Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

«Ich bin manchmal schon 
die gute Seele, aber manchmal 
auch die böse Hexe.» 
Warum die Regieassistentin 
Giorgia De Coppi zuversichtlich 
in die Zukunft der Frauen 
vor und hinter der Kamera schaut.

Interview: Miriam Suter

Giorgia De Coppi

WOZ: Giorgia De Coppi, an den Solothurner Filmtagen werden Sie mit dem Prix d'Honneur geehrt. Stört es Sie, dass Sie als Regieassistentin sonst kaum öffentliche Anerkennung für Ihre Arbeit bekommen?
Giorgia De Coppi: Überhaupt nicht. Das ist meine Arbeit, und ich mache sie gerne. Ich schätze es sogar, dass ich nicht im Rampenlicht stehe und mich nicht als Person exponieren muss.

Was ist eigentlich die Aufgabe einer Regieassistentin?
Sie macht die ganze Planung: Was braucht es alles für den Dreh, wie sieht der Kalender aus, was sind die Präsenzzeiten aller Beteiligten? Und man koordiniert die ganze Kommunikation zwischen der Regie und den verschiedenen Abteilungen. Auf dem Set selber ist man dafür verantwortlich, dass der Tagesplan eingehalten wird.

Klingt eher trocken.
Die Arbeit als Regieassistenz ermöglicht einem auch Einblicke in andere Bereiche, wenn man ein gutes Gespür für Kommunikation hat: Wie soll ich mit den Menschen umgehen, damit sie ihr Bestes geben?

Sind Sie eher die gute Seele am Set oder die Sparringspartnerin der Regie?
Ich bin natürlich sehr nahe an der Regie, das ist mein Job: die Sprecherin und Vertreterin dieser Position zu sein. Ich bin manchmal schon die gute Seele, aber manchmal auch die böse Hexe. Das ist auch das Interessante an diesem Job: Man braucht eine Mischung aus unterschiedlichen Qualitäten, die man dann komprimieren muss. Die Arbeit am Filmset ist ja nie langfristig. Wir kommen für unseren Einsatz, und wir müssen effizient und schnell sein.

Was brauchen Sie, um am Set gut arbeiten zu können?
Ich brauche Komplizen und Komplizinnen. Sachbezogene, kluge Assistierende zu haben, die gut zusammenarbeiten, darauf bin ich angewiesen, damit ich mich auf Notfälle und meine Prioritätenliste konzentrieren kann. Und eine kompetente Produktions- und Aufnahmeleitung, die mir vertraut. Kreativität bedeutet, Fehler machen, Ideen wieder verwerfen zu können.

Warum haben Sie bisher noch keinen eigenen Film gemacht?
Das fragen immer alle. Das ist so bizarr. Das wäre so, wie wenn Sie im Spital die Anästhesieärztin fragen würden, warum sie nicht Chirurgin ist.

Reizt Sie das nicht?
Regie führen ist eine anspruchsvolle Arbeit, die viel Geduld und Ambitionen braucht. Bei der Regie geht es ja um weit mehr als ums Inszenieren: Man muss sich für eine Geschichte entscheiden, diesen ganzen Prozess der Entwicklung durchmachen, Produzentinnen und Produzenten suchen, die an dich glauben – der Dreh selber ist dann die kleinere Sache. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe Lust auf Schnelligkeit und bin nicht so geduldig und ehrgeizig, dass ich mich in diesen Prozess hineinbegeben möchte. Da mache ich lieber drei verschiedene Filme im Jahr und hänge mich in die Fantasien von anderen rein. Regie führen ist eine einsame Arbeit.

Die Chefs sind noch immer meist männlich: Giorgia De Coppi auf dem Set von Christoph Schaubs Film «Jeune Homme» (2006). Foto: Antonello & Montesi

Schade eigentlich!
Ja, ich wünschte den Regisseurinnen und Regisseuren, dass sie mehr die Idee eines Kollektivs leben könnten. Ich bin Anfang der sechziger Jahre geboren, bin von der Achtzigerbewegung geprägt, und bei meiner Generation hallt das immer noch nach.

Sie haben in drei Landesteilen der Schweiz und in Italien gearbeitet. Unterscheiden sich die Filmsets?
Ein Filmset ist ein Filmset. Die unterscheiden sich in erster Linie durch die Grösse. In der Schweiz haben die Filmsets in der Regel eine Standardgrösse, wie gesagt, wir sind ein kleines Filmland. Und natürlich gibts kulturelle Unterschiede, diese sind aber nicht enorm. Anders als etwa Italien ist die Schweiz ein extrem unhierarchisches Land. Das ist mit ein Grund, warum ich hier so gerne arbeite.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Man muss viel weniger Zeit und Energie damit vergeuden, unnötige Machtspiele oder Misstrauen zwischen den Abteilungen durchzustehen. Hierzulande ist es nicht so wie in Italien, wo noch sehr traditionelle Machtstrukturen anzutreffen sind. Kommt der Regisseur oder die Regisseurin ans Set, verneigt man sich. Und wenn du dann selber an der Macht bist, gibst du diese Einstellung weiter. Gleichzeitig ist es eine Industrie, gibt es Budgets für Ausstattungen, für Kostüme und so weiter, von denen wir hier nur träumen können. Und je grösser die Maschine, desto spannender kann die Arbeit einer Regieassistenz sein.

Machen Frauen eigentlich anders Filme als Männer?
Das ist eine grosse und schwierige Frage – aber auch eine einfache. Ich denke nicht, dass Regisseurinnen ihre Arbeit anders machen als ihre Kollegen.

Aber die Perspektive spielt ja schon eine entscheidende Rolle.
Auf jeden Fall. Alles, was mit weiblicher Sexualität im Film zu tun hat, wurde bisher vor allem von Männern erzählt. Da gab es zwar so kluge Männer wie Michelangelo Antonioni, der unglaublich spannende Frauenfiguren in seinen Filmen hatte. Aber genauso mussten wir uns tausend rote Kleider anschauen, wenn man Leidenschaft signalisieren wollte. Wir sind laufend mit Stereotypen konfrontiert und haben bisher wahnsinnig viele männliche gesehen. Langsam zeichnet sich aber ab, dass die Frauen im Film auf dem Vormarsch sind.

Filme wie «Wonder Woman», die weiblichen «Ghostbusters» oder «Ocean’s Eight» zeigen, dass Frauen nun auch in teuren Blockbustern Platz eingeräumt wird. Gleichzeitig schlägt diesen Frauen grosser Hass entgegen.
Wir sind noch immer mit einer Welt von männlichen Chefs konfrontiert: Produzenten, Geldgeber und so weiter. Natürlich, die Frauen, die sich in einer Hollywoodwelt bewegen, erlangen irgendwann Macht. Aber auch diese Frauen bewegen sich in einer männlichen Welt: Es ist eine banale Businesslogik, Filme statt mit männlichen Darstellern einfach mit Frauen zu verfilmen. Ich bin nicht daran interessiert, ein Mann oder wie ein Mann sein zu müssen. Mich interessiert, die gleiche Macht haben zu können. Und filmisch finde ich neue Umsetzungen spannender als Kopien. Schlussendlich ist es doch so: Wir machen Film, andere machen Brot oder IT, und wir kommen alle aus einer patriarchalen Kultur, in der Frauen viel weniger Chancen hatten. Das ändert sich aber Gott sei Dank sehr stark – wobei die Schweiz da leider noch immer im Rückstand ist.

Inwiefern?
Ich habe meine beiden Kinder in Rom, wo ich mit meiner Familie lebe, zur Welt gebracht und hatte dadurch Zugang zu einem sehr guten System, gerade was die Kinderbetreuung angeht. Das ist dort alles sehr bezahlbar. In der Schweiz haben die Leute immer noch das Gefühl, dass man um 12 Uhr heimgeht und um 13.50 Uhr wieder arbeiten gehen muss. Es ist wirklich skandalös, dass dieses reiche und privilegierte Land nie eine radikale Schulreform gemacht hat, die allen Frauen – und Männern – entspannt die Chance gibt, arbeiten gehen und ihre Kinder am Ende des Tages wieder abholen zu können. Aber langsam zeichnet sich eine Veränderung ab. Gerade in der Schweiz habe ich in letzter Zeit viele Sets erlebt, wo die Frauen in der Überzahl waren, und die Schweizer Regisseurinnen machen spannende Filme. Ich komme ja aus einer Generation, die ganz weit weg noch die Rücklichter des Feminismus gesehen hat.

Wie meinen Sie das?
Ich bin in der Kleinstadt Baden aufgewachsen, da gab es Gruppen, die sich für Frauenhäuser eingesetzt haben. Meine Deutschlehrerin hat gendergerechte Sprache thematisiert. Das war eine spannende Prägung für mich. Heute ist das Selbstverständnis von vor allem jungen Frauen wohl eine Mischung aus einem guten Bewusstsein für den eigenen Körper und dem Verlangen danach, gleich auszusehen wie alle anderen. Ich erlebe diesen Druck auf die Schönheit, speziell von Frauen, ja auch bei meiner Arbeit, bin aber selber nicht direkt davon betroffen.

Warum nicht?
Dass ich hinter der Kamera stehe, hat den Vorteil, dass es absolut keine Rolle spielt, wie ich aussehe, wenn ich am Morgen ans Set komme. Für eine Schauspielerin steht das im Zentrum: dein Aussehen, dein Gewicht, deine Falten. Aber auch das ist letztlich unabhängig vom Film: Der Körper der Frau war schon immer ein Träger von Business, Fantasie und Geld. Einerseits hat man davon zwar Abstand genommen, und es gibt unglaublich gute Kunst und Filme darüber. Andererseits befinden wir uns in einer Zeit, in der die Künstlichkeit und das Intervenieren in einen natürlichen Körper als normal gelten. Ich merke, dass ich mich in meinem Denken diesbezüglich noch stark im 20. Jahrhundert verorte.

Also eher Akzeptanz als Intervenieren.
Genau. Dass wir uns so annehmen, wie wir sind. Dass wir unsere Achselhaare rasieren können oder nicht, jede, wie sie will. Diese Befreiung des weiblichen Körpers und das Erzählen der Frau auf diese befreite Art und Weise – das waren die Bestrebungen meiner Generation, auch in der Kunst. Ich persönlich finde Gesichter viel interessanter, die eine Geschichte erzählen. Für mich haben Schönheit, Erotik und Sex mit so viel mehr zu tun als mit vermeintlich perfekten Körpern.

Giorgia De Coppi

Mit achtzehn wurde die 1963 geborene Giorgia De Coppi Mitglied im Filmkreis des Kinos Royal in Baden, wo sie aufgewachsen ist. Später war sie im Zürcher Kino Xenix für die Programmation zuständig.

Seit Mitte der neunziger Jahre arbeitet De Coppi als  Regieassistentin an Sets in der französischen, italienischen und deutschen Schweiz und in Italien. An den Solothurner Filmtagen wird sie mit dem Prix d’Honneur ausgezeichnet. De Coppi lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Rom.

In Solothurn sind drei Filme zu sehen, bei denen Giorgia de Coppi mitgearbeitet hat: «Der Unschuldige» von Simon Jaquemet,«Cronofobia» von Francesco Rizzi und «Un nemico che ti vuole bene» von Denis Rabaglia. Spielzeiten siehe www.solothurnerfilmtage.ch

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