Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Eine Branche am Abgrund

Von allen Seiten gerät die fossile Industrie immer stärker unter Druck. Grosse Konzerne müssen Milliarden abschreiben, kleinere machen Konkurs. Doch gewonnen ist noch nichts.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Ein grosser, aber vorläufiger Sieg: Dank des Protests der Indigenen gegen die Dakota Access Pipeline, hier im Jahr 2016, fliesst jetzt vorderhand kein Öl mehr. Foto: Terray Sylvester, Ullstein

Der Entscheid ist ein weiterer Schlag gegen die taumelnde Ölindustrie: Letzte Woche verkündete der US-Bundesrichter James Boasberg, dass die umstrittene Ölpipeline Dakota Access Pipeline (DAPL) spätestens am 5. August ihren Betrieb einstellen muss. Erst müsse eine Umweltverträglichkeitsprüfung abgeschlossen werden, die der Richter am 25. März angeordnet hatte. Diese wird mindestens ein Jahr dauern.

Jahrelang hatten die Indigenen vom Reservat Standing Rock aus Sorge um ihre Wasserversorgung gegen die Pipeline gekämpft. Unterstützt wurden sie von UreinwohnerInnen aus ganz Nordamerika und von UmweltaktivistInnen. Die Betreiberfirma der Pipeline, Energy Transfer, verfuhr mit ihren KritikerInnen unzimperlich: Protestierende vor Ort wurden von privaten Sicherheitskräften misshandelt, Greenpeace mit einer 900-Millionen-Dollar-Klage eingedeckt. Energy Transfer missfiel besonders, dass die Umweltorganisation Druck auf die Grossbanken ausübte – etwa auf die Credit Suisse –, damit diese die Finanzierung des Konzerns einstellen.

Am 1. Juni 2017 hatte die DAPL schliesslich aufgrund eines Dekrets des neu gewählten US-Präsidenten Donald Trump ihren Betrieb aufnehmen können. Doch die Indigenen gaben ihren Kampf nicht auf – und feiern den jetzigen Gerichtsentscheid als grossen Sieg. Allerdings ist die temporäre Stilllegung der DAPL noch nicht sicher. Energy Transfer hat gegen den Entscheid von Boasberg Berufung eingelegt.

Erfolge der Klimabewegung

Falls der Rekurs von Energy Transfer abgewiesen wird, kommt den Ölförderunternehmen Norddakotas ihr günstiges Transportmittel abhanden, sie müssten auf den teureren Bahntransport ausweichen. Dabei ist ihr Geschäft aufgrund des tiefen Ölpreises wegen der Coronapandemie ohnehin unrentabel.

Doch es sind längst nicht nur Richter Boasberg und Corona, die der fossilen Industrie zu schaffen machen. Die Industrie als Ganzes gerät wegen Gerichtsklagen immer stärker in die Defensive. Am gleichen Tag, an dem der DAPL-Entscheid fiel, lehnte es das oberste Gericht der USA ab, den von einem Gericht in Montana verhängten Baustopp für die Megapipeline Keystone XL aufzuheben. Und tags zuvor hatten die Unternehmen Duke Energy und Dominion Energy angekündigt, auf den Bau einer neun Milliarden US-Dollar teuren Erdgaspipeline von den Appalachen an die Atlantikküste zu verzichten. Auch dieses Projekt war durch Gerichtsklagen verzögert worden.

Derzeit sind laut der Nachrichtenagentur Reuters 1600 Klagen gegen die fossile Industrie hängig, 1200 alleine in den USA. Bundesstaaten und Städte attackieren grosse Ölkonzerne wie einst die Tabakindustrie: Sie hätten die KonsumentInnen gezielt getäuscht, indem sie die Gefahren des Klimawandels heruntergespielt hätten, heisst es etwa in eingereichten Klagen von Minnesota und Washington DC.

Abschreibungen in Billionenhöhe

Die Klagewelle verunsichert AnlegerInnen (vgl. «Milliarden in den Sand gesetzt»). Niederlagen könnten Konzerne wie Exxon Mobile oder BP Milliarden kosten. Und das in einer Zeit, in der die Konzerne sowieso schon finanziell am Abgrund stehen. Die Coronakrise, aber auch der Umstand, dass erneuerbare Energien immer billiger werden, zwingt die Konzerne zu grossen Abschreibungen. Die Analysefirma Rystad Energy glaubt, dass wohl nie mehr so viel Öl verbraucht werden wird wie vor Corona.

Energieunternehmen müssen deshalb ihre Ölreserven neu bewerten. So schrieb BP kürzlich 17,5 Milliarden US-Dollar ab, Shell gar 22 Milliarden. Shell hat angekündigt, ein riesiges Tiefseebohrprojekt im Golf von Mexiko (Whale Prospect) aufzuschieben, in das das Unternehmen bereits mehrere Milliarden investiert hat. BP hat es definitiv aufgegeben, Öl vor der Küste Angolas zu fördern.

Auch der Bau neuer Gasverflüssigungsanlagen rentiert nicht mehr. Der Gaspreis ist im Keller, und das Märchen vom «sauberen Erdgas» glaubt niemand mehr. Laut dem Global Energy Monitor sind in den letzten Monaten rund ein Dutzend dieser Milliardenprojekte aufgeschoben oder abgesagt worden. ExpertInnen rechnen damit, dass die fossile Industrie alleine in diesem Jahr 1,6 Billionen US-Dollar abschreiben wird. Einzig dort, wo besonders billig Öl und Gas gefördert werden kann – etwa in Saudi-Arabien –, ist nicht mit Wertberichtigungen zu rechnen.

In Texas, dem Herz der US-Ölindustrie, spricht man bereits von der «Mutter aller Pleiten», wie das Magazin «Texas Monthly» in seiner jüngsten Ausgabe schreibt. Die teuer produzierenden Frackingunternehmen müssen reihenweise Konkurs anmelden. Der Frackingunternehmer Scott Sheffield sagte gegenüber dem Magazin erfrischend ehrlich: «Niemand will uns mehr Geld geben, denn wir haben alles Kapital zerstört und wirtschaftliche Mittel verschwendet.»

Die Aussage von Sheffield ist noch beschönigend. Denn die Frackingindustrie hat mit ihrer besonders umweltschädlichen Rohstoffgewinnung (siehe WOZ Nr. 14/2019) Verbrechen begangen. Und diese laufen bis heute weiter: Laut Recherchen der «New York Times» unterlassen es viele bankrotte Firmen, ihre Bohrlöcher fachgerecht zu verschliessen, was dazu führt, dass weiterhin Unmengen des besonders schädlichen Treibhausgases Methan in die Atmosphäre gelangen.

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