Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Der letzte Liebesdienst

Mit einer Werkausgabe in sechs Bänden hat Klara Obermüller ein Stück Zeitgeschichte im Spiegel von Walter Matthias Diggelmanns Literatur wieder zugänglich gemacht.

Von Fredi Lerch

Wer mit dem Auto von Zürich ins Tessin fährt, wählt am besten die San-Bernardino-Route. Und die Kaffeepause gibt es zum Beispiel in Thusis. So machte es auch der Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann, als er zusammen mit seiner Partnerin die Fahrt am 28. März 1977 unternahm. In Thusis begegnete er damals in einem Restaurant seiner Nichte Margrit, die ihn leichthin fragte, ob er eigentlich wisse, dass sein Stiefvater vor zwei Jahren gestorben sei. Bitter schrieb Diggelmann zwei Wochen später an seine Mutter: «Ich hoffe, dass man mir einst wenigstens Deinen Tod mitteilt.»

Ein Jahr später erscheint Diggelmanns neuer Roman. Er heisst «Filippinis Garten» und beginnt mit den Worten: «Er ist also tot?, sagte Stephan.

Ja, antwortete die Nichte. (...) Wir machen immer in Thusis Halt, wenn wir ins Häuschen meiner Eltern fahren.» Wer hier von «meinen Eltern» spricht, ist nicht der Protagonist Stephan (alias Diggelmann), sondern dessen Begleiterin.

«Die Episode mit der Nichte in Thusis ist absolut authentisch, die haben wir damals tatsächlich getroffen», sagt die Journalistin und Publizistin Klara Obermüller am Küchentisch ihrer Dachwohnung im Zürcher Kreis 2. Sie war es, die Diggelmann damals begleitete. Im gleichen Jahr hat sie ihn – nach fünfjähriger Beziehung – geheiratet, und im folgenden Jahr ist sie von ihm zur fiktiven Erzählerin in «Filippinis Garten» gemacht worden.

Sie habe zwar gewusst, erzählt sie, dass Diggelmann die weitgehend autobiografische Auseinandersetzung des Protagonisten mit seiner Herkunft aus der Perspektive der Begleiterin erzählen wolle. Aber als sie dann das fertige Typoskript zu lesen bekommen habe, sei sie doch verblüfft gewesen, «wie nahe an mir diese Erzählerin spricht»: «Es war, als ob ich mich selber sprechen hörte. Das war irritierend, weil gleichzeitig klar war: Das bin nicht ich, die hier ich sagt.»

«Filippinis Garten» ist Diggelmanns letzter Roman: Zwei Jahre später starb er, erst 52-jährig, an einem Hirntumor. Und Klara Obermüller hat ihm nun noch einmal, wie sie sagt, «einen Liebesdienst erwiesen»: Sie hat eine Diggelmann-Werkausgabe herausgegeben, die eben mit dem Band «Selbstzeugnisse und Briefe» abgeschlossen worden ist (siehe ganz unten).

Der Kampf gegen die Austilgung

Der Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann (1927–1979) wurde in den sechziger und siebziger Jahren als «Linksintellektueller» tituliert, als «literarischer Gartenzwerg» und «Nestbeschmutzer» beschimpft und als nonkonformistischer Autor nicht selten in einem Atemzug mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt genannt. Er gehörte neben Peter Bichsel, Hans-Rudolf Hilty, Kurt Marti, Jörg Steiner oder Otto F. Walter zu jenen, die mit einer deutschschweizerischen Spielart der «littérature engagée» gegen die illiberale Geistige Landesverteidigung der «unheimlichen Patrioten» eine liberale Öffentlichkeit einforderten.

Diggelmann griff als Publizist und Kolumnist pointiert und polemisch in gesellschaftspolitische Debatten ein, er machte mit «Das Verhör des Harry Wind» (1962) die Bedeutung der bürgerlichen «Public Relations» für die Manipulation der öffentlichen Meinung zum Thema; und mit «Die Hinterlassenschaft» (1965) beleuchtete er die schuldhafte Verstrickung der Schweiz in die nazistische Massenvernichtung des Zweiten Weltkriegs – 31 Jahre, bevor die Bergier-Kommission ihre Arbeit aufnahm.

Mit Max Frisch verbindet Diggelmann zudem das literarische Motiv des Geschichtenerzählens als Überlebensstrategie. Interessant ist das, weil Diggelmann nicht als Frisch-Epigone zu diesem Motiv kommt, sondern auf umgekehrtem Weg. Zwar verknüpfen beide Autoren das Geschichtenerzählen als Überlebensstrategie mit der Identitätssuche ihrer Protagonisten, mit den Fragen nach der Zugehörigkeit im gesellschaftspolitischen Raum und im privaten Leben. Während jedoch Frisch – von «Stiller» («Ich bin nicht Stiller», 1954) bis zu «Mein Name sei Gantenbein» («Ich probiere Geschichten an wie Kleider», 1964) – das Nicht-mehr-dazugehören-Wollen oder -Können ins Zentrum rückt, geht es Diggelmann umgekehrt um das Nicht-dazugehören-Dürfen, um das Dazugehörenwollen und um die Angst vor dem Ausgeschlossensein.

Das hat biografische Gründe: Am 1. Dezember 1955 schreibt Diggelmann an seinen Halbbruder, den Schauspieler Fred Haltiner: «Vergiss nicht, dass ich (...) jahrelang, als Kind, als Jüngling, um Mamas Liebe und Verstehen gekämpft habe, und nie, aber auch gar nie ist sie mir entgegengekommen. (...) Mir scheint, ich bin weder von einer Mutter geboren noch von einem Vater gezeugt worden. Eher bin ich wie ein wildes Kraut in fremden Gärten gewachsen, wo man sich bemüht hat, mich auszutilgen.» Aufgewachsen ist er als blitzgescheiter unehelicher Bub in der Familie seiner Mutter und seines Stiefvaters, eines Knechts und Bahnarbeiters, in Rhäzüns – als Aussenseiter also in einer Aussenseiterfamilie. 1944 floh er aus diesem Milieu Richtung Italien, wurde von der deutschen Wehrmacht aufgegriffen und nach Dresden verfrachtet, überlebte den Krieg in einem Gestapo-Gefängnis und wurde nach der Rückkehr in die Schweiz bevormundet und psychiatrisiert.

Das Erzählen von Variationen seiner Herkunft und seiner wilden Jugendjahre wurde für den autodidaktischen Aussenseiter deshalb früh zur Überlebensstrategie. 1992 hat Klara Obermüller in einem Essay diese Strategie so charakterisiert: «Geschichten ausprobieren wie Rollen auf dem Theater, Geschichten vorbringen zur Verteidigung der eigenen Position, Geschichten als Bollwerk gegen die Welt, Geschichten als Halt und Ort, sich seiner selbst und der eigenen Wahrheit gewiss zu werden.»

Am Küchentisch illustriert Obermüller Diggelmanns Kampf um das Dazugehören mit zwei Episoden: 1953 hat sich der junge Schriftsteller um die Aufnahme in die Zürichberg-Sektion der stadtzürcherischen freisinnigen Partei bemüht (und tatsächlich ist er aufgenommen worden). Anschluss an die Linke fand er erst später durch die marxistisch-leninistische Schulung Konrad Farners und seine nonkonformistische politische Praxis – wobei er, wie Obermüller präzisiert, zeitlebens «eher ein Herzens- als ein Kopflinker» gewesen sei. Als zweite Episode erzählt sie: «Seine Mutter, die ihn um viele Jahre überlebt hat, hat sich ihm noch im Jahr seiner schweren Krankheit verweigert. Sie hat ihn nie besucht. Von seinem Tod hat sie schliesslich durchs Fernsehen erfahren.»

Der Entscheid für Diggelmann

Ehefrau, Romanfigur, Herausgeberin: Gibt es da nicht Interessenkonflikte? «Nein», sagt Klara Obermüller, «für mich ist das eine logische Fortsetzung.» Zwar habe sie keine Dichterwitwe werden wollen, die für ihren verstorbenen Mann überall an Türen klopfe. Aber um 1990 habe sie festgestellt, dass Diggelmann Gefahr laufe, definitiv in Vergessenheit zu geraten. So habe sie eine Werkausgabe zu planen begonnen. Und nachdem es mit dem zuerst interessierten Verlag Nagel & Kimche nicht geklappt habe, sei die Edition 8 eingesprungen. Hätte sie als Herausgeberin in den letzten Jahren allerdings nicht weitgehend ehrenamtlich gearbeitet, hätte das Projekt nicht realisiert werden können.

Wie stark Diggelmann ihren Lebensweg mitbestimmt hat, fasst Klara Obermüller in die Bemerkung: «Ohne ihn wäre ich vermutlich als wohlbestallte NZZ-Feuilleton-Redaktorin pensioniert worden.» Tatsächlich hat sie sich damals als Rezensentin in den Protagonisten des Films «Die Selbstzerstörung des Walter Matthias Diggelmann» (Reni Mertens / Walter Marti, 1973) verliebt. Als sie in der NZZ danach kurz hintereinander zwei Texte des Autors, den sie unterdessen kennen gelernt hat, veröffentlicht, kommt es zum Eklat: Sie wird von Chefredaktor Fred Luchsinger mit einer hausinternen Diggelmann-Fiche konfrontiert: «Damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.» Wutentbrannt setzte sich Obermüller an die Schreibmaschine und verfasste «ein derart unflätiges Kündigungsschreiben», dass ein Zurück nicht mehr möglich gewesen wäre. Sie ist umgehend und mit Hausverbot auf die Strasse gestellt worden. Der Entscheid für Diggelmann wurde für sie auch zu einem weltanschaulichen und zu einem beruflichen. Sie lächelt, als sie sagt: «Es war ein Coup de foudre.»

Die Diggelmann-Werkausgabe

Für die sechsbändige Leseausgabe von Walter Matthias Diggelmanns Werken waren für Klara Obermüller drei Fragen wegleitend: Was hält literarisch bis heute stand? Was ist zeitgeschichtlich so wichtig, dass es auf jeden Fall dokumentiert werden soll? Was versteht das Publikum heute noch ohne lange Erklärungen?

Neben dem frühen Roman «Geschichten um Abel» (1960) sowie einer Auswahl von Kolumnen und den bisher weitgehend unbekannten Gedichten setzen die beiden ersten Bände den Schwerpunkt deshalb im Bereich der Erzählungen, die als ausgesprochene literarische Stärke Diggelmanns gelten können. Bei den insgesamt zehn Diggelmann-Romanen fiel die Wahl auf «Das Verhör des Harry Wind» (Band 3), «Die Hinterlassenschaft» (Band 4) und auf «Filippinis Garten» – Letzterer bringt zusätzlich «Schatten. Tagebuch einer Krankheit», jenen berührenden Text, den der Todkranke auf ein Diktiergerät gesprochen hat (Band 5).

Zum Abschluss ist nun der mit Selbstzeugnissen ergänzte Briefband erschienen. Dank der geschickten Auswahl von Adressaten und Adressatinnen ist ein spannendes und unterhaltendes Lesebuch entstanden, das Diggelmanns lebenslange Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und die zeitgeschichtlichen Felder, auf denen er seine publizistischen Kämpfe ausgefochten hat, gleichermassen beleuchtet.

Weggefallen sind Diggelmanns dramatische Arbeiten für das Theater, das Radio und das Fernsehen. Obschon er ein geschickter Dialogschreiber war, fanden sich darin viele Zweitverwertungen von ursprünglich erzählerischen Texten und Arbeitsmaterial zur Weiterverarbeitung in den entsprechenden Medien. Einzusehen sind sie im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, wo Diggelmanns Nachlass liegt.

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