Nr. 34/2020 vom 20.08.2020

Um Fussball geht es schon lange nicht mehr

Der Kampf um ein neues Stadion spaltet in Aarau die Bevölkerung quer durch alle Parteien. Nun geht das ewige Kleinstadtdrama in die nächste Runde: Ein Rechtsgutachten stellt auch das jüngste Projekt infrage.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Wer in Aarau vom Bahnhof aus südlich der Gleise Richtung Zürich geht, passiert kaum ein Gebäude, das da schon vor zwanzig Jahren gestanden ist. Im Torfeld Süd wächst die Stadt.

Der Weg führt an einem Einkaufszentrum und den Neubauwohnungen im Aeschbachquartier vorbei. Vor zehn, zwölf Jahren war ich hier im schwindenden Industriegebiet tagsüber in der Trendsporthalle klettern. Nachts, vor allem am Wochenende, lockten halbprivate Partys mit billigem Bier und halblegales Glücksspiel. Dass es damit bald vorbei sein würde, war schon damals bekannt. Hier sollte dereinst das neue Stadion des FC Aarau stehen. Doch heute klafft im Torfeld Süd eine riesige Lücke: 40 000 Quadratmeter Leere. Keine Zwischennutzungen, nur Bauabsperrungen. Auf einer steht: «Richtiger Standort, richtiger Zeitpunkt, richtige Dimension».

Thomas Müller findet das überhaupt nicht: «Auf einen Chlapf wollen sie da ein ganzes Dorf hinstellen!» Vor etwa vier Jahren hat Müller, der in Wirklichkeit anders heisst, hier ein Haus gekauft. Das war aber noch vor dem Tag, als die Immobilienfirma HRS, die Grundbesitzerin und Bauherrin des Grossprojekts, den neuen «Plan B» samt vier Hochhäusern präsentierte.

«Der richtige Zeitpunkt»?

Die Diskussion über ein neues Fussballstadion für den FC Aarau ist alt. Es ist das erste politische Thema, an das ich mich erinnere: In der Primarschule fragte mich ein befreundeter Fan, ob ich dafür sei. Das war wohl kurz vor der Jahrtausendwende. Und nun – zwanzig Jahre später – soll endlich der «richtige Zeitpunkt» sein? «Überall in der Schweiz spricht man seit Jahren von neuen Stadien. Es passiert aber nichts – ausser in Aarau», lese ich in einem «Blick»-Artikel aus den neunziger Jahren. Heute sind die meisten der damals diskutierten Stadien – in Basel, Bern, St. Gallen, Genf, Luzern, Neuenburg oder Thun – längst gebaut, aber der FC Aarau spielt weiterhin im altehrwürdigen Brügglifeld. 25 Jahre nach dem ersten Plan und 15 Jahre nachdem das Torfeld Süd zum Wunschstandort erkoren wurde, ist noch immer nicht fix mit einem neuen Stadion zu rechnen.

Schon 1985, als der FC Aarau den Cuppokal holte, wurden erste Rufe nach einem neuen Stadion laut. 1994 präsentierte der damalige Klubpräsident einen ersten Plan: die «Vision 2002» mit einem Stadion für 20 000 ZuschauerInnen samt Spielcasino in einer Kiesgrube auf dem Land. 2002, zum Hundert-Jahr-Vereinsjubiläum, hätte der Fussballtempel eröffnet werden sollen. Daraus wurde ebenso wenig wie aus dem «Mittellandpark» mit 10 000 Plätzen und einem 16 000-Quadratmeter-Einkaufszentrum – dieses erste Projekt im Torfeld Süd scheiterte 2005 an der Urne.

2008 fand ein Projekt mit Mantelnutzung und kleinerem Einkaufszentrum eine Volksmehrheit. Acht Jahre später – der FC Aarau ist zwischenzeitlich auf- und wieder abgestiegen – hat das Bundesgericht die letzte Einsprache dagegen abgewiesen. Seither ist die Baubewilligung für das Stadion mit kleinem Einkaufszentrum rechtskräftig. Doch Einkaufszentren rechnen sich nicht mehr – zehn Gehminuten vom Coop beim Bahnhof und 300 Meter vom nächsten Aldi entfernt wollte nie ein Detailhändler als Ankermieter einsteigen. Und so kam die HRS auf ihren «Plan B»: Statt mit Einkaufen soll der Profit nun mit Wohnen gemacht werden. Geplant sind vier Türme – der höchste 75, der niedrigste knapp 60 Meter hoch. Total 80 000 Quadratmeter Geschossfläche, 10 000 davon für das Gewerbe. Im Planungsbericht ist alles detailliert aufgegliedert – sogar der Ort, wo der TV-Übertragungswagen stehen soll. Nur beim einzigen Park fehlt eine Flächenangabe. In den vier Hochhäusern sollen einmal um die 1200 Menschen in 600 Wohnungen leben. Zum Vergleich: 2013 bis 2017 wurden in der Kantonshauptstadt 630 Wohnungen gebaut.

«Würde alles nach Wunsch laufen, könnte im neuen Stadion 2021 der Anpfiff für das erste Spiel erfolgen», hiess es bei der Präsentation vor drei Jahren. Dass das unrealistisch ist, war da schon absehbar, da die HRS erst mit dem Bau beginnt, sobald die vier geplanten Hochhäuser verkauft sind. Und nun liegt der WOZ ein Rechtsgutachten vor, wonach Planung und Umsetzung von der Bauherrin hätten ausgeschrieben werden müssen. Sollten das dereinst auch die Gerichte so sehen, verzögerte sich der Bau eines neuen Stadions noch mehr (vgl. «Hätten Planung und Bau des Stadions ausgeschrieben werden müssen?» im Anschluss an diesen Text).

«Ade Steinzeitstalinismus!»

An das brachliegende Torfeld Süd grenzen auf einer Seite die Bahngleise, auf der zweiten ein Energieversorgungsunternehmen, auf der dritten die Neubauten des Aeschbachquartiers und auf der vierten Seite Einfamilienhäuser: Hier, an der Florastrasse, lebt Thomas Müller. Die AnwohnerInnen ein paar Häuser weiter, bereits in der Gemeinde Buchs, konnten gar nie über Stadion und Hochhäuser abstimmen.

Wie viele Nachbargemeinden von Aarau hat Buchs ein Leerstandproblem: 4,47 Prozent der Wohnungen standen beim letzten Stichtag leer. Wer soll eines Tages in diese Hochhäuser ziehen? «Niemand, der es sich aussuchen kann», glaubt Müller. Zumindest nicht in die unteren Stockwerke.

Die AnwohnerInnen, die sich im Quartierverein Torfeld Süd zusammengeschlossen haben, wehren sich gegen ein neues Quartier, in dessen Zentrum ein Stadion steht. Im Rest der Stadt spricht man vor allem über das Stadion. An Balkonen und Zäunen hängen noch immer Fahnen in den Farben des FC Aarau von der letzten Abstimmung. Darauf der Slogan: «2 × Ja zum Stadion». Und darunter: «Für die Stadt und die Zukunft». Fast zwei Drittel der Abstimmenden haben dieser Zukunft letzten Winter – nach einem teils gehässigen Abstimmungskampf – zugestimmt.

Die Risse verlaufen quer durch die politischen Lager. Viele, die Ja gestimmt haben, sagen, es gehe ihnen vor allem ums Stadion. Viele, die dagegen stimmten, sind für das Stadion, aber gegen die Wohntürme. Es gibt aber auch Einzelne, die für die Wohntürme und gegen das Stadion sind.

Im Torfeld Süd geht es um ein grosses Stadtentwicklungsprojekt – um Leben und Tod geht es nicht. Trotzdem wollen sich auch gewählte StadtparlamentarierInnen, Gegnerinnen wie Befürworter, nicht mehr öffentlich dazu äussern: aus Rücksicht auf den Frieden in der Partei, aus Angst vor Folgen für die eigene Familie. Bei einem Treffen in einem Café in der Altstadt ducken sich GesprächspartnerInnen weg, als der freisinnige Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker vorbeigeht.

Manche GegnerInnen des Projekts haben erlebt, was passieren kann, wenn man sich zu stark exponiert: Als zwei Lokalpolitikerinnen während des Abstimmungskampfs ein Flugblatt gegen das Projekt verteilten, titelte die «Aargauer Zeitung» («AZ») mit den Worten «Foul» und «dreistes Vorgehen». Nach der Abstimmung sagte der damalige Präsident des Quartiervereins, man werde die rechtlichen Mittel ausschöpfen, um das Projekt noch zu verhindern. Worauf ihn dieselbe Zeitung in einer Reihe von Artikeln zum «Vorzeige-Einsprecher» hochschrieb, der «das Blut eines jeden Stadionbefürworters in Wallungen bringt». Als er verkündete, sich «zum Schutz meiner Familie, meines Arbeitgebers und meines Privatlebens» aus dem Quartierverein und von seinem Engagement gegen das Stadion zurückzuziehen, vermeldete die «AZ» das genüsslich. «Good News», kommentierte ein Fan im FC-Aarau-Onlineforum relativ nüchtern. Dort ging es in den Jahren davor auch schon rabiater zu: «Ade Steinzeitstalinismus!», «Ich will keine Personenhetze betreiben, aber …».

Ein langjähriger Stadiongegner berichtet von Morddrohungen. Bereits vor fünfzehn Jahren hatten ihm Unbekannte ein neun Meter langes Transparent, das ohne weitere Worte für ein «Nein» warb, abgefackelt. Noch heute sind Spuren davon an der Fassade sichtbar. «Ganz armes Individuum», schrieb ein FC-Aarau-Fan einst über ihn. Und zitierte dazu die Band Ton Steine Scherben: «Der Traum ist nicht aus. Wir glauben weiter daran, dass er Wirklichkeit wird. (…) Die letzte Schlacht gewinnen wir!» Da ging es noch um ein Stadion samt Einkaufszentrum. Die Debatte ist schon damals so sehr von einem simplen Freund-Feind-Schema geprägt, dass selbst Texte einer antikapitalistischen Band als Werbung für ein kommerzielles Wachstumsprojekt benutzt werden.

Nach dem Abstimmungskampf 2008 hätten gewisse Aarauer Grüne teils «mehrere Jahre» nicht mehr miteinander gesprochen, erzählt der grüne Einwohnerrat Daniel Ballmer. «2019 wollten wir nicht, dass sich das wiederholt.» Zwei-, dreimal habe es Schwierigkeiten gegeben. «Aber der Abstimmungskampf hat die Partei absolut nicht gespalten.»

Ballmer ist Mitglied der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission, die sich aus städtebaulichen Gründen gegen das Projekt stellte. Er war überrascht, wie wenig sich das im Parlament auswirkte: Änderungsanträge, denen «sogar» die CVP inhaltlich zugestimmt habe, seien im Stadtparlament aus «strategischen Gründen» abgelehnt worden. «Es wurde Angst vor Verzögerung geschürt – und so die Vorlage durchgepeitscht», sagt er. Ballmer ist sich sicher, dass das Parlament die Vorlage hätte verbessern und so Einsprachen verhindern können: «Stattdessen hat man den Wünschen der HRS nachgegeben» – und anstelle eines Prozesses mit der Bevölkerung auf die einfachste und schnellste Variante gesetzt. Nun verzögere sich das Projekt so oder so. «Ich kenne sogar Befürworter, die Wetten am Laufen haben, dass es nie gebaut wird», sagt Ballmer.

«Konzeptuell aus den achtziger Jahren»

Treffen mit der SP-Grossrätin Lelia Hunziker an einem Sommerabend in der Aarauer Altstadt. Einmal mehr ist Stadtpräsident Hilfiker nicht weit, aber Hunziker duckt sich nicht. «Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen», sagt die frühere Präsidentin des Stadtparlaments, die heute einen Verein kopräsidiert, der eine Initiative für einen Alternativstandort lanciert hat.

Hunziker hat den Abstimmungskampf als anständig erlebt. Dumme Sprüche habe es gegeben, ein paar böse Mails – aber nichts wirklich Bedrohliches. «Manche gaben mir zu verstehen, dass ich als Frau von Fussball keine Ahnung habe und keine Meinung haben soll», erzählt sie. Das stimme zwar nicht, Fussball sei aber ohnehin nicht das Thema. Im Torfeld Süd gehe es vielmehr darum, was Stadt und was ökologische Politik sei: «Es gibt keine Grünflächen. Obwohl es nigelnagelneu ist, stammt das Projekt konzeptuell aus den achtziger Jahren.» So dürfe man angesichts des Klimawandels einfach nicht mehr bauen. «Dazu kommt die Zockerei mit Boden und Wohnraum: Fussballfan zu sein, ist eine ganz schlechte Ausrede für linke Befürworter.» Nach heutigem Kenntnisstand, so Hunziker, bräuchte ein Projekt dieser Grösse einen Vorlauf von zehn Jahren. Doch statt alle Fragen sauber aufzugliedern, hätten die BefürworterInnen und die Stadtregierung wie schon beim letzten Projekt zweckoptimistisch behauptet, das klappe dann schon alles.

Wäre es nach der Stadtregierung gegangen, hätte es über die Hochhäuser gar keine Volksabstimmung gegeben. Auf Hunzikers Anfrage dazu befand ein Rechtsgutachten im Auftrag der Stadt, dass eine neue Abstimmung nicht nötig sei. Erst nach einer Stimmrechtsbeschwerde hat das Bundesgericht entschieden, dass Hochhäuser «erheblich anders» als eine Mantelnutzung mit Einkaufszentrum seien und darüber abgestimmt werden müsse.

Nicht nur die Finanz- und Geschäftsprüfungskommission war kritisch. Die Stadtbildkommission hatte wegen der fehlenden öffentlichen Ausschreibung die «Diskussion zum Richtprojekt (…) verweigert», wie es in einem externen Gutachten zum Verfahren heisst. Und noch immer sind mehrere Einsprachen hängig. Eine stammt von der HRS selbst: Sie fordert zusätzliche Parkplätze. Die Einsprache mit den meisten Unterschriften – 157 – stammt vom Quartierverein Torfeld Süd.

Hunziker hält es für wahrscheinlich, dass das Projekt nicht an Einsprachen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen scheitert. Sie erinnert an den hohen Leerstand im Aarauer Umland: «Was, wenn der Verkauf der vier Wohntürme unmöglich ist?» Die Strategie der Verantwortlichen habe schon immer darin bestanden, den StadiongegnerInnen die Verantwortung für das Scheitern zu geben. «Auch das letzte Projekt ist nicht an Einsprachen gescheitert. Auch da hat es die Wirtschaft selbst geregelt.» Dass sich AnwohnerInnen trotzdem mit rechtlichen Mitteln wehren, sei das Natürlichste der Welt, sagt Hunziker: «Wenn achtzehn Meter vor meinem Haus plötzlich ein Sechzigmeterhochhaus stehen soll, würde ich ebenfalls eine Einsprache machen. Jede und jeder würde das tun.»

Achtzehn Meter? «Nein, nein, das sind keine achtzehn Meter», sagt Thomas Müller und zeigt auf die entsprechende Stelle. Knappe zehn Meter vor seinem Haus komme der nächste Turm zu stehen. Das vorherige Projekt mit Einkaufszentrum hätte die Einfamilienhäuser abgeschirmt. Daran hätte sich Müller nicht gestört – im jetzigen «Plan B» aber werde die Florastrasse bei jedem Match zur Durchgangsstrasse. Beinahe wäre der heutige Hüslibesitzer in eine der neuen Wohnungen im Aeschbachquartier gezogen. «Aber da waren nur noch welche mit Terrasse nach Norden frei, und das war uns zu schattig.»

Müller verkörpert eine Art von Opposition, die man hervorruft, wenn man während eines Prozesses plötzlich Bedingungen ändert. Der Projektmanager, Zürichpendler und Eintracht-Frankfurt-Fan ist alles andere als ein typischer Gentrifizierungsgegner. Zwar findet er es fragwürdig, dass eine Stadtregierung derart im Sinn einer Baufirma handelt, und zweifelt auch, ob der Bau eines Fussballstadions Aufgabe der öffentlichen Hand sei. Aber natürlich hat er auch ein Eigeninteresse: sein neues Eigenheim – und in was für einer Umgebung es steht. «Besseres Segment» werde nicht in die Hochhäuser ziehen. Die Mieten würden sinken, «und sie werden merken, es funktioniert noch immer nicht. Und dann hast du richtig schlechte Wohnungen.» Im Aarauer Telliquartier, wo seit Jahrzehnten viele Menschen auf engem Raum leben, sei das etwas anderes, «da hast du hintendran Natur, da hast du Ausgleich». Hier dagegen habe man die Gleise, dahinter den Güterbahnhof – und als «Ausgleich» den Stadionkunstrasen vor der Tür. Weil die vier Hochhäuser verschiedenen Investoren gehören werden und nur das Stadion im Besitz der Stadt sein wird, sei jetzt der entscheidende Moment für das, was auf den 40 000 Quadratmetern für die nächsten hundert Jahre passieren solle. Sei das Ganze einmal gebaut, könne die Stadt kaum noch mitgestalten.

Die Wunschvorstellung des Stadtpräsidenten

«Soll es nun ein Schnellschuss sein oder aussergewöhnlich lange dauern?», spielt Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (FDP) den Ball auf die zwei entscheidenden Fragen zurück: Warum hat der Stadtrat das neuste Stadionprojekt so schnell vorangetrieben? Und: Wieso steht 25 Jahre nach dem ersten noch immer kein neues Stadion?

Hilfiker winkt gut gelaunt ab: «Wenn es Opposition gibt, ist das keine aussergewöhnliche Dauer.» Auch sei das Projekt kein Schnellschuss, sondern sorgfältig geplant. Noch sei zwar unklar, wer die – «grösstenteils eher kleinen» – Wohnungen kaufen könnte. Aber es gebe ernsthaftes Interesse. Hilfiker ist optimistisch und hat klare Wünsche: zwei Hochhäuser mit Mietwohnungen, eines in Genossenschaftsbesitz. Sogar, dass sich die Stadt oder die Ortsbürgergemeinde an einem der Türme beteilige, sei denkbar. In das vierte Hochhaus kommen nach Hilfikers Idealvorstellung Eigentumswohnungen. «Weil es davon in Aarau zu wenige gibt.» Auf ein Spatenstichdatum will er sich nicht festlegen. Die stadioneuphorische «AZ» hat kürzlich vorgerechnet, dass es bis zur Eröffnung noch acht Jahre dauern könnte. «Das ist möglich», sagt Hilfiker, «am längsten verzögert es sich natürlich, falls nun der Immobilienmarkt zusammenbricht.» Ob infolge der Coronapandemie oder aus anderen Gründen, will er offenlassen.

Klar ist, dass im Torfeld Süd noch einige Jahre eine Lücke klaffen wird. Vielleicht werden mittelfristig wieder halbprivate Partys, ein Skatepark oder andere Zwischennutzungen ermöglicht, sodass die Brache wenigstens nicht leer bleibt. Die Stimmung im malerischen Aarau bleibt angespannt. Selten wollen sich gewählte PolitikerInnen nicht mehr zu Themen äussern, zu denen sie Politik gemacht haben. Einige AarauerInnen fürchten sich vor Zerwürfnissen in der Stadt oder polemischen Schlagzeilen in der «AZ». Manche reagieren auf die Frage nach dem Stadion mit einer Gegenfrage: «Warum braucht ein Verein, der vielleicht bald in die dritthöchste Liga absteigt, überhaupt ein Super-League-Stadion?» Dass man diese rhetorische Frage nur anonym stellen will, ist verständlich. Der FC Aarau schloss die Saison auf dem drittletzten Rang der Challenge League ab.

Ein neues Rechtsgutachten

Hätten Planung und Bau des Stadions ausgeschrieben werden müssen?

In einem Rechtsgutachten, das der WOZ vorliegt, kommt Andreas Abegg, Professor für öffentliches Wirtschaftsrecht an der ZHAW in Winterthur, zum Schluss, dass Planung und Umsetzung des neuen Aarauer Stadions dem Beschaffungsrecht unterstehen und von der Bauherrin öffentlich ausgeschrieben werden müssten. Das Gutachten, das von mehreren angefragten Rechtsexperten als nachvollziehbar eingeschätzt wird, erstellte er nicht im Auftrag der AnwohnerInnen, die er als Anwalt vertritt.

Abegg bezieht sich auf folgenden Hintergrund: Die Bauherrin und Grundbesitzerin, die HRS, will erst mit dem Bau beginnen, sobald die vier geplanten Hochhäuser verkauft sind. Die Stadt hat der HRS zugesichert, dann 17 Millionen Franken an den Kauf des Stadions beizutragen. Mit den 6 Millionen vom Kanton und den 2 Millionen Franken privaten Spenden über die Sammelaktion meinstadion.ch ergibt das den Stadionkaufpreis von 25 Millionen Franken. Die Ortsbürgergemeinde wiederum kauft das Land und einen Teil der darunterliegenden Tiefgaragenparkplätze für 6 Millionen Franken. Es sind die exakt gleichen Beiträge, mit denen sich Einwohner- und Ortsbürgergemeinde, Kanton und Private bereits beim letzten HRS-Projekt im Torfeld Süd beteiligen wollten. Jetzt kostet das Stadion (ohne Hochhäuser) mit 60 Millionen Franken allerdings viel mehr. Dank der 29 Millionen, die die HRS neu selbst beisteuert, sinkt der Anteil öffentlicher Gelder aber auf unter fünfzig Prozent. Als das Parlament die für die Hochhäuser nötige Zonenänderung diskutierte, fand die Stadtregierung, die HRS müsse die 29 Millionen «Kostendifferenz» aus dem Grundstück querfinanzieren. Für Abegg ist die Änderung aber ein «Aufzonungsgeschenk», das als öffentlicher Beitrag gesehen werden muss. Demnach könnte jede Firma mit berechtigtem Anspruch gerichtlich eine öffentliche Ausschreibung für Planung und Bau des Stadions einfordern.

Die WOZ hat dem grünen Aarauer Hochbaudirektor Hanspeter Thür die Schlussfolgerungen des Gutachtens vorgelegt. Eine allfällige Klage würde ihm «keine schlaflosen Nächte verschaffen», betont der einstige Eidgenössische Datenschutzbeauftragte in seiner schriftlichen Antwort: Er gehe davon aus, dass ein Gericht eine solche Klage «wegen offensichtlicher Haltlosigkeit» ablehnen würde. Die HRS baue auf eigenem Grundstück auf eigenes Risiko, und die Finanzierung erfolge zu über fünfzig Prozent durch Private: «Der Mehrwert, der der HRS durch Aufzonung zufällt, gehört allein der HRS.» Anders wäre es nur, wenn der «Grundeigentümer dem Staat gemäss Gesetz eine Mehrwertabgabe abzuliefern hat».

Vor seiner Wahl in den Stadtrat im Jahr 2017 trat Thür in der «AZ» noch dafür ein, Varianten zu prüfen, die nicht vom «Goodwill der HRS» abhängen und die Türme nicht mit dem Stadion verknüpfen. Heute sieht er das anders: «Mit den Wohntürmen stehen wir im Vergleich zum Einkaufszentrum vor der Realisierung eines besseren und nachhaltigeren Projekts.» Auf einer Brache werde ein neues, belebtes Quartier entstehen. Weiter ist Thür wichtig festzuhalten, dass Abegg auch Anwalt der AnwohnerInnen und somit Partei sei. Dieser dagegen sagt, ihm gehe es ums Prinzip. Das Beschaffungsrecht sei in den neunziger Jahren eingeführt worden, «um Klüngeleien zu unterbinden und damit der Wettbewerb fair und offen bleibt».

Die HRS liess alle Fragen zum Gutachten und zum Bauprojekt unbeantwortet.

Benjamin von Wyl

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