Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Steh still, Schweiz!

Hungerlöhne, unbezahlte Arbeit, Sexismus. Frauen in der Schweiz wehren sich gegen Diskriminierung und Ausbeutung, sie rufen zum Streik auf. Die Gründe sind divers. Der Grundtenor ist derselbe: Es muss endlich vorwärtsgehen.

Von Anouk Eschelmüller

«Nachher war ich drei Tage heiser»: Der erste Frauenstreik fand am 14. Juni 1991 statt, hier auf dem Zürcher Helvetiaplatz. Foto: Walter Bieri, Keystone

Eine geballte Faust auf violettem Hintergrund. Sie ist das Signet des geplanten Frauenstreiks am 14.  Juni 2019 und gleichzeitig eine klare Ansage: Wir kämpfen, denn es reicht. Es ist das Jahr 2019, und noch immer werden Frauen belehrt, belästigt und beleidigt. Sie übernehmen noch immer den Grossteil der unbezahlten Arbeit. Laut Bundesamt für Statistik werden in der Schweiz pro Jahr über neun Milliarden Stunden unentlöhnte Pflege- und Betreuungsarbeit geleistet – gut drei Fünftel davon von Frauen. Und diese verdienen für die bezahlte Arbeit fast ein Fünftel weniger als Männer.

Ihren Anfang nahm die Initiative für den «Frauen*streik» – wie das Komitee den Streik nennt – in der Westschweiz. «Die Bewegung entstand im Juni 2018 aus einer Basismobilisierung heraus», sagt Manuela Honegger, Mitgründerin des Collectif Romand. Die Frauen, die sich damals zusammengetan hätten, stammten aus Frauen-, feministischen und Menschenrechtsorganisationen sowie den Gewerkschaften. «Es nahmen aber auch nichtorganisierte Frauen teil, so wie ich», so Honegger.

Die Bewegung wächst nun in den einzelnen Kantonen weiter. Mittlerweile gibt es neben der Koordinationsgruppe für die gesamte Romandie Kollektive in mehreren Schweizer Kantonen, Städten und Quartieren. Sie alle stecken mitten in den Vorbereitungen für den grossen Streiktag am 14.  Juni. «Wir haben Verhandlungen mit verschiedenen Institutionen aufgenommen», sagt Honegger. Durchaus erfolgreich: So hat der Genfer Regierungsrat etwa beschlossen, am Streiktag in den Schulen keine Prüfungen durchzuführen. Das jurassische Parlament nahm letzte Woche zudem einstimmig eine Resolution an, mit der es den Frauenstreik offiziell unterstützt.

«Menu de l’inégalité»

An den Aktionen und Sitzungen der Streikkollektive seien sehr unterschiedliche Frauen beteiligt, von der Busfahrerin über die Maturandin, von der Sans-Papiers-Frau im Reinigungsbetrieb bis zur Care-Arbeiterin, so Honegger. «Wir alle erfahren Ungerechtigkeit. Das verbindet.»

Besonders zu Beginn der Bewegung habe es aber auch intensive Auseinandersetzungen innerhalb des Kollektivs gegeben. Etwa lange Diskussionen zur Frage, was ein Streik überhaupt sei. «Streitpunkt war, ob der Streik nach der klassischen Auslegung des Streikrechts nur für Lohnarbeiterinnen gilt oder ob die grösstenteils unbezahlte Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, auch Teil davon ist.» Das Kollektiv habe sich dann klar entschieden: Die Erziehungs- und Sorgearbeiten müssten anerkannt, und der Streikbegriff müsse deshalb ausgedehnt werden. Das sei sicher ein Schlüsselerlebnis gewesen, sagt Honegger. Gleichzeitig bedeute es nicht, dass sich alle Frauen in allen Punkten einig seien. «Das Gefäss ist aber gross genug, sodass man sich nicht auf die Füsse tritt.»

Honegger selbst ist im Collectif Genève aktiv. «Wir sind zwischen fünfzig und sechzig Frauen.» Zusammen organisieren sie Aktionen, etwa eine Lärmaktion am 14. eines jeden Monats. «Für jeweils 14  Minuten ziehen wir durch das Quartier, machen Lärm und rufen zum Streik am 14.  Juni auf.»

«Wir haben ein Recht dazu»

Neben der Arbeit in den Kollektiven engagieren sich Frauen auch in verschiedenen Berufsbranchen. Eine dieser engagierten Frauen ist Pascale Rochet. Sie arbeitet in der Westschweiz als Kassierin für einen der grössten Schweizer Detailhändler. Weil sie politisch engagiert ist und sich damit exponiert, möchte sie nicht mit ihrem richtigen Namen auftreten. «Gerade im Verkaufssektor sind die Arbeitsbedingungen für Frauen prekär und der Arbeitsschutz ungenügend», sagt sie. Der Verkauf sei ein Frauenberuf. Es gebe kaum Männer, die an der Kasse arbeiteten. Gleichzeitig sei die Arbeit sehr anstrengend. «Wir müssen schnell arbeiten. Die Bewegungen sind repetitiv, zudem haben wir lange Arbeitszeiten.» Das beanspruche auch den Körper.

Rochet arbeitet in einer Sechzig-Prozent-Anstellung, wie viele ihrer Arbeitskolleginnen. In ihrem Sektor gebe es fast ausschliesslich Teilzeitarbeitsverträge, sagt die Verkäuferin. Einige Arbeiterinnen seien auch auf Stundenlohnbasis angestellt. Insbesondere für alleinerziehende Mütter sei das ein grosses Problem. «Die Löhne sind sehr tief.» Sie selbst verdiene knapp über 2000 Franken. «Ein Salär reicht nicht. Viele dieser Frauen haben deshalb zwei oder sogar drei verschiedene Jobs.» Hinzu kämen die verlängerten Öffnungszeiten, die unter den jetzigen Arbeitsbedingungen einfach nicht zumutbar seien.

Neben gerechten Löhnen und der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordern die Verkäuferinnen deshalb einen Stopp der Verlängerung der Ladenöffnungszeiten. Die Arbeit niederlegen dürften am 14.  Juni aber die wenigsten von ihnen. Viele hätten Angst, ihre Stelle zu verlieren, sagt Rochet. «Sie werden sich aber trotzdem, zumindest symbolisch, am Streik beteiligen, indem sie etwa ein Halstuch tragen, das auf den Streiktag hinweist und ihre Solidarität mit den streikenden Frauen ausdrückt.» Sie selbst werde am Streik teilnehmen, sagt Rochet. «Schliesslich haben wir ein Recht dazu.»

«Ein hartes Pflaster»

Der geplante Streiktag ist ein Revival. Bereits vor 28  Jahren haben Frauen am 14.  Juni die Arbeit niedergelegt. Sie haben nicht mehr bedient, gearbeitet und gekocht. Stattdessen gab es Kundgebungen und Streikpicknicks auf der Strasse, Solidaritätsaktionen für Frauen, die nicht streiken konnten. In Zürich wurde der Verkehr lahmgelegt, in Bern der Bundesplatz besetzt. «Der 14.  Juni 1991 war sehr bewegend», erinnert sich Michèle Meyer. Sie habe zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Grossmutter demonstriert, sei mit Hunderten Frauen durch Basel gezogen und habe Widerstandslieder gesungen. «Nachher war ich drei Tage heiser.» In der ganzen Schweiz beteiligten sich an diesem Tag fast eine halbe Million Frauen am Streik. Sie forderten zehn Jahre nach der Einführung des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau» Taten statt leerer Worte. «Der Tag hat die Solidarität greifbarer gemacht», sagt Meyer, die unter anderem als Künstlerin arbeitet. Ausserdem habe sie hinterher mit ihrer damaligen Lebenspartnerin, die einer Lohnarbeit nachging, die Vereinbarung getroffen, für Hausarbeiten entlöhnt zu werden.

Heute ist Meyer in der Arbeitsgruppe Baselland aktiv, die aus dem Basler Streikkollektiv entstanden ist. «In der Kerngruppe sind zwischen vier bis zehn Frauen, die sich engagieren und verschiedene Aktionen planen.» Vor allem die Mobilisierung der Bäuerinnen sei ihnen ein Anliegen. «Das Baselbiet ist aber natürlich ein hartes Pflaster.» Mit mehr als 25  Prozent WählerInnenanteil ist der Halbkanton SVP-Land. «Mit feministischen Themen gewinnt man hier keinen Blumentopf.»

Das zeigte etwa die Planung eines Podiums in Liestal zum Thema «Wieso soll Frau streiken?». Es sei schwierig gewesen, das Podium auch mit bürgerlichen Politikerinnen zu besetzen, sagt Meyer. Schliesslich hätten doch zwei zugesagt: Denise Buser und Esther Meisinger von der BDP-Sektion Liestal.

Frauenstreik im Wahlkampf

Sie habe es zunächst sehr herausfordernd gefunden, am Podium teilzunehmen, sagt Esther Meisinger. Das gehöre ja eigentlich nicht zu ihren Kernthemen als BDP-Politikerin. Sie unterstütze aber viele Anliegen des Streiks. So etwa die Forderung nach Lohngleichheit. «Zudem bin ich der Meinung, dass die Pflege- und Betreuungsarbeit in den Familien nicht den Frauen allein aufgebürdet werden soll», sagt Meisinger. «Ich habe selbst einen Pflegefall in der Familie und weiss, wie viel Arbeit das bedeutet.» Einige feministische Forderungen seien ihr aber auch zu radikal, sagt die Politikerin. Der Gebrauch des Gendersternchens etwa gehe ihr zu weit.

Dreissig Frauen fanden sich schliesslich am Podium in Liestal ein. Besprochen wurden verschiedene Streikforderungen und -aktionen. Esther Meisinger erinnerte die Frauen etwa an die Option des Sexstreiks. «Ein solcher hat 2012 in Togo stattgefunden. Ich denke, das kann eine wirkungsvolle Methode sein, wirkungsvoller vielleicht, als auf die Strasse zu gehen.»

Das Podiumsgespräch sei sehr wertvoll gewesen, sagt sie. Am Ende des Anlasses habe sie sich deshalb spontan entschieden, ebenfalls am Streik teilzunehmen. «Ich nehme an diesem Tag zwar an einem Turnfest teil. Ich werde aber bestimmt einen Weg finden, mich zu beteiligen.»

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