Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Die Lunte brennt

Nachrichten aus dem Pulverfass: In seinem ersten Spielfilm «Les Misérables» verpackt Ladj Ly eine Milieustudie aus der Banlieue in eine hochexplosive Geschichte.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Was für eine Männerwelt: Issa (Mitte) und seine Kollegen müssen sich zwischen Bullen (oben) und «Bullen» (unten) behaupten. Stills: Filmcoopi

Die Geschichte beginnt mit einem gestohlenen Löwenbaby. Wobei zum Zeitpunkt des Diebstahls schon über die Hälfte des Films vorbei ist. Bis dahin folgte die Kamera vor allem Stéphane (Damien Bonnard), einem Polizisten vom Land, der an seinem ersten Arbeitstag mitten im Trubel des Pariser Aussenquartiers Montfermeil landet: Heiss ist es nicht nur wegen der hochsommerlichen Temperaturen, es brodelt auch in der Atmosphäre, wenn Stéphane mit seinen neuen Kollegen Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga) im Peugeot durch die Strassen der Banlieue kreuzt. Und Chris, der Anführer der drei, aus einer Laune heraus das Bremspedal durchdrückt, über die Strasse hechtet und an der Bushaltestelle gegenüber ein paar junge Frauen drangsaliert und schikaniert.

Jedenfalls ist klar: Mit dem Diebstahl im Wanderzirkus, der im Viertel gastiert, ist eine gefährliche Lunte entfacht worden. Der Romaclan aus dem Zirkus fährt völlig testosteronübersteuert bei einem der lokalen Platzhirsche ein und provoziert mit rassistischen Anschuldigungen gegen einen schwarzen Jugendlichen ähnlich hochfahrende Hormonschübe auf der Gegenseite. Nur mit Not (und viel virilem Gehabe) vermögen die drei Polizisten eine Gewalteskalation zu verhindern. Fürs Erste. Fortan dreht sich alles um die Frage, wer den Dieb als Erster zu fassen kriegt.

Das gestohlene Löwenbaby und den Zirkusclan gabs in Montfermeil übrigens tatsächlich. Ebenso den völlig überforderten Polizisten vom Land. Verbürgt ist auch die Drohne mit der eingebauten Kamera und die Episode, die sie zufällig aufgezeichnet hat. Doch davon später.

Die Elenden aus der Vorstadt

Montfermeil: Schauplatz von Victor Hugos Roman «Les Misérables» (1862); Schauplatz der Aufstände und Strassenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei 2005; und jetzt Schauplatz von «Les Misérables» (2019), dem ersten Langspielfilm von Ladj Ly, für den er in Cannes gleich mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Dass er seinen Film nach dem französischen Literaturklassiker benannt hat, ist eine bewusste Provokation, ein subversiver Akt.

Montfermeil: Über 150 Jahre nach Victor Hugos Roman und fast fünfzehn Jahre nach den Aufständen herrscht hier noch immer dieselbe Misere als Folge struktureller Vernachlässigung. Hier wuchs der 1978 in Mali geborene Ladj Ly auf, hier wohnt er noch immer. «Ich bin Franzose», stellt er in einem Interview klar. Aber jedes Mal, wenn er die Périphérique, den Autobahnring um Paris, überquere, betrete er ein anderes, ein weisses Universum. «Wenn ein Pariser in die Vorstadt kommt, meint er, er mache einen Abenteuertrip nach Afrika oder in den Irak. Auch wenn es nur fünf Minuten mit dem Auto sind.»

Ladj Ly war siebzehn Jahre alt, als er in einem Jugendclub in Montfermeil Bekanntschaft mit dem Filmkollektiv Kourtrajmé schloss. «Ich kaufte meine erste Kamera und habe seitdem nicht aufgehört zu drehen.» Er filmte alles, was ihm in seinem Viertel vor die Linse kam: den Alltag, wie die Polizei Jugendliche misshandelte, die Aufstände 2005, die vor seinem Wohnblock explodierten. Von den Unruhen hatte er an die hundert Stunden Material, 2007 produzierte er daraus seinen ersten Dokumentarfilm, den er für alle zugänglich ins Netz stellte: «365 Tage in Clichy-Montfermeil». Körniges Schwarzweiss und eine Handkamera, die sich mitten unter den Jugendlichen in den Strassen Montfermeils bewegt.

Fragiles Gleichgewicht

Auch «Les Misérables» wirkt über weite Strecken wie ein Dokumentarfilm aus der Direct-Cinema-Epoche der sechziger Jahre. Die Kamera begleitet vor allem die drei Polizisten Stéphane, Chris und Gwada durchs Viertel. Nur ab und zu dreht sie eine eigene Schlaufe: um die Spur von Issa (Issa Perica) wieder aufzunehmen, dem kaum vierzehnjährigen Jugendlichen, der im Verlauf des Tages zum Löwendieb wird, oder um dem gleichaltrigen Buzz (Al-Hassan Ly) auf das Dach eines Hochhauses zu folgen, von wo er mit seiner Drohne das Geschehen hinter den Fenstern und in den Hinterhöfen einfängt. Es sind die losen Fäden einer Geschichte, die sich erst spät, dafür umso explosionsartiger entwickeln wird.

Doch warum wählt Ly, der schon als Zehnjähriger von der Polizei drangsaliert wurde, ausgerechnet drei Polizisten als Protagonisten seines Films? Und schafft es noch dazu, dass man an ihnen dranbleibt, selbst wenn sie, wie Chris, der irgendwann einmal «Das Gesetz bin ich!» schreit, immer wieder rassistisch, frauenfeindlich und übergriffig handeln?

Weil er – und das zeichnet «Les Misérables» aus – so die Lebensrealität in Montfermeil in ihrer ganzen komplexen Verletzlichkeit ins Zentrum rücken kann. «Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloss schlechte Gärtner», zitiert der Regisseur im Abspann des Films aus Victor Hugos Roman. Statt über seine Charaktere zu urteilen, legt Ladj Ly die Dynamiken frei, derer sich die unterschiedlichen «Autoritäten» im Viertel bedienen, um ein fragiles Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Der selbsternannte «Bürgermeister» kontrolliert den Basar und andere Geschäfte, die Muslimbruderschaft operiert als eine Art Friedensrichter aus einem Dönerladen. Schutz bietet nebst Drogen auch ein lokaler Nachtclubbesitzer. Zusammen mit den drei Polizisten versuchen diese lokalen Platzhirsche, die Kräfteverhältnisse so auszutarieren, dass ein Zusammenleben überhaupt möglich ist.

Der schlechte Gärtner

Denn Montfermeil ist ein Pulverfass. Stets simmert Gewalt unter der Oberfläche. Selbst das harmlose Spiel kleiner Jungs mit ihren überdimensionierten Wasserpistolen kippt plötzlich in eine konzertierte Attacke auf die drei Polizisten in ihrem Peugeot. Und so kommt, was kommen muss, als Issa das Löwenbaby klaut: Eine Gewaltspirale bricht sich Bahn, in deren Verlauf Issa von einem fehlgeleiteten Gummigeschoss aus Gwadas Waffe schwer verletzt wird, was Buzz mit seiner Drohne zufällig filmt. Die Jagd auf die Speicherkarte, die darauf im ganzen Quartier entbrennt, kulminiert im Treppenhaus eines Plattenbaus. Die Lunte, sie ist gleich abgebrannt.

Und Emmanuel Macron hat es ein weiteres Mal versaut. Nachdem Ladj Ly in Cannes den Jurypreis holte, wollte Frankreichs Präsident «Les Misérables» zusammen mit dem Regisseur im Élyséepalast schauen. Ly lud ihn stattdessen ein, sich den Film in Montfermeil anzusehen.

Macron lehnte ab.

Jetzt im Kino.

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