Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Fesseln dienen hier der Befreiung

Neugier, Lust und Körpersäfte: Karin Dreijer aka Fever Ray entführte im Zürcher Volkshaus live in eine comichafte Klangwelt, in der sexuelle Normen dauernd aufgelöst werden.

Von Donat Kaufmann

Mit unstillbarem Entdeckungshunger: Fever Ray in Grossmutters Unterhosen. Foto: Herbert P. Oczeret, Keystone

Ihre Steckbriefe waren zuvor auf Facebook veröffentlicht worden und gleichen den Sammelkarten eines neuen Marvel-Comics. Nun betreten sie wie im Vorspann zu dessen Verfilmung einzeln die Bühne des Zürcher Volkshauses: Lili, Diva, Miko, Maryam und Gutarra – fünf Figuren zwischen Catwoman, Lady Octopus und She-Hulk, fünf Gesten, fünf Kräfte verkörpernd. Ganz zum Schluss und irgendwie aus der Reihe fallend: Karin Dreijer alias Fever Ray, ein kahl geschorenes Geschöpf in übergrossen Omaunterhosen, die Beine bis zu den Oberschenkeln in Stiefeln.

Urknall des Universums

Doch auch sie scheint der Comicwelt entliehen: Mit ihrem kreideweissen Gesicht, dem verstohlenen Grinsen und den verschmierten, blutroten Lippen sieht sie aus wie die Reinkarnation von Heath Ledgers Joker. Die Musik, zu der sie sich in einer Choreografie mit den anderen Sängerinnen Maryam und Gutarra über die Bühne bewegt, trägt gleichermassen die Züge eines Marvel-Comics. Eine farbige Klangwelt mit einem Hang zum Metallischen, scharfe Konturen, dynamisch. Und über den futuristischen Zischlauten der Synthesizer immer wieder kristalline Phrasen wie Sprechblasen: «I know the way to fantasy.»

Der Videoteaser zum zweiten Album der schwedischen Künstlerin zeigte eine maskierte Frau in einem plastikbehangenen Raum. Mit zentimeterlangen Fingernägeln tippt sie eine Kontaktanzeige in den Computer: «Sadist, empathetic switch seeks same». Sie suche den Austausch von Ideen, Körperwärme, von Träumen, von Körperflüssigkeiten. Die Annonce endet mit dem Satz: «Let’s yes to all.» Es ist der Urknall des Universums, in das Fever Ray ihr neues Album «Plunge» wenige Wochen später entlässt.

In einer Serie von Musikvideos erkundet sie eine Welt aus Latex, Leder und Silikon, zusammengehalten von Fesseln und Stricken, ausgeleuchtet mit flackernden Neonröhren. Begleitet von einem euphorisch überdrehten Synthi-Arpeggio trifft sie im Clip zu «To the Moon and Back» auf die Gefährtinnen, mit denen sie später die Bühne teilen wird. Vorerst aber geht es um Neugier, Lust und Körpersäfte. An einer Teeparty lässt sie sich bepinkeln, an anderer Stelle kotzt sie Blut in den Mund ihres Gegenübers («Wanna Sip»).

Doch «Plunge» ist mehr als das Protokoll einer sadomasochistischen Entdeckungsreise. Fesseln dienen hier der Befreiung. In «IDK about You» wird Fever Ray durch eine bezahnte Vagina an der Wand in einen Raum hineingeboren, in dem ihre Gefährtinnen zu einem archaischen, wild zappelnden Beat die feministische Revolution planen. Ihren Anfang nehmen soll diese, so wird es verhandelt, in Mailand. Dort startete vor wenigen Tagen die aktuelle Tour.

Das Konzert im Volkshaus ist knapp zwanzig Minuten alt, als sich die drei Sängerinnen rund um Fever Ray am Bühnenrand aufbauen: «This country makes it hard to fuck», wiederholen sie mit hochgestreckter Faust über den Klingelton eines Rhythmus. So mantrahaft zuvor die Fantasie beschworen wurde, so beharrlich weist diese Zeile den Weg zurück. Für einen Moment weicht das kalte Neon- dem warmen Saallicht.

Kostüme statt Personen

Bis vor fünf Jahren lebt die 42-jährige Karin Dreijer mit ihrem Mann und zwei Töchtern das Leben einer Kernfamilie. Es kommt zur Trennung, Dreijer öffnet sich für ihre Queerness, die, so sagt sie, lange in ihr geschlummert habe. In einem Interview mit dem «Guardian» erzählt die sonst sehr diskrete Dreijer von ihrem Erfahrungshunger, von Vorlieben, von Tinder – und stigmatisierter Homosexualität. Selbst in ihrer liberalen Heimat Schweden sei das Vorstellungsvermögen stark eingegrenzt, wenn es um Formen der Liebe und der sexuellen Begierde gehe. Ihr neues Album nimmt sie zum Anlass, die Heteronormativität mit dem herausfordernden Vokabular der Kinky-Szene zu konfrontieren. «Wir können die Dinge nicht ändern, das Patriarchat wird nie zerstört werden, wenn die Leute vögeln wie bisher.»

Das Verhandeln von Normen ist von jeher wesentlicher Bestandteil ihrer Musik. «Shaking the Habitual» hiess das epische letzte Album der Band, mit der Dreijer musikalisch erwachsen und berühmt geworden war. Als Duo The Knife hatte sie mit ihrem Bruder Olof zwischen 1999 und 2014 die Grenzen elektronischer Popmusik ausgelotet und mitgeformt. Dass die Band trotz ihres Einflusses vergleichsweise unbekannt blieb, hat wesentlich mit ihrer Entpersonalisierungspolitik zu tun. Je mehr ihre Personen in den Fokus rückten, desto konsequenter distanzierten sie sich mit Kostümen. Fever Ray führt diese Tradition fort. Als sie 2009 einen Preis für ihr Debütalbum abholen soll, besteigt sie die Bühne komplett verhüllt, um dann vor dem Mikrofon ein Gesicht zu entblössen, dem die Haut von den Knochen rutscht.

Wie ein Filmsoundtrack

Die visuelle Sprache ist bei Fever Ray zuweilen so laut, dass sie die Musik zu übertönen droht. Gerade das neue Album «Plunge» wirkt streckenweise eher wie der Soundtrack zu einem Film. Auch beim Konzert im Volkshaus schieben sich die vielschichtigen Figuren immer wieder vor die Klangkulisse.

Man hängt ein bei dieser Sängerin im Kostüm des männlichen Bodybuilders, die immer wieder eine andere Realität behauptet. Mal verschmilzt sie mit dem aufgepumpten Körper, küsst den schaumstoffigen Bizeps, im nächsten Moment reibt sie sich den Schamhügel. Man hängt ein bei den Choreografien, die gerade so schief ausgeführt sind, dass man sich fragt, ob es hier an Konzentration mangelt oder ob die nächste Norm persifliert wird. Und man hängt ein bei dieser widersprüchlichen Figur Fever Ray, deren Körpersprache mal Überlegenheit, mal Unsicherheit ausdrückt, aber immer irgendwie gedeutet werden will, die kaum je alleine singt, obwohl es nur eine Gesangslinie gibt.

Es ist ein virtuoses Spiel mit den Identitäten und letztlich eine stimmige Übersetzung dieses unstillbaren Entdeckungshungers auf dem Album. «Let’s find out what you are about / what’s hidden in there / what you got for me there» heisst es dort einmal. Wo die Musik mit dieser Suchbewegung Schritt halten kann, kommt es zu mitreissenden Momenten.

Trotzdem scheint es irgendwie passend, dass das Sicherheitspersonal an diesem Abend nicht damit beschäftigt ist, Menschen aus einer entfesselt tanzenden Masse zu fischen, sondern sie vom Fotografieren abzuhalten.