Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

Birchermüesli und Ovo als Überlebenstaktik

Die Bankräuber Walter Stürm und Hugo Portmann versetzten einst die ganze Schweiz in Angst und Verzückung. Gentlemengauner oder Grosskriminelle? Zweiter Teil: Wie Stürm gegen die Isolationshaft kämpfte und Portmann gegen die Zwangspsychiatrie protestierte.

Von Margrit Sprecher (Text) und Alexander Elsaesser, Opak (Illustration)

Damals, in der Rauchpause im Januar 1984, weiss Hugo Portmann noch nicht, dass «der kleine Mann mit dem Bart» auf der Ausbruchsleiter Walter Stürm ist. Es dauert fünfzehn Jahre, bis die kriminellen Superstars auf ihrer Tour de Suisse durch praktisch alle Schweizer Gefängnisse in La Stampa in Lugano aufeinandertreffen. «Was willst du denn im Tessin?», rufen beide, gleichermassen überrascht wie erfreut. Erfreut, weil sie, als einzige Deutschschweizer hier, die gleiche Sprache sprechen. Aber auch, weil sie einem Ebenbürtigen begegnen. Beide sind Experten in Sachen Bankraub und Ausbruch. Beide lassen sich im Knast nichts gefallen. Beide sind ihren Mitgefangenen in jeder Beziehung überlegen. Und beide haben das gleiche Ziel: die Flucht. Bis es wieder so weit ist, tun sie alles, um die Gefangenschaft möglichst schadlos zu überstehen. Zur Überlebenstaktik gehören auch Birchermüesli und Ovomaltine.

Das Funkgerät im Zigipäckli

Um nicht erpressbar zu sein, haben sie sich alles abgewöhnt, mit dem die Vollzugsbeamten Wohlverhalten zu erzwingen pflegen. Rauchen nicht, trinken nicht, auch mit Fernsehentzug kann man sie nicht bestrafen. «Nur schwache Menschen nehmen Drogen. Meine Droge heisst Freiheit», sagt Portmann. Stürm sagt: «Lieber auf der Flucht erschossen werden als im Gefängnis krepieren.»

Geistig halten sie sich mit dem Schreiben von Tausenden von Eingaben fit. Portmann rennt vor allem gegen Unkorrektheiten im Strafvollzug an. Er kann nicht akzeptieren, dass er mit 34 Tagen Isolationshaft bestraft wird, nur weil er im Winter beim Sport eine lange Unterhose trägt. Er zieht den Fall bis vor Bundesgericht.

Stürms Eingaben sollen vor allem Sand im Getriebe der Justiz sein und seinen Ruf als politischer Häftling stärken. Häufig haben seine Rekurse Erfolg. Einer bewirkt, dass Gefangene im Wallis ihr WC-Papier nicht mehr selbst kaufen müssen. Ein anderer zwingt den Kanton Jura 1991 dazu, die Gefängnisordnung zu ändern. Um das Personal zu ärgern, hängt Stürm ein Schild an seine Zellentür: «Rechtsberatung für Strafgefangene». Die Zelle gleicht einem Drittweltsolibüro: überall schiefe Papierstösse und wacklige Aktentürme. Verstärkt wird das Chaos durch seine Manie, alles nach immer neuen Kriterien zu ordnen und selbst kleinste Gedankenfetzen zu notieren. «Buchhalter Nötzli», pflegt ihn Portmann zu necken.

Bald hat sich das Verhältnis der beiden eingependelt. Stürm bekocht seinen Freund «wie eine Tante», so Portmann. Dafür beschützt der durchtrainierte Portmann den zierlichen Stürm vor Angriffen der Mitgefangenen. Fitness gehört zu seiner Überlebensstrategie. Der Körper ist das einzige Kapital, das ihm geblieben ist, und er pflegt ihn wie eine kostbare Waffe. Sein Tag beginnt morgens um fünf mit Yoga, gefolgt von Bodenübungen und Klimmzügen. In den Arbeitspausen joggt er, abends trainiert er im Kraftraum.

Natürlich träumt jeder Polizist von der Verhaftung eines Stürm oder Portmann. Doch solche Träume erfüllt nur Portmann. Als «richtige Show mit grossem Personen- und Waffenaufwand» belächelt er später seine Festnahme auf dem Üetliberg: «Eine Trophy-Jagd.»

Stürms Festnahmen dagegen sind banal. «Sind Sie Walter Stürm?», fragt der Polizist am 5. März 1986 den ergrauten Reisenden, der in Lausanne aus dem Intercity steigt. Der Angesprochene antwortet umgehend mit einem höflichen «Ja». Er trägt keine Waffe auf sich, wohl aber 80 000 Franken Bargeld – im italienischen Herrentäschchen, das die stilbewussteren seiner Freundinnen als Provinzchic belächeln.

Gegenwehr leistet er auch bei anderen Verhaftungen nicht. Im Gegenteil. Fast scheints, als wäre er froh darüber. Endlich wieder die Reset-Taste drücken. Erneut das Rein-raus-Spiel beginnen. Beim «Raus» kann er stets auf Hilfe seiner GenossInnen zählen. Für viele ist die Stürm-Befreiung eine Art Sport. Einmal schaffen sie es sogar, ein Funkgerät in seine Isolationszelle zu schmuggeln. «Das Marlboro-Päckchen stand immer auf dem Tisch», sagt Stürm. «Man hätte das Ding darin bei jeder Zellenkontrolle entdecken können.»

Portmann hat keine FluchthelferInnen. Er muss sich Einmannlösungen einfallen lassen. Als er in der bündnerischen Realta zum Schneeräumen abkommandiert wird, schippt er so lange Schnee vor die Anstaltsmauer, bis er darüber hinwegspazieren kann. Bei einem Berglauf in La Stampa spurtet er hinter dem Ziel einfach weiter. Doch ein Einzeltäter übersieht in der Hektik des Geschehens oft Wichtiges: Einmal stellt er bei einem Überfall den gestohlenen Landrover im Parkverbot ab. Ein anderes Mal stoppt ihn die Polizei auf der Flucht mit einem gestohlenen Motorrad wegen Fahren ohne Helm.

Portmanns Fluchten interessieren die Öffentlichkeit weit weniger als Stürms Ausbrüche, die wirkungsvoller inszeniert sind. Und immer gibt es da auch etwas zum Lachen. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität bekommt Stürm bis zu sechzig Briefe wöchentlich, seine Besuchsstunden sind auf Monate hinaus ausgebucht. Und im Anwaltszimmer der Haftanstalt gibt sich die Crème de la Crème linker AnwältInnen die Klinke in die Hand. Bernard Rambert hat TerroristInnen wie Gabriele Kröcher und Christian Möller verteidigt; Barbara Hug gilt als Ikone der Branche; Jean-Pierre Garbade trägt am Prozess in Nyon eine in Paris massgeschneiderte Anwaltsrobe. Als Konzession an sein linkes Image hat er sie, statt mit Hermelin, wie es das französische Originalmodell vorschreibt, mit Kaninchenfell besetzt.

Die Justiz unternimmt alles, um die beiden Knastlegenden zu demontieren. Ihre Unbeugsamkeit steckt die Mitgefangenen an und führt in der Öffentlichkeit zu Vertrauensverlust. Besonders ihre Ironie verübelt man ihnen; keine Macht der Welt verzeiht, wenn man sich über sie lustig macht. Schon in den siebziger Jahren wird Stürm zur Strafe erstmals in Isolationshaft gesteckt – die wirksamste Foltermethode, die «zivilisierten» Ländern zur Verfügung steht. «Die wollen mich fertig machen», schreibt Stürm an seine Fans. 23 Stunden täglich sitzt er in einer 8,5 Quadratmeter kleinen, schalldichten und videoüberwachten Zelle. Auch den Hofgang absolviert er allein. Der Hof ist eine Wellblechhalle, in der man durch ein kleines Loch im Dach den Himmel sieht. Schon nach wenigen Wochen zeitigt die Käfighaltung Wirkung. Stürm erbricht feste Nahrung, stottert, bewegt sich schwankend und kommt morgens kaum von der Pritsche hoch.

Dr. Urbanioks Machtübernahme

Seine Isolationshaft löst eine gigantische Solidaritätswelle aus. Auf vielen Mauern steht «Freiheit für Stürm». Linke Prominenz wie Niklaus Meienberg, Adolf Muschg, Otto F. Walter und Paul Parin fordern den sofortigen Abbruch. Barbara Hug schreibt der Zürcher Justizdirektion: «Plan- und zeitlos wird Walter Stürm in absoluter Isolation gehalten. Oder doch nicht ganz so planlos? Sind den Behörden ja die Folgen der Isolationshaft bestens bekannt.» Die Antwort des stellvertretenden Justizdirektors: «Es gibt eben Menschen, die kann man nicht einsperren. Entweder krepieren sie, oder sie hauen ab. Der Stürm ist so einer.»

Der Portmann ist es ebenfalls. Doch bei einem als Gewohnheitsverbrecher drei Mal lebenslänglich Verwahrten bieten sich einfachere Methoden an. Ohne psychiatrische Therapie, wird ihm gedroht, bleibe er ein Leben lang hinter Gittern. Für Portmann bedeutet das Kapitulation: «Ich bin hier zu achtzig Prozent fremdbestimmt. Aber meinen Kopf hab ich nicht in der Requisitenkammer abgegeben.» Bestätigt in seinem Widerstand sieht er sich durch die therapierten Mitgefangenen. Früher, sagt er, waren das Menschen mit Ecken und Kanten, eigenem Charakter und Denken. «Jetzt sind sie willenlose Untertanen, vollgepumpt mit Chemie, schleichen herum, tun, was man ihnen befiehlt, und nicken bei jeder Frage.»

Richtig in Schwung kommt der Therapieboom in Zürcher Gefängnissen 1997 mit dem deutschen Psychiater Frank Urbaniok. An Talkshows signalisiert dessen stahlblauer Blick Durchsetzungsvermögen, seine zackige Umtriebigkeit beruhigt die Öffentlichkeit: Der Mann hat alles im Griff. Vor allem dank seines Fotres-Computerprogramms, das, so sagt er, die Rückfallgefahr mit einer Treffsicherheit von bis zu siebzig Prozent voraussagen könne. Das Programm funktioniert nach Marktforschungsart. Man kreuzt 700 Kästchen an, und fertig sind Profil und Rückfallrisiko. Fotres ist Urbanioks eigene Erfindung und sein eigener Besitz, angesiedelt im steuergünstigen Kanton Schwyz.

KritikerInnen bemängeln, dass es keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die Aussagekraft des Programms gibt. Und dass die inzwischen in Schweizer Gefängnissen flächendeckend angewandte Psychotherapie vor allem dazu diene, Urbanioks private Fotres-Maschine mit Daten zu füttern. Besonders absurd scheint die angestrebte «Aufarbeitung der Tat» bei BankräuberInnen. Denn ein Bankräuber raubt nicht, um Leute zu erschrecken oder seine sadistischen Neigungen zu befriedigen. Er braucht ganz einfach Geld.

Grüsse aus der «Wöschwies»

Hugo Portmann braucht das Geld, um im Ausland «ein neues Leben mit einer neuen Identität» zu beginnen. Stürm, um seine Stellung im kriminellen Milieu zu behaupten. Zudem legt er Wert auf einen feudalen Lebensstil. Mietet Appartements an der Côte d’Azur und auf den Kanarischen Inseln, braust im Lamborghini durch Europa, verschenkt den teuersten Cognac und Chanel N° 5 in Halbliterflaschen. Mit dem Mix aus Räuberromantik und Luxus will er vor allem Frauen beeindrucken. «Ich hab immer nur Frauen kennengelernt, die ausser einem Radio und einer Matratze kaum was besassen», sagt er. Doch sosehr er Intelligenz und rhetorische Begabung seiner jeweiligen Gefährtin bewundert: «Wenn’s ums Kochen ging, war Essig. Ich hab laufend Büchsen aufgemacht.» Dass er auf der Flucht ist, verschweigt er lieber. Ist eine Freundin allzu neugierig, sagt er, ganz Parzival: «Ich hatte ein Leben, das hinter uns liegt. Du darfst mich nicht befragen.»

Nach Urbanioks Machtübernahme schliesst Portmann seine Briefe mit dem Satz: «Ich grüsse Sie aus der früheren Justizanstalt Pöschwies, heute Urbanioks Psychoversuchsanstalt Wöschwies.» Urbaniok verspottet er als «Mike Shiva» (nach dem Schweizer TV-Wahrsager). Seine MitarbeiterInnen sind für ihn «eine Sekte, die ihr Geld von der Krankenkasse erschleicht» – eine Therapiestunde kostet 250 Franken, berappen tun sie die SteuerzahlerInnen. Anders als Stürms Kampf gegen die Isolationshaft findet Portmanns Protest gegen die Zwangspsychiatrie kaum ein Echo. Zu spröde der Mann, zu unleserlich seine Briefe. Er bekommt kaum Post und Besuche. Nur Herr Weil, freiwilliger Mitarbeiter im Besuchsdienst, erscheint jede Woche. Als ihn die Beamten zum Spitzeln auffordern, quittiert er den Job und besucht Portmann als Privatperson.

Portmann findet es normal, dass ihn die Welt vergisst. Er ist schon zu lange weg vom Fenster. «Das Problem ist nur, dass ich kein soziales Netz aufbauen kann.» Denn das soziale Netz ist eine der Bedingungen für seine Freilassung. Obwohl – einmal hat er sogar geheiratet. Die Ehe mit der «anfänglich recht netten Kroatin» hält keine zwei Jahre. Schuld ist ihr Ultimatum: «Entweder du machst die Therapie und kommst raus, oder ich verlasse dich.» Doch Hugo Portmann will lieber verlassen werden, als dem Staat sein Innenleben zu offenbaren. Bei der Scheidung verlangt die Frau 20 000 Franken.

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