Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Das koloniale Erbe abschütteln

Wer in Afrika eine akademische Ausbildung verfolgt oder gar eine wissenschaftliche Karriere ansteuert, muss zahlreiche Hürden überwinden. Trotzdem bleiben viele AkademikerInnen bewusst auf dem Kontinent.

Von Anja Bengelstorff

Wissenschaft hat in Afrika einen schweren Stand. Mehr als die Hälfte aller afrikanischen Länder investiert weniger als 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Forschung. Der chronische Mangel an finanzieller Unterstützung für Studium und Forschung sowie an gut ausgestatteten Bibliotheken und Labors treibt eineN von neun AfrikanerInnen mit Universitätsabschluss auf einen andern Kontinent. Südlich der Sahara findet Wissenschaft hauptsächlich in Südafrika statt: Das Land am Kap hat in den vergangenen Jahrzehnten einiges in die Forschung investiert und bildet rund zwei Drittel aller StudentInnen aus diesem Teil Afrikas aus. Auch ein Grossteil der wissenschaftlichen Publikationen stammt von südafrikanischen Universitäten.

Als Konsequenz der Unterfinanzierung publiziert Afrika im globalen Vergleich lediglich zwei Prozent aller wissenschaftlichen Arbeiten. Nur eineR von 10 000 afrikanischen StaatsbürgerInnen war im Jahr 2007 Wissenschaftler oder Ingenieurin – in Industrieländern sind es 20 bis 50 von 10 000. Afrikas vorrangige Rolle in Partnerschaften mit westlichen Forschungsinstituten und Universitäten ist nach wie vor die des Sammelns von Daten, während die Analyse – und damit die «Entdeckung» – dem Westen zufällt. Ein Erbe des Kolonialismus, der bis heute weiterwirkt. «Afrikanische Forscher werden nicht ernst genommen», sagt der simbabwische Medienwissenschaftler Wallace Chuma von der Universität Kapstadt. Aber auch die meisten Universitäten Afrikas gäben ihren AkademikerInnen nicht das Gefühl, gewollt zu sein. Karrieren in der Wissenschaft seien in manchen Teilen des Kontinents so nicht attraktiv. «Es gibt ein paar exzellente Forschungsstandorte, die über den Kontinent verteilt sind», sagt Chuma, «aber es überwiegt Mittelmässigkeit, weil die guten Leute weg sind.»

Afrika weiterbringen

Wallace Chuma ist einer von 21 promovierten AkademikerInnen, die mir in Interviews über ihren akademischen Werdegang und ihre Situation als WissenschaftlerInnen in Afrika Auskunft gaben (vgl. «‹Meine Grossmutter soll meine Forschung wiedererkennen›»). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie zwar ausserhalb ihres afrikanischen Heimatlands, aber auf dem Kontinent an Universitäten respektive an der regional verankerten African Development Bank (AfDB) arbeiten. In ihren Aussagen spiegelt sich ein deutlicher Trend: Sie alle wollen einen Beitrag zur Entwicklung Afrikas leisten.

Dabei beschränken sie sich nicht auf ihr Geburtsland, sondern betrachten den ganzen Kontinent als Heimat. Direkt Einfluss nehmen können, Afrika etwas zurückgeben, anderen Menschen helfen, die Entwicklungsagenda des Kontinents mitbestimmen sowie afrikanische Antworten auf afrikanische Fragen in der Wissenschaft finden – so begründen es die befragten AkademikerInnen, sich für eine Karriere in Afrika und nicht in einem anderen Teil der Welt entschieden zu haben. Afrika sei in Bewegung, und er wolle Teil dieser Transformation sein, gab ein Banker der AfDB zu Protokoll.

«In einer Gesellschaft, die meine Fähigkeiten braucht, fühle ich mich mehr gefordert als an einem weiterentwickelten Standort», sagt die Nigerianerin Ada Ordor. «Dort hätte meine Arbeit nicht eine solche Wirkung wie hier.» Die 46-jährige Juraprofessorin forscht über die Diskrepanz zwischen dem geltendem Recht in vielen Ländern Afrikas, das auf britischem Recht als einem Erbe des Kolonialismus basiert, und der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung, für die Gesetze zu oft nicht greifen.

Auch andere interviewte AkademikerInnen verfolgen Fachrichtungen, die spezifisch für den Kontinent sind und in anderen Teilen der Welt womöglich auf weniger Interesse und Forschungsgelder stossen würden – die Erforschung von Bauchspeicheldrüsenkrebs in der afrikanischen Bevölkerung etwa: SchwarzafrikanerInnen verfügen nämlich über einen anderen Genpool als Menschen mit weisser Hautfarbe. Und diese Unterschiede können entscheidend sein für die Entwicklung passender Medikamente.

Just ihr spezifisches Forschungsinteresse stürzt diese AkademikerInnen aber neben dem Geldmangel, der ihre Forschung behindert, in ein weiteres Dilemma. Wie für WissenschaftlerInnen anderswo gilt nämlich auch an afrikanischen Universitäten der Grundsatz: «publish or perish» (publiziere oder verschwinde). Fachzeitschriften, die in Afrika publiziert werden, gibt es zwar durchaus, und nicht wenige machen eine gute Arbeit – bloss liest sie fast niemand, weil sie aufgrund ihres lokalen Fokus oft wenig internationale Anziehungskraft besitzen. Um also als afrikanischeR WissenschaftlerIn von der globalen Fachwelt gelesen und anerkannt zu werden, muss man es schaffen, Forschungsergebnisse in einschlägigen internationalen Publikationen unterzubringen.

Das hilft auch der Karriere am eigenen Arbeitsplatz: Afrikanische Hochschulen erwarten Veröffentlichungen in grossen internationalen Fachzeitschriften, bevor sie Beförderungen aussprechen. Nur wer international – also: im Westen – wissenschaftlich anerkannt ist, verschafft der Universität Prestige. Ein Teufelskreis, der zudem ein weiteres Problem aufwirft: «Wenn ich etwas schreibe, das nicht den Erwartungen der anderen Welt entspricht, wenn ich zum Beispiel etwas widerlege, das in den sechziger Jahren geschrieben wurde, dann sind meine Chancen auf eine Veröffentlichung sehr gering», erzählt ein Archäologe. «Das ist eine der grossen Herausforderungen, denen wir begegnen.»

«Afrikanische Akademiker auf dem Kontinent machen im Allgemeinen einen guten Job unter sehr schwierigen Bedingungen», sagt der Literaturwissenschaftler James Ogude von der Universität Pretoria. Das werde nie angemessen anerkannt. Die Lehre sei oft nicht auf dem neusten Stand, aber als Grundlage solide, und das bei überwältigenden Studierendenzahlen. Chemiker Derek Ndinteh geht so weit zu sagen, gut ausgestattete Labors verleiteten zur Bequemlichkeit: «Man muss nicht improvisieren. Sicher, man kann seine Analysen machen, aber es ist kein Denken gefordert. Und wenn ich den Nobelpreis gewinnen will, muss ich meinen Kopf benutzen.»

Den Wert von Bildung erkannt

Mittlerweile beginnt die wissenschaftliche Forschung in Afrika, Fahrt aufzunehmen. Zwischen 2003 und 2013 hat sich die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus Afrika auf mehr als 55 000 verdoppelt. Überall auf dem Kontinent entstehen Exzellenzzentren. Und das African Institute of Mathematical Sciences (Aims) in Südafrika sucht mit einer Initiative nach dem nächsten Einstein. Von den 21 interviewten AkademikerInnen hat jeweils die Hälfte an Universitäten in Südafrika beziehungsweise der westlichen Welt promoviert. Alle wollen in ihr Heimatland zurückkehren – spätestens nach der Pensionierung, viele am liebsten aber noch vorher, vorausgesetzt, sie haben ein gutes Auskommen, können forschen und ihre wissenschaftliche Karriere vorantreiben.

Hinter allen Karrieren, das zeigen die Interviews besonders deutlich, stehen Eltern, die die Bedeutung von Bildung für eine bessere Zukunft begriffen und ihre Kinder – auch unter grossen persönlichen Opfern – gefördert haben: neben Beamten und kleinen Geschäftsleuten auch Schneider, Schuster, Gefängniswärter, Bauern, Schnapsbrenner und immer wieder Mütter, die Hausfrauen waren. Mütter, die selbst weder lesen noch schreiben konnten, aber mit dem Zeugnis des Kindes, dessen Wert ihnen erklärt wurde, beim lokalen Politiker um Schulgeld baten.

Heute lenken einige dieser Kinder die Geschicke des Kontinents mit. Morgen haben ihre Entscheidungen vielleicht erreicht, dass es bei der Heilung von Bauchspeicheldrüsenkrebs einen Durchbruch gibt und afrikanische Rechtssysteme ihren BürgerInnen gehören.

Die Artikel auf dieser Doppelseite wurden finanziell unterstützt vom Medienfonds «real21 – Die Welt verstehen», der von der Schweizer Journalistenschule MAZ und von Alliance Sud getragen wird.

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