Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

«Philosophie in zehn Anführungsstrichen, das arme, arme Wort!»

Ein stalinistisches Musical zu Ehren des Kapitalismus: Schauspielhaus-Regisseur Nicolas Stemann bringt Ayn Rand auf die Bühne, die literarische Galionsfigur der Rechtslibertären. Wieso das?

Interview: David Eugster

Ausgerechnet in Zürich: Was Nicolas Stemann mit Ayn Rand vorschwebt, ist ein Propagandaabend für die Reichen. Foto: Gina Folly

WOZ: Nicolas Stemann, der Roman «Atlas Shrugged» ist über tausend Seiten lang. Auf die exorbitante Länge angesprochen, meinte die Schriftstellerin Ayn Rand bloss: «Würden Sie die Bibel kürzen?» Nun begehen Sie den Frevel und kürzen das Buch für die Bühne. Warum interessiert Sie das?
Nicolas Stemann: Es ist weniger eine Kürzung als eine Überschreibung: Der Roman dient mir als Basis für ein Wirtschaftsmusical, das sich satirisch mit unseren Verhältnissen auseinandersetzt. In letzter Zeit, in der staatliche Eingriffe wie Umweltauflagen, CO2-Steuern oder jetzt aktuell die Konzernverantwortungsinitiative wieder vermehrt diskutiert werden, hat «Atlas Shrugged» an Aktualität gewonnen: Die Unternehmer schreien auf, gerieren sich als Opfer und drohen mit Abwanderung. Diese politische Realität spiegelt sich in dem Roman.

Aber es ist nicht einfach, mit diesem Buch im Theater umzugehen. Es ist eher anstrengend zu lesen – obwohl es im Stil eines Trivialromans geschrieben ist, der einen als Leser dranhalten soll. Eine Parallele zur Bibel mag sein, dass das Buch in vielen einfach gehaltenen Storys eine grosse Message auftischt.

Was ist das für eine Botschaft?
Der Roman ist ja so ermüdend, weil alles sehr schwarz-weiss gehalten ist: Die grossen Unternehmer sind alles Opfer – und ihre Antagonisten sind alles Heuchler, Zyniker oder Dummköpfe. Auf der Bühne kann man zeigen, dass ihre Positionen gar nicht idiotisch sind, sondern dass das Einstellungen sind, wie sie so mancher konservative Verteidiger einer freien Marktwirtschaft auch hat.

Welche Positionen meinen Sie?
Ayn Rand beschreibt diese Unternehmer, die in den Streik treten und sich aus der Gesellschaft zurückziehen, weil sie die Gesetze für ihre unternehmerische Freiheit als Zumutung empfinden. Dabei herrscht zu Beginn des Romans im Grunde eine erstaunlich wirtschaftsfreundliche Gesetzeslage. Zum Beispiel stellt Ayn Rand das sogenannte «Chancengleichheitsgesetz» als totalitären Eingriff dar. Aber das ist nichts anderes als ein Gesetz zur Vermeidung von Kartellbildung und von Monopolen, das dafür sorgt, dass der Stahlhersteller nicht gleich alle Nebenindustrien übernimmt, also auch noch das Bergwerk besitzt und so alle kleineren Mitkonkurrenten aus dem Markt schmeisst. So etwas wäre auch nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht sinnvoll, da wäre jede Kartellbehörde gehalten einzuschreiten.

Ayn Rands Protagonisten jedoch fühlen sich von so etwas degradiert.
Genau, die empfinden das als so schrecklich, dass sie auswandern müssen. Man kann das aber auch etwas umgewichten und die Realität des Romans gegen seine Autorin stärken, deren Blick dominant, voreingenommen und auch nicht besonders künstlerisch ist. Was passiert da eigentlich politisch und wirtschaftlich? Und ist das vielleicht selbst in der Realität des Romans ein bisschen anders, als die Autorin es schildert? Wenn man so fragt, beginnt das Buch, interessant zu werden.

Wo lässt sich diese unterdrückte Realität des Romans zeigen?
Zum Beispiel in der Art, wie die Hauptfigur, die Eisenbahnbesitzerin Dagny Taggart, die Gewerkschaft mit Streikbrechern aus dem Feld kippt, weil im Roman offenbar kein Streikrecht existiert – was wieder eine unfassbar laxe Gesetzeslage ist. In einer anderen Szene geht es um ein Gutachten eines staatlichen Instituts, das zum Schluss kommt, dass das Material, aus dem ein Eisenbahntrassee gebaut ist, nicht hält. Darauf könnte Dagny als Unternehmerin reagieren, indem sie ein anderes Gutachten einholt und die Einwände prüft. Nicht so bei Ayn Rand: Dagny weist dieses Gutachten als Fake News zurück – denn das Institut kann nur korrupt sein, weil es staatlich ist. Und wie begründet Dagny ihr Vertrauen in das Material? Weil sie das so sieht. Einfach so. Und da kriegt man deutlich auch das Problem der gesamten randschen Philosophie mit – Philosophie in zehn Anführungsstrichen, das arme, arme Wort!

Ayn Rands Objektivismus hat Sie nicht überzeugt?
Wer sie für eine Philosophin hält, muss in einem BWL-Studium versackt sein und nichts anderes mehr mitgekriegt haben. Sie hat ja kaum was gelesen ausser Aristoteles. Man kann doch in den 1950ern nicht kommen und über Wahrnehmung, Bewusstsein und Erkenntnis reden und so tun, als hätte es keinen Immanuel Kant, keinen Sören Kierkegaard, keinen Martin Heidegger und keine Existenzialisten gegeben! Rands philosophische Grundthese ist simpel: Was ich mit meinem Verstand sehe, ist wahr. Punkt. Das ist schon sehr wenig. Sie bläht das dann zu einer Pseudophilosophie und einer Pseudowirtschaftstheorie auf, und das führt zu ihrem moralischen Glaubenssatz, der auch im Zentrum von «Atlas Shrugged» steht: Ich werde nichts um eines anderen willen machen. Das heisst aber auch: Ich mach nichts mehr für andere.

Was macht so ein Denken attraktiv?
Ich finde das Buch gerade deswegen interessant, weil so viele Menschen es trotz all der philosophischen Schwächen so ernst genommen haben, dass es die letzten Jahrzehnte unsere Realität konkret mitgeprägt hat. Es entspricht Leuten mit einer gewissen Agenda: Es ist eine Propagandaschrift, die sozialistische Theorien und Realitäten abwehren und gleichzeitig die Besitzenden ermutigen soll, sich mitleidlos gegenüber den Ansprüchen der Besitzlosen zu machen. Und das macht es attraktiv für Menschen, die davon profitieren, mitleidlos zu sein und nichts abgeben zu müssen. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch Unternehmern, die permanent mit dem Gefühl konfrontiert sind, wichtiger als die Allgemeinheit zu sein, ganz guten Rückenwind gibt.

Aber das Buch richtet sich ja nicht nur an Superreiche, sondern auch an «Geistesmenschen». Zu den Streikenden im Roman gehören auch Komponisten und Künstler. Fühlen Sie sich da nicht abgeholt?
(Lacht.) Man findet immer wieder solche Einstiege in dieses Buch – aber ich finde es unangenehm, die zu nehmen. Rand befördert die Idee, die ja auch bei dem Ökonomen Joseph Schumpeter vorkommt, dass die Unternehmer eigentlich die wahren Künstler sind. Die Rolle der Künstler bei Rand ist es, die Unternehmer dadurch aufzuwerten, dass sie sich mit ihnen Hand in Hand in dieses Atlantis der Genies zurückziehen, jenseits dieser mediokren Welt, die sie nicht mehr ausgehalten haben. Ansonsten kommen Künstler nicht vor, ausser als parasitäre Vollidioten.

Viele Rand-Enthusiasten erzählen von Erweckungserlebnissen in ihrer Jugend. So meinte der Psychologe Nathaniel Branden, der später zu Rands innerstem Kreis gehörte, er habe als Teenager erstmals ein Buch von ihr gelesen – und schon nach fünfzig Seiten weggeworfen, weil er sich gleich derart zu Grösserem berufen gefühlt habe, dass er das Lesen nicht mehr für nötig gehalten habe. Was finden Teenager bei Rand?
Allmachtsfantasien, vermutlich. Und gewisse Dinge in «Atlas Shrugged» sind ja nachvollziehbar, die stehen in jedem zweiten Lebensratgeber: Kümmere dich erst mal um dich, bevor du dich um andere kümmerst, in einer Liebesbeziehung sollst du ein gewisses Mass an Egoismus haben, du darfst dich nicht aufgeben. Da kann man dran anknüpfen. Aber selbst wenn sie von Liebe erzählt, ist das für Rand immer ein Spielmittel – es geht ihr auch hier immer um ihre Ideologie. Zugleich ist bei vielen Kultbüchern oft unklar, ob sie überhaupt gelesen werden. Rand vertritt ja einen sehr rigiden Atheismus, trotzdem bezog sich die Tea-Party-Bewegung auf «Atlas Shrugged» – so genau können die das nicht gelesen haben. Das Buch scheint eher eine kultische Funktion zu haben. Ich war vor einem Jahr in den USA und habe die Spuren von Ayn Rand gesucht – man findet das Buch in jeder Bahnhofsbuchhandlung, aber auch in ganz kleinen Mikroschriftausgaben, damit es beim Wall-Street-Manager in die Brusttasche passt, wie eine Taschenbibel, die die Kugel abwehrt.

Slavoj Žižek meinte mal, Ayn Rand habe den Kapitalismus so ernst genommen, dass es fast schon peinlich und destruktiv sei.
Ja klar, man könnte es als Satire auf die Realität lesen – auf heutige Realitäten auch. Ich glaube, das war auch einer der Gründe, warum ich mich dafür interessiert habe: dass man sich denkt, von so einer Art Propaganda erfährt man doch noch Wahrheiten über den Kapitalismus, die sie so nicht verbreiten wollte – dass sie das Ganze zur Kenntlichkeit entstellt. Ayn Rand hat in ihrer Abwehr des Stalinismus, vor dem sie geflohen ist, selbst eine Art stalinistische Propagandashow für den Kapitalismus geschrieben, in einer unglaublich dogmatischen, ideologischen und brachialen Ästhetik. Und das ist es, was mir dann doch Spass macht: Denn das ist total durchgeknallt und kann nicht ernst gemeint sein – ist es aber.

Kann man das in sich zusammenbrechen lassen, indem man die Absurdität zeigt?
Das geht fast zu schnell, das Buch setzt einem da kaum Widerstand entgegen. Aber man muss den Text auch als Gegner ernst nehmen. Man kann die berechtigten eigenen Einwände gegen das Buch nicht die ganze Zeit auf der Bühne aussprechen. So entsteht kein Erlebnis. Man braucht eine formale Rahmung, die zeigt: Es geht hier um etwas Uneigentliches. Das gefällt mir als Idee: ausgerechnet in Zürich einen Propagandaabend zu inszenieren, der den Reichen erzählt, dass sie sich den Armen gegenüber mitleidlos machen sollen und dass das nicht nur richtig für sie, sondern für die ganze Welt moralisch geboten ist. Und das in Form einer Show oder einer Revue: als Musical. Das hat mit New York zu tun, mit den Fünfzigern, das Genre ermöglicht es aber auch, diese Geschichte mal vorerst unkommentiert stehen zu lassen.

Vor einem halben Jahr haben Sie zur «Republik» gesagt, bei Ayn Rand interessiere Sie die «Dialektik der Sinnlichkeit». Wie meinten Sie das genau?
Wenn man sich als Regisseur mit der theatralen Umsetzung beschäftigt, kriegt man die Energie eines Buches ziemlich direkt mit. Auch das Ensemble ist da anfangs sehr offen: Man geht jenseits der eigenen Vorurteile, aber auch jenseits der Ziele der Autorin auf den Text zu. Vielleicht meinte ich das mit der Dialektik: dass man sich selbst mit einem Gegenstand konfrontiert, der einem so fern ist, dass man ein gewisses Gruseln empfindet – aber auch eine Faszination. Ich kam bei der Lektüre phasenweise schon auf den Trip, wie beim Lesen von Karl May – ich fand diese Form des Trivialen schon auch spannend.

Der Roman hat ja auch Elemente von Abenteuerromanen und Science-Fiction. In einer Szene crasht Dagny mit ihrem Privatjet und landet in Atlantis, dem Dorf der geflüchteten Milliardäre – diese abrupte Gegenrealität, hat die nicht was Traumhaftes?
Ja, man könnte das auch als Traum von Dagny sehen, die auf der Suche nach diesem sagenhaft guten Motor zunehmend auf einen Trip kommt. Die Beschreibung davon hat etwas Psychedelisches. Das gehört auch zu den intrinsischen Realitäten des Buches: Ayn Rand hat ja regelmässig Aufputschmittel, Amphetamine geschluckt. So wirkt auch das Buch oft wie ein Rausch von Dagny, in dem sie alles ausblenden kann und alles ausser sich selbst als feindlich einstuft. Ayn Rands Figuren haben auch alle modellhafte Kokspsychologien und agieren wie Psychopathen, die rauschhaft ihr Ego in den Mittelpunkt stellen und von allen rund herum nur gestört und genervt sind.

Zugleich ist ihr Atlantis, diese Traumwelt des Rückzugs, fast enttäuschend bieder: Millionäre, die als Bäcker und Bauern arbeiten. Was machen all diese Kokser in Seldwyla?
Interessanterweise ist es eben keine kapitalistische Wirtschaft, die hier gezeigt wird – die basiert ja auf der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft. Es ist im Grunde eine Subsistenzwirtschaft: Alle leben von ihrer eigenen Arbeit. Das aber ist, nach Marx, nichts anderes als: Kommunismus. Man muss also festhalten, dass selbst die Propagandistin des Kapitalismus offensichtlich den Kapitalismus gar nicht für ein ideales System hält und letztlich ein kommunistisches Ideal zeichnet, einen Kommunismus der Unternehmer. Dass dieser Aspekt in der allgemeinen Rezeption so untergehen konnte, ist schon irre.

Am Ende des Buches zeigt sich dann, dass das alles gar nicht so friedlich war und Atlantis komplett hochgerüstet war.
Genau, es wird angedeutet, dass die Genies bereit waren, einen Luftangriff gegen die mittlerweile staatssozialistische Regierung zu fliegen. Und am Schluss kommt es ja womöglich dazu. Diese Unternehmer nehmen in Kauf, dass der Rest der Menschheit vor die Hunde geht – das sind Menschen, denen es schon gut geht und die sich zurückziehen, weil sie gerne noch mehr Privilegien hätten. Und weil sie sich noch wichtiger finden, als man sie nimmt. Sie rüsten zum Kampf gegen den Rest der Welt. Rand sagt zwar, sie lehne Gewalt ab. Dennoch gibt es auch diese Szene, in der Dagny einen Wachmann erschiesst. Das könnte man auch in einen grösseren Kontext stellen: Es geht offenbar eine Gefahr von diesen Leuten aus, die sich in dieser Endzeitstimmung zurückgezogen haben. Das ist mit der drohenden ökologischen Katastrophe umso aktueller.

Welcher von Dagnys Männern kommt bei Ihnen noch vor?
Mich interessiert vor allem der Strang zwischen Francisco und Hank, Dagnys ersten Liebhabern. Da ist dieser homoerotische Unterton, wie bei Tennessee Williams. Das Problem bei diesem Buch ist ja, dass die Menschen, die sich damit beschäftigen und es erzählen, immer dieser Ideologie so verfallen sind – deshalb ist der Film ja auch Schrott. Das sind alles Rand-Jünger, was zu uninteressanten Verdoppelungen führt. Aber man könnte sich gut eine im liberalen Hollywood oder in New York nacherzählte Netflix-Serie vorstellen, die solche Aspekte wie diese enge Freundschaft zwischen Hank und Francisco aufnehmen würde. In meiner imaginierten Serie würde am Schluss natürlich der Bürgerkrieg der Reichen gegen die Armen stattfinden. Hank würde in der atomaren Apokalypse fallen und in den Armen von Francisco verenden, da käme es dann zu der ersehnten Vereinigung.

Wenn Sie diese Männerbeziehung in den Kriegskontext stellen: Ist da nicht auch etwas Männerbündlerisches zwischen den beiden randschen Giganten?
Klar. Da wirds auch politisch interessant, wenn man sieht, wie sich im Moment Neoliberalismus und Rechtspopulismus oder auch Neofaschismus die Hand geben. Die ganzen autoritären Regimes in Europa haben alle neoliberale Agenden. Die AfD hat ein ultraliberales Wirtschaftsprogramm, die SVP sowieso. Die Libertären liebäugeln immer mit Nationalismus, und man denkt sich, dass das nicht zusammenpasst. Aber offensichtlich passen der starke Mann, der autoritäre Führer und der ultraliberale Markt sehr gut zusammen, weil die Abwesenheit von wirtschaftlichen Regeln – das wissen wir aus der Realität des Neoliberalismus – immer dazu führt, dass die Starken noch stärker werden.

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