Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

«Aber mich haben sie nicht gebrochen»

Das Armenviertel Vila Autódromo steht der Spekulation rund um den Olympiapark in Rio de Janeiro im Weg. Viele BewohnerInnen gaben dem Druck nach und wurden umgesiedelt. Eine kleine Gruppe harrt bis heute aus.

Von Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro

Der Tag, an dem Maria da Penha im Parlament des Bundesstaats Rio de Janeiro als «vorbildliche Bürgerin Brasiliens» geehrt wird, beginnt um sechs Uhr in der Früh mit einem Klopfen an der Tür. Vor dem Haus der 51-Jährigen steht die sogenannte Schocktruppe der Polizei: Knüppel, schusssichere Westen, Tränengasgewehre. Dahinter ein Bagger. Es ist der 8. März 2016, der Internationale Frauentag. Maria da Penha darf noch ihre Sachen zusammenpacken, dann rammt der Bagger ihr dreigeschossiges Haus. 23 Jahre lang hat sie hier gewohnt, und für den Einsatz zu dessen Verteidigung soll sie am gleichen Tag geehrt werden.

«Heute bin ich traurig, aber die Ehrung macht mich stark», sagt die schmale da Penha in einem buntkarierten Hemd einige Stunden später im Parlament. «Für Grossveranstaltungen setzen sie dich auf die Strasse. So ist das in Rio.» Ihr Haus musste weichen, weil wenige Hundert Meter entfernt demnächst die XXXI. Olympischen Spiele beginnen werden. Die BesucherInnen des zentralen Olympiaparks sollen sich durch da Penhas Haus nicht gestört fühlen. Ebenso wenig wie von den 600 weiteren Häusern, die einst die Favela Vila Autódromo bildeten. Der wichtigere Grund für den Abriss der kleinen Gemeinde ist allerdings ein anderer: Wenn die Spiele vorbei sind, so plante es die Stadtverwaltung, sollen auf dem Gelände Luxusgebäude entstehen.

Vila Autódromo ist heute ein Trümmerfeld. Fahle Häuserwände ragen auf, Hunde streunen herum. Das Gelände ist übersät mit Schutt und durchzogen von den Furchen der Abrissbagger. Überragt wird die Szenerie von einem schwarz glänzenden Gebäudeblock, vierzig Stockwerke hoch, brandneu und undurchsichtig. Tausende JournalistInnen aus aller Welt werden bald hinter der Fassade unterkommen; es ist das Medienhotel des Internationalen Olympischen Komitees.

Bis es so weit ist, werden auch die letzten zwei Häuser verschwunden sein, die am Rand der Trümmerlandschaft überlebt haben. Die kleine Kirche hat man ebenso verschont. Bisher. Ende Mai sitzt Maria da Penha in diesem Betonbau auf einer Holzbank in T-Shirt und Jeans. Einige ihrer Habseligkeiten hat sie hierher gerettet: Möbel, Kleidung, Dokumente. «Der Bürgermeister glaubt, dass man alles kaufen kann», sagt sie. «Aber der Mensch, das ist seine Geschichte, seine Erinnerung, seine Gemeinde.» Mehr als umgerechnet eine halbe Million Franken hat das Rathaus ihr zuletzt angeboten, damit sie Vila Autódromo verlässt. Sie hat abgelehnt. «Ich bin arm», sagt sie. «Aber ich habe meine Füsse hierhergesetzt, um zu bleiben.»

Derzeit sieht es so aus, als könnte sich ihr Wunsch erfüllen. Aber sicher ist das nicht. Denn was ist schon sicher in Rio de Janeiro, einer Stadt, in der nagelneue Velowege auf Stelzen einstürzen und zwei Menschen in den Tod reissen. In der man die olympischen SeglerInnen auf ein Gewässer schickt, das mit Fäkalien verseucht ist. In der LehrerInnen und Krankenschwestern seit Monaten keine Löhne mehr erhalten, weil der Bundesstaat Rio de Janeiro pleite ist und den finanziellen Notstand ausgerufen hat. In der die Polizei jeden Tag einen Menschen tötet und in der jede Woche zwei PolizistInnen getötet werden.

Eine teure Party

«Als Rio 2009 zum Ausrichter der Spiele 2016 erkoren wurde, herrschte Euphorie», sagt Pedro Trengrouse. «Das war verständlich, aber nicht berechtigt.» Trengrouse ist Professor für Sportmanagement an der renommierten Getúlio-Vargas-Stiftung, hat in Harvard gelehrt und die brasilianische Regierung vor der Fussballweltmeisterschaft beraten. Der 36-Jährige kommt zum Gespräch in die Bar von Rios Fussballklub Fluminense; er will sich um das Amt des Vereinspräsidenten bewerben. «Es gehört zur Marketingstrategie des Weltfussballverbands und des Internationalen Olympischen Komitees, hohe Erwartungen zu wecken», sagt er. «Aber solche Grossveranstaltungen haben keine positiven Effekte für die Gesellschaft. Es sind teure Partys, mehr nicht.» Weil aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger dies begriffen hätten, schliesst Trengrouse, würden solche Veranstaltungen nur noch in Ländern mit autoritären Tendenzen stattfinden können.

«Autoritär» ist das richtige Wort, um das Vorgehen von Rios Stadtverwaltung zu beschreiben. Seit 2009 hat sie laut eigener Statistik 77 206 Menschen umgesiedelt. Sie mussten für Infrastrukturprojekte wie Schnellbustrassees weichen. Aber auch, um Immobilienspekulation zu ermöglichen. Es waren die grössten Umsiedlungen in der Geschichte Rios. Nicht selten geschahen sie unter Zwang und mit Gewalt. «Ich werde Olympia nutzen, um alles zu tun, was ich schon immer tun wollte», hat Bürgermeister Eduardo Paes einmal gesagt.

Mehr als 550 Familien haben Vila Autódromo in den letzten beiden Jahren verlassen. Manche akzeptierten die immer üppigeren Entschädigungszahlungen der Stadt. Andere zogen in Sozialbauten. «Viele hatten ja keine andere Wahl», sagt Maria da Penha. Man habe ihnen den Strom gekappt, Baumaterialien direkt vor der Haustür abgeladen. «Aber mich haben sie nicht gebrochen.»

Maria da Penha hat erreicht, was bisher niemandem gelungen ist, der umgesiedelt werden sollte. Nachdem die internationale Presse über Vila Autódromo berichtet hatte, lud der entnervte Bürgermeister sie zusammen mit einer kleinen Delegation ein. Er sagte zu, dass zwanzig Familien nach den Spielen bleiben dürften. Eine Schule soll gebaut werden, Spielplätze. Maria da Penha seufzt. «Die Unsicherheit hat an einem gezehrt.» Als einmal das Haus einer besonders armen Familie abgerissen werden sollte, stellten sich die BewohnerInnen vor das Gebäude. Ein Polizist brach da Penha bei der Räumung die Nase.

Wem gehört die Stadt?

Der Streit um Vila Autódromo ist typisch für Rio de Janeiro und dreht sich um die Frage: Wem gehört die Stadt? Die Geschichte der Siedlung begann Ende der sechziger Jahre, als Fischerfamilien auf einer Halbinsel siedelten, die wie ein Dreieck in die Lagune von Jacarepaguá ragt. Die illegale Gemeinde wuchs, als in den siebziger Jahren eine Formel-1-Rennstrecke in der Nähe gebaut wurde. ArbeiterInnen zogen nun zu den FischerInnen, errichteten einfache Unterkünfte. Von den Plagen anderer Armenviertel blieb Vila Autódromo verschont: Drogenhandel und Schutzgeldmafias gab es hier nicht.

In den neunziger Jahren verlor die Rennstrecke an Bedeutung. Zu der Zeit war Eduardo Paes Vizebürgermeister von Barra da Tijuca, dem Stadtbezirk, zu dem die Halbinsel gehört. Paes, damals erst 24 Jahre alt, ist heute Bürgermeister von Rio. Er sieht sich gerne als Macher, wird aufbrausend bei Kritik, will, dass die Dinge schnell geschehen. Man sagt ihm Ambitionen auf das brasilianische Präsidentenamt nach. Und engste Kontakte zur mächtigen Baubranche.

Diese interessierte sich immer mehr für das Gelände der Rennstrecke. Denn Barra da Tijuca entwickelte sich zum Sehnsuchtsviertel der weissen Oberschicht: weit weg von Schmutz, Verbrechen und Armut der Nordzone. Stattdessen mit luxuriösen Wohntürmen, mehrspurigen Strassen, riesigen Shoppingmalls. Für Vila Autódromo ist in dieser Welt kein Platz vorgesehen, obwohl die Landesregierung den BewohnerInnen 1999 ein Nutzungsrecht von 99 Jahren eingeräumt hat. Maria da Penha, in der kleinen Kirche auf ihrer Holzbank, erzählt, wie Eduardo Paes einmal mit einem Traktor zur Favela kam und ankündigte: «Ich mache Schluss mit Vila Autódromo!»

Es war keine leere Drohung. Knapp zwanzig Jahre später entschied er, den Olympiapark auf dem Gelände der alten Rennstrecke zu bauen. Das Terrain von Vila Autódromo würde dafür zwar nicht benötigt. Dennoch sollte die Favela verschwinden – eine Forderung der Immobilienbranche.

«Prepaid-Abgeordnete»

Die Sonne brennt unerbittlich, als eine Pressebeauftragte von Bürgermeister Paes über den fast baumlosen Olympiapark führt. Neun Stadien für sechzehn Sportarten wurden hier errichtet. Das Schwimmstadion und die Handballarena sollen nach den Spielen wieder abgebaut werden. Andere Stadien will man in Konzerthallen umwandeln oder weiter sportlich nutzen. Vieles erweckt den Eindruck, als habe es möglichst schnell und billig gehen sollen. Und noch etwas fällt auf: die enormen Freiflächen. Dort sollen nach den Spielen Wohntürme errichtet werden, ein Stadtquartier an bester Lage, sagt die Sprecherin.

Gebaut und vermarktet wird das exklusive Viertel von den Konzernen Odebrecht, Carvalho Hosken und Andrade Gutierrez. Es sind dieselben Firmen, die den Olympiapark gebaut haben. Für dieses Engagement haben sie die Lizenz zum Bau der luxuriösen Wohntürme erhalten. «Doch die öffentliche Hand gibt viel mehr auf, als sie im Gegenzug erhält. Solche Deals zwischen dem Staat und Privatfirmen sind ein Einfallstor für Korruption», sagt der Anwalt Jean Carlos Novaes. Er beschäftigt sich seit Jahren mit solchen sogenannten Public Private Partnerships (PPP) und den Unregelmässigkeiten rund um den Olympiapark. Nun bereitet er eine Klage gegen Eduardo Paes vor. Der Vorwurf: Veruntreuung öffentlicher Gelder.

Novaes wartet in einer Hotelbar unweit des Olympiaparks. Er ist ein eher stiller Typ, keiner, der den Rummel sucht. Ihm gehe es um Transparenz und demokratische Mitsprache beim Umbau der Stadt, sagt er. Im Olympiapark aber seien so gut wie alle gesetzlichen Vorschriften verletzt worden. «Es fehlen technische Gutachten, Umweltgutachten, öffentliche Anhörungen. Der Bürgermeister hat alles eigenmächtig im Sinn der Baufirmen entschieden. Sie sind seine Geldgeber.» Tatsächlich wird Rios Politik von der Baubranche finanziert. Allein Carvalho Hosken steuerte zur letzten Wahlkampagne von Bürgermeister Paes umgerechnet fast 300 000 Franken bei. «Von den 51 Abgeordneten im Stadtparlament stehen 39 auf der Spendenliste von Baufirmen», sagt Novaes. Er nennt sie «Prepaid-Abgeordnete».

Für Novaes ist klar, dass die Olympischen Spiele in Rio genutzt werden, um den Konzernen milliardenschwere Immobiliendeals zuzuschanzen. Dafür gibt es erste Beweise. Im Zuge von Korruptionsermittlungen rund um den Petrobras-Skandal fand die Polizei im Haus eines Odebrecht-Managers ein brisantes Schriftstück: Bereits ein Jahr bevor die Gewinner der Ausschreibung zum Bau des Olympiaparks feststanden, wurden dort die drei Baufirmen als Konstrukteure genannt. Der Verdacht der Kartellbildung liegt nahe.

Der Chef der Baufirma Carvalho Hosken hat einmal in einem Interview gesagt, dass er auf dem Land von Vila Autódromo Luxusapartments bauen werde. Darin sei kein Platz für Arme oder Indianer. Sie würden stinken, niemand wolle neben solchen Leuten wohnen. Darüber muss Maria da Penha heute lachen. Wie es aussieht, hat sie gegen Carvalho Hosken gewonnen. Aber richtig daran glauben will sie erst, wenn die versprochenen neuen Häuser stehen. Laut Vertrag sollen sie bis Ende Juli fertig sein. «Ich glaube nicht daran», sagt der Anwalt Novaes. «Es gibt keinen Grund, diesem Rathaus noch zu trauen.»

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