Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Notstand: Was bleibt im Gedächtnis?

Die bundesrätlichen Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-19- Erkrankungen waren im grossen Ganzen richtig. Dennoch sind die Todeszahlen in der Schweiz relativ hoch. Was wären die Lehren daraus?

Von Daniel SternMail an AutorIn

Drei Monate schon steht die Schweiz im Bann des Coronavirus. Langsam ist ein Ende absehbar. Am 6. Juni folgt ein nächster Lockerungsschritt. Die Schweizer Bevölkerung darf wieder ins Kino und ins Theater. Selbst demonstrieren darf man wieder.

Die Erfahrungen mit dem Virus werden sich ins kollektive Gedächtnis eingraben. Die Frage ist allerdings: Was genau werden wir behalten? Wer durch die Strassen der Städte flaniert, sieht schon seit einiger Zeit: Das öffentliche Leben ist zurück. Menschen nehmen sich den Raum wieder. Bei warmem Wetter sind Parks und Plätze voller Leute, die in der Sonne liegen oder picknicken. Insgesamt, so scheint es, hat die Schweiz die Pandemie glimpflicher überstanden, als viele befürchteten.

Laut offizieller Zählweise sind hierzulande bislang knapp 2000 Menschen der Viruserkrankung erlegen. Überforderte Spitäler und ein grösseres Massensterben wie etwa in Italien konnten verhindert werden. Im Vergleich zu Deutschland sind hierzulande allerdings prozentual doppelt so viele, im Vergleich zu Österreich gar dreimal mehr Menschen gestorben. Ins Gewicht fällt dabei besonders das Tessin, das wegen der Nähe zum stark betroffenen Norditalien früher und heftiger betroffen war. Dazu kommen auch höhere Todesraten in den Kantonen Genf und Waadt.

Im Rückblick und auch im Vergleich mit anderen Ländern zeigt sich, dass Geschwindigkeit der entscheidende Faktor war. Je früher die Behörden das Virus als Gefahr für die Bevölkerung erkannten und entsprechende Massnahmen einleiteten, desto besser. Dabei spielte die Kommunikation eine Schlüsselrolle. Zentral war, die Bevölkerung aufzuklären. Egozentrische Staats- und Regierungschefs, die die Gefahr herunterspielten, haben in ihren Ländern ein Massaker ausgelöst: Die Todeszahlen in Grossbritannien, den USA und Brasilien sprechen für sich. Und noch ist dort kein Ende in Sicht.

Die Schweizer Behörden haben dagegen vieles richtig gemacht – allerdings etwas spät. Obwohl in den Nachbarländern schon viele Fälle aufgetreten waren, stufte das Bundesamt für Gesundheit am 25. Februar, dem Tag des ersten hierzulande nachgewiesenen Falles, die Situation noch als «moderates Risiko» ein. Erst danach begann eine Informationskampagne zu Hygiene- und Schutzmassnahmen.

Was auch zu denken gibt: Mehr als die Hälfte aller coronabedingten Todesfälle ereignete sich in Altersheimen. Solche Einrichtungen, die eigentlich besonders sicher sein müssten, wurden – wie in vielen anderen Ländern – zu Todesfallen. Die Vorbereitung auf eine Pandemie war in vielen Altersheimen, die mit Personalknappheit zu kämpfen haben, ungenügend. Es fehlte vielerorts an Schutzmaterial.

Welche behördlichen Massnahmen die Virusausbreitung besonders wirksam eindämmten, lässt sich erst nach einer eingehenden Evaluation sagen. Kaum zielführend war die mit viel Getöse durchgeführte Teilmobilisierung der Armee: Weder war das Gesundheitssystem dermassen überfordert noch ein Grenzschutz in diesem Ausmass notwendig. Das Ganze war vielmehr eine teure Werbekampagne für das Militär. Auch die Sperrung von Plätzen und Parks sowie die starke Polizeipräsenz haben kaum etwas zur Eindämmung des Virus beigetragen: Sie waren vielmehr eine Machtdemonstration der Behörden. Klüger wäre es gewesen, einzelne Strassen und Spuren für den Autoverkehr zu sperren, damit es mehr Platz für Fussgängerinnen und Velofahrer gibt, da der öffentliche Verkehr ja in den Stosszeiten gemieden werden soll. Viele Städte im Ausland – Mailand, Berlin, Paris – haben das bereits getan oder arbeiten daran.

Es war aber richtig, Kinos und Restaurants stillzulegen und Veranstaltungen zu verbieten. Das Beispiel Schweden zeigt, dass Information und Appelle alleine nicht genügten: Das Land hat bereits über 4500 Coronatote zu beklagen – prozentual um ein Vielfaches mehr als seine Nachbarländer. Damit nicht genug: Die Epidemie schwächt sich dort auch langsamer ab. Und von einer wirtschaftlichen Krise ist Schweden dennoch nicht gefeit. Im Gegenteil: Die nach wie vor vielen Coronafälle drohen der Tourismusindustrie das Sommergeschäft zu verpfuschen. Und wegen ihrer Exportabhängigkeit wird das schwedische Bruttoinlandsprodukt ähnlich stark sinken wie dasjenige Deutschlands.

Das Coronavirus ist nach wie vor da. Es kann sich wieder ausbreiten. Jetzt muss es darum gehen, die Massnahmen des Bundes durch eine unabhängige Kommission untersuchen zu lassen und breit zu diskutieren. Damit wir schliesslich die richtigen Erkenntnisse im kollektiven Gedächtnis behalten.

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