Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Paywall? Dezentral!

Das aufregendste Schweizer Medien-Start-up fängt mit R an. Es heisst Refind und kehrt die klassische Wertschöpfung um: Aufmerksamkeit wird belohnt.

Von Hansi Voigt

www.refind.com

Wieso es immer mehr Informationen gibt? Schauen Sie diesen Artikel an. Früher gab es nichts Älteres als die Zeitung von gestern. Heute ist dieser Artikel fünf Minuten lang News. Dann ist er schon Bestandteil eines Archivs. Er lässt sich jederzeit suchen und finden und geht nie mehr verloren und trägt so das Seine zur Explosion des Inhaltsangebots bei. Bis zur Erfindung des Buchdrucks war ein Buch so teuer wie ein ganzes Haus. Heute kostet eine Zeitung so viel wie ein Kaffee, aber das ist vielen zu teuer.

Kostbar ist nicht mehr der Inhalt, sondern meine rare Aufmerksamkeit. Denn mein Tag endet immer noch nach 24 Stunden. Bezüglich Angebot und Nachfrage bedeutet diese Entwicklung den radikalen Umkehrschluss der bisherigen Verlagsökonomie. Entsprechend verwandelt sich die Branche, wenn es um bezahlte Inhalte geht, rasant in einen Spendenmarkt, wie wir es bei anderen kulturellen Leistungen kennen. Die Frage ist also nicht mehr: Wie komme ich zu den Inhalten? Sondern: Welche Inhalte lasse ich zu mir kommen? JedeR von uns hat deshalb längst damit angefangen, die Relevanz der Inhalte selber zu definieren. Oder kennen Sie jemanden, der das Internet von vorne nach hinten durchliest?

Das Beste aus vielen Welten

Es gibt dabei eine individuelle Relevanz der Informationen, etwa nach meinem Wohnort oder meinen Interessen. Es gibt aber auch eine Datenrelevanz – sind es Informationen vom Urheber, oder ist es lediglich die dritte Zusammenfassung? Daneben ist für mich relevant, was meine Bekannten gelesen haben. Ein weiterer Relevanzfaktor definiert die Glaubwürdigkeit einer Information. Lange haben wir etwa die «Tagesschau»-Sprecherin diese Fragen klären lassen. Aber kein «Tagesschau»-Sprecher sagt mir, worüber meine Bekannten diskutiert haben – Informationen, die für mich oft deutlich relevanter sind als der nächste Hurrikan in Florida.

Genau solchen Fragen der Relevanz geht Refind nach, das im Oktober gestartete Unternehmen des Baslers Dominik Grolimund. Aber nicht mehr aus der Perspektive des «Tagesschau»-Sprechers und auch nicht aus Sicht der zahlenden Werbekundin wie bei Facebook, sondern aufgrund des Profils, das ich entlang den von mir verwendeten Daten entwickle. Refind kommt dabei wie andere Bookmark-Dienste daher, die auf sozialen Empfehlungen basieren, vergleichbar mit Flipboard oder Digg. Aber es kombiniert aus vielen Welten das Beste neu zusammen. Aus ein paar genannten Interessengebieten liefert der Algorithmus brauchbare Artikelempfehlungen. Soziale Aktivitäten auf Twitter setzen sich auf Refind fort, generieren etwa eine sichtbare Liste meiner Inhalte. Ich kann aber auch neue Freundeslisten aufbauen und ergänzen und mit einzelnen FreundInnen direkt interagieren. Je mehr ich den Dienst nutze, desto besser, da relevanter, die Vorschläge. Das Resultat ist noch sehr englisch und techthemenlastig, kann sich aber auf jeden Fall sehen lassen. Das halbe Silicon Valley ist des Lobes voll.

Für Zeit gibts Geld

Das wirklich grundlegend andere bei Refind ist aber die Umkehr der Wertschöpfung. Während die Verleger aktuell die Paywalls hochziehen, wird auf Refind der Nutzer für seine Zeit belohnt. Die Inhalte aus aller Welt gibts gratis, aber wer Freundinnen einlädt oder Artikel teilt, bekommt zwanzig, dreissig virtuelle Coins. Die haben bis jetzt nichts mit einer Kryptowährung zu tun. Es sind lediglich Token, und es gibt gleich eine Milliarde davon. Aber das zeigt, wie ein dezentrales, viel ausdifferenzierteres Wertschöpfungssystem funktionieren könnte. Wer etwa einen Artikel geschrieben hat, bekommt Geld, ebenso wie KuratorInnen, die den Inhalt geteilt und so vertrieben haben.

Den klassischen Journalismus hat Grolimund damit noch nicht gerettet. Aber allein das geistige Durchspielen dezentraler Marktmechanismen am Beispiel von Refind würde allen guttun, die sich derzeit Gedanken um die Ausgestaltung der Medienzukunft machen. Es führt einem auch die Absurdität der Debatte vor Augen, wenn etwa das Internet um die SRG-Onlineinhalte verknappt werden soll, wie es die Zeitungsverleger fordern. Man kann das mit Don Quichottes Kampf gegen Windmühlen vergleichen oder mit dem Versuch, die Unendlichkeit des Weltalls in eine Ovo-Büchse zu stopfen. Es kommt aufs Gleiche raus.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete lange beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. An dieser Stelle schreibt er zu Fragen der Medienzukunft.

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