Nr. 09/2017 vom 02.03.2017

«Ohne Not lässt man sich benutzen»

Ein offener Brief äussert deutliche Kritik an der Einladung des AfD-Ideologen Marc Jongen an die Gessnerallee. Das Theaterhaus bewegt sich ein bisschen – und stiehlt sich zugleich aus der Verantwortung.

Von Kaspar Surber

Es ist dicke Post, die aus Berlin eintraf. Und nicht nur aus Berlin stammen die Unterschriften des offenen Briefs, sondern auch aus Hamburg und München, aus Wien und Innsbruck, aus Basel und Zürich. Mehr als 500 Regisseure, Musikerinnen, Dramaturgen, Künstlerinnen und Schauspieler haben ihn unterzeichnet, darunter bekannte Namen wie Diedrich Diederichsen (Poptheoretiker), Falk Richter (Regisseur) oder Dirk von Lowtzow (Tocotronic-Sänger). Sie alle fordern das Zürcher Theaterhaus Gessnerallee auf, der Alternative für Deutschland (AfD) keine Bühne zu bieten. Anlass für den Brief ist eine geplante Diskussion mit dem AfD-«Parteiphilosophen» Marc Jongen unter dem Titel «Die neue Avantgarde» am 17. März (siehe WOZ Nr. 7/2017 und WOZ Nr. 8/2017).

Der Brief fällt auch deshalb ins Gewicht, weil er keine billige Empörung ausdrückt. Die VerfasserInnen um den Regisseur Kevin Rittberger legen vertieft dar, warum sie es falsch finden, Jongen an ein öffentliches Gespräch einzuladen. Mit seinen Überlegungen zum Thymos – worunter Jongen wie sein ehemaliger Vorgesetzter Peter Sloterdijk Stolz, Wut und Zorn versteht – lege er das philosophische Fundament für die «Zornpolitiken» der AfD: «Jede Störung einer Theaterveranstaltung, jeder Angriff auf eine linke Buchhandlung, auch jede brennende Geflüchtetenunterkunft sind angewandte und durch diesen Diskurs legitimierte ‹Zornpolitiken›.»

Jongen, einen der raffiniertesten Demagogen der AfD, auf ein Podium einzuladen und von einem «Experiment» zu sprechen, zeuge von Blauäugigkeit, heisst es im Brief: «Würde die AfD einen Kulturort wie die Gessnerallee nicht zuallererst abschaffen?» Angefügt ist eine lange Liste von Protesten und Angriffen der AfD und der Rechtsextremen gegen kulturelle Institutionen. In Heidelberg beispielsweise protestierte die AfD gegen ein Stück von Kevin Rittberger. In Chemnitz wurde von Rechtsextremen ein Sprengstoffanschlag gegen ein Kulturzentrum verübt, das mit einem Theaterprojekt an die NSU-Morde erinnerte.

Gespräch übers Gespräch

Letzten Samstag trafen sich VertreterInnen des Theaterhauses sowie der Zürcher Kulturlobby, einer kulturpolitischen Initiative von KünstlerInnen, zur kontroversen Aussprache. Das Theaterhaus teilte danach mit, dass am 10. März eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden soll, ob das Podium mit Jongen die richtige Form ist, dem Rechtspopulismus wirksam entgegenzutreten, ob es abgesagt oder durch ein anderes Format ersetzt werden soll.

Die Gessnerallee bewegt sich also ein bisschen – und überbürdet gleichzeitig die Entscheidung über die Einladung an ihre KritikerInnen, die selbst gar nie auf die Idee gekommen wären, Jongen einzuladen. Dies sorgt in der Zürcher Kulturszene für Widerspruch. «Das völlige Zurückweisen der Verantwortung ist irritierend», meint Katharina Morawek, die Kuratorin der Shedhalle. «Dass die Gessnerallee ihren Raum antidemokratischen Positionen zur Verfügung stellt, ist eine herbe Enttäuschung und für mich nur durch politische Orientierungslosigkeit zu erklären. Dies ist umso bedauerlicher angesichts des breiten Protests in der deutschsprachigen Kulturszene.» Morawek wird am öffentlichen Gespräch teilnehmen, erwartet aber von der Gessnerallee zuvor eine klare Ansage, wie ein Entscheid getroffen werden soll. Ihrer Meinung nach sollen Jongen und der zweite umstrittene Gast, Oliver Kessler (vgl. «Kessler allein zu Haus»), ausgeladen und durch eine feministische und eine postmigrantische Stimme ersetzt werden.

Unbeirrt geben sich der Kulturwissenschaftler Jörg Scheller sowie die Operation Libero, die auf dem Podium mit Jongen und Kessler diskutieren sollen. Scheller, selber Libero-Mitglied, ist Mitorganisator des Podiums, die Idee dazu entstand in einem lockeren Austausch mit Jongen für die Zeitschrift «Schweizer Monat». In einer Replik auf den offenen Brief bestreitet Scheller nun, mit der Partei zu fraternisieren. Die Weigerung, nicht mit der AfD zu sprechen, führe nicht zu ihrem Verschwinden, sondern verschaffe ihr einen Opfermythos. Die Operation Libero meint: «Nur wenn wir die Auseinandersetzung nicht scheuen, können wir zum einen ihre Argumentation besser verstehen und zum anderen versuchen, mit den eigenen Positionen und Inhalten diejenigen zu überzeugen, die nicht sowieso schon auf unserer Seite sind.»

«Bereits gewonnen»

In die Zwickmühle geraten RegisseurInnen wie Tim Zulauf, die regelmässig in der Gessnerallee inszenieren: «Meinem Eindruck nach ist eine Veranstaltung mit dem Tandem Jongen–Scheller naiv. Ein rein rechtes und liberales Podium bei mangelnder Anerkennung und Einbindung migrantisch-linker Projekte hier in der Stadt ist eine sträfliche Selbstprovinzialisierung.» Auch wenn die Veranstaltung keine grundlegende Neupositionierung des Hauses bedeute, folge sie doch einer falschen Spektakularisierung von Politik. Die Auseinandersetzung könnte zu ungewollten internen Spaltungen führen.

Zulauf will sich weiterhin klar gegen die Veranstaltung wehren: «Beim Repräsentationsformat ‹Podium› geht es nicht darum, was Jongen sagen wird. Er hat bereits gewonnen, wenn er, scheinvernünftig argumentierend, für die Wutpartei AfD auftreten darf.» Auftritte in der Schweiz, dazu erst noch in einem linksliberalen Umfeld, normalisierten seine Positionen: «Die Gessnerallee lässt sich ohne Not benutzen, und das in einem deutschen Wahljahr.»

Das öffentliche Gespräch über Sinn und Unsinn der Einladung an Marc Jongen findet am 10. März 2017 um 20 Uhr in der Gessnerallee statt. Der offene Brief findet sich auf www.nachtkritik.de, er kann bis am 9. März 2017 unterzeichnet werden.

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