schon viel erlebt. Als Kind wohnte sie mit ihren Eltern in Andalusien. Die Familie lebte von Gartengemüse, Geissenmilch, etwas geerbtem Geld und dem Lohn, den Samiras Vater als «Saisonnier» auf Schweizer Alpen verdiente.

Schmid genoss ihre Kindheit: «Wir konnten uns sehr frei bewegen und früh Verantwortung übernehmen.» Von aussen gesehen wirkt es wie ein logischer, bruchloser Weg: von der Aussteigerkindheit in die linke Berner Kommune. Doch für sie ist es das nicht, im Gegenteil. «Als Jugendliche bin ich zum Schluss gekommen, dass dieses Lebensmodell nicht ganz durchdacht ist. Achtzig Prozent der Aussteiger im Umfeld meiner Eltern sind von irgendwelchen Sozialleistungen abhängig.» Sie ist bewusst in die Schweiz zurückgekehrt, um Sozialarbeit zu studieren: «Ich möchte von innen auf die Gesellschaft Einfluss nehmen.» Der Alltag in Kehrsatz sei mit den Erfahrungen ihrer Kindheit nicht zu vergleichen: «Das hier ist eine Luxusalternative. Materiell ganz anders, ideell auch.»

Aus der Prekarität herauszukommen, war auch ihr Ziel: «Der Anspruch meiner Eltern war, unabhängiger zu werden von der Konsumgesellschaft. Aber Geld war ein Dauerthema – weil es knapp war. So möchte ich nicht leben. Ich möchte auch die Dinge, die ich den Kindern erlaube oder nicht erlaube, nicht mit fehlendem Geld begründen.»

Alle sollen so viel Geld ausgeben können, wie es ihren Bedürfnissen entspricht, auch wenn diese Bedürfnisse unterschiedlich viel kosten: Das ist ein Grundsatz im Schrägwinkel-Kollektiv. Samira Schmid relativiert allerdings: «Das Bedürfnisprinzip kann man sich leisten, solange Geld in der Kasse ist. Sonst braucht es ganz klare Regeln. Das Schwerelose, Ungezwungene hier ist stark damit verbunden, dass es genug hat.» Die Frage, was sie zum Leben braucht, beschäftigt sie sehr. «Für mich bleibt es eine Herausforderung, nicht mehr zu konsumieren als nötig.»

Weil sie noch studiert, ist Samira Schmid die Einzige, die keiner Erwerbsarbeit nachgeht. Das machte ihr nach dem Einzug Mühe: «Anfangs habe ich mich schwergetan, vom gemeinsamen Konto Geld abzuheben. Ich fragte mich immer: Wer hat das verdient? Ich bin überzeugt, dass es ein Gleichgewicht braucht, dass alle etwas einbringen müssen – wenn auch nicht unbedingt Geld.»

Leben nach Plan?

«Das Leben im Kapitalismus macht krank», sagt Simone Marti. «Die Ungleichheit, die Ausbeutung – das kann es nicht sein.»

Marti ist Soziologin und Dozentin, bald 37, in einem antirassistischen Kollektiv aktiv und schreibt an ihrer Dissertation. Und sie gehört zu einer Gruppe, die sich Raaupe nennt und ein ehrgeiziges Ziel hat: «Revolution als Alltag». Ihre Mitglieder leben in verschiedenen WGs, teilen sich aber seit kurzem die Einnahmen. Ausserdem sind sie in der Berner Alternativszene bekannt, weil sie Brot backen und verschenken – und weil sie nach einem ausgeklügelten Manifest zu leben versuchen, über das sich immer wieder mal jemand lustig macht. Sie unterscheiden die Bereiche Lohnarbeit, Care, Politik, kritische Bildung und antikapitalistische Produktion (etwa das Brotbacken oder Schrebergartenarbeit). «Das Ziel ist, alle Bereiche bewusster zu leben, denn sie sind alle wichtig», sagt Marti.

Ähnlich hat es die deutsche Feministin Frigga Haug mit ihrer «Vier-in-einem-Perspektive» formuliert. Die Raaupe nennt es «3–1–1–1–1-Idee»: Drei Tage in der Woche für die Lohnarbeit, je ein Tag für die anderen Bereiche. Das klingt nach einem Leben nach Plan und einem vollen Programm – wo bleibt die Musse? «Auch wir schaffen es, Nächte durchzutanzen», beruhigt Marti. «3–1–1–1–1 ist eine Perspektive und kein Zwang. Aber manchmal sage ich mir schon: Jetzt hast du deine drei Tage Erwerbsarbeit gemacht, hör auf.» Der Versuch, den verschiedenen Lebensbereichen gleichberechtigt Platz zu geben, scheitere oft im Alltag. «Aber er hat sehr viel daran verändert, wie ich Tätigkeiten bewerte.»

Care-Fragen beschäftigen sie besonders: «Was trägt uns, wenn wir in alternativen Kollektivstrukturen leben statt in traditionellen Familien – auch im Alter? Wie können wir aufeinander aufpassen? Solche Fragen diskutieren wir oft in der Raaupe.»

Seit Anfang März gehört nun auch die gemeinsame Ökonomie zur Raaupe. Sieben der acht Beteiligten haben eine einfache Gesellschaft gegründet und teilen sich ihre Löhne. Das Vermögen bleibt bis auf weiteres noch draussen. «Unsere Einkommen sollen nicht nur zum angenehmen Leben reichen, sondern auch politische Arbeit finanzieren, solidarisch, über die Gruppe hinaus. Mit geteiltem Geld ist mehr möglich. Wir versuchen, soziale Ungleichheit aufzulösen und Antikapitalismus konkret zu leben.»

Zusammenwohnen sorgt für soziale Kontrolle. Diese Kontrolle hat die Raaupe nicht. «Ich muss nicht im Alltag mit allen auskommen, ich muss darauf vertrauen, dass sie gleich stark an die Idee glauben wie ich. Und dieses Vertrauen ist da.»

Langsam wie eine Raupe

Jeden Montagabend trifft sich die Gruppe im zwischengenutzten Berner Industriebau Warmbächli. Die Räume sind grosszügig, die Aussicht grandios, die Einrichtung liebevoll zusammengebastelt. Auf einem Flipchart steht: «1. Elend der Arbeiterklasse, 2. Langeweile (Fordismus), 3. Angst (Neoliberalismus)» – ein Überbleibsel einer öffentlichen Raaupe-Diskussion über «Angst im Kapitalismus». Andere Abende handelten vom bedingungslosen Grundeinkommen oder von Saatgut, und einmal im Monat geht es um Organisatorisches: die Planung politischer Aktionen, das Brotbacken, das Geld. An diesem Montag bespricht die Gruppe erste Erfahrungen mit der gemeinsamen Ökonomie.

Laila* berichtet von Stress mit ihrem Freund: «Er hat das Gefühl, wenn wir zwei etwas kaufen, gehört es jetzt auch der Gruppe. Ich habe gemerkt, dass die gemeinsame Ökonomie Leute belasten kann, die gar nicht dabei sind.» Roman* versteht diese Irritation: «Aussenstehende können schon denken, das sieht aus wie eine Sekte, die verbringen so viel Zeit zusammen und teilen sogar das Geld …»

Aber so ganz ernst sei die Sache ja noch nicht, meint Rosemarie*: «Mir kommt es wie ein Test vor. Wir haben ja auch das Vermögen nicht zusammengelegt.» Doch führt das geteilte Geld nun zu mehr Freiheit oder mehr Einschränkungen? Ihm habe es neue Möglichkeiten gegeben, meint Roman – «aber auch mehr schlechtes Gewissen. Ich denke oft: Allein hätte ich das jetzt nicht ausgegeben.» Bei ihr sei das umgekehrt, entgegnet Rosemarie: «Ich spüre einen konstanten Spardruck. Heute musste ich eine Busse zahlen, weil ich den Wohnsitz zu spät geändert habe. Früher war das meine eigene Dummheit, jetzt bin ich verantwortlich gegenüber der Gruppe.» Julian* spricht von einem «grossen Befreiungsgefühl»: «Wenn wir zu zweit oder zu dritt etwas unternehmen, gibt es kein mühsames Abrechnen mehr: ‹Du hast jetzt bezahlt, ich muss dir das dann zurückzahlen, merci, dass du mich zum Essen einlädst …›»

Anna* ist die Einzige der acht, die nicht mitmacht – und darüber so erleichtert ist, dass es sie selbst überrascht: «Wenn ich eure Rundmails lese, kriege ich gleich Bauchweh. Diese Abhängigkeit von der Gruppe … Ich hätte mehr Stress, andere zu fragen, ob ich etwas ausgeben darf, als allein Schulden zu haben. Aber es ist spannend, das Ganze mitzuerleben.» Pedro* versteht ihre Bedenken: «Du hast einmal gesagt: ‹Die Feministinnen haben gekämpft, um unabhängig zu sein von den Typen – ich möchte mich jetzt nicht in freiwillige Abhängigkeit begeben.› Selber fühle ich mich freier, wenn ich in einen Kontext eingebunden bin.»

Simone Marti kommt diesen Abend zu spät, sie musste länger arbeiten. Sie bringt Nachrichten über den Kontostand: «Wir haben im Moment zu wenig Geld, um die Steuern zu bezahlen. Letzten Monat hatten wir einen Überschuss und waren sehr euphorisch. Jetzt ist das nicht mehr so.» Marti schlägt vor, ein Unterkonto für Steuern und andere Fixkosten zu eröffnen. «Wir brauchen noch ein paar Monate, bis wir Bilanz ziehen können. Ich denke, wir schaffen es schon.»

Marti wirkt dauernd auf Draht, kann kaum still sitzen, organisiert Demos und politische Veranstaltungen, dazwischen geht sie auf Skitouren und rennt im Wald. Gerade deshalb schätzt sie die Gruppe: «Eine Raupe ist eben langsam. Wir brauchten ein Jahr, um ein gemeinsames Konto einzurichten. Für mich muss es sonst immer schnell gehen, darum lerne ich hier ganz viel. Komm mal runter, Simone. Andere gehen dafür ins Wellness.»

* Namen geändert.

Bettina Dyttrich verbringt viel Zeit in Kehrsatz, traut sich die gemeinsame Ökonomie aber bisher nicht zu.

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