Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Nach Westen, immer nach Westen

Etrit Hasler slamt darüber, warum er nicht (mehr) Fan des FC St. Gallen ist

Von Etrit Hasler

Freunde, was habe ich mir schon anhören müssen: Ich, der ich so nahe am Espenmoos aufgewachsen bin, dass ich den Spielstand an den Gesängen des Espenblocks abhören konnte, hätte dem FC St. Gallen den Rücken gekehrt. Doch in Wirklichkeit war ich bloss der Zeit voraus. Und ging den gleichen Weg, den auch der altehrwürdige FCSG ging: gen Westen, immer gen Westen.

Nur dass ich halt nicht in einer Ikea-Filiale am öden Westende der Stadt stehen blieb und auch die Betonwüste von Gossau ausliess, und in Wil, na ja, da halten ja nicht mal mehr die SBB, weil sie befürchten, Lukas Reimann könnte einsteigen. Und erst als ich am Horizont dieses schwarze Loch aus geklautem Gold und gestrecktem Koks erkannte, das sie Zürich nennen, blieb ich stehen, und da war ich – in Winterthur.

Und ich sage euch: Es gibt nichts Schöneres, als in der zweiten Liga zu spielen. Wo die Anzeigetafel noch von Hand betrieben wird, die Spieluhr noch von Hand gekurbelt und der Schiedsrichter noch von Hand bezahlt. Wo ich mir Fussball im einzigen wirklichen Fussballstadion im Kanton Zürich ansehen kann, mit genügend Stehplätzen für alle und freiem Blick auf den Sonnenuntergang, wo Fussball eben noch Fussball ist, der Eintritt höchstens zweimal so viel kostet wie eine Wurst mit Brot, und wenn man Senf obendrauf will, dann gibts den gratis!

Wo man sich auf den Kampf gegen den Aufstieg konzentrieren kann, weil der Abstieg ohnehin nicht auf dem Rasen ausgespielt wird, solange jedes Jahr irgendein Grümschelverein pleitegeht – auf Wiederwohlen!

Doch natürlich gibt es auch bei uns die Wahnsinnigen, die dieses delikate Ökosystem immer wieder aus der Balance bringen wollen. Die von diesem mythischen Nektar namens Champions League schwärmen, doch ich sage euch: Wenn Fussball nach Grösserem strebt, warum dann bei solchem Pipifax haltmachen?

Wenn ihr Grösseres wollt, dann gebt mir einen Elefanten im Tor – und ich meine damit nicht «einen Elefanten von einem Mann» mit stämmigen Beinen, sondern einen echten Elefanten! Einen afrikanischen mit grossen Ohren und ECHTEN Elfenbeinstosszähnen, mit denen er zwei bis drei Stürmer pro Seite locker aufspiessen kann. Davor zwei Tiger in der Innenverteidigung, die jeden Stürmer zu neuer Stadionwurst transformieren! Mit Senf! Damit man den Tiger nicht schmeckt! Und weil wir wissen, dass die Mädchen und die froschschenkelfressenden Flachwichser, die den Ballon d’Or verteilen, auf so was stehen: noch ein paar Elfen. Ja, so ein paar langhaarige Hippie-Hobbit-Freunde, die auf ihrem Bogen Harfe spielen, während sie Choreografien tanzen, die kein wirklich schwuler Mann ernst nehmen kann! Und mit diesem Team von Elefanten und Tigern und Trollen und Elfen werden wir die WELTHERRSCHAFT an uns reissen!

Winti, capital of the world. Bier für alle – in der Kurve und den Geraden, die Oscar-Verleihungen im Casinotheater, weil wenn sich da so ein Hollywoodgrüsel traut, Frauen ungefragt zu betatschen, dann reissen ihm unsere Punkgirls die Eier ab. Und Meeranschluss, damit wir die After-Party am Strand feiern können! Wir fluten den Thurgau! Und im Zweifelsfall nehmen wir Deutschland auch noch mit! Nie wieder Deutschland über alles, sondern Deutschland unter Wasser!

Freunde, wenn ihr glaubt, das sei Wahnsinn, dann habt ihr wohl recht. Aber vielleicht ist der Fussball Wahnsinn geworden. Das zumindest ist der Eindruck, den ich bekomme, wenn ich sehe, dass jemand 222 Millionen Euro für einen einzigen Spieler bezahlt. Oder dass eine ganze Stadt ausflippen kann, weil sie einen grinsenden Fernsehplapperer als Vereinspräsidenten bekommt. Und das ist nicht mehr mein Fussball. Mein Fussball ist dies: Die Sonne scheint. Der Ball ist rund. Und das Runde muss ins Eckige, damit die Menge fröhlich tobt.

Der vorliegende Text basiert auf einem Team-Piece von Etrit Hasler und Patrick Armbruster, die zusammen als Team «Bisschen Böse» seit Jahren gemeinsam an Slams auftreten. Dieses Jahr werden sie das Finale der Schweizer Poetry-Slam-Meisterschaften moderieren: 2018.poetryslam.ch.

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