Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Der leere Balkon

Die Weisungen der Behörden und die Angst vor dem Virus lassen die Menschen aus der Öffentlichkeit verschwinden. Doch was ist mit der Nachbarin geschehen, die Kriminalpolizistin Vera Brandstetter beim Morgenkaffee vermisst?

Von Stephan Pörtner (Text) und Christina Baeriswyl (Illustration)

Die Frau war nicht da. Vera Brandstetter stand auf ihrem Balkon, wie jeden Morgen, wenn sie keine Schicht hatte. Zurzeit war keine Schicht. Selbst bei der Kriminalpolizei waren Sitzungen gestrichen worden, wurden die Leute angehalten, nicht ins Büro zu kommen, Überstunden abzubauen. Die Leute gingen nur noch zur Arbeit, wenn sie mussten. Auch die Kriminellen. Für Einbrecher herrschen erschwerte Arbeitsbedingungen, wenn die Leute den ganzen Tag zu Hause sind. Vor den geschlossenen Clubs und Bars herrschte am Wochenende Hochbetrieb, es gab aber keine gravierenden Vorfälle. Brandstetter fürchtete, dass die Meldungen wegen häuslicher Gewalt, sollten die Leute längere Zeit zu Hause bleiben müssen, in die Höhe schnellen würden. Wenn man wochenlang aufeinanderhockt, kommt man sich entweder wieder näher oder stellt fest, dass es unmöglich ist, miteinander auszukommen. Die ganze Familie beisammen, das führt, allen Harmonieparolen und -fotos auf den sozialen Medien zum Trotz, schon über Feiertage und in den Ferien zu Problemen und Auseinandersetzungen. Es war, so befürchtete sie, die Ruhe vor dem Sturm. Eine Ruhe, die noch vor wenigen Tagen unvorstellbar gewesen war. Ein Sturm, dessen Ausmass und Verwüstung niemand abschätzen konnte. Über zu viel Normalität beklagte sich jedenfalls niemand mehr.

Brandstetter rauchte eine der drei Zigaretten, die sie sich pro Tag gönnte. Die am Morgen, die beste. Selbst in dieser zu kleinen, zu teuren, eher schäbigen und vor Jahrzehnten letztmals renovierten Wohnung war Nichtrauchen Mietbedingung. Darum stand sie morgens auf dem Balkon. So wie die Frau zwei Häuser weiter, auf der anderen Strassenseite, einen Stock tiefer. Im Gegensatz zu den Balkonen an Brandstetters Haus, die keine zwei Quadratmeter gross waren und von den meisten NachbarInnen als Zwischenlager für Kehrichtsäcke und Getränke genutzt wurden, war jener ihrer Nachbarin eine kleine Oase. Tisch, Korbstuhl mit Fell, winterfest gemachte Pflanzen. Am Geländer hingen bunte Wimpel und ein kleines oranges Transparent, das für die Konzernverantwortungsinitiative warb.

Dort sass die Frau jeweils am Morgen. Sie rauchte nicht, sie sass einfach da, trank aus einer Tasse, schaute auf die Strasse, las Zeitung. Auch wenn es kalt war oder regnete. Brandstetter hatte ihr zugenickt, sie hatte zurückgewinkt. Bald winkten sie sich jeden Morgen. Ein paar Mal sahen sie sich auf der Strasse, in der Grossverteilerfiliale oder im Bus. Sie grüssten sich, lächelten, redeten aber nicht miteinander. Die Frau war deutlich älter als Brandstetter. Ihre Haare waren lang und grau, ihre Kleidung ziemlich bunt. Anders als bei vielen Frauen, die sich, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder das Pensionsalter erreicht ist, eine Kurzhaarfrisur und Funktionskleidung zutun. Oder antun. Es war nicht einfach, ihr Alter zu schätzen, doch in diesen Tagen gab es nur zwei Altersgruppen: Risiko oder Nichtrisiko. Die Frau war Risiko.


Während sie den letzten Zug von ihrer Zigarette nahm, dachte Brandstetter an die andere Frau. An die etwa 35-Jährige, die in einem Waldstück an der Stadtgrenze gefunden worden war. Erste Verwesungserscheinungen. Sie war bereits seit zwei Monaten tot, Todesursache Genickbruch. Ob durch Gewalteinwirkung oder Unfall, liess sich nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Sicher war nur, dass sie nicht dort gestorben war, wo sie gefunden wurde. Jemand hatte die Leiche in den Wald geschleppt und verscharrt. Niemand vermisste die Frau. Niemand kannte sie. Nicht einmal der Computer. Ihr Gesicht zu rekonstruieren, war kompliziert gewesen. Ein bearbeitetes Foto wurde in den Medien veröffentlicht, vor der «Tagesschau» gezeigt. Die Nachrichten wurden, seit das Virus das Land erreicht hatte, geschaut wie schon lange nicht mehr. Immerhin ging es um die eigene Gesundheit. Trotzdem gab es keine Reaktionen, die zu einem Ergebnis geführt hätten. Das Bild war an alle Polizeistellen, Spitäler und Asylzentren geschickt worden. Bisher ohne Ergebnis. Was, wie Brandstetter vermutete, daran lag, dass diese Institutionen andere Probleme hatten. Sie würde alle noch einmal kontaktieren müssen. Vorbeigehen und mit den Leuten reden war normalerweise das, was am meisten brachte, doch war das zurzeit nicht möglich. Die Spitäler waren am Anschlag, in den Asylzentren sassen die Menschen nach wie vor dicht beieinander in ungelüfteten Räumen. Auf eine Polizistin mit einem schlecht rekonstruierten Porträt würde man dort gerade noch gewartet haben.

Vielleicht beschloss sie darum, bei der Frau von gegenüber nachzuschauen. Die Anonymität der Stadt, die sie eigentlich so schätzte, die sie der Quasianonymität in der Agglomeration und der Nichtanonymität des Ländlichen vorzog, wurde in diesen Tagen durchlässig, löste sich auf, weil es Zeit war, aufeinander zu schauen. Auch wenn man sich nicht kannte.

Von der Agglomeration in die Stadt gezogen war sie, weil sie schlussendlich die ganze Zeit in der Einzimmerwohnung ihres Freundes verbracht hatte. Er war Koch in einem Edelrestaurant in einem Vorort. Sie hatten sich auf dem Parkplatz kennengelernt, auf dem ein Online-Date sie stehen gelassen hatte.

Thorsten störte es nicht, dass sie mehr oder weniger bei ihm wohnte. Aber sie störte es. Sie brauchte ihren Platz, sie brauchte ihre Ruhe. So war sie vor vier Monaten hierhergezogen. Zum Glück. Sie arbeitete weiter, mied nur das Büro in der Hauptwache, so gut es ging. Thorsten hatte Zwangsferien. Wenn sie beide die ganze Zeit zusammen in einem Zimmer verbringen müssten, wäre es bald aus mit der Liebe. So gut kannte sie sich. Sie hatte einmal versucht, mit ihrem Freund zusammenzuwohnen. Es war ein Desaster gewesen. Das Zusammenwohnen und der Freund sowieso.

Darum schätzte sie, trotz allem, ihre Wohnung in dem ehemals eher einfachen, ruhigen Viertel, in das sich die Aufwertung und das sich immer weiter ausbreitende Nachtleben hineinfrassen. In lauen Nächten konnte es richtig laut werden, da sich die Überzeugung durchgesetzt hatte, dass das Leben vor allem dann stattfand, wenn der Alkohol- und Lärmpegel hoch waren. Sie war beides gewohnt. Thorsten war Fan obskurer Metal-Varianten. Das Konzert, das sie letzten Samstag im Schaffhausischen besuchen wollten, war allerdings abgesagt worden. Obwohl ja der ganze Nekrophilie-, Mittelalter- und Pestkontext ganz gut zur Pandemie gepasst hätte.


Gut möglich, dass die Frau, weil eben Risikogruppe, deshalb nicht aus dem Haus ging. Aber nicht auf den Balkon? Die Klingeln an dem Haus waren in zwei Spalten aufgeteilt. Vier an jeder Seite, entsprechend den Stockwerken. «F. Rutishauser» stand auf der zweiten Klingel von unten rechts. Brandstetter drückte sie. Keine Antwort. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete das Gebäude. Ein Altbau vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Balkone waren angesetzt worden. Sie klingelte noch einmal. Nichts. Das Haus war ruhig. Die Leute sollten doch zu Hause sein. Wer ausser der Balkonfrau dort wohnte, wusste sie nicht, die anderen BewohnerInnen nutzten ihre Balkone nur selten. Weil es erst kurz nach acht Uhr morgens war, ging sie zurück in die Wohnung und rief ihren Kollegen an.

«Hoi Walti, ich brauche Informationen zu einer Person, Rutishauser heisst sie. Vorname etwas mit F.» Sie nannte die Adresse, und ihr Kollege versprach, ihr alles, was er hatte, per Mail zuzustellen. Sie ging auf den Balkon und beobachtete die sonst um diese Zeit belebte Strasse. Es war zu früh für die zweite Zigarette. «Immerhin befinden wir uns in einer ausserordentlichen Lage», brummte Brandstetter und steckte sie entgegen allen Empfehlungen an.

Dies ist der 1. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 2., 3. und 4. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (2): Wo ist Frieda?
Lockdown (3): Keine Party, keine Dealer
Lockdown (4): Das Klacken hinterm Zaun

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