Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Der Zweifel der Angestellten

Sie arbeitete mit Fassbinder, mit Schlingensief und auch mit Loriot: Die Schauspielerin Irm Hermann wusste wie keine Zweite, dass Komik vor allem verführerisch sein muss.

Von Tobi Müller

Cool, bewegungsarm, streng: Irm Hermann, 1993. Foto: Erika Rabau, Ullstein

Weil die Kameras heute so absurd hohe Auflösungen haben, ist Schauspiel manchmal Schauspielvermeidung. Zumindest im Gesicht. Es geht darum, die Muskeln um den Mund im Griff zu haben. Besonders heikel: die Partien rund ums Auge.

Irm Hermann hat bereits in den sechziger Jahren bei Rainer Werner Fassbinder so gespielt, als die Kameras noch weniger konnten und eher Räume als Gesichter filmten. Hermann versuchte nie, den Raum virtuos zu markieren, etwa mit Lautstärke, expressiver Mimik oder turnerischem Körpereinsatz. Sie wirkte stets wie das Gegenteil der schauspielerischen Grundeinstellung: cool, bewegungsarm, streng. Selbstverständlich liegt in dieser Umkehrung mindestens so viel Erotik wie in der nach aussen gerichteten Schauspielkunst, die direkter um unsere Gunst wirbt. Hermanns Kraft bei mindestens zwei Jahrhundertkünstlern, Fassbinder und Christoph Schlingensief, lag in der Zurückweisung. Bei beiden spielte sie oft den Part der weiblichen Autorität, bis zur ödipal besetzten Mutterfigur.

Nie Grimassen schneiden!

Mit Fassbinder war Hermann auch romantisch verbunden, von seinen Anfängen Mitte der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre. Für Schlingensief war sie eine der Musen, die ihm eine Brücke zur deutschen Avantgarde sicherten. Hermann spielte in frühen Schlingensief-Filmen wie «Das deutsche Kettensägenmassaker» (1990) und «Die 120 Tage von Bottrop» (1996) sowie in vielen Theaterinszenierungen, am Zürcher Schauspielhaus im «Hamlet» (2001) und «Attabambi Pornoland» (2004) sowie in einigen Arbeiten von Christoph Marthaler.

Eine dritte wichtige Figur für Hermann hat man im Hochkulturbetrieb gerne ignoriert: Loriot. Er muss bei Hermann erkannt haben, was die besten KomikerInnen wissen: nie Grimassen schneiden. Komik ist verführerischer, wenn sie nichts über sich selbst zu wissen vorgibt. Da ist kein grandioser Wille, der scheitert wie in der Tragödie, sondern nur die Mechanik des kleinen Wollens.

Auf den Punkt gebracht hat das Irm Hermann als Tante Hedwig in Loriots Spielfilm «Pappa ante Portas» (1991). Die Familie sitzt im Speisewagen, die Hand des Kellners landet in einer Kurve auf einem Stück Schwarzwälder Torte. Der Junge lacht, Onkel Hellmuth weist ihn zurecht, man spotte nicht über das Missgeschick eines Menschen. Und Irm Hermanns Hedwig ergänzt: «Echte Fröhlichkeit kommt aus dem Herzen!» Eben nicht, wie das Drehbuch weiss. Komik ist äusserlich. Niemals zielt Komik auf das, was die Menschen fühlen, im Herzen oder anderswo. Loriot war ein Meister des Äusserlichen. Und Irm Hermann hat nie anders gespielt als auf der Oberfläche.

Auch wenn Fassbinders Werk als Versuch gesehen wird, die Gewalt, ja den Faschismus im Körper der KleinbürgerInnen freizulegen: Hat man da in der nachträglichen Kunstheiligsprechung die Komik zu schnell unter den Teppich gekehrt? Im Februar lief noch einmal «Katzelmacher», der Film von 1969, anlässlich einer Theaterpremiere am Berliner Ensemble. Im Film spielt Hermann Elisabeth, die resolute Vermieterin, die mit ihren Kostgängern auch Beziehungen eingeht und den «Gastarbeiter» Jorgos (Fassbinder) aufnimmt. Jorgos muss sich das Zimmer mit ihrem Lover Peter teilen. In der Inszenierung am Berliner Ensemble blickte die Darstellerin der Elisabeth extra streng aus der Wäsche und stand bewusst verkrampft auf der Bühne. Dabei trug sie eine rotblonde Perücke, Hermanns Haarfarbe. Im Original zeichnet der Konflikt keine Furchen auf Hermanns Stirn. Ihre Figur weiss nichts von ihrem Dominaglamour. Dieser Riss zwischen Perversion und Spiessernormalität ist deshalb so komisch, weil Hermann ihn vorführt, aber nicht verkörpert.

Von unten nach ganz oben

Wenn von Irm Hermann die Rede war, vor und nach ihrem Tod, ist der Begriff «bürgerlich» selten weit. Sie habe oft bürgerliche Frauen gespielt. Das ist so falsch wie richtig. Falsch, weil es zumindest bei Fassbinder immer kleinbürgerliche Figuren sind. Angestellte, höchstens. Richtig ist die Bezeichnung, weil die deutsche Gesellschaft in den sechziger und in den siebziger Jahren sozial mobiler war als heute. Der Aufstieg ins Bürgertum war nicht unmöglich. Mit Irm Hermanns Tod geht auch eine Generation, die den Aufstieg bis in den Kunstolymp schaffte. Mit einer schwachen Stimme und einer leicht gestanzten münchnerischen Aussprache und Grammatik. Schlingensief wie Fassbinder wurden von keiner Filmschule aufgenommen. Hermann selbst kam ohne Schauspielunterricht direkt vom Sekretariat des Deutschen Automobilclubs aufs erste Filmset. Sie hat auch nach Jahrzehnten freimütig erzählt, dass die Unsicherheit nie weggegangen sei, ob sie das auch wirklich könne. Im Theater gab es viele in Akademien ausgebildete und von Regiegrössen trainierte SchauspielerInnen, die neben Hermann zu gross spielten. Neben Leuten wie Hermann fiel das auf die KunsthandwerkerInnen zurück.

Wie man besser zusammenspielt, zeigt eine wunderbare Szene aus dem Fassbinder-Film «Angst essen Seele auf» (1974). Am Tisch: Hermann, Fassbinder und Brigitte Mira als Mutter, die sich in einen zwanzig Jahre jüngeren Marokkaner verliebt hat. Mira war damals 64 und mit allen Wassern der Operette und des Theaters gewaschen, ein Bühnentier. Sie spielt völlig anders als Hermann, bleibt aber ganz ruhig. Sie nimmt die Stimmung der anderen SpielerInnen auf. Trügt der Schein, oder kann man jetzt zusehen, wie Irm Hermann sich entspannt dem Gegenüber öffnet, weil Brigitte Mira mit dem Körper sagt: Du gehörst zu uns?

Es gibt fast keine Schauspielerinnen mehr wie Hermann, die das nicht in der Hochschule gelernt haben und den Weg von unten nach oben ein Leben lang als Teil ihrer Kunst begriffen. Am 26. Mai ist Irm Hermann im Alter von 77 Jahren in Berlin gestorben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch