Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Der selbstverliebte Spion im Weissen Haus

Obwohl kaum Neues drinsteht, ist «Fire and Fury» schon kurz nach der Veröffentlichung ein Kassenschlager. Der Erfolg des Enthüllungsbuchs über Donald Trump ist für seriöse JournalistInnen ein Affront. Wie hat der Autor Michael Wolff das geschafft?

Von Lukas Hermsmeier

Michael Wolff hat sich selbst nie als einen reinen Journalisten definiert. Er mag sie auch gar nicht, die gewöhnlichen, strebsamen ReporterInnen, die sich und ihre beruflichen Pflichten so ernst nehmen, dass für Unterhaltung kein Platz bleibt.

Wolff will Geschichtenerzähler sein, das hat er oft genug klargestellt, er möchte seine LeserInnen mitnehmen in die Welten der Reichen und Mächtigen. Und genau so funktionieren auch seine Bücher und Kolumnen, für die er Zitate und Anekdoten gerne frisiert, weil seine Faszination für Unterhaltung die Banalität der Fakten schlägt.

Vertrautes Milieu

Es ist also kaum verwunderlich, dass sein neustes Werk «Fire and Fury. Inside the Trump White House», in dem sich Wolff des Irrsinns der aktuellen Regierung annimmt, nicht nur Präsident Donald Trump erzürnt, sondern auch JournalistInnen im ganzen Land empört, die diesen Bestseller jetzt irgendwie einordnen müssen. «Seine ‹Too good to check›-Berichterstattung ist eine Schande. Die meisten von uns arbeiten hart, um Fakten zu verifizieren», twitterte exemplarisch der «Axios»-Reporter Jonathan Swan. Viele Texte über «Fire and Fury» lesen sich als eigentliche Texte über Michael Wolff und dessen Vergangenheit als umstrittener, unglaubwürdiger Szenekolumnist. Der Mann mit der Glatze und der Hornbrille ist eine Provokation. Wenn ein Klatschreporter das Enthüllungsbuch des Jahres über Trump schreibt – was sind die investigativen Berichte von «New York Times» und «Washington Post» dann überhaupt noch wert?

In Trumps Weissem Haus hat Michael Wolff ein Milieu vorgefunden, in dem er sich bestens zurechtfand. Vielleicht besser als alle anderen. Er war ein Sensationslüsterner unter vielen Sensationslüsternen. Und so entstand ein Buch voller Details und Anekdoten, jedoch ohne wirkliche Neuigkeiten oder Metaebene. Zeitgeistig, wenn man so will.

Wolff wurde in New Jersey geboren, die Mutter war Reporterin, der Vater im Werbegeschäft tätig. Seinen Lebensmittelpunkt verlagerte er aber schnell auf die andere Seite des Hudson River, nach Manhattan. Er studierte an der Columbia-Universität, schrieb für diverse New Yorker Publikationen und wurde Teil einer männlichen, weissen Szene, die sich im Midtown-Restaurant Michael’s trifft. Ein Zirkel, zu dem bis vor kurzem auch der diskreditierte Hollywoodproduzent Harvey Weinstein gehörte.

Zu Wolffs Selbstvermarktung gehörte immer schon die Polarisierung. Entsprechend stolz ist der 64-Jährige etwa darauf, aus etlichen Sternerestaurants rausgeschmissen worden zu sein. Passend dazu auch sein Profilfoto auf Twitter. Eine Schwarzweisszeichnung, Wolff hat die Arme verschränkt und grinst diabolisch. So sieht er sich selbst: als schreibender Rebell. Eine Mischung aus Gay Talese, Truman Capote und Baby Schimmerlos. Nur noch einflussreicher.

Nichts zählt und alles ein bisschen

«Wolff ist der Inbegriff einer New Yorker Schöpfung, fixiert auf Kultur, Stil, Klatsch und Geld, Geld, Geld», schrieb 2004 das Magazin «The New Republic» in einem Porträt. Seither blieb das Lieblingsthema seiner Berichte in diversen Magazinen und Zeitungen über die Jahre konstant: Manhattan und seine schillernden Figuren. Logisch, dass Wolff irgendwann selbst zum Klatschgegenstand wurde.

WeggefährtInnen erzählen, wie Michael Wolff jede Gelegenheit nutzt, um Geheimnisse aus seinem Gegenüber zu quetschen. Ein selbstverliebter Spion, von dessen Auftrag alle wissen. Oder: wie der Bekannte, der jede Party zum unvergesslichen Drama macht und deshalb – oder trotzdem – immer wieder eingeladen wird. Von Klagen gegen Wolffs Berichterstattung ist jedenfalls nichts bekannt. Bis jetzt zumindest.

«Ein Attribut, mit dem Michael Wolff noch nie beschrieben wurde, ist ‹langweilig›», schrieb die «Washington Post» vor ein paar Tagen. Michael Wolff hat für sich eine Welt aus Sarkasmus, Gerüchten und Lautstärke geschaffen, in der nichts so richtig zählt und damit alles ein bisschen. An politischer Analyse war er weniger interessiert. Das kann man langweilig finden. Aber ist es wirklich ein Rätsel, warum das Weisse Haus Wolff den Zugang zum Trump-Zirkel ermöglichte? Die Antwort liefert wohl der unbändige Narzissmus der Regierenden selbst.

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