Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Wo ist Frieda?

Renitente RentnerInnen und vermisste Personen halten die Polizei auf Trab. Derweil trifft Vera Brandstetter auf einen rabiaten alten Mann und stösst auf eine verheissungsvolle Geschichte.

Von Stephan Pörtner (Text) 
und Christina Baeriswyl (­Illustration)

Brandstetter hatte hektische Tage hinter sich. Nicht wegen der Unbekannten, die tot im Wald gefunden worden war, nicht wegen der Frau vom Balkon, die verschwunden war.

Bei der Polizei ging es drunter und drüber, Leute wurden vermisst gemeldet, mussten gesucht, Angehörige beruhigt werden. Die KollegInnen waren auf Patrouille, um Personenansammlungen aufzulösen oder renitente RentnerInnen zum Daheimbleiben anzuhalten. Wie befürchtet, mussten sie vermehrt wegen häuslicher Gewalt ausrücken. Wer einen Familientyrannen zu Hause hatte, durchlebte schlimme Zeiten. In diesen Tagen half man sich bei der Polizei abteilungs- und hierarchieübergreifend aus.

Sie war eben erst in der Wohnung angekommen, als sie auf dem Balkon einen Stock über der Frau Leute sah. Sie wollte ihnen etwas zurufen, doch hätte man sie kaum verstanden, die Distanz war zu gross. Zudem hätte sie wohl die gesamte Nachbarschaft aufgeschreckt, still, wie es war. Noch war es nicht wie in Italien, wo die Balkone zum letzten Fenster zur Welt wurden. Es hatte aber schon Aktionen wie das Klatschen für das Pflegepersonal gegeben. Brandstetter ging hinüber und klingelte noch einmal im ersten und kurz darauf im zweiten Stock.

«Ja», rief eine Stimme unsicher. Es gab keine Gegensprechanlage, eine Frau Ende dreissig stand auf dem Balkon, drei Kinder drängten sich neben sie, zwei Buben und ein Mädchen. Sie schauten neugierig herunter. Endlich passierte etwas.

«Entschuldigen Sie, wissen Sie, ob mit Ihrer Nachbarin alles in Ordnung ist? Die Frau, die unter Ihnen wohnt?»

«Die Frieda? Was ist mit ihr?»

«Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen.»

«Was ist los?» Auf dem Balkon nebenan erschien eine Frau mit kurzen, grauen Haaren in einem pink-schwarzen Trainingsanzug. «Nana, Nana!», rief der Kleinste und versuchte, auf das Geländer zu klettern. Die Mutter riss ihn zurück, und er heulte los.

«Warum dürfen wir nicht mehr zu dir?», rief der grössere Bub. «Das Mami hat es verboten», antwortete die Frau.

«Der Bundesrat hat es verboten, verstehst du das denn nicht?», schrie nun die Mutter, das weinende Kind im Arm.

«Wir wohnen im gleichen Haus, wir hätten uns längst angesteckt, wenn wir das Virus hätten.»

«Cornelia, bitte nicht jetzt. Dein Sohn macht Homeoffice, ich muss drei Kinder unterrichten, einkaufen, waschen, putzen. Wenn jetzt auch noch jemand krank wird, breche ich zusammen.»

«Ich will dir ja nur helfen.» Die Frau verschwand aus Brandstetters Blickfeld.

Diese machte sich bemerkbar: «Könnte ich schnell nachschauen, ob alles in Ordnung ist?»

«Wer sind Sie?»

«Eine Bekannte. Hat jemand im Haus einen Schlüssel?»

«Der Schlüssel ist im Schirmständer versteckt», rief das Mädchen, das ungefähr elf war. Die Mutter verscheuchte sie. «Im Moment möchte ich keine Fremden ins Haus lassen.»

Ehe Brandstetter antworten konnte, hörte sie den Summer, mit einem Satz war sie bei der Tür. Ob das Mädchen oder die Grossmutter sie hereingelassen hatte? Sie eilte in den ersten Stock und drückte, ohne im Schirmständer zu suchen, die Klinke der Wohnungstür nach unten. Sie war offen.

«Hallo? Ist jemand zu Hause?»

Keine Antwort. Vorsichtig trat sie ein, öffnete eine Tür nach der anderen. Rechts war das Bad, gegenüber ein kleines Büro-, Gäste- und Gerümpelzimmer. Neben dem Bad die Küche, ein offenes Wohnzimmer. Parkettböden, eine gut erhaltene, sanft renovierte Altbauwohnung, liebevoll und einfach eingerichtet, spartanisch fast. Sie klopfte an die Tür, hinter der das Schlafzimmer sein musste. «Frieda?»

«Was haben Sie hier verloren?», bellte eine Stimme und liess sie herumfahren. Im Flur stand ein Mann von etwa siebzig Jahren, lang und hager, er trug eine Brille mit dickem, schwarzem Rand und einen gestutzten Bart.

«Halten Sie Abstand!»

Es war nicht nur wegen der Gesundheitsvorschriften, er hatte etwas Herrisches, das ihr nicht gefiel.

«Sie begehen Hausfriedensbruch!» Brandstetter überlegte einen Augenblick, ob sie sich als Polizistin zu erkennen geben sollte.

«Frieda ist nicht hier, die Wohnung war offen. Ist das etwa normal?»

«Was ist bei Frieda schon normal?» Der Mann schüttelte die halb langen, grauen Locken. «Sind Sie mit ihr verwandt?»

Brandstetter öffnete die Schlafzimmertür. Die Frau war nicht da. Das Bett war ungemacht. Auf dem Nachttisch stand ein leeres Glas. Sie schloss die Zimmertür, der Mann stand direkt hinter ihr. «Abstand halten, habe ich gesagt!» Brandstetter stiess ihn zurück. Zu heftig. Er prallte gegen die Wand und stöhnte auf. Er war ein alter Mann. Der sich nicht anmerken lassen wollte, dass es ihm beinahe den Atem verschlagen hatte.

«Verschwinden Sie! Und zwar plötzlich!», keuchte er.

Brandstetter verliess die Wohnung und das Haus. Auf der Strasse zückte sie ihr Handy. «Max, was ist mit den Informationen, um die ich dich gebeten habe?»

«Liegen auf deinem Schreibtisch.»

«Du hast doch gesagt, du mailst sie.»

«Geht nicht, ist alles noch auf Papier.»

«Was soll das heissen?»

«Ich wusste ja nicht, um wen es geht. Diese alten Sachen wurden nie eingescannt. Von der roten Frieda haben wir seit über zwanzig Jahren nichts mehr gehört. Ist sie wieder aktiv geworden?»

Dies ist der 2. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 1. und 3. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (1): Der leere Balkon
Lockdown (3): Keine Party, keine Dealer

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