Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Feuer frei für Omapop

Ruedi Widmer über Kundenbedürfnisse und grenzenloses Wählen

Von Ruedi Widmer

Die Buschfeuer in Australien, die Trump-Krieger im Irak und im Iran: alles ziemlich CO2-intensiv. Auf den Hoheitsgebieten von religiösen und autoritären Männern (nicht Frauen).

Ich kenne viele, die sich deswegen sorgen. Nicht wegen «elitärer Behörden» wie Markus Somm in der «SonntagsZeitung». Oder wegen der «EU-Diktatur». Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit auf der Welt müsste angesichts der Probleme so weit gehen, dass wir auch in der Schweiz den amerikanischen, iranischen und australischen Präsidenten wählen können.

Nationen, Erdöl und Kohle stehen der menschlichen Zukunft im Weg. Es gibt sehr viele moderne Leute, auch Leute mit viel Geld, die Neues, die CO2-freie Produkte wollen. Warum wird solcherlei immer noch nur in homöopathischen Dosen angeboten? Warum passiert so viel weniger bei den alternativen Energien als beim «alternativen Deutschland»?

Es gibt selten Wünsche der Kundschaft, die so eindeutig sind wie zurzeit. Ich kenne wirklich niemanden, der nach 5G oder nach selbstfahrenden Autos ruft. Letztere werden weder von autoskeptischen Leuten noch von eingefleischten Autofans gewünscht. Es werden Alltagsautos gewünscht, die umweltfreundlich sind, und ein Tankstellennetz mit erneuerbaren Energien. Doch die Autoindustrie bietet diese Kundenwünsche nicht an. Sie konzentriert sich auf Nichtkundenwünsche wie elektrisch übermotorisierte Riesenkarren, die sie via Trashmedien und Influencer den Leuten andreht. Diese bekommen dann irgendeine komische diffuse Lust auf das Objekt, weil es auf Facebook gestanden hat und es einen geilen Werbefilm auf Youtube gibt und weil sie gerade auch nicht wissen, wohin mit dem Zahltag (schliesslich ist ja Medienkonsum gratis geworden). Der Kapitalismus ist nicht da, um Kundenwünsche zu befriedigen, sondern den Kunden Schrott aus jenen Materialien (Erdöl, Fleisch, Journalismus) anzudrehen, die gerade irgendwo günstig eingekauft werden können. Diese Art Kapitalismus ist kundenunfreundlich. Statt «Bei uns ist der Kunde König» müsste es heissen «Bei uns ist der Kunde Bettler».

Das ansonsten sympathische Migros-Restaurant in Winterthur bietet zum Beispiel einen (hier schon erwähnten) Vegiburger an, den man aber nur erhält, wenn man an der Theke explizit darum bittet. Er wird, im Gegensatz zum Fleischburger, nicht auf den Tafeln propagiert. Lieber werden Bratwürste auf den Grill geworfen. Ich betätige mich diesbezüglich als Gratis-Influencer und schicke meine Bekannten ins Migros-Restaurant, um diesen Burger zu bestellen. Günstiger als der Fleischburger ist er übrigens nicht, dann hätte ich ja noch ein gewisses kaufmännisches Verständnis für die Verschwiegenheit der Restaurationsbetreiber.

Ja, vielleicht sind es die vielen Alten, die konservativen Umweltsäue, -omis und -opis, die den Weg versperren.

Viele Menschen beginnen im Alter aber auch mit Neuem: golfen, gamen, an Klimademos gehen, modellbähneln, reisen, häkeln. Ich frage mich, ob es auch ein Bedürfnis nach Popmusik für Alte gibt. Und zwar nicht jene Musik von verwelkten potenten Jungspunden wie The Rolling Stones, die immer noch das Jungsein zelebrieren.

Warum gibt es bislang keine musikalisch tätigen Menschen, die mit sechzig Jahren aus emotionaler Aufgewühltheit oder Wut erstmals eine Gitarre oder einen Sampler kaufen und eine Band gründen? Mit Songthemen, die alte Menschen beschäftigen: Melancholie, wegsterbende Freunde, Schmerzen, Krankheiten, Ausgeschlossensein, Auflehnung gegen die eigenen Kinder, Einsamkeit, Altersarmut, Tod, das ganze The-Cure-Programm, einfach von Alt für Alt. Ich bin sicher, eine Band wie «The Grey Heads», «The Seniors», «The New Is the Old» oder «The Alt-Werd Clan» hätte einen grossen Markt. Leidende Sängerinnen, düsteres Synthistakkato, eine einsame Flamencogitarre.

Ruedi Widmer ist Cartoonist und leidet in Winterthur.

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