Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

«Der Wille zum Widerstand ist gross»

Dewran Serhildan beobachtet die Lage in Afrin aus dem syrisch-türkischen Grenzort Kamischli. Der Aktivist spricht über die Not der Bevölkerung und Ankaras strategische Ziele.

Interview: Markus Spörndli

Dewran Serhildan

WOZ: Herr Serhildan, die Region Afrin ist seit zehn Tagen unter Beschuss. Wie ist die Lage im Moment?
Dewran Serhildan: Wir befinden uns in einem Krieg. Kräfte der türkischen Armee und der sogenannten Freien Syrischen Armee (FSA) versuchen, durch eine Bodenoffensive und durch Luftangriffe in den Kanton Afrin einzudringen. Im Grenzgebiet gibt es massive Gefechte. Seit der Ankündigung des türkischen Präsidenten, die Offensive auszuweiten, sind vor allem die Bombardements noch intensiver geworden.

Offiziell will die Türkei damit allein militärische Ziele treffen …
Klar geht es der Türkei auch um militärische Ziele, aber es werden gleichzeitig Wohngebiete bombardiert; ein Spital und eine Schule sind auch schon angegriffen worden. Es gibt bereits mindestens 60 getötete und über 150 verletzte Zivilisten. Am Sonntag wurde ein türkischer Militärvertreter im Staatsfernsehen zitiert, der offen zugab, dass Zivilisten ein Ziel darstellten. Nach unseren Informationen hat die türkische Armee auch schon zweimal den völkerrechtlich verbotenen Kampfstoff Napalm eingesetzt.

Sie arbeiten für das Informationszentrum zum Widerstand in Afrin, das objektive Informationen zum Konflikt verspricht. Wie können Sie dies sicherstellen?
Wir sind laufend mit zivilen und militärischen Institutionen vor Ort in Kontakt wie auch mit verschiedensten Einzelpersonen aus der Bevölkerung. Wir sind parteilich unabhängig.

Wie reagiert die Bevölkerung auf die Offensive?
Die Bevölkerung war auf den Angriff gefasst, schliesslich hatte die Türkei schon lange damit gedroht. Einerseits verlassen nun viele ihre Häuser und begeben sich mehr ins Innere von Afrin.

Und andererseits?
Die meisten wollen ihre Dörfer nicht verlassen. Sie sind extrem wütend auf den türkischen Staat und wollen unbedingt selbst Widerstand leisten. Viele verteidigen ihr Dorf mit der eigenen Waffe, schliessen sich den Volksverteidigungseinheiten YPG oder den Frauenverteidigungseinheiten YPJ an.

«Es gibt eine riesige Wut, weil die internatio­nale Gemeinschaft nichts gegen diesen Krieg ­unternimmt»: Die türkische Armee nimmt das kurdische Afrin unter Beschuss. Foto: Eren Bozkurt, anadolu Agency / Getty

Die Uno kritisiert aber auch die Behörden von Afrin: Menschen würden daran gehindert, in die vom syrischen Regime kontrollierten Gebiete zu fliehen.
Meines Wissens waren es die syrischen Behörden, die die Einreise in die Provinz Aleppo behinderten. Aber sicherlich gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, Afrin nicht vorschnell zu verlassen, um es mit vereinten Kräften verteidigen zu können.

Ausser Sorge zu bekunden, fällt den internationalen Akteuren wenig zur türkischen Offensive ein. Fühlt sich die Bevölkerung alleingelassen?
Es gibt eine riesige Wut auf die internationale Gemeinschaft, dass sie nichts gegen diesen Krieg unternimmt. Es waren die YPG, die YPJ und verbündete Kämpfer, die den IS praktisch von der Landkarte fegten. Die Bevölkerung musste dafür grosse Opfer bringen; diese sollten anerkannt und belohnt werden.

Was wären denn konkrete Forderungen an die internationale Gemeinschaft?
Zuerst einmal eine klare Verurteilung des türkischen Angriffs als krasser Verstoss gegen das Völkerrecht. Viele haben zudem den Wunsch, dass das Projekt Rojava, die Demokratische Konföderation Nordsyrien, anerkannt wird und dass deren Vertreter an den Friedensverhandlungen teilnehmen können.

Die Behörden von Afrin haben die syrische Zentralregierung zum Eingreifen aufgefordert. Gefährdet das nicht das Autonomieprojekt in Nordsyrien?
Die Region Afrin ist Teil des syrischen Staats, und der hat die Aufgabe, seine Grenzen zu verteidigen. Das Rojava-Projekt sieht keine Abspaltung vor, sondern betrachtet sich als Teil einer syrischen Konföderation. Der genaue Status müsste natürlich noch verhandelt werden.

Zu den Verbündeten im Kampf gegen den IS gehörte auch die FSA, die nun den türkischen Angriff auf Afrin mitträgt …
Einen gemeinsamen Kampf hat es so nie gegeben; das Militärbündnis der sogenannten Demokratischen Kräfte Syriens und Teile der FSA hatten im IS lediglich einen gemeinsamen Feind. Der Kanton Afrin muss sich schon seit sechs Jahren gegen verschiedenste äussere Angriffe verteidigen.

Was will die Türkei Ihrer Ansicht nach in Nordsyrien?
Sie will die kurdische Freiheitsbewegung zerstören, das ist seit hundert Jahren Teil der Politik. Zudem gibt es überzeugende Analysen, wonach die türkische Regierung Nordsyrien auch mit dem Ziel besetzen will, die Bevölkerung zu vertreiben und stattdessen syrische Flüchtlinge anzusiedeln, die sich derzeit in der Türkei befinden. Das würde auch erklären, warum das Militär gezielt Zivilisten bombardiert.

Und ist die türkische Drohung, die Offensive bis nach Manbidsch oder gar zur irakischen Grenze auszuweiten, glaubwürdig?
Das ist gut vorstellbar. Vielerorts kommt es seit der Ankündigung zu versuchten Grenzübertritten der türkischen Armee und zu Mörserattacken über die Grenze hinweg. Noch viel mehr käme dann die Frage auf, wie sich die Koalitionskräfte verhalten würden, insbesondere die USA. Der Wille zum Widerstand in der Bevölkerung ist aber auf jeden Fall gross.

Dewran Serhildan (28) stammt aus Dirbesiye in der syrisch-kurdischen Grenzregion zur Türkei, hat in Berlin studiert und arbeitet nun in Kamischli für das Informationszentrum zum Widerstand in Afrin.